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1919 (eBook)

eBook Download: EPUB
2019 | 1. Auflage
440 Seiten
Verlag Antje Kunstmann
978-3-95614-301-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

1919 -  Herbert Kapfer
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1919. Deutschland unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Aufstände. Räterepubliken. Freikorpskämpfe. Versailler Vertrag. Dolchstoß, politischer Mord, Revanche und Nazismus: Hätte Geschichte anders verlaufen können? Soldaten, Rückkehrer, Revolutionäre, Minister, Freikorpskämpfer, Gymnasiasten, Matrosen, Monarchisten, Vertriebene, Verliebte, ein Vagabund, eine Zeitungsverkäuferin: In ihren Geschichten präsentieren sich die tausendfachen Probleme einer Zeit, die von den Explosionen des Krieges erschüttert und von der katastrophalen Niederlage geprägt ist, von Hunger, Massenelend und Kriegsgewinnlern, von fanatischem Nationalismus und sozialrevolutionären Ideen, von militärischer Gewalt und Fantasien freier Liebe. In 1919 fließen Hunderte von Splittern, Szenen und Handlungsverläufen aus zeitgenössischen Romanen, Berichten und Aufsätzen zusammen. Ein Erzählstrom in 123 Kapiteln, der aus den Ideen und Kämpfen der Zeit schöpft, aus trivialen, völkischen, utopischen, dadaistischen, reaktionären, politischen, literarischen und fotografischen Quellen. Ein Spiel mit historischen Möglichkeiten und literarischen Figuren, imaginierten Geschichten und realen Ereignissen, kollektivem Wahn und individuellen Wirklichkeiten. Eine Fiktion, die extreme Positionen vorführt und die Widersprüche der Weimarer Republik zuspitzt, die von Kaiser Wilhelms Glück und Ende erzählt, von der Bruderschaft der Vagabunden und dem Untergang einer Flotte, von den Träumen der Kunst und der Rückkehr deutscher U-Boote. Ein kühnes, überraschendes, ungeheuerliches Werk wider Geschichtsvergessenheit, Fatalismus und blinden Gehorsam. Ein wegweisendes Buch über ein Weltende, das eine Zukunft war.

Herbert Kapfer, 1954 in Ingolstadt geboren, ist Autor und Publizist. Von 1996 bis 2017 leitete er die Abteilung Hörspiel und Medienkunst im BR. 2017 erschienen die Bücher Verborgene Chronik 1915 - 1918 (mit Lisbeth Exner) und die Essaysammlung sounds like hörspiel.

Herbert Kapfer, 1954 in Ingolstadt geboren, ist Autor und Publizist. Von 1996 bis 2017 leitete er die Abteilung Hörspiel und Medienkunst im BR. 2017 erschienen die Bücher Verborgene Chronik 1915 – 1918 (mit Lisbeth Exner) und die Essaysammlung sounds like hörspiel.

Der Unteroffizier war sehr bleich, als er mit uns sich zur nächsten Tür wandte. Wir pochten, und es öffnete niemand. Wir pochten nochmals und pochten stärker, wir klopften mit nervöser, immer mehr gesteigerter Hast, dann sprang Hoffmann vor und trat die Tür ein.

Doch wir, wir klammerten uns an den Befehl, wir schritten mit stumpfen Gesichtern durch die Räume, wir griffen gleichmütig in die Strohsäcke, stocherten unter die Betten, öffneten die Schränke, fuhren mit dem Arm durch die armseligen Kleidungsstücke, und doch war es so, als handelten wir wie die Diebe. Unter der Prüfung stets starrender Augen, die uns im Rücken brannten und das Kreuz steiften, klopften wir an die Wände, pochten an die Türen, rissen Bettzeug auseinander und suchten. Und fanden nichts. Fanden nichts im ganzen, vielstöckigen Hause, außer dem einen Gewehr.

Am 20. Januar 1919, am Tage nach der Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung, kamen die Kommandeure der in Berlin stehenden Truppen zum Oberbefehlshaber Noske. Sie erklärten, sie könnten für den Bestand der Truppen keine Garantie übernehmen. Die Agitation der Unabhängigen und Spartakisten unter den Soldaten sei derart intensiv, daß ein längeres Verbleiben der Formationen in der Stadt für den Geist der Truppe gefährlich sei. Es sei zu erwägen, ob die Formationen nicht wieder auf die Übungsplätze, Vororte und Dörfer zurückzunehmen wären.

Die Regierung der Volksbeauftragen beschloß, die Nationalversammlung in Weimar tagen zu lassen.

Das Freiwillige Landesjägerkorps Maercker galt als die bestdisziplinierte Truppe, und es sollte wohl eine Anerkennung bedeuten, daß General Maercker den Auftrag bekam, die Tagung der Volksvertreter in Weimar zu schützen. Der Arbeiter- und Soldaten-Rat von Thüringen aber war nicht einverstanden mit dieser Anerkennung und sandte ein gekränktes Telegramