Kommissar Platow, Band 15: Letzter Halt Frankfurt-Süd (eBook)
141 Seiten
mainebook Verlag
978-3-947612-30-7 (ISBN)
Martin Olden ist das Pseudonym des Journalisten und Kinderbuchautors Marc Rybicki. Er wurde 1975 in Frankfurt am Main geboren und studierte Philosophie und Amerikanistik an der Goethe-Universität. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Rybicki als Filmkritiker für das Feuilleton der 'Frankfurter Neuen Presse'. Ebenso ist er als Werbe- und Hörbuchsprecher tätig. Bei mainbook erscheint auch Martin Oldens Krimi-Reihe mit Kommissar Steiner: 1. Band: 'Gekreuzigt'. 2. Band 'Der 7. Patient'. 3.Band 'Wo bist du?'. 4. Band 'Böses Netz'. 5. Band 'Mord am Mikro'. 6. Band 'Die Rückkehr des Rippers'. 7. Band 'Vergiftetes Land'. Im Jahr 2013 veröffentlichte er zudem seinen ersten Thriller 'Frankfurt Ripper'. Weitere Titel von Marc Rybicki sind die Kinderbücher 'Mach mich ganz', 'Wer hat den Wald gebaut?', 'Wo ist der Tannenbaum?' und 'Graue Pfote, Schwarze Feder'
Martin Olden ist das Pseudonym des Journalisten und Kinderbuchautors Marc Rybicki. Er wurde 1975 in Frankfurt am Main geboren und studierte Philosophie und Amerikanistik an der Goethe-Universität. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Rybicki als Filmkritiker für das Feuilleton der "Frankfurter Neuen Presse". Ebenso ist er als Werbe- und Hörbuchsprecher tätig. Bei mainbook erscheint auch Martin Oldens Krimi-Reihe mit Kommissar Steiner: 1. Band: "Gekreuzigt". 2. Band "Der 7. Patient". 3.Band "Wo bist du?". 4. Band "Böses Netz". 5. Band "Mord am Mikro". 6. Band "Die Rückkehr des Rippers". 7. Band "Vergiftetes Land". Im Jahr 2013 veröffentlichte er zudem seinen ersten Thriller "Frankfurt Ripper". Weitere Titel von Marc Rybicki sind die Kinderbücher "Mach mich ganz", "Wer hat den Wald gebaut?", "Wo ist der Tannenbaum?" und "Graue Pfote, Schwarze Feder"
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Pfingstmontag, 15. Mai 1978
Die Wohnung meiner Eltern in der Luxemburger Allee duftete nach Kaffee, Frankfurter Kranz und Erdbeertorte mit Schlagsahne. Auf dem festlich gedeckten Tisch stand ein Strauß Maiglöckchen. Wir feierten meinen 35. Geburtstag. Ich saß am Kopfende der Tafel und blickte dankbar in die Runde. Meine Freundin Fujiko Shimada lächelte mich an. Neben der schönen Japanerin strahlte Mutter in ihrem besten Sonntagskleid. Vater vertilgte das dritte Stück Torte. Die Sahne blieb in seinem Schnurrbart hängen, woraufhin ihn Mutter tadelte, er habe keine Tischmanieren. Mir gegenüber thronte Onkel Ernst, Bahnbeamter a.D., und tratschte mit Cousine Barbara. Dank ihres sonnigen Gemüts und einer beachtlichen Körperfülle erinnerte mich Barbara stets an die Schauspielerin Trude Herr. Gegen sie wirkte die Blondine zu ihrer Linken wie ein Strich in der Landschaft. Kommissarin Tina Förster war im Laufe des vergangenen Jahres zu einer guten Kameradin geworden, nicht zuletzt weil sie das Leben jenes Mannes verändert hatte, der den Reigen der Gratulanten komplettierte. Mike Notto. Anfang April hatte ihn eine Verrückte niedergestochen. Meinen Kumpel gesund und munter zu sehen, war mein schönstes Geschenk.
Abbas Pfote stupste gegen mein Knie. Man könnte sagen, Mikes letzter Fall ist ihm ordentlich an die Nieren gegangen.
„Nicht frech werden, junge Dame!“ Ich gab ihr einen Hundekuchen und dachte an die Not-Operation im Markus-Krankenhaus, bei der Mike eine Niere entfernt worden war. Er hatte es mit Humor genommen und gesagt: Ernähre ich mich halt von jetzt an gesund und trinke sechs Flaschen Bier pro Tag statt drei – ist gut für die Nierenspülung. Die Ärzte hatten ihm versichert, dass er trotz der Verwundung völlig normal leben und seinen Dienst wie zuvor versehen könne. Nach wochenlangem Klinik- und Kuraufenthalt freute sich Mike darauf, wieder an meiner Seite im Kommissariat zu arbeiten. Der Halb-Italiener wies mit der Kuchengabel auf mich und ließ seinem losen Mundwerk freien Lauf. „Wie fühlt man sich denn mit Fünfunddreißig, am Vorabend der Gebrechlichkeit?“
„In neun Jahren wirst du`s rausfinden“, antwortete ich.
Mike grinste Tina an. „Die Freuden des Alters werde ich mit meiner Privat-Pflegerin genießen.“
Es freute mich ungemein, dass sich die beiden versöhnt hatten. Tina war die Richtige für den Hallodri. Eine selbstbewusste Frau, die Mike mit sanfter Hand zähmen und ihm das fehlende Quäntchen Verantwortungsgefühl beibringen würde. Sie zupfte an seinem Lockenkopf. „Gestern habe ich die erste graue Strähne entdeckt.“
„Ernsthaft? Ab Morgen nehm ich Polycolor! Wer will schon aussehen wie Joe?“
Ich lachte. „Je grauer, je schlauer!“
Onkel Ernst strich über seinen dunklen Schopf. „Die Haare hat er von deiner Seite der Familie geerbt“, sagte er zu Vater.
Mein alter Herr schmunzelte. „Jeder Mann wird grau, hat er erst mal eine Frau.“
Mutter gab ihm einen Klaps. „Du hast keinen Grund, dich zu beschweren, Kurt. Und Joachim auch nicht.“
„Hast recht, Irmchen. Fujiko ist zauberhaft. Wenn ich da an die andere denke …“
„Kurt!“
„Schon gut, Mutter“, sagte ich. „Vergessen wir`s.“
Der Name meiner ehemaligen Verlobten schwebte unausgesprochen im Zimmer. Petra Helm. Mitglied der Baader-Meinhof-Bande. Verantwortlich für abscheuliche Verbrechen wie den Mord an Hanns-Martin Schleyer und die Entführung der Landshut. Meine Eltern waren an Bord der Lufthansa-Maschine durch die Hölle gegangen. Mittlerweile saß Petra in einem Londoner Gefängnis, wo ich sie regelmäßig im Auftrag des Bundeskriminalamts verhörte. Die Jagd nach den Köpfen der Roten Armee Fraktion lief auf Hochtouren. Am 11. Mai waren Brigitte Mohnhaupt, Peter-Jürgen Book, Sieglinde Hofmann und Rolf Clemens Wagner in Jugoslawien festgenommen worden. Wo hielten sich Christian Klar, Susanne Albrecht und die übrigen Terroristen auf? Inwieweit wusste Petra über Fluchtrouten und Schlupfwinkel Bescheid? Gegenüber dem BKA verweigerte meine Jugendliebe jede Aussage. Allein mir gab sie Geheimnisse preis. Wohldosiert, selbstverständlich. Bislang hatte ich einiges erfahren über die Kommandostrukturen der Gruppe und ihre Verbindung zu Kampfgenossen in Europa und dem Nahen Osten. Jedoch nichts, was für die Fahndung nach den geflohenen Tätern von Belang gewesen wäre. Ebenso wartete ich auf das Geständnis, wer die Schützen waren, die Buback und Schleyer erschossen hatten. Über kurz oder lang würde Petra ihr Schweigen brechen, daran bestand für mich nicht der geringste Zweifel. Ich fühlte, dass sie dabei war, sich innerlich aus den Fängen der Bande zu lösen. Sie bereute ihre Taten aufrichtig. Und mir mangelte es nicht an der Bereitschaft zur Vergebung. Jedes Mal, wenn ich Petra besuchte, wich der Groll ein Stückchen mehr aus meinem Herzen. Er machte einem Gefühl Platz, das mich begeisterte und zugleich bedrückte, weil der Verstand dagegen rebellierte.
Sie ist sooo süß, Joe! Abba schob die Schnauze über die Tischkante in Richtung Sahneschüssel.
„Pfui!“ Ich kniff in ihr blondes Nackenfell.
Abba quietschte. Aua! Lass deine Laune nicht an mir aus! Kann nichts dafür, dass du an meinem Ex-Frauchen hängst!
Mich traf ein Blitz aus Fujikos Mandelaugen. „Sei bitte nicht grob zu Abba-chan!“
„Sie braucht eine feste Hand. Glaub mir, ich weiß, was ich tue.“
„Hai. Du weißt immer, was du tust.“ Die Ironie in ihrer samtweichen Stimme entging mir nicht. Ahnte sie, wie sehr ich Petra vermisste?
Ich spürte einen Stich in der Brust.
Nennt man Schuldgefühle, du Heimlichtuer!
Abbas Hundeblick lastete auf mir. Meinem Gewissen auf vier Pfoten konnte ich nichts verbergen. Insgeheim wünschte ich, Petra würde auch bei uns am Tisch sitzen. Mit ihr war jede Geburtstagsfeier aufregend gewesen, weil sie kein Blatt vor den Mund genommen und kritische Fragen gestellt hatte. Hätte Onkel Ernst, Rangierer bei der Reichsbahn, nicht wissen müssen, wohin die Züge mit den Frankfurter Juden gefahren waren? Wie viele Menschen hatte Vater an der Ostfront getötet, damit die Nazis länger an der Macht bleiben konnten? Heute musste keiner der Anwesenden fürchten, ins Kreuzverhör genommen zu werden. Es herrschte eitle Harmonie. Plötzlich kam mir meine Geburtstagstafel wie ein Abbild unserer Gesellschaft vor. Verloren in Völlerei und belanglosem Geplauder, während die Missstände dieser Welt ignoriert wurden.
„Hat einer von euch Monitor gesehen?“ Ich stopfte meine Lorenzo-Pfeife und wartete auf eine Antwort. Allgemeines Kopfschütteln.
„Unsere Nationalspieler wurden gefragt, ob die WM in Argentinien boykottiert werden sollte. Kann man in einem Land Fußball spielen, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden? Wisst ihr, was Manfred Kaltz gesagt hat? Belastet mich nicht, hab andere Probleme.“
„Hätte ich auch als Spieler vom HSV“, lästerte Mike. „Zehnter Platz – au Backe! Gladbach ist wenigstens Vize-Meister geworden.“
Vater schabte Krümel vom Teller. „Fußballer brauchen keine politische Meinung zu haben. Die sollen Tore schießen und fertig.“
Ich setzte die Pfeife mit einem Feuerzeug in Gang, das mir Fujiko geschenkt hatte. „Ob Fußballspieler oder nicht – wer angesichts von Folter und Mord schweigt, stellt sich ins moralische Abseits. Brauche ich dir nicht zu erklären.“
Er zog die Brauen zusammen. „Wie darf ich die Bemerkung verstehen?“
„Joe, lass uns nicht beim Essen über Politik reden!“, sagte Fujiko. „In meiner Heimat gilt das als unhöflich.“
„Leben wir in Japan? Nein!“ Der Hemdkragen war mir zu eng geworden, also lockerte ich den Krawattenknoten. „Ich halte es für einen Skandal, dass Paul Breitner aus der Nationalmannschaft rausgeflogen ist, weil er sich getraut hat, den Mund aufzumachen. Er hat gefordert, den Generälen in Buenos Aires den Handschlag zu verweigern.“
„Ja, ja, der Rote Paul“, feixte Mike. „Als er die Kohle von Real Madrid kassiert hat, sind ihm keine Bedenken gekommen unter Francos Diktatur zu spielen. Alter Heuchler!“
„Bravo!“ applaudierte Vater.
Tina unterstützte mich. „Die Junta nutzt die WM für Propaganda, wie die Nazis die Olympiade `36. Ich find`s richtig, wenn man über einen Boykott nachdenkt.“
„Bringt doch nix, Schatz“, kommentierte mein Freund. „Davon abgesehen hat Berti Vogts im Kicker gesagt, dass es in Argentinien gar nicht so schlimm zugeht, wie behauptet wird. Da würde Ordnung herrschen.“
Ich stieß Rauch aus. „Der Knilch hat auch die Todesstrafe für die Schleyer-Entführer gefordert.“
„Was ist daran verkehrt?“, fragte Onkel Ernst. „Dann wär` wieder Ruh in unserm Land.“
„Sicher“, sagte ich. „Warum erschießen wir nicht jeden, der sich weigert, einen Fahneneid zu leisten? General Videla hat 30.000 Kritiker seines Regimes ermorden lassen. Tolles Vorbild. Und Udo Jürgens singt dazu Buenos Dias Argentina!“
Mutter bekam glänzende Augen. „Ah! Ein schönes Lied!“
„Verlogenes Gesülze!“, konterte ich. „Die argentinischen Kerker sind voll mit unschuldigen Demonstranten, darunter auch Menschenrechtler aus Deutschland. Unsere Regierung rührt für sie keinen Finger! Die Herren in Bonn verkaufen lieber Waffen an Videla und scheffeln Millionen!“
Cousine Barbara meldete sich zu Wort. „Sind wir auf einer Tagung vom Politbüro oder feiern wir Geburtstag? Kommt, lasst uns was singen!“
Die Matrone schmetterte ‚Happy Birthday‘. Mike und Onkel Ernst stimmten ein. Unvermittelt...
| Erscheint lt. Verlag | 22.1.2019 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Kommissar Platow | Kommissar Platow |
| Verlagsort | Frankfurt am Main |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | 70er • 70er Jahre • Andreas Baader • Deutscher Herbst • Die Baader-Meinhof-Bande • Frankfurt • Frankfurt-Krimi • Gudrun Ensslin • Krimi • RAF • Siebziger • Ulrike Meinhof |
| ISBN-10 | 3-947612-30-3 / 3947612303 |
| ISBN-13 | 978-3-947612-30-7 / 9783947612307 |
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