Ich dich auch, glaube ich (eBook)
336 Seiten
Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG
978-3-7325-7206-9 (ISBN)
Als der Hypochonder Konstantin nach dem Tragen von sechs Wasserkisten ein Ziehen im Oberbauch verspürt, ist der Fall für ihn klar: Leberkrebs im Endstadium! Im Wartezimmer seines Hausarztes trifft er dann aber Freya, eine Yogalehrerin kurz vor der Abreise nach Thailand. Normalerweise würde Konstantin bei dem Wort 'Thailand' an Malaria, Ruhr und Typhus denken. Doch als Freya ihn in ihr Camp einlädt, denkt er an Sonne, Palmen und Sandstrände. Und beschließt, da er ja eh bald sterben wird, ihr Angebot anzunehmen. Es beginnt eine Reise, die sein Leben verändert.
Jonas Erzberg ist das Pseudonym des deutschen Journalisten Hannes Finkbeiner. Er studierte an der Hochschule Hannover, wo er mittlerweile auch als Dozent tätig ist. Finkbeiner schrieb u.a. für die FAZ, Spiegel Online oder das RedaktionsNetzwerk Deutschland. Für die HAZ ist er als Kolumnist tätig.
Jonas Erzberg ist das Pseudonym des deutschen Journalisten Hannes Finkbeiner. Er studierte an der Hochschule Hannover, wo er mittlerweile auch als Dozent tätig ist. Finkbeiner schrieb u.a. für die FAZ, Spiegel Online oder das RedaktionsNetzwerk Deutschland. Für die HAZ ist er als Kolumnist tätig.
E I N S
Infusionen sind mir ein Gräuel. Nicht dass ich jemals eine Infusion bekommen hätte, aber allein der Anblick jagt mir einen Schauer über den Rücken: die Flasche, der Ständer, der Schlauch, die Nadel im weichen Fleisch der Armbeuge, fixiert mit einem weißen Klebestreifen. Es war mir ein Rätsel, wie die junge Frau mir gegenüber so seelenruhig in einer Modezeitschrift blättern konnte, die Beine übereinandergeschlagen, während ihre Medizin durch die Tropfkammer rieselte. In ihrem Ohr steckte etwas Watte, weswegen ich auf Tinnitus tippte. Ohrgeräusche. Werden immer häufiger. Volksleiden.
Ich blickte mich kurz in dem voll besetzten Wartezimmer um, in dem die Stimmung an eine Gedenkfeier erinnerte. Zwei Patienten lehnten an der Wand, ein Jugendlicher mit grünstichigem Gesicht hatte sich kurzerhand auf einem Kinderstuhl niedergelassen. Vor den Fenstern fiel eisiger Dezemberregen, die Scheiben waren beschlagen, die Luft hier drinnen entsprechend schlecht: Es roch nach einer Mischung von Parfüm und Hefe. Ich atmete flach, meine Hände lagen gefaltet in meinem Schoß, die Finger krallte ich vor Nervosität so fest ineinander, dass sie schon ganz weiß waren, dann entdeckte ich die Luftblase im Infusionsschlauch …
Gestatten, Hypochonder. Meine Ärzte würden sagen, ich bilde mir Krankheiten ein, was irgendwie stimmt, aber was ich für eine grobe Verzerrung der Tatsachen halte: Ich habe diese Krankheiten nämlich, zumindest bis mir das Gegenteil bewiesen wird. Ich hatte mehrmals Krebs, genauer gesagt Karzinome unter der Zunge, am Hoden, im Auge, Hirn, Gehörgang, in der Milz, der Luftröhre und der Lunge. Ich litt an Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, rheumatischer Arthritis und Herzinsuffizienz. Ich hatte ALS, Muskelschwund und Multiple Sklerose, um vielleicht nur ein paar Sachen zu nennen.
Dabei ist es nicht so, dass ich morgens aufwache und denke: Kopfweh, das kann nur ein Hirntumor sein, und dann panisch in die Notaufnahme stürme, weil ich sonst nichts zu tun habe. Ich saß beispielsweise an diesem Morgen bei meinem Hausarzt, weil ich Leberschmerzen hatte beziehungsweise sich ein stechender, ziehender Schmerz in meinem rechten Oberbauch ausbreitete und in den Rücken ausstrahlte. Meine Drangsal dauerte schon drei Tage. Jede Bewegung war eine Qual, mir war speiübel und schwindelig. Klar. Krebs. Was sonst?
»Du wirkst angespannt«, ignorierte ich direkt neben mir eine weit entfernte Stimme.
Ich beobachtete den dünnen Schlauch, der an einer Stelle verdreht war, einen Kringel bildete. Die Luftblase drehte dort gemächlich einen Looping, stand plötzlich still, schwankte, einen Millimeter hoch, wieder runter, hoch, um sich dann umso schneller auf die Armbeuge der Frau zuzubewegen. War Luft im Kreislaufsystem nicht tödlich? Das sah man doch immer wieder, im Fernsehen, man las es, in Thrillern. Ich schluckte. Irgendjemand musste etwas tun. Das Umblättern der Dutzend Zeitschriften zerteilte die Sekunden, der Wasserspender gluckerte wie von Geisterhand, dann verschwand die Luftblase in der Vene.
Frau Harkisch, eine untersetzte Arzthelferin mit Fliehkinn, Monsterschminke und Reißzähnen, zog die Tür auf, sie arbeitete hier schon seit Jahren.
»Entschuldigung«, sagte ich bemüht um einen sachlichen Ton, alle Patienten schauten auf, ich zeigte auf die Frau, »da, also, ich weiß ja nicht, aber da ist gerade eine Luftblase im Infusionsschlauch gewesen, und jetzt ist sie weg, also, nicht weg, sondern im Arm verschwunden.«
Die Frau schaute auf, blickte panisch zwischen der Arzthelferin und mir hin und her.
»Ich danke Ihnen für den Hinweis, Herr Wittgenbausch, aber da müssen Sie sich keine Sorgen machen. In diesen Mengen ist das kein Problem«, entgegnete Frau Harkisch in melodischem Singsang, durchbohrte mich dabei allerdings mit einem Blick, der Oberärzte das Fürchten lehrte. Sie hasste mich ohnehin, weil ich mittlerweile immer ohne Termin in die Praxis kommen durfte, und fügte hinzu: »Traudel Lorenz, bitte.«
Eine ältere Dame mit Hütchen und Kostüm stand schwerfällig auf, bewaffnete sich mit ihrem Gehstock und humpelte gen Sprechzimmer. Es folgte ein allgemeines Ausrichten der Sitzpositionen, zwei Patienten husteten, kurz und intensiv. Ich sah die Bazillen förmlich im Raum schweben und sanft zu Boden sinken. Der Junge tupfte sich die Stirn mit einem Taschentuch. Danach senkte sich wieder die gedrückte Wartezimmerstille hernieder. Wegen des ganzen expansiven Hustens, Schnäuzens und Atmens hielt ich, so gut es ging, die Luft an. Und obwohl ich dabei peinlich berührt zu Boden starrte, spürte ich die Blicke, die mich immer wieder verhohlen streiften, den Hansel, Suppenkasper, Panikmacher.
»Ich bin heilfroh, dass du dich bei der Arzthelferin erkundigt hast, ich hatte die Luftblase nämlich auch gesehen und die ganze Zeit ein mulmiges Gefühl dabei. Danke«, sagte eine leise Stimme neben mir, aber dennoch so laut, dass es jeder hören konnte.
In wie viele ausdruckslose Gesichter hatte ich heute schon geblickt? Ach was, ausdruckslos, allein in diesem Raum reichten die Blicke von müde, gelangweilt, genervt bis hin zu entrückt, teilnahmslos und verbittert. Das wurde mir aber erst klar, als ich in diese haselnussbraunen Augen schaute. Sie strahlten. Die Augen meiner Sitznachbarin waren mit so viel Güte, Liebe und Humor gefüllt, dass ich mich meiner leidgeplagten Existenz fast schämte. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Saß sie etwa die ganze Zeit neben mir? War es schon so weit mit mir gekommen, dass ich eine umwerfende Frau einfach übersah, durch sie hindurchblickte?
Es gab ja angeblich Momente, in denen sich das Leben in seiner ganzen meisterlichen Klarheit präsentierte. Ich hatte zumindest davon gehört. Und wenn es diese Momente wirklich gab, dann war ich gerade ein Teil davon. Neben mir saß die schönste Frau der Welt. Und sie schmunzelte. Lachfältchen so zart wie Bleistiftstriche befanden sich neben ihrem Mund und ihren Augen. Ihre halblangen, braunen Haare mit Pony umrahmten ein schlankes Gesicht. Nannte man diese Frisur einen Bob? Und wenn ja, woher wusste ich das?
Ich hatte keine Ahnung, aber so begann die ganze Geschichte: Ich stierte, starrte, glotzte eine fremde Schönheit an, war regelrecht sprachlos, fragte mich dabei, wie sich ihr Haarschnitt wohl nannte, und schrie vor Schreck fast auf, als sich ein älterer Herr neben mir ohrenbetäubend in sein Stofftaschentuch schnäuzte. Es hätte auch Mündungslärm sein können. Ich fuhr instinktiv herum, das Geräusch wandelte sich von kurzen, bellenden Lauten in ein langes, tiefes Schnorcheln. Dann wurde es still. Ich erwartete fast, dass hinter dem Taschentuch ein Rüssel zum Vorschein kam. Es war aber nur eine monströse puterrote Knollennase, die in einem schrecklich müden Gesicht steckte. Er blickte mich an, faltete das Stofftaschentuch säuberlich zusammen und steckte sich seinen Rotz wieder in die Tasche seiner dunkelbraunen Cordhose.
Ich wandte mich wieder zu ihr. Was hatte sie mich nochmal gefragt? Ich benetzte meine Lippen. Überbrückte den Moment mit einem meditativen »Hmmmm«, das ich sanft im Bereich meines Kehlkopfs rotieren ließ. »Bitte, ähmm, gern geschehen«, entgegnete ich schließlich und wusste plötzlich nicht mehr, ob mein Herz wegen des Arzttermins so ungestüm pochte. Oder wegen ihr.
»Ich will nicht aufdringlich erscheinen, aber du wirkst sehr nervös. Ist alles okay?«, flüsterte sie.
Was sollte ich darauf antworten? Ich habe Krebs im Endstadium?
»Die Wahrscheinlichkeit, dass ich krank bin, ist gering und liegt weit unter einem Prozent. Ich bin siebenunddreißig Jahre alt, Nichtraucher, sportlich, es gibt auch keine genetisch vererblichen Krankheiten in meiner Familie. Und ich ernähre mich gesund, na ja, bis auf einen Hang für Rotwein, Schokolade und Salzstangen vielleicht«, faselte ich und fügte lächelnd hinzu: »Wobei das mit den ganzen Studien und Statistiken auch so eine Sache ist. Habe als Präpubertärer mal einen Selbstversuch gestartet und eineinhalb Jahre lang meine linken Zahnreihen nur dreißig Sekunden lang geputzt, meine rechten Zahnreihen hingegen wie empfohlen zwei Minuten. Machte dann am Ende keinen Unterschied beim Zahnarzt, ich hatte links genauso viele Löcher wie rechts. Gott, was rede ich da bloß?«
Sie lachte, und der Raum wurde heller.
Was geschah hier?
Was geschah hier mit mir?
Sie lachte warm und klar, als scherte sie sich einen feuchten Kehricht um alle anderen Patienten und eine ungeschriebene Regel, die besagte, im Wartezimmer eine angespannte Ruhe zur Schau zu stellen. Weshalb eigentlich? Weshalb war Ruhe hier drinnen angemessen, wenn man doch eigentlich schreien und kreischen sollte, um ein einigermaßenes Gegengewicht zu seinem Inneren zu schaffen? Kein Lesezirkel, sondern eine Kooperation mit einer verdammten Schießanlage, das wäre mal eine Geschäftsidee für eine Arztpraxis!
»In einem Punkt kann ich dich beruhigen: Schokolade ist gesund, soll Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen und hat sogar Bestandteile vom Glückshormon …«, sie stockte und blickte auf das Magazin in ihrem Schoß. »Serotonin«, fuhr sie fort und präsentierte mir lächelnd die Zeitschrift, auf der ich nur das Hochglanzfoto einer Kakaobohne wahrnahm. »Da habe ich auch Glück gehabt, ich esse jeden Tag eine Tafel, immer ein paar Stückchen zwischen den Sitzungen.«
»Dafür sind Sie aber ganz schön schlank«, redete ich drauflos, spürte schon beim Sprechen heißes Blut in meinem Gesicht zirkulieren und schob schnell hinterher: »Dann habe ich ja nur noch zwei Laster.« Doch weil ich auch diesen Satz viel zu banal fand, ich...
| Erscheint lt. Verlag | 29.3.2019 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Unheilbar glücklich |
| Themenwelt | Literatur ► Comic / Humor / Manga |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 20. - 21. Jahrhundert • Deutschland • eingebildeter Kranker • Familie • Frauen • Frauenroman • Frauenromane • Freund • Freunde • Freundin • Freundinnen • Gefühl • gefühlvoll • Geheimnis • Hannes Finkbeiner • Humor • Hypochonder • Kabarett • krank • Krankenhaus • Krankheit • Krebs • Liebe • Liebesgeschichte • Liebesroman • Liebesromane • lustig • Polizei • Romantik • Romantische • Schicksal • Schicksale und Wendepunkte • Sehnsucht • Thailand • Tumor • Unterhaltung • Weihnachten • Weihnachtsgeschenke • witzig • Yoga |
| ISBN-10 | 3-7325-7206-4 / 3732572064 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-7206-9 / 9783732572069 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopierschutz. Eine Weitergabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persönlichen Nutzung erwerben.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich