Dunkle Schatten um Mitternacht (eBook)
300 Seiten
Uksak E-Books (Verlag)
978-3-7389-0123-8 (ISBN)
3
Ich erwachte schweißgebadet mitten in der Nacht. Der Mond schien hell durch das offene Fenster. Ich atmete tief durch und erinnerte mich nur noch undeutlich an die wirren Träume, die ich in den Stunden zuvor gehabt hatte.
Ich schlug die Bettdecke zur Seite und ging barfuß und im Nachthemd zum Fenster. Es war eine warme Sommernacht - und wenn das auch in den meisten Reiseführern verschwiegen wird, so etwas gibt es in London auch. Hin und wieder jedenfalls. Das typische Londoner Regenwetter hatte einem Hochdruckgebiet weichen müssen, das nun schon seit einer guten Woche einen Großteil der britischen Inseln fest in seinem Griff hielt. Ich atmete tief durch und blickte hinaus in den Garten. Und dabei dachte ich mit Schrecken daran, dass ich am nächsten Morgen früh aufstehen musste. Ich war Reporterin bei den LONDON EXPRESS NEWS, und mein Chefredakteur würde wenig Verständnis dafür haben, wenn ich in der Redaktion vor dem eingeschalteten Computer einfach einschlief...
Geräusche ließen mich aufhorchen.
Schritte. Und dann...
Ein Knall!
So, als wäre irgendein Möbelstück umgestürzt. Es hörte sich furchtbar an. Die Geräusche waren aus dem Erdgeschoss dieser verwinkelten, im viktorianischen Stil errichteten Villa gekommen, die meiner Großtante Elizabeth Vanhelsing gehörte. Elizabeth - ich nannte sie Tante Lizzy - hatte mich nach dem frühen Tod meiner Eltern bei sich aufgenommen. Sie war für mich in all den Jahren wie eine Mutter gewesen. Und selbst jetzt, als berufstätige junge Frau von 26 Jahren wohnte ich ich noch immer in diesem alten Gemäuer. Das Verhältnis zu Tante Lizzy hatte sich natürlich in all den Jahren erheblich gewandelt. Inzwischen war sie weniger Mutterersatz als vielmehr eine verständnisvolle Freundin und Helferin. Als Reporterin war mein Spezialgebiet das Übersinnliche und alles, was mit außergewöhnlichen, unerklärlichen Phänomenen zu tun hatte. Und da Tante Lizzy eine ausgewiesene Okkultismus-Spezialistin war, deren Privatsammlung von Schriften und Presseartikeln auf diesem Gebiet ihresgleichen suchte, hatte sie mir des öfteren bei Recherchen helfen können.
Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen?
Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle. In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.
Offenbar ist Tante Lizzy noch auf!, ging es mir durch den Kopf. Ich hoffte nur, dass ihr nichts passiert war. Immer noch barfuß ging ich die Treppe ins Erdgeschoss hinunter.
Meine, in der oberen Etage gelegenen, Räume waren in diesem Haus gewissermaßen eine okkultfreie Zone. Der Rest der Vanhelsing-Villa wurde von Unmengen von staubigen, ledergebundenen Folianten eingenommen, die dicht gedrängt in den Regalen standen. Uralte, geheimnisvolle Schriften waren darunter, Bücher mit magischen Beschwörungsformeln und okkultem Geheimwissen, das Jahrhunderte lang nur innerhalb kleiner Zirkel weitergegeben worden war.
Auf dem Treppenabsatz grinste mich das grimassenhafte Gesicht an, das Anhänger eines westafrikanischen Voodoo-Kults in das harte Holz eines Totempfahls geschnitzt hatten, um damit die Geister von verstorbenen Häuptlingen zu beschwören. Auch solche okkulten Artefakte gab es recht zahlreich in der Villa. Manche dieser Dinge hatte Tante Lizzys verschollener Mann Frederik von seinen Forschungsreisen mit nach Hause gebracht. Frederik war ein bekannter Archäologe gewesen, bevor er auf einer Expedition in den südamerikanischen Regenwald auf nie wirklich geklärte Weise verschwand.
Ich erreichte den Flur des Erdgeschosses.
Auch hier waren die Wände mit Regalen vollgestellt. Eine fluoreszierende Kristallkugel leuchtete geisterhaft im Halbdunkel.
Die Tür zur eigentlichen Bibliothek stand einen Spalt weit offen.
Licht brannte dort.
Es war nichts Ungewöhnliches daran, dass Tante Lizzy eine ganze Nacht über ihren obskuren Studien saß, vertieft in geheimnisvolle Bände voll von verschlüsselten Geheimnissen. Sie war dabei durchaus keine kritiklose Anhängerin irgendeiner esoterischen Modeströmung. Ganz im Gegenteil. Ihr war sehr wohl bewusst, dass im Bereich des Okkultismus die Scharlatane die Szene beherrschten.
Auf der anderen Seite gab es einen Rest an rätselhaften Phänomenen, die mit den Mitteln der modernen Wissenschaft einfach nicht zu erklären waren.
Noch nicht.
Vielleicht würde das irgendwann gelingen. Aber das Mindeste, was man dazu jetzt leisten konnte war, diese seltsamen Fälle zu dokumentieren. Und genau das hatte Tante Lizzy sich zur Aufgabe gemacht. Ihr Archiv war sicherlich eines der größten seiner Art im ganzen Vereinigten Königreich wenn nicht gar in der Welt.
