Seelenfänger (eBook)
640 Seiten
Piper ebooks (Verlag)
978-3-492-99247-3 (ISBN)
Andreas Brandhorst, geboren 1956 im norddeutschen Sielhorst, schrieb mit seinen futuristischen Thrillern und Science-Fiction-Romanen wie »Das Schiff« und »Omni« zahlreiche Bestseller. Spektakuläre Zukunftsvisionen sind sein Markenzeichen. Zuletzt erschien im Piper Verlag der Roman »Infinitia«.
Andreas Brandhorst, geboren 1956 im norddeutschen Sielhorst, schrieb mit seinen futuristischen Thrillern und Science-Fiction-Romanen wie "Das Schiff" und "Omni" zahlreiche Bestseller. Spektakuläre Zukunftsvisionen sind sein Markenzeichen. Der SPIEGEL-Bestseller "Das Erwachen" widmet sich dem Thema Künstliche Intelligenz. Sein aktueller Wissenschaftsthriller "Ewiges Leben" zeigt Chancen und Gefahren der Gentechnik auf.
Die Foundation
1
Die Sonne hing rot wie Blut an einem grauen Himmel, unter dem sich die Wellen eines grauen Meeres zu schaumgekrönten Bergen auftürmten. Mit zornigem Donnern schmetterten sie auf einen Strand aus schwarzem Kies, der nach zwei Dutzend Metern an den brüchigen Fassaden hoher Gebäude endete. Die Tür, die sich vor Zacharias und Florence geöffnet hatte, schwebte etwa einen Meter über dem Strand, der Brandung so nahe, dass sie die Gischt spürten. Sie standen auf der Schwelle, hinter ihnen ein grollender, kalbender Gletscher, weiß unter einem kobaltblauen Himmel, und vor ihnen die Welt mit dem wütenden Meer und den Klippen aus Gebäudefronten, grau wie der aufgewühlte Ozean und der Himmel darüber.
»Er versucht uns zu verwirren.« Zacharias sprang, landete auf nassem, knirschendem Kies und half Florence herunter. Wie von einem Windstoß erfasst schlug die Tür zu und verschwand. »Was sagen die Daten?«
Florence hob die Hand zum Interface-Äquivalent am Ohr. »Sein Zustand ist stabil. Er schläft. Tetranol-Phase bei sechzig Prozent. Wir haben Zeit genug, Zach.«
»Er schläft«, sagte Zacharias und beobachtete, wie eine weitere Welle wuchs, wie sie noch höher wurde als die anderen vor ihr und zum Strand rollte. »Aber er weiß von uns, und sein Unterbewusstsein wehrt sich mit Derealisation. Er will uns verwirren und vom Weg abbringen.« Zacharias konzentrierte sich auf die Welle, und sie teilte sich, schlug rechts und links von ihnen auf den Kies. Ihre Ausläufer erreichten die nächste Gebäudefront und leckten daran empor. Einige lockere Putzfladen lösten sich, und die Reste der Welle nahmen sie mit, als sie über den Strand zurückströmten und sich wieder mit dem Meer vereinten.
»Die Verbindung ist gut«, sagte Zacharias zufrieden. »Ich bleibe in ihm.« Es fühlte sich auch gut an, zu sprechen und sich zu bewegen. Er genoss es jedes Mal und brauchte Florence nicht extra darauf hinzuweisen; sie wusste es genau. Er lächelte bei diesem Gedanken.
»Warum lächelst du, Zach?«, fragte Florence.
»Nur so«, log er und nahm ihre Hand. »Komm, lass uns die nächste Tür suchen. Sie muss hier ganz in der Nähe sein; ich spüre es.« Es juckte hinter seinem linken Auge, ein sicherer Hinweis.
Seite an Seite gingen sie über den schwarzen Kies, während das Meer rauschte und weiterhin Wellen donnernd auf den Strand schlugen. Die Erschütterungen waren so heftig, dass der Boden unter Zacharias’ Füßen erzitterte.
