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Die Verwirrungen des Zöglings Törless (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 3., Überarbeitete Fassung
265 Seiten
Null Papier Verlag
978-3-96281-650-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Verwirrungen des Zöglings Törless - Robert Musil
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Österreich während der Kaiserzeit: Auf einem Eliteinternat quälen und missbrauchen drei Jungen einen Mitschüler über längere Zeit - jeder aus seinen eigenen Gründen. Der Roman zeigt auf, wie sich Menschen aus den verschiedensten Motiven zur Macht verführen lassen, wie sie wehrlose Menschen quälen, foltern und erpressen - sei es aus rein sadistischen Motiven oder simpler Habgier. Schlimmer noch fast als die Folter aber wirkt das faszinierte Beobachten des jungen Törless. Verwirrt über seine eigene Sexualität wird er zum stummen und heimlichen 'Genießer' der Seelenpein seines gequälten Mitschülers. 1966 verfilmte der Regiedebütant Volker Schlöndorff den Stoff erfolgreich mit Mathieu Carrière in der namensgebenden Hauptrolle. Null Papier Verlag

Robert Rudolf Matthias Edler von Musil wurde am 6. November 1880 in Klagenfurt, Österreich geboren und starb am 15. April 1942 in Genf. Er war ein österreichischer Schriftsteller und Theaterkritiker.

Robert Rudolf Matthias Edler von Musil wurde am 6. November 1880 in Klagenfurt, Österreich geboren und starb am 15. April 1942 in Genf. Er war ein österreichischer Schriftsteller und Theaterkritiker.

Die Verwirrungen des Zöglings Törless


Eine klei­ne Sta­ti­on an der Stre­cke, wel­che nach Russ­land führt.

End­los ge­ra­de lie­fen vier par­al­le­le Ei­sen­strän­ge nach bei­den Sei­ten zwi­schen dem gel­ben Kies des brei­ten Fahr­dam­mes; ne­ben je­dem wie ein schmut­zi­ger Schat­ten der dunkle, von dem Ab­damp­fe in den Bo­den ge­brann­te Strich.

Hin­ter dem nie­de­ren, öl­ge­stri­che­nen Sta­ti­ons­ge­bäu­de führ­te eine brei­te, aus­ge­fah­re­ne Stra­ße zur Bahn­hofs­ram­pe her­auf. Ihre Rän­der ver­lo­ren sich in dem rings­um zer­tre­te­nen Bo­den und wa­ren nur an zwei Rei­hen Aka­zi­en­bäu­men kennt­lich, die trau­rig mit ver­durs­te­ten, von Staub und Ruß er­dros­sel­ten Blät­tern zu bei­den Sei­ten stan­den.

Mach­ten es die­se trau­ri­gen Far­ben, mach­te es das blei­che, kraft­lo­se, durch den Dunst er­mü­de­te Licht der Nach­mit­tags­son­ne: Ge­gen­stän­de und Men­schen hat­ten et­was Gleich­gül­ti­ges, Leb­lo­ses, Mecha­ni­sches an sich, als sei­en sie aus der Sze­ne ei­nes Pup­pen­thea­ters ge­nom­men. Von Zeit zu Zeit, in glei­chen In­ter­val­len, trat der Bahn­hofs­vor­stand aus sei­nem Amts­zim­mer her­aus, sah mit der glei­chen Wen­dung des Kop­fes die wei­te Stre­cke hin­auf nach den Si­gna­len der Wächt­er­häus­chen, die im­mer noch nicht das Na­hen des Eil­zu­ges an­zei­gen woll­ten, der an der Gren­ze große Ver­spä­tung er­lit­ten hat­te; mit ein und der­sel­ben Be­we­gung des Ar­mes zog er so­dann sei­ne Ta­schen­uhr her­vor, schüt­tel­te den Kopf und ver­schwand wie­der; so wie die Fi­gu­ren kom­men und ge­hen, die aus al­ten Turm­uh­ren tre­ten, wenn die Stun­de voll ist.

