Jerry Cotton Sonder-Edition 95 (eBook)
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-7460-5 (ISBN)
Ihm blieb noch eine Stunde. Sie hatten es ihm telefonisch angekündigt. In diesen sechzig Minuten konnte er alles tun. Beten oder sich besaufen. Oder sich ein Girl kommen lassen. Nur eines konnte er nicht - fliehen. Viermal hatten sie ihn eingekreist, und dreimal war er ihnen entkommen. Aber jetzt war er am Ende, endgültig ...
2
»Nein«, sagte Mrs. Clayton, als Phil und ich unsere Ausweise präsentierten. »Nicht noch eine Vernehmung! Ich habe mir bei Ihren Kollegen schon den Mund fusselig reden müssen. Ich bleibe dabei. Mister Stantons Tod überrascht mich nicht, er hat ihn sogar, wenn Sie mich fragen, verdient. Ein Mann, der eine unschuldige Frau mit der Waffe bedroht und seine Miete nicht bezahlt …«
»Er hieß in Wahrheit gar nicht Stanton«, informierte ich sie. »Er hieß Brocker. Joe Brocker.«
»Ich weiß, das habe ich inzwischen erfahren. Aber für mich bleibt er Mister Stanton, der Schrecken des Hauses«, erwiderte sie.
»Seit wann wohnte er bei Ihnen?«
»Er hat das Zimmer vor vier Wochen gemietet, Agent Cotton, war aber nicht jeden Tag hier. Er blieb oft nächtelang weg«, antwortete die Frau.
»Empfing er Post?«, fragte Phil. »Besuch?«
»Nein, aber er hat viel telefoniert. In seinem Zimmer steht ein Münzapparat.«
»Mit wem hat er gesprochen?«, erkundigte sich mein Partner.
Mrs. Clayton mimte Entrüstung. »Na, hören Sie mal! Ich lausche doch nicht an fremden Türen.«
»Die Wände sind dünn«, kam Phil ihr entgegen, »da kriegt man ungewollt manches mit.«
»Sorry, Gentlemen, ich habe nie etwas gehört«, behauptete sie.
»Sprach er manchmal mit anderen Mietern?«, fragte ich.
»Mit keinem. Ich hatte den Eindruck, dass er sie mied und kontaktscheu war.«
Wir erkundigten uns, wann er wegzugehen und wiederzukommen gepflegt hatte, aber Joe hatte dabei offensichtlich kein besonderes System entwickelt.
Joe Brocker.
Ich hatte ihn zuletzt vor drei Jahren gesehen, etwa zwei Wochen vor seinem plötzlichen Verschwinden. Er hatte uns ein paar Zeilen hinterlassen, die besagten, dass er sich entschlossen habe, ein neues Leben zu beginnen, und dass wir nicht versuchen sollten, ihn daran zu hindern.
Solche Fälle hatte es schon gegeben. Joe hatte im Rauschgiftdezernat Dienst getan und vorher einige harte Fälle zu knacken gehabt. Es ist nicht jedermanns Sache, diese Dinge abzuschütteln wie lästige Regentropfen. Joe, so hieß es, sei dabei durchgedreht.
Das Dumme war nur, dass er niemals den Eindruck eines Mannes mit schwachen Nerven gemacht hatte. Im Gegenteil. Er war sachlich, hart und gerecht gewesen, ohne deshalb in den Fehler zu verfallen, wie ein Roboter der Gesetzeswahrer aufzutreten.
Wahrscheinlich hätte man sein Vorgehen und seine Zeilen akzeptiert, ohne großen Wirbel zu machen, wenn er sich nicht einen kleinen und doch gravierenden Fehler geleistet hätte. Er hatte seinen Smith & Wesson, seine Dienstpistole, mitgenommen. Das war Unterschlagung von Staatseigentum, und schon aus diesem Grund musste man damals eine Akte anlegen. Sie war später irgendwo als unerledigt verstaubt, aber als man ihn heute gefunden hatte, war es ausgerechnet der Revolver gewesen, der seine Identifizierung beschleunigt hatte.
Formaljuristisch gesehen hatte er bei uns niemals eine ordnungsgemäße Kündigung eingereicht, daher galt er noch immer als FBI-Beamter, wenn auch als einer, der wegen etlicher Paragrafen vom Dienst suspendiert worden war. Vorübergehend, wie es in seiner Akte stand.
Wir wussten, dass Joe Brocker noch einen alten Vater hatte, der irgendwo in Iowa lebte, aber wir wussten auch, dass es zwischen Vater und Sohn in den letzten Jahren keinen nennenswerten Kontakt mehr gegeben hatte.
Joe Brocker hatte seinem Alten mehrere Male eine Postkarte und dreimal jeweils tausend Dollar geschickt, ohne feste Absenderangabe und nur mit herzlichen, aber sehr allgemein gehaltenen Grüßen.
Mr. High, unser Chef, legte verständlicherweise Wert darauf, zu erfahren, warum der Ex-FBI-Agent Joe Brocker ermordet worden war und was ihn damals veranlasst hatte, plötzlich den Dienst zu quittieren.
Das war in erster Linie eine menschliche Frage, aber selbstverständlich gab es auch noch andere, rein dienstliche Gründe, die unsere Aufgabe rechtfertigten. Sie bestand schlicht und einfach darin, drei Lebensjahre von Joe Brocker aufzurollen, drei Jahre, von denen wir nicht das Geringste wussten.
Dass es ihm zuletzt miserabel gegangen war, ließ sich aus der Tatsache schließen, dass er nur noch wenig Wäsche und Kleidung und kein Bargeld besessen hatte. Bei seinem Tod hatte er noch ganze siebzig Cent in seinen Taschen gehabt, und sein ausgefranstes Oberhemd bewies deutlich, wie tief er gesunken war oder wie gleichgültig er zuletzt dem Leben gegenübergestanden hatte.
Wir verabschiedeten uns von der rothaarigen Mrs. Clayton und fuhren zur Westend Avenue. Der Fahrer, vor dessen Wagen Joe Brocker auf offener Straße erschossen worden war, hatte ausgesagt, dass Joe verlangt hatte, zum Aston Place gefahren zu werden.
Das war immerhin ein Anhaltspunkt. Es gab weitere, aber sie waren im Moment zu vage, um etwas damit anfangen zu können. Wir wussten, dass die beiden Kugeln, die Joes Tod herbeigeführt hatten, aus einer Entfernung von mehr als hundertfünfzig Yards abgefeuert worden waren, vermutlich aus einem Gewehr mit Zielfernrohr, dessen Schütze auf dem Dach eines Hauses gelegen hatte. Wir wussten auch, dass der Tote an einer üblen Beinwunde laboriert hatte, einer Schussverletzung, die zu eitern begonnen hatte, weil irgendjemand so töricht gewesen war, die Kugel mit einem Taschenmesser herauszuschneiden. Die Wunde, so hatten wir vom Polizeiarzt erfahren, war etwa drei Wochen alt.
»Er hat sich versteckt, und sie haben ihn aufgestöbert«, meinte Phil. »Eine andere Erklärung gibt es nicht.«
»Vor wem versteckt?«, fragte ich.
»Das müssen wir herausfinden.«
Aston Place war ein Riesenkomplex, mindestens zwanzigstöckig, in Terrassenbauweise errichtet. Der Manager hieß Ralph Green und wirkte so glatt und gelackt wie die ultramoderne Einrichtung der riesigen Halle. Er informierte uns darüber, dass es im Aston Place insgesamt zweihundertzweiunddreißig Apartments gab, von denen zurzeit nur zwei nicht vermietet waren.
Wir ließen uns die Liste der Mieter vorlegen und machten ein paar Notizen, als wir auf bekannte Namen stießen. Rex Prowler. Er war ein illegaler Buchmacher. Dann Frank Bruccoli. Vorbestraft wegen Erpressung und Korrumpierung des Boxgeschäfts. Dann Cynthia Globe, Ex-Freundin einiger prominenter Syndikatsbosse und Inhaberin einiger Nachtklubs, in denen bei Razzien Rauschgiftsüchtige und ein paar Haschhändler verhaftet worden waren.
Ich legte dem Manager ein Foto von Joe Brocker vor. Es war vier Jahre alt. Ich hatte den Toten im Leichenschauhaus gesehen und wusste, dass er zuletzt nicht viel anders ausgesehen hatte, ein wenig hagerer vielleicht, mit einem bitteren Ausdruck in den Mundwinkeln.
»Haben Sie den schon mal gesehen?«, wollte ich wissen.