Ich betrat die Bibliothek und die Tür knarrte dabei. Tante Lizzy stand auf einer Trittleiter und sah auf mich herab. Ihr Gesicht wirkte überrascht. Die rechte Hand griff derweil in die Reihe der voluminösen Bände und zog einen ganz bestimmten heraus.
"Patti!", entfuhr es ihr.
"Ich habe den Lärm gehört", sagte ich und blickte mich um.
"Oh, entschuldige..."
"Was ist passiert?"
"Die Leiter ist mir hingefallen."
"Aber..."
"Keine Sorge, Patti! Ich stand ja zum Glück noch nicht drauf!"
Tante Lizzy stieg von der Leiter herab. Sie ächzte dabei etwas. Das warme Klima, das gegenwärtig herrschte, machte ihrem Herzen zu schaffen.
"Was ist los, Patti?", fragte sie dann. "Was macht dir so zu schaffen, dass du keine Ruhe findest. Auch die Hitze oder..." Sie sprach nicht weiter, sondern bedachte mich mit etwas sorgenvollem Blick.
Sie brauchte nicht weiterzusprechen. Ich wusste auch so, worauf sie hinauswollte.
"Keine Sorgen, Tante Lizzy", erwiderte ich mit einem matten Lächeln. "Ich habe nicht geträumt..."
Ich hatte eine leichte übersinnliche Gabe, die sich in Alpträumen, Visionen oder Ahnungen äußerte. Schon als Kind hatte ich diese seherische Fähigkeit entwickelt und sah auf diese Weise den Tod meiner Eltern voraus. Aber die erste, die mich darauf hinwies, dass es sich um eine übersinnliche Begabung handeln könnte, war Tante Lizzy gewesen.
"Dann ist es ja gut", sagte sie.
Ich nahm ihr den dicken Folianten aus der Hand und legte ihn auf einen der kleinen, zierlich wirkenden Tische, die in der Bibliothek standen. Es war schwierig genug, noch irgendwo eine freie Stelle zu finden. Überall lagen aufgeschlagene Bücher herum, die mit Lesezeichen nur so gespickt waren. Tante Lizzy verwandte dazu lange Papierstreifen, auf die sie sich dann die eine oder andere Bemerkung notierte.
"Danke!", lächelte sie, obwohl sie eigentlich nicht gerne zugab, Hilfe zu brauchen. Schließlich war sie zwar bereits eine etwas ältere Dame, steckte aber mit ihrem Elan und ihrer Energie so manche jüngere glatt in die Tasche.
"Es muss das Wetter sein, dass einem den Schlaf raubt", murmelte ich. "Oder die Tatsache, dass ich jetzt schon eine ganze Woche von Tom getrennt bin..."
"Du Ärmste!", erwiderte Tante Lizzy augenzwinkernd. "Wann kommt er denn zurück?"
"Morgen."
Tom Hamilton war wie ich seit einiger Zeit als Reporter bei den LONDON EXPRESS NEWS angestellt. Und ich hatte mich unsterblich in ihn verliebt.
"Wie steht es eigentlich mit euch?", fragte Tante Lizzy.
"Was meinst du damit?"
"Nun, vielleicht lebe ich völlig hinter dem Mond, aber zu meiner Zeit war es üblich, dass man sich irgendwann verlobte..."
Ich lächelte.
"Ganz soweit sind Tom und ich noch nicht", sagte ich.
"Aber..."
Tante Lizzy sah mich aufmerksam an.
Sie studierte genau mein Gesicht. Und ich konnte mir sicher sein, dass ihr nicht die winzigste Regung in meinen Zügen entgehen würde. Es war schwer, einem Menschen Gedanken oder Gefühle vorzuenthalten, der einen so gut kannte wie Tante Lizzy mich. Mit übersinnlicher Wahrnehmung oder Telepathie hatte das allerdings nicht das geringste zu tun. Sie konnte sich einfach sehr gut in mich hineindenken und wusste, wie ich empfand.
"Aber was?", hakte sie nach.
"Darüber nachgedacht habe ich schon... Aber wie heißt es so schön? Die Gedanken sind frei!"
"Ich glaube, dass Mr. Hamilton ein außergewöhnlicher Mann ist", sagte Tante Lizzy. "Ich glaube nicht, dass es viele von seiner Sorte gibt, Patti..."
"Nein, das bestimmt nicht."
Toms Bild erschien vor meinem inneren Auge. Seine mir inzwischen so vertrauten Züge, das von dunklem Haar umrahmte Gesicht, der ruhige Blick der graugrünen Augen... Ein Mann, dem trotz der Tatsache, dass wir uns ziemlich intensiv kennengelernt hatten, für mich noch immer eine Aura des Geheimnisvollen anhaftete. Ich liebte ihn, aber da blieb etwas Mysteriöses an ihm, das nie ganz auszuloten schien. Vielleicht machte gerade das einen Tel des Reizes aus, den er ohne Zweifel auf mich...
| Erscheint lt. Verlag | 12.3.2019 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror | |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| ISBN-10 | 3-7389-0123-X / 373890123X |
| ISBN-13 | 978-3-7389-0123-8 / 9783738901238 |
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