Auf dem brei­ten, fest­ge­stampf­ten Strei­fen zwi­schen Schie­nen­strang und Ge­bäu­de pro­me­nier­te eine hei­te­re Ge­sell­schaft jun­ger Leu­te, links und rechts ei­nes äl­te­ren Ehe­paa­res schrei­tend, das den Mit­tel­punkt der et­was lau­ten Un­ter­hal­tung bil­de­te. Aber auch die Fröh­lich­keit die­ser Grup­pe war kei­ne rech­te; der Lärm des lus­ti­gen La­chens schi­en schon auf we­ni­ge Schrit­te zu ver­stum­men, gleich­sam an ei­nem zä­hen, un­sicht­ba­ren Wi­der­stan­de zu Bo­den zu sin­ken.

Frau Ho­frat Tör­less, dies war die Dame von viel­leicht vier­zig Jah­ren, ver­barg hin­ter ih­rem dich­ten Schlei­er trau­ri­ge, vom Wei­nen ein we­nig ge­röte­te Au­gen. Es galt Ab­schied zu neh­men. Und es fiel ihr schwer, ihr ein­zi­ges Kind nun wie­der auf so lan­ge Zeit un­ter frem­den Leu­ten las­sen zu müs­sen, ohne Mög­lich­keit, selbst schüt­zend über ih­ren Lieb­ling zu wa­chen.

Denn die klei­ne Stadt lag weit­ab von der Re­si­denz, im Os­ten des Rei­ches, in spär­lich be­sie­del­tem, tro­ckenem Acker­land.

Der Grund, des­sent­we­gen Frau Tör­less es dul­den muss­te, ih­ren Jun­gen in so fer­ner, un­wirt­li­cher Frem­de zu wis­sen, war, dass sich in die­ser Stadt ein be­rühm­tes Kon­vikt be­fand, wel­ches man schon seit dem vo­ri­gen Jahr­hun­der­te, wo es auf dem Bo­den ei­ner from­men Stif­tung er­rich­tet wor­den war, da drau­ßen beließ, wohl um die auf­wach­sen­de Ju­gend vor den ver­derb­li­chen Ein­flüs­sen ei­ner Groß­stadt zu be­wah­ren.

Denn hier er­hiel­ten die Söh­ne der bes­ten Fa­mi­li­en des Lan­des ihre Aus­bil­dung, um nach Ver­las­sen des In­sti­tu­tes die Hoch­schu­le zu be­zie­hen oder in den Mi­li­tär- oder Staats­dienst ein­zu­tre­ten, und in al­len die­sen Fäl­len so­wie für den Ver­kehr in den Krei­sen der gu­ten Ge­sell­schaft galt es als be­son­de­re Emp­feh­lung, im Kon­vik­te zu W. auf­ge­wach­sen zu sein.

Vor vier Jah­ren hat­te dies das El­tern­paar Tör­less be­wo­gen, dem ehr­gei­zi­gen Drän­gen sei­nes Kna­ben nach­zu­ge­ben und sei­ne Auf­nah­me in das In­sti­tut zu er­wir­ken.

Die­ser Ent­schluss hat­te spä­ter vie­le Trä­nen ge­kos­tet. Denn fast seit dem Au­gen­bli­cke, da sich das Tor des In­sti­tu­tes un­wi­der­ruf­lich hin­ter ihm ge­schlos­sen hat­te, litt der klei­ne Tör­less an fürch­ter­li­chem, lei­den­schaft­li­chem Heim­weh. We­der die Un­ter­richts­stun­den, noch die Spie­le auf den großen üp­pi­gen Wie­sen des Par­kes, noch die an­de­ren Zer­streu­un­gen, die das Kon­vikt sei­nen Zög­lin­gen bot, ver­moch­ten ihn zu fes­seln; er be­tei­lig­te sich kaum an ih­nen. Er sah al­les nur wie durch einen Schlei­er und hat­te selbst un­ter­tags häu­fig Mühe, ein hart­nä­cki­ges Schluch­zen hin­ab­zu­wür­gen; des Abends schlief er aber stets un­ter Trä­nen ein.

Er schrieb Brie­fe nach Hau­se, bei­na­he täg­lich, und er leb­te nur in die­sen Brie­fen; al­les an­de­re, was er tat, schi­en ihm nur ein schat­ten­haf­tes, be­deu­tungs­lo­ses Ge­sche­hen zu sein, gleich­gül­ti­ge Sta­tio­nen wie die Stun­den­zif­fern ei­nes Uhr­blat­tes. Wenn er aber schrieb, fühl­te er et­was Aus­zeich­nen­des, Ex­klu­si­ves in sich; wie eine In­sel voll wun­der­ba­rer Son­nen und Far­ben hob sich et­was in ihm aus dem Mee­re grau­er Emp­fin­dun­gen her­aus, das ihn Tag um Tag kalt und gleich­gül­tig um­dräng­te. Und wenn er un­ter­tags, bei den Spie­len oder im Un­ter­rich­te, dar­an dach­te, dass er abends sei­nen Brief schrei­ben wer­de, so war ihm, als trü­ge er an un­sicht­ba­rer Ket­te einen gol­de­nen Schlüs­sel ver­bor­gen, mit dem er, wenn es nie­mand sieht, das Tor von wun­der­ba­ren Gär­ten öff­nen wer­de.

Das Merk­wür­di­ge dar­an war, dass die­se jähe, ver­zeh­ren­de Hin­nei­gung zu sei­nen El­tern für ihn selbst et­was Neu­es und Be­frem­den­des hat­te. Er hat­te sie vor­her nicht ge­ahnt, er war gern und frei­wil­lig ins In­sti­tut ge­gan­gen, ja er hat­te ge­lacht, als sich sei­ne Mut­ter beim ers­ten Ab­schied vor Trä­nen nicht fas­sen konn­te, und dann erst, nach­dem er schon ei­ni­ge Tage al­lein ge­we­sen war und sich ver­hält­nis­mä­ßig wohl be­fun­den hat­te, brach es plötz­lich und ele­men­tar in ihm em­por.

Er hielt es für Heim­weh, für Ver­lan­gen nach sei­nen El­tern. In Wirk­lich­keit war es aber et­was viel Un­be­stimm­te­res und Zu­sam­men­ge­setz­te­res. Denn der »Ge­gen­stand die­ser Sehn­sucht«, das Bild sei­ner El­tern, war dar­in ei­gent­lich gar nicht mehr ent­hal­ten. Ich mei­ne die­se ge­wis­se plas­ti­sche, nicht bloß ge­dächt­nis­mä­ßi­ge, son­dern kör­per­li­che Erin­ne­rung an eine ge­lieb­te Per­son, die zu al­len Sin­nen spricht und in al­len Sin­nen be­wahrt wird, so­dass man nichts tun kann, ohne schwei­gend und un­sicht­bar den an­de­ren zur Sei­te zu füh­len. Die­se ver­klang bald wie eine Re­so­nanz, die nur noch eine Wei­le fort­ge­zit­tert hat­te. Tör­less konn­te sich da­mals bei­spiels­wei­se nicht mehr das Bild sei­ner »lie­ben, lie­ben El­tern« – der­ma­ßen sprach er es meist vor sich hin – vor Au­gen zau­bern. Ver­such­te er es, so kam an des­sen Stel­le der gren­zen­lo­se Schmerz in ihm em­por, des­sen Sehn­sucht ihn züch­tig­te und ihn doch ei­gen­wil­lig fest­hielt, weil ihre hei­ßen Flam­men ihn zu­gleich schmerz­ten und ent­zück­ten. Der Ge­dan­ke an sei­ne El­tern wur­de ihm hie­bei mehr...

Erscheint lt. Verlag 1.7.2025
Reihe/Serie 99 Welt-Klassiker
99 Welt-Klassiker
Verlagsort Neuss
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Bücher • Eigenschaften • Klagenfurt • Klagenfurter • Kultur • Literatur • Literaturmuseen • musil institut • musils • Rezension • Robert • Robert Musil • Roman • Schriftsteller • Sprachkrise • Studium • Suche • Törless • Törleß • Uni • Universität • Verwirrungen • Werk • Werke • Wien • Zöglings
ISBN-10 3-96281-650-X / 396281650X
ISBN-13 978-3-96281-650-6 / 9783962816506
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