Murder Swing (eBook)
480 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-75948-6 (ISBN)
London, heute: Er ist ein Plattensammler, ein Spezialist für äußerst seltene LPs, die er kauft und verkauft. Die Jobbeschreibung auf seiner Visitenkarte lautet: ?Vinyl-Detektiv?. Und manche Leute nehmen das ganz wörtlich - so wie die geheimnisvolle Nevada Warren, die ihn für eine Unsumme anheuert, um für einen anonymen Auftraggeber eine Platte zu finden, die zu der schmalen Produktion eines winzigen kalifornischen Jazz-Labels gehört, das in den 1950ern nur ein Jahr existierte.
Bald häufen sich seltsame Todesfällen, die allesamt mit dieser Platte zu tun haben könnten. Aber was könnte auf ihr zu hören sein, was sie so ungemein wertvoll macht? Und was hat einer der mächtigsten Konzerne der weltweiten Unterhaltungsindustrie damit zu tun? Zu allem Überfluss hat unser Detektiv bald auch noch die »Aryian Twins« Heinz und Heidi an der Hacke, zwei ziemlich extravagante Killer ...
Dieses Buch ist Teil der Serie Der Vinyl-Detektiv.
Eigentlich spürt Andrew Cartmels »Vinyl-Detektiv« ausschließlich seltene Schallplatten auf. Doch als sich die Todesfälle im Zusammenhang mit einem besonders raren Sammlerstück nur so häufen, steckt er auf einmal mitten in einer echten Detektivgeschichte.
<p>Andrew Cartmel, geboren 1958. War script editor für die Kult-Serie <em>Doctor Who</em> und andere Erfolgsserien. Theater-Autor, Comic-Szenarist, Stand-up-Comedian und Romancier. Sammler und Jazz-Fan. </p>
Andrew Cartmel, geboren 1978. War script editor für die Kult-Serie Dr. Who und andere Erfolgsserien. Theater-Autor, Comic-Szenarist, Stand-up-Comedian und Romancier. Sammler und Jazz-Fan. Zwei weitere Romane mit dem Vinyl-Detektiv werden bei Suhrkamp erscheinen.
1
Der Tod des Drachen
Für die Heizungsversorgung auf unserem Grundstück hatte ursprünglich ein großer, zentraler Boiler gesorgt, der sich unter dem Parkplatz in einer riesigen, abgedichteten Betonkammer befand. Ich hatte ihn mir immer wie einen schlafenden Drachen vorgestellt, und als ich schließlich einen Blick darauf werfen konnte, stellte ich fest, dass ich damit gar nicht so falsch lag. Es war wie im Maschinenraum eines U-Boots: lange, schimmernde Stahlzylinder, die mit einem dumpfen Brummen irgendwohin führten.
Irgendwann war ich einfach hineinspaziert, die Treppe hinunter und durch eine angelehnte Tür, auf der BOILERRAUM stand, war im dämmrigen Licht herumgelaufen, bis ich einen umgänglichen, dicken Geordie im blauen Overall fand, der ihn wartete. Sein offizieller Titel war Staatlich bestellter Grundstücksheizungswart, wofür ich ihn nicht verantwortlich machte.
Er gestattete mir, mich umzusehen, denn mein Kater war verschwunden und ich dachte, dass er sich vielleicht dorthin verirrt hatte. Keine Spur von dem Ausreißer. Der Heizungswart schien meine Enttäuschung ehrlich zu teilen. Wahrscheinlich sah er mir an, wie besorgt ich war. Als ich ging, wünschte er mir viel Glück beim Suchen.
Ich stieg die Treppe wieder hinauf und blinzelte ins Tageslicht. Wie sich herausstellte, hatte ich kein Glück. Ich fand den kleinen schwarzweißen Leichnam auf dem Grünstreifen am Anfang der Abbey Avenue.
Ich nahm die sterblichen Überreste mit nach Hause und begrub sie im Garten. Erstaunlich, wie tröstlich es ist, ein paar Knochen in der Nähe zu wissen. Kurz danach, wie zum Zeichen der Hochachtung, gab auch der Boiler seinen Geist auf. Ich schrieb das den Schwachköpfen zu, die für’s niedrigste Angebot vom Council bestellt worden waren und es nicht geschafft hatten, ihn über die Jahrzehnte vernünftig zu warten.
Die Schuld am Tod meiner Katze gab ich der Klientel des Klosters. Dizzy war offensichtlich von einer der Luxuslimousinen angefahren worden, in denen Premier-League-Deppen oder raubkatzenhafte Supermodels auf dem Weg zu Londons führendem Detox-Zentrum die Straße entlangschossen.
Das Kloster, das einst ein eigenes Backhaus, Ställe und eine Mühle unterhalten hatte, war ein elegantes, altertümliches weißes Gebäude, das ich hinter meinem Garten aufragen sah, wenn ich aus dem Wohnzimmer meines Zuhauses schaute, das ich als Bungalow bezeichnete – tatsächlich wohnte ich im Erdgeschoss eines zweistöckigen Gebäudes. Es wurde gerade in zwei getrennte Wohneinheiten umgebaut, ich hatte die Zimmer im Erdgeschoss und den Garten. Meine Gartenmauer grenzte direkt an das Klosteranwesen.
Was mir die Gelegenheit bot, einen seiner Bewohner kennenzulernen.
Es war der strahlende Morgen eines ungewöhnlich warmen Septembertags. Dem Mann war es irgendwie gelungen, in meinen Garten zu gelangen, er stand in einem königsblauen Morgenmantel mit einem goldenen ›A‹ auf der Brusttasche und blauen Flip-Flops da.
Er starrte mich an, als ich den Vorhang zurückzog. Ich hatte im Dunkeln Musik gehört und Kaffee getrunken, ein morgendliches Ritual, bis ich ausreichend bei Bewusstsein war, um mich dem Tag zu stellen. Der Mann rief irgendwas, und ich öffnete die Hintertür, um herauszufinden, was ihn so erregte.
»Max Roach«, sagte er. Ich brauchte einen Augenblick, um zu kapieren. Inzwischen hatte er hinzugefügt: »Red Mitchell am Bass. George Wallington am Piano.«
»Das Gil Mellé Sextett«, ergänzte ich. Ich trat zu ihm hinaus in den Garten. Es war noch ein bisschen frisch. »Eine Aufnahme von neunzehnhundertzweiundfünfzig.«
»Auf Blue Note, stimmt’s?« Der Mann blickte mich stirnrunzelnd an. Er war tief gebräunt und völlig kahl, dafür hatte er einen üppigen Bart. Was leicht den Eindruck erweckte, sein Kopf stünde verkehrt herum. Er begann in der Tasche seines blauen Morgenmantels zu wühlen.
»Stimmt«, sagte ich. Zumindest hatte der Eindringling brauchbare Kenntnisse von ziemlich ausgefallenem Jazz.
»Vinyl, natürlich«, sagte er, während er weiterwühlte.
»Natürlich.«
»Original Lexington Blue Note?«
»Nein, betrüblicherweise. Neupressung aus Japan.«
Der Mann zog kurz die Hand aus seiner Tasche und machte eine knappe, verächtliche Geste. Dann schüttelte er zufrieden den Kopf. »Hab ich’s mir gedacht.«
Ich fand das ziemlich krass, wenn man bedachte, dass er im Garten stand. »Ich habe die original Blue-Note-Pressung«, verkündete er. »Mit der Lexington Avenue auf dem Label.«
»Tiefe Rille?«, fragte ich.
»Oh ja.« Er griff in seine Tasche und zog triumphierend eine teuer aussehende Zigarre heraus. Die Zigarre sorgte dafür, dass er weniger wie ein entflohener Irrer in einem Morgenmantel aussah, sondern eher wie der Stammgast eines exklusiven Resort Hotels, der sich vom Pool entfernt hatte.
Was ja zutraf.
»Mein Exemplar ist eine Flachprofil-Pressung. Wissen Sie, was das ist?« Ich versuchte seinen Akzent einzuordnen, der leicht, jedoch erkennbar war. Etwas an dem belehrenden Tonfall ließ mich an eine nordische Sprache denken.
»Ja«, sagte ich.
»Sind das elektrostatische Lautsprecher?«, fragte er. Ich nickte. Er holte eine Schachtel Streichhölzer heraus, zündete eins an, ließ es einen Augenblick lang brennen, damit sich der Schwefel verflüchtigte, und hielt es dann an seine Zigarre.
»Das hört man einfach.« Er stieß den Rauch aus, schüttelte das Streichholz aus und warf es in mein Blumenbeet, womit er sich bei mir nicht unbedingt beliebt machte. Dann griff er erneut in die Tasche und zog den zerdrückten Stummel einer weiteren Zigarre heraus. Weshalb trug er den mit sich herum? Wahrscheinlich war Rauchen im Kloster verboten, und der weggeworfene Stummel hätte ihn verraten.
Doch er zögerte nicht, ihn hier zu entsorgen, in meinem Garten. Er schleuderte ihn in den Teich.
Das war echt der Gipfel.
»Sie haben eine Flachprofil-Pressung von dieser Schallplatte?«
»Richtig.« Er grinste. »Alle meinen Lexington-Avenue-Erstpressungen sind Flachprofilpressungen.«
Jetzt hatte ich ihn da, wo ich ihn haben wollte. Ich betrachtete den Zigarrenstummel, der in meinem Teich schwamm, und sagte: »Sie haben natürlich den vertikalen Spurwinkel des Tonabnehmers justiert?«
»Was?«
»Wenn Sie eine der Platten mit Flachprofilpressung abspielen. Haben Sie dann den vertikalen Spurwinkel des Tonabnehmers justiert?«
Er starrte mich an. »Was meinen Sie damit?«
Ich versuchte, es mit meiner Unschuldsmiene nicht zu übertreiben. »Nun, Ihr Tonarm und Tonabnehmer sind auf Standardplatten eingestellt. Aber die Geometrie, die erforderlich ist, um eine Flachprofilpressung abzuspielen, ist völlig anders. Aber das wissen Sie ja.«
Er blickte mich schweigend an, und ich sagte mit gespielter Überraschung: »Sie passen das System also nicht jedes Mal an? Das heißt, Sie bekommen Nebengeräusche und die Rillen nutzen sich ab. Ihr vertikaler Spurwinkel ist dann dahin. Dabei haben wir noch nicht einmal den Richtungswinkel erwähnt.«
Das brachte das Arschloch zum Schweigen.
Er empfahl sich sogleich und schritt in seinem Morgenmantel zurück zum Kloster.
Ich erwartete nicht, ihn je wiederzusehen.
Falsch. Eines Tages war sein Gesicht auf dem Titelblatt der Lokalzeitung.
Sie war gemeinsam mit Pizzaflyern und Taxikarten durch meinen Briefschlitz geschoben worden. Ich schlug die Zeitung auf und las die Überschrift: ARCHITEKT STÜRZT ZU TODE. Unter dem Foto des Mannes stand Tomas Helmer.
Er trug darauf keinen Morgenmantel, sondern einen ziemlich eleganten Anzug. Anscheinend lebte er in Richmond – oder hatte dort gelebt, in einem großen Haus, wo es Probleme mit den Regenrinnen gegeben hatte.
Irgendwann war er selbst aufs Dach geklettert, um etwas...
| Erscheint lt. Verlag | 13.3.2019 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Der Vinyl-Detektiv | Der Vinyl-Detektiv |
| Übersetzer | Susanna Mende |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The Vinyl Detective – Written in Dead Wax |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Dr. Who • Jazz • Krimi • Kriminalroman • LP • Page Turner • Platte • Plattensammler • Spannung • ST 4937 • ST4937 • suhrkamp taschenbuch 4937 • Swing • The Vinyl Detective – Written in Dead Wax deutsch • Thriller-Serie • Vinyl |
| ISBN-10 | 3-518-75948-5 / 3518759485 |
| ISBN-13 | 978-3-518-75948-6 / 9783518759486 |
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