Das Geheimnis der Fjordinsel (eBook)
493 Seiten
Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG
978-3-7325-7242-7 (ISBN)
Zwei außergewöhnliche Frauen und ein folgenschweres Vermächtnis ...
Ostfriesland, 1980. Für die junge Rike bricht nach dem Tod ihres geliebten Großvaters eine Welt zusammen. Gleichzeitig erfährt sie, dass ihre Großmutter nicht vor langer Zeit gestorben ist - wie sie angenommen hatte -, sondern eines Tages plötzlich verschwand. Warum hat sie ihre Familie damals so überstürzt verlassen? Eine erste Spur führt Rike nach Norwegen, auf eine kleine Insel im Oslofjord, wo sie auf ein Geheimnis stößt, das zurückreicht in die Zwanzigerjahre - in die Zeit der Prohibition und die gefährliche Welt der Schmuggler ...
Der neue große Norwegenroman der Erfolgsautorin: atmosphärisch, emotional und fesselnd erzählt
Christine Kabus, 1964 in Würzburg geboren, arbeitete nach ihrem Studium der Germanistik und Geschichte als Dramaturgin und Lektorin bei verschiedenen Film- und Theaterproduktionen, bevor sie sich 2003 als Drehbuchautorin selbstständig machte. Schon als Kind faszinierte sie der hohe Norden. Sie begann, die Sprache zu lernen und sich intensiv mit der Geschichte des Landes zu beschäftigen. DAS GEHEIMNIS DER FJORDINSEL ist ihr sechster Norwegen-Roman.
Christine Kabus, 1964 in Würzburg geboren, arbeitete nach ihrem Studium der Germanistik und Geschichte als Dramaturgin und Lektorin bei verschiedenen Film- und Theaterproduktionen, bevor sie sich 2003 als Drehbuchautorin selbstständig machte. Schon als Kind faszinierte sie der hohe Norden. Sie begann, die Sprache zu lernen und sich intensiv mit der Geschichte des Landes zu beschäftigen. DAS GEHEIMNIS DER FJORDINSEL ist ihr sechster Norwegen-Roman.
1
Emden, Ostfriesland, Frühling 1980 – Rike
Der dritte und letzte Tag von Rikes Schicht auf der Greetje ließ sich ruhig an. Der Schlepper lag neben seinem Schwesternschiff, der Hans, an der Pier im Außenhafen von Emden, während die Crew auf den nächsten Auftrag vom Einteiler wartete. Ein frischer Wind trieb die Regenwolken auseinander, die über Nacht für Niederschlag gesorgt hatten, und ließ den Wimpel mit den Farben der Reederei und die Deutschlandfahne an den Wanten über dem Steuerhaus flattern. Ein paar Möwen kreisten über einem vorbeituckernden Fischkutter, der von seinem frühmorgendlichen Fang zurückkehrte. In der Nesserlander Schleuse, die zum Binnenhafen führte, lag ein Schüttgutfrachter, und gegenüber auf dem Borkumkai warteten bereits einige Autos und Passagiere auf die Fähre, die sie zur gleichnamigen Insel transportieren würde.
Auf der Greetje nutzte die Mannschaft die Liegezeit für Reparaturen, Reinigungsarbeiten und andere Erledigungen. Nach dem Frühstück in der winzigen Messe brachte Kapitän Eilert Olthoff, ein ergrauter Mittsechziger, das Logbuch auf den neuesten Stand und aktualisierte auf der Seekarte den Verlauf der Fahrtrinne, die sich nach der letzten Vollmond-Tide verschoben hatte. Schiffsmechaniker Marten überprüfte derweil im Maschinenraum die Leitungen und Sicherungen, und Rike, mit zwanzig Jahren das jüngste Besatzungsmitglied, werkelte achtern auf dem Deck. Nachdem sie einige Rostflecke an der Seitenwand abgeschliffen und anschließend mit Farbe übermalt hatte, war sie nun dabei, die Seilwinde einzufetten.
Zum Schutz gegen die Morgenkühle hatte sie über ihren Overall einen der dunkelblauen Pullover gezogen, die Eilerts Frau Swantje regelmäßig für die kleine Mannschaft des Schleppers strickte. Von ihr war auch die rot-blau geringelte Mütze, unter die Rike ihre dunklen Locken gestopft hatte. Ihre Füße steckten in klobigen Halbschuhen, deren Spitzen mit Stahl verstärkt waren, und ihre Hände in Arbeitshandschuhen, deren Bund Swantje mit einem Gummizug versehen hatte, damit sie ihr nicht herunterrutschten. Auch die Hosenbeine und Ärmel von Rikes Overall hatte sie gekürzt und dabei gebrummt: »Wann kapieren die endlich, dass nicht nur Mannsbilder solche Klamotten brauchen?«
»Ich bin halt nicht sehr groß geraten«, hatte Rike geantwortet.