Er warf einen kurzen Blick darauf und gab mir das Foto kopfschüttelnd zurück. »Zeigen Sie das lieber dem Portier. Ich sitze fast immer im Office. Vom Kommen und Gehen der Besucher kriege ich nicht viel mit.«
Phil schnappte sich das Foto und stand auf. »Ich erledige das«, meinte er und trabte davon.
»In einem solchen Haus gibt es manchmal Ärger«, sagte ich und blickte Green an. »Als Manager bekommt man einen Blick für schwarze Schafe. Wen würden Sie am ehesten wieder loswerden wollen?«
Er steckte sich eine Zigarette an. Ich sah dabei, dass seine Hände manikürt waren. Die Nägel waren mit einer dünnen Schicht farblosen Lacks bedeckt.
Er inhalierte tief, dachte kurz nach und meinte dann: »Keinen. Ganz ehrlich. Wir haben in den unteren Etagen Suiten vermietet, die monatlich tausend Dollar und mehr einbringen. Es ist klar, dass Leute darin wohnen, für die Geld keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt. Solche Leute treffen Sie nicht beim sonntäglichen Kirchgang oder in der Universitätsbibliothek an. Es sind Menschen, die ihr Leben genießen wollen. Und dementsprechend hektisch geht es bei ihnen zu. Partys in den Wohnungen. Viel Krach, viel Alkohol, viel Turbulenz. Angenehme Mieter? Nein, das sind sie gewiss nicht. Aber sie zahlen pünktlich ihre Miete, und sie sind amüsant. Etwas anderes können Sie in einem Haus dieser Prägung nicht erwarten.«
»Wie geht es Rex Prowler?«, fragte ich.
»Nicht so besonders, glaube ich. Er hat sich ein kleineres Apartment genommen, das ist kein gutes Zeichen, aber schuldig geblieben ist er uns noch nichts.«
»Und Bruccoli?«
»Immer gut in Schale«, berichtete Green. »Viele Girls, viel Betrieb, viel gute Laune. Kein Mann nach meinem Geschmack. Trotz seines Geldes merkt man ihm an, dass er aus der Gosse stammt.«
»Was ist mit Cynthia Globe?«
»Sie ist immer noch schön, schöner als früher, wenn Sie mich fragen. Ich wette, sie ist schon vierzig, aber wenn man sie sieht, hält man sie für dreißig. Gut gewachsen, immer freundlich, eine Frau, nach der sich die Männer umdrehen und die es offenbar versteht, Geschäfte zu machen. Soviel ich höre, gehen ihre Nachtklubs ausgezeichnet.«
»Können Sie uns eine Kopie der Mieterliste anfertigen lassen? Sie wird selbstverständlich vertraulich behandelt«, sagte ich.
»Ich lasse sie Ihnen ablichten und schicke sie Ihnen noch heute zu.«
Phil kam zurück. »Fehlanzeige.«
Ich stand auf. »Ist Cynthia Globe um diese Zeit zu erreichen?«
»Ja, im Allgemeinen«, meinte Green und brachte uns zur Tür.
»Sie wird sich freuen, uns wiederzusehen«, sagte Phil spöttisch, als uns der mahagonigetäfelte Lift mit vornehmem Summen in die vierte Etage trug.
»Warum nicht?«, fragte ich und dachte an unsere kurzen...
| Erscheint lt. Verlag | 29.12.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton Sonder-Edition | Jerry Cotton Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Action Abenteuer • action romane • action thriller • action thriller deutsch • alfred-bekker • Bastei • bastei hefte • bastei heftromane • bastei romane • bastei romane hefte • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • Fall • gman • G-Man • Hamburg • Heft • Heftchen • Heftroman • heftromane bastei • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Krimi deutsch • krimi ebook • Krimi kindle • Kriminalfälle • Kriminalgeschichte • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Kriminalromane • kriminalromane 2018 • kriminalromane deutsch • Krimi Reihe • Krimireihen • krimi romane • Krimis • krimis&thriller • krimis und thriller kindle • Krimi Urlaub • letzte fälle • martin-barkawitz • Polizeiroman • Romanheft • Roman-Heft • schwerste fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • spannende Thriller • Spannungsroman • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-7460-1 / 3732574601 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-7460-5 / 9783732574605 |
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