»Ich habe nie etwas davon gehalten, dass die Patienten direkt vorher vom Kontakt erfahren«, sagte er. »Es gibt ihnen Gelegenheit, sich vorzubereiten, ob Tetranol oder nicht. Es ist besser, die Verbindung herzustellen, wenn sie nicht direkt damit rechnen. Das macht es leichter für uns.«
»Du schaffst es«, sagte Florence. »Du wirst immer besser.« Zacharias lächelte erneut. »Spricht da die Therapeutin, die mein Selbstbewusstsein stärken will, oder …?«
»Lass dich nicht ablenken«, mahnte Florence. »Von nichts. Erinnere dich an Lingbeek. Zuerst die Aufgabe, Zach.«
Sein Lächeln wuchs in die Breite. »Lingbeek … das ist eine Ewigkeit her; damals war ich jung und unerfahren.«
»Und heute bist du alt und reif, ja?«
Zacharias ging nicht darauf ein. »Wenn wir dies erledigt haben, könnten wir noch ein wenig bleiben. So wie beim letzten Mal. Niemand braucht zu wissen, wie lange es gedauert hat. Wir nehmen uns ein wenig Zeit …«
»Pass auf!«
Aus dem Augenwinkel bemerkte Zacharias eine Bewegung. Ein hoher Erker löste sich von dem Gebäude, an dem sie gerade vorbeikamen, und stürzte in die Tiefe.
»Schließ die Augen, Flo.«
Sie kam der Aufforderung sofort nach.
Zacharias beobachtete den tonnenschweren Erker, der wie eine steinerne Faust auf sie herabschlug, und dachte: Es gibt dich nicht; du kannst mich nicht von deiner Existenz überzeugen.
Es krachte, der Boden erbebte heftiger, Steinsplitter flogen umher, und es wogte Staub, so dicht, dass Meer, Strand und Gebäude für einige Sekunden hinter einem Schleier grau wie der Rest der Welt verschwanden.
»Das Trauma versucht sich zu schützen«, sagte Zacharias und ging weiter, Florences Hand noch immer in der seinen. Sie hob die freie Hand zum Interface. »Die Sensoren registrieren stärkere Hirnaktivität. Herzschlag und Atmung werden schneller.«
»Er schläft, aber sein Unterbewusstsein ist hellwach.« Zacharias blickte über die Fassaden, suchte nach Hinweisen und verließ sich dabei auf seinen besonderen Instinkt.
»Wir sind hier nicht unverwundbar«, sagte Florence mit einem leisen Vorwurf in der Stimme. »Du bist besser geworden, Zach, aber du machst noch immer den Fehler, gelegentlich in deiner Wachsamkeit nachzulassen. Denk an Helen und Duke. Sie sind ebenfalls unvorsichtig gewesen und haben drei Monate gebraucht, um den Schock zu überwinden. Von Penelope ganz zu schweigen.«
Penelope, dachte er, während er die Suche nach der nächsten Tür fortsetzte. Santa Maria. »Weißt du, was mit ihr passiert ist?«
Sie schritten über den Strand, über knirschenden, ächzenden Kies, während links von ihnen das wütende Meer donnerte und die Sonne blutrotes Licht auf den Strand warf.
»Such die Tür, Zach.«
»Ich suche sie, Flo, ich suche sie. Aber du hast Penelope erwähnt und mich neugierig gemacht. Was ist mit ihr passiert? Seit drei Jahren liegt sie im Bett, nicht wahr? Angeschlossen an Maschinen, die sie am Leben erhalten. Hat sie einen Schock erlitten wie Helen und Duke?«
Florence sah sich voller Unbehagen um. »Ich weiß, wie gern du redest, wenn wir unterwegs sind, Zach, aber wie gesagt: Du solltest besser aufpassen. Unterschätze die Gefahr nicht. Fühl dich nie zu sicher.«
Ich spreche, weil ich hier sprechen kann, dachte Zacharias und fragte: »Hat sich Penelope zu sicher gefühlt? War sie unvorsichtig? Und wie kam es zur Stigmatisation? Ist sie in einer der Seelen, die sie besucht hat, Jesus begegnet?« Es war scherzhaft gemeint, aber diese Welt, mit dieser blutroten Wunde am leichengrauen Himmel, gab den Worten einen seltsamen Klang.
»Sie war ein Traveller wie du und die anderen …«
»Nein, nicht wie ich«, sagte Zacharias sofort.
Florence verstand ihn und nickte. »Sie lag schon in dem Bett, als ich zur Foundation gekommen bin«, fuhr Florence fort. Der Wind zerzauste ihr das dunkle Haar und ließ die Locken fliegen. Mit Mühe widerstand Zacharias dem plötzlichen Wunsch stehen zu bleiben, die zierliche Frau in die Arme zu schließen und sie zu küssen. Ich würde sie gern umarmen, weil ich sie hier umarmen kann, dachte er. »Und die Male an den Händen erschienen ein Jahr später. Niemand zweifelt daran, dass sie psychogener Natur sind. Helen war die Erste, die sie Santa Maria nannte.«
»Aber was ist mit ihr passiert?«
»Ein Trauma bei einer Behandlung, habe ich gehört«, sagte Florence. »Sie hat versucht, jemanden zu heilen, und dabei ist sie krank geworden. Auch das kann passieren, wenn man nicht aufpasst, Zach.«
»Hat jemand versucht, in ihr nach dem Rechten zu sehen und sie zurückzuholen? He!« Er wandte sich Florence zu.
»Wir könnten es versuchen. Was hältst du davon?«
»Du bist gut, Zach, aber noch nicht so gut. Es fehlt dir an Disziplin. Vielleicht in einigen Monaten …«
Das Jucken hinter dem linken Auge wiederholte sich, und Zacharias deutete zur fleckigen Gebäudewand vor ihnen. »Da ist sie, die nächste Tür, gut versteckt. Und die letzte, glaube ich.« Zacharias neigte kurz den Kopf zur Seite, als lauschte er einer Stimme, die ihm etwas zuflüsterte. »Ja, die letzte.«
Dünne Linien bildeten sich in der Mauer, als Zacharias sie berührte. »Komm schon, zeig dich«, sagte er ungeduldig. »Ich weiß, dass du da bist.«
Die Linien wuchsen aus der Gebäudefront heraus und in die Breite, wurden zu einer Tür, schmaler als die anderen. Silbrig glänzende Stacheln bildeten sich an ihrer Klinke, fielen aber mit einem Klirren wie von Glas ab, als Zacharias den Blick darauf richtete. Er öffnete die Tür und trat auf eine breite Straße, ihr Kopfsteinpflaster so blutrot wie die Sonne am Himmel über dem tosenden Meer. Rechts und links führte die Straße an Backsteinmauern vorbei, die fast so rot waren wie das Kopfsteinpflaster und sich nach jeweils etwa hundert Metern in grauem Nichts verloren. Auf der anderen Seite, der Tür direkt gegenüber, stand ein breites schmiedeeisernes Tor offen und gab den Weg frei auf eine asphaltierte Zufahrt, die vor einer schneeweißen, im Jugendstil errichteten Villa endete. Mehrere Luxuslimousinen standen dort, und weitere Wagen reihten sich auf dem Parkplatz neben der Villa aneinander.
Nichts rührte sich. Es war vollkommen still.
»Das Ziel befindet sich in dem Haus«, sagte Zacharias mit plötzlicher Gewissheit. »Wir sind fast da, Flo.«
Sie überquerten die Straße – hinter ihnen verschwand die schmale Tür –, schritten durchs Tor und folgten dem Verlauf der Zufahrt. Nichts regte sich, nicht ein einziges Blatt an den Bäumen, die das Asphaltband säumten.
Rechts neben der Villa, hinter mehreren Büschen und von der Straße aus nicht zu sehen, stand eine Kutsche mit zwei angeschirrten rabenschwarzen Pferden, beide ebenso in Zeitlosigkeit erstarrt wie alles andere, das eine mit gesenktem Kopf, das andere mit einem gehobenen Vorderlauf.
»Was hat die Kutsche zu bedeuten?«, fragte Zacharias und versuchte, alle seine Gedanken auf die Mission zu fixieren. Florence hatte recht. Es war gefährlich, sich ablenken zu lassen. Unglücklicherweise war es gerade der Umstand, dass er sich frei bewegen und sprechen konnte, der es ihm oft schwer machte, sich zu...
| Erscheint lt. Verlag | 11.1.2019 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Buch • Bücher • das erwachen • Deutscher Science Fiction Preis • deutsche Science-Fiction • Koma • mentale Welten • Science Fiction • SciFi • Traveller • Verbrechen • Zacharias Calm |
| ISBN-10 | 3-492-99247-1 / 3492992471 |
| ISBN-13 | 978-3-492-99247-3 / 9783492992473 |
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