»Darum geht’s nicht. Es ist einfach nicht in Ordnung, dass es keine Frauengrößen gibt. Bei unserem Ausrüster hier in Emden hab ich jedenfalls noch keine entdecken können.«
Rike hatte mit den Schultern gezuckt und die Bemerkung, dass das ihr geringstes Problem war, für sich behalten. Als Frau einen seemännischen Beruf zu ergreifen – abgesehen von Tätigkeiten in der Verwaltung oder im Service – war ungewöhnlich, um nicht zu sagen verrückt. Zwar hatte die Bundesregierung im Jahr zuvor bei der Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen in Kopenhagen ein Übereinkommen unterzeichnet, das sich die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau zum Ziel gesetzt hatte. Rike hatte jedoch wenig Hoffnung, dass die geplante Aufhebung der Benachteiligung von Mädchen und Frauen in der beruflichen Bildung und auf dem Arbeitsmarkt rasch umgesetzt werden konnte. Zumindest nicht in Sparten, die so fest in Männerhand waren wie die Seefahrt. Was ihren Entschluss keineswegs ins Wanken gebracht hatte. Von klein auf hatte sie auf die Frage, was sie denn einmal werden wollte, stets nur eine Antwort gegeben: Schlepperkapitänin. Hatte dieser Berufswunsch aus dem Munde eines kleinen Mädchens noch für Belustigung gesorgt, war er mit den Jahren auf zunehmendes Unverständnis gestoßen. Rikes Großvater wurde immer öfter aufgefordert, endlich »ein ernstes Wort« mit seiner Enkelin zu reden, ihr die Flausen auszutreiben und sie zur Vernunft zu bringen.
»Elk een noh sien Möög – Jeder, wie er mag«, war alles, was Opa Fiete den Mahnern entgegnete, bevor er das Thema wechselte. Die Unkenrufe, Rike sei den beruflichen Anforderungen rein körperlich nicht gewachsen, würde darüber hinaus niemals als Befehlshaberin respektiert werden und müsse daher kläglich scheitern, ließ er unkommentiert verhallen. Es scherte ihn auch nicht, als verantwortungsloser Dieskopp beschimpft zu werden, der in verblendeter Sturheit oder Ignoranz das bedauernswerte Mädchen ins Verderben rennen ließ. Für ihn zählte nur das, was Rike glücklich machte. Sein bester Freund Eilert und dessen Frau Swantje standen ebenfalls unverrückbar an ihrer Seite und ermutigten sie, ihren eigenen Weg zu gehen. Rikes Mutter Beate hieß ihre Wahl zwar nicht gut, machte jedoch keine Anstalten, sich einzumischen. So wie sie es seit der Geburt ihrer Tochter gehalten hatte.
Nach der mittleren Reife hatte Rike drei Jahre lang die Seefahrtsschule in Leer besucht und das Patent zum Nautischen Wachoffizier erworben. Seit einem Jahr fuhr sie nun auf der Greetje als Matrose in Dreitagesschichten und absolvierte unter Eilerts Aufsicht die Weiterbildung zum Schiffsführer. Ihr Traum, eines Tages das Ruder des Schleppers zu übernehmen und sich ihren alten Berufswunsch zu erfüllen, war in greifbare Nähe gerückt. Der Hafen von Emden war von jeher ihr zweites Zuhause gewesen. Wenn sie nach der Schule die Hausaufgaben erledigt hatte, verbrachte sie ihre Nachmittage am liebsten in der Lotsenstation, wo ihr Großvater angestellt war, oder auf dem Schleppschiff von Onkel Eilert, wie sie ihn genannt hatte, bevor er ihr Chef wurde.
Ein Klingeln riss Rike aus ihren Gedanken. Sie hob den Kopf und sah zum Steuerhaus, wo sich Eilert den Hörer des Telefons ans Ohr hielt und ihr mit der anderen Hand zuwinkte. Rasch stand sie auf, verstaute das Schmierfett und den Lappen in einer Kiste und ging zum Kapitän, der aus der Brücke getreten war. Gleichzeitig stieß Marten zu ihnen. Er war Ende dreißig und überragte Rike um fast einen halben Meter. Jedes Mal, wenn er sich in einem Türrahmen oder an einer der niedrigen Decken an Bord der Greetje den Kopf stieß, fragte sich Rike, warum ausgerechnet dieser Hüne einen Beruf gewählt hatte, der ihn die meiste Zeit zu einer gebückten Haltung zwang. Marten ertrug es mit der gleichen Gelassenheit, mit der er Regengüsse, hohen Seegang und anderes Ungemach über sich ergehen ließ.
»Ein Job?«, fragte er.
Er sprach den Anfangsbuchstaben nicht englisch aus, sondern wie in Jonas oder Jod.
Eilert nickte. »Autofrachter aus Antwerpen. Wir sollen ihn querab vom Eiffelturm in Empfang nehmen und zum Verladeport bringen. Die Greetje übernimmt die Vorleine. Die Hans das Achterschiff zum Abbremsen.«
»Denn man to!« Marten nickte ihnen zu und kehrte in den Maschinenraum zurück.
Rike löste das Tau, mit dem die Greetje am Poller festgemacht war. Das Deck begann zu vibrieren. Marten hatte die Dieselmotoren angeworfen, die die beiden Voith-Schneider-Propeller antrieben und eine Leistung von gut 2400 PS hatten. Auch nach all den Jahren jagte das satte Wummern der Maschinen Rike einen wohligen Schauer über den Rücken. Allein dafür liebte sie den Schlepper, dieses gedrungene Kraftpaket, und hätte ihn um nichts in der Welt gegen einen imposanten Frachter oder Passagierdampfer tauschen wollen. Eine Einstellung, die sie mit dem Kapitän teilte.
»Ja, ja, meine Greetje! Klein, aber oho!«, pflegte Eilert nach kniffligen Aufträgen zu sagen.
Und als sich wieder einmal ein Matrose von einem anderen Schiff über die kleine Frau an Bord des Schleppers lustig machte und hinüberrief: »Passt auf, dass euch die Lüttje nicht durchs Speigatt flutscht«, hatte der Kapitän Rike auf die Schulter geklopft und gesagt: »Hör gar nicht hin. Du und die Greetje, ihr passt gut zusammen. Nicht sehr groß, aber bärenstark, nicht unterzukriegen und immer bereit, die schwierigsten Herausforderungen anzunehmen.«
Eilert steckte den Kopf aus dem Steuerhaus und schrie gegen den Wind: »Komm mal her!«
Rike lief zu ihm.
»Dein Platz«, brummte Eilert, trat vom Steuerstand zurück und beugte sich zum Rufrohr, durch das er Befehle in den Maschinenraum geben konnte.
»Marten, an die Winde!«
Rike sah ihn verständnislos an. Warum sollte Marten ihre Aufgabe übernehmen?
»Worauf wartest du? Wir müssen los«, sagte Eilert.
»Du meinst, ich soll …?«
Eilert nickte. »Bist so weit.«
Rike schluckte. Wochenlang hatte sie diesem Augenblick entgegengefiebert, in dem sie zum ersten Mal das Ruder bei einem großen Manöver übernehmen durfte. Jetzt, wo es soweit war, bekam sie Muffensausen. Bangemachen gilt nicht, dachte sie, streifte die Handschuhe ab und stellte sich in die Nische am Rand des Kommandopults vor das Steuerrad. Sie drehte es nach Backbord und schob gleichzeitig die beiden Fahrthebel in Vorausstellung. Im Nu löste sich die Greetje von der Anlegestelle und fuhr aus dem Hafen auf die Ems, dicht gefolgt von der Hans.
Nach einer Weile sah Rike rechter Hand die dreibeinige, rot-weiß gestrichene Stahlkonstruktion des Campener Leuchtfeuers, das mit knapp fünfundsechzig Metern Deutschlands höchster Leuchtturm war. Da er nicht nur zur selben Zeit errichtet worden war wie der Eiffelturm in Paris, sondern auch dessen Bauweise aus genieteten Eisenteilen hatte, wurde er von den Einheimischen Eiffelturm genannt.
Kurz darauf tauchte in der Ferne der Autotransporter auf und wuchs im Näherkommen zu einem hellgrünen Gebirge an. Ein Lotsenboot ging längsseits. Rike beobachtete, wie der Stromlotse von Bord ging, während der Hafenlotse...
| Erscheint lt. Verlag | 31.7.2019 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 20. - 21. Jahrhundert • 20er Jahre • 80er Jahre • Achtzigerjahre • Beziehung • Deutschland • Drama • Emden • Erbe • Erbschaft • Europa • Familie • Familiengeheimnis • Familiengeschichte • Familienromane • Frauen • Frauenliteratur • Frauen / Männer • Frauenroman • Frauenromane • Frauenunterhaltung • Friesland • Gefühl • Gefühle • Kinder / Eltern • Krankenschwester • Landschaftsromane • Liebe • Liebe / Beziehung • Liebesgeschichte • Liebesleben • Liebesroman • Liebesromane • Liebesromane für Frauen • Lucinda Riley • Mutter • Niedersachsen • Norwegen • Oslofjord • Ostfriesland • Phoenix-Viertel • Rätsel der Vergangenheit • Rheider Land • Romantik • Romantische • Romanze • Sarah Lark • Schicksale und Wendepunkte • Schmuggler • Skandinavien • Tochter • Trauer / Tod • Urlaubslektüre • Urlaubsroman • Zwanzigerjahre |
| ISBN-10 | 3-7325-7242-0 / 3732572420 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-7242-7 / 9783732572427 |
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