Imre Kusztrich, Journalist, Buchautor, Lebensmittelpunkt Deutschland
Imre Kusztrich, Journalist, Buchautor, Lebensmittelpunkt Deutschland
Sofia Frischler, Fachkrankenschwester für Operationsdienst.
Donnerstag, 4. Oktober 2018, gegen 14 Uhr.
Logisch kann ich Blut sehen. Ich bin OP-Schwester. Würde ich den Anblick meines eigenen Kindes in seinem Blut verkraften? Meines Mannes? Eine solche Prüfung war noch nicht. Vorahnungen sind nicht meine Sache. Eigentlich denke ich immer nur an den nächsten Patienten.
Gehirntumor. Osteoklastische Trepanation.
Ich eile zu OP-Raum 2.
„Heute bleibt die Bluse zu.“
Assistenzärzte haben den gleichen Stress wie wir. Jeder von uns hat seine individuelle Technik, Spannung abzubauen.
Henning mag ich. Sogar sehr. Obwohl seine Finger noch nie an meinen Knöpfen waren. Aber diese Bemerkung …
„Spinnst du?“
„Der Alte operiert. Sein Steuerberater.“
Oh! Der Name steht im Operationsprotokoll. Aber das sagt uns natürlich nichts aus über die Person.
Öffnung des Schädels. Wiederverschluss durch Implantat. Keine sechzig Minuten, wenn der Chirurg jung und fit ist. Aber nicht für einen ärztlichen Direktor. Sein Platz ist eigentlich am Schreibtisch. Zuständig für Koordinierung und Überwachung der medizinischen Belange.
Aber ich verstehe. Der Typ leistet ihm vermutlich umfassende Hilfe in Steuerfragen. Das muss gewürdigt werden.
Aber der Patient kann einem leidtun. Ein Fall von gefährlicher Sonderbehandlung.
Für die damit verbundenen Risiken besteht seit 1964 der Begriff V.I.P.-Syndrom, zum ersten Mal publiziert von einem Psychiatrieprofessor namens Dr. Walter Weintraub. V.I.P. steht für Englisch: very important person, sehr wichtige Person, und Syndrom für das gleichzeitige Vorliegen verschiedener Risiken und Krankheitszeichen.
Im „The Journal of Nervous and Mental Disease“ schrieb Dr. Weintraub: „Die Behandlung einer einflussreichen Person kann extrem gefährlich sein für beide, Patient und Arzt.“
Es ist statistisch erwiesen: Besonders wichtige, berühmte oder reiche Patienten können für den Erfolg eines Krankenhauses entscheidend sein und erfahren häufig einen bevorzugten Status. Dann aber wird es kritisch.
Es ist nicht der Reichtum, der gefährlich ist. Es ist das Berühmtsein, das sehr viel ändert.
Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, wurden die speziellen Umstände eines V.I.P.-Syndroms im Medizinbetrieb bereits in zahlreichen Studien wissenschaftlich analysiert und präzisiert. Alle teilen eine Auffassung. Jedes ärztliche Mehr, jedes ärztliche Weniger stellt eine nicht abgesicherte Abweichung vom bewährten Prinzip dar. Die gängige Standardbehandlung von Patienten ohne besonderen gesellschaftlichen Rang hat sich in Millionen Anwendungen herauskristallisiert, um mit dem sinnvollsten Aufwand das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Ohne Ansehen der Person. Bei V.I.Ps. können die Unterschiede einer medizinischen Betreuung winzig sein. Die Ärzte üben ein bisschen mehr Rücksicht, und auch die Patienten sind ein bisschen anders, weniger kooperativ zum Beispiel. Das wirkt sich unterm Strich eher negativ aus.
Wie bitte?
Privat Versicherte mit einem großen Namen, für die in der Regel die Kosten keine große Rolle spielen, sollen am Ende schlechter dran sein als stinknormale Kassenpatienten?
Die Antwort liegt auf der Hand.
In Deutschland beispielsweise werden jährlich fünfzehn Millionen Eingriffe in Krankenhäusern durchgeführt. Alle Abläufe sind aufs Äußerste perfektioniert, die Vorbereitung, die Operation selbst, die Nachsorge. Das geht nicht besser.
Plötzlich kommt ein V.I.P.-Zeitgenosse in dieses System, und medizinisch-logisch-ethnische Prinzipien werden verletzt.
Wer ihm Anvertraute beeindrucken möchte oder auf Wünsche von Patienten hört, bricht bewährte Regeln und setzt die Person, der man Gutes zukommen lassen will, vermeidbaren Risiken aus. Am stärksten gefährdet sind alle, die für Medien am interessantesten sind. V.I.Ps. eben.
Was wird bei ihnen anders?
Wahrscheinlich erfolgen aus Rücksicht weniger Untersuchungen als normal … oder zur Sicherheit vielleicht mehr. Nicht jede eigentlich unerlässliche Frage wird wirklich gestellt … und wie werden sie jetzt beantwortet? Wir reden von Leuten, die den Erfolg gepachtet haben, von Egoisten, von Besserwissern, von eingebildeten Wichtigtuern. Die lassen sich nichts sagen. Und zuletzt wird von ihnen noch erwartet, dass sie der ranghöchste Arzt im Haus selbst operiert.
Aus all diesen Gründen ist das Behandlungsergebnis bei V.I.Ps. insgesamt medizinisch eindeutig schlechter.
Seit Jahrzehnten ist diese Sorge Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und Erörterungen. Viele Antworten liegen auf dem Tisch.
Für Ärzte kann es beispielsweise ungewohnt schwer sein, einem inneren Drang zu widerstehen, angesichts eines besonderen Zeitgenossen die üblichen Prozeduren zu vereinfachen oder abzukürzen, um dem außergewöhnlichen Patienten Unbehagen möglichst zu ersparen.
Ärzte können besonders rücksichtsvoll agieren oder sie können ihr klares Urteilsvermögen einschränken, wenn sie es mit einem vermeintlich wichtigen Patienten zu tun haben. Es entsteht das Risiko, Notwendiges zu unterlassen. Andrerseits kann ein übervorsichtiger Arzt zu viel veranlassen. Er will einem späteren Vorwurf entgegenwirken, nicht aufmerksam genug gewesen zu sein. Solche negativen Schlagzeilen wären verheerend für die Institution und für die Karriere des Mediziners. Gleichzeitig lockt bei besonderer Zuwendung die Chance auf gute Noten durch den namhaften Patienten und auf höhere Umsätze. So oder so ein definitiv medizinisches Problem, das die Berühmten, die Wichtigen, die Erfolgreichen und besonders Schönen, very important persons eben, bedroht. Patientenzufriedenheit ist in diesen Beziehungen plötzlich das höchste Ziel.
Forscher der University of California in Davis fanden in einer Langzeitstatistik heraus: Unter den Untersuchten verursachten die bevorzugt Behandelten die höchsten Kosten und verbrauchten die meisten Medikamente. Sie veranlassten unterm Strich zwölf Prozent mehr Krankenhauseinweisungen als der Durchschnitt. Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler lässt wenig Spielraum: Eine Überbehandlung ist ein stilles Todesrisiko, wörtlich: silent killer. Wir können überbehandeln und überverschreiben, der Patient ist glücklich, gibt uns gute Noten und ist in Wirklichkeit schlechter dran. Noch schlimmer: Der zufriedenste Patient kann in dreißig Minuten tot sein.
Ich bin Operationstechnische Assistentin. Habe nur mittlere Reife. Aber an mir ist eine Ärztin verloren gegangen. Zur Kompensation sauge ich alles auf, was ich über Medizin erfahren kann. Fragen Sie meine Kollegen zum V.I.P.-Syndrom … wetten? nie gehört.
Kein vernünftiger Arzt wird beispielsweise deshalb selbst an einen Angehörigen Hand anlegen, niemals.
Auch jetzt sind wir wie meistens beinahe ein Dutzend Leute. Chirurgen, Assistenzärzte, die Anästhesistin, OP-Schwestern wie ich, manchmal auch ein paar Studenten.
Ein Radio läuft. Ein Handy klingelt. Gedämpfte Dialoge.
Alles Routine.
Wir haben an unserem Allgemeinen Krankenhaus in Wien die großartigsten Neurochirurgen, Operateure für Mund, Kiefer, Gesicht, Schädel und Wirbelsäule. Und jetzt liegt also unter den Augen unseres nicht gerade beliebten Chefs dieser V.I.P.-Mensch auf dem Tisch. Sein Schädel ist rasiert. Die Schnittführung ist mit schwarzem Filzstift markiert.
Ich komme mir lächerlich vor mit meiner Ansage an das OP-Team: „Identität des Patienten überprüft.“
Er kennt ihn ja.
Aber auch das gehört zu meinem Job. Wir haben unsere Listen. Name … Aufgabe. Muss natürlich zusammenpassen. Damit wir nicht einem Falschen einen Stent setzen oder den Bauch eröffnen.
Eine OP-Schwester braucht einen guten Magen und muss mehrere Stunden auf den Beinen sein können. Schon vor der Operation immenser Zeitdruck. Millimetergenau werden die Instrumente ausgelegt. Am Ende wird nachgezählt. Liegt alles wieder auf dem Tisch?
Funktioniert etwas nicht wie erwartet, kriegen zuerst wir es ab. Also nicht alles persönlich nehmen.
Der Direktor mustert das Team mit Dompteurblick. Er sieht einige, die er nicht kennt.
Mich fragt er: „Und wer sind Sie?“
„Frischler. Vierzehn Jahre hier.“
Er ergreift eine spezielle Microsäge mit extrem geringer Blattdicke, Osseoskalpell genannt, und startet den Antrieb. Der Motor surrt wie ein Zahnarztbohrer und treibt mittels Pendelhub ein winziges Loch in die Schädeldecke. Feine Knochenspäne fliegen davon. Die Instrumente bestechen durch ihre Kompaktheit und grazile Komposition. Große Laufruhe. Höchste Schnittpräzision.
Gleich wird die örtliche Knochenzerstückelung folgen.
Da, peng!
Der Motor stoppt.
Ein Defekt.
Wir haben Stress genug, wenn alles genial klappt. Schon vorher wird angetrieben, gebrüllt. Denn es muss alles bereit sein, wenn der Operateur kommt. Aber oft geht nichts nach Plan. Ein Patient wird zu spät angeliefert. Der nächste hockt noch auf der Toilette. Dann fehlt eine Schwester, ein Techniker.
Seit 2008 hat die Weltgesundheitsorganisation Mobbing im OP-Saal ausdrücklich als Hochrisiko untersagt. Konkret geht es um jedes Verhalten, das die Kultur der Sicherheit untergräbt. Aber in unserem Alltag ist die Vermeidung noch nicht wirklich angekommen.
Wir brauchen ein dickes Fell.
Beleidigung, Bedrohung, Erniedrigung und Arbeitsbehinderung.
Auch die Auslöser wiederholen sich.
Handwerkliche Fehler. Komplikationen. Medizinische Irrtümer. So gut wie nie wird ein linkes Bein mit dem rechten Bein verwechselt … aber ob...
| Erscheint lt. Verlag | 5.2.2019 |
|---|---|
| Verlagsort | Vachendorf |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Kinderpornografie • Kirchner • Kunstszene • Mord • Wien-Krimi |
| ISBN-10 | 3-96610-117-3 / 3966101173 |
| ISBN-13 | 978-3-96610-117-2 / 9783966101172 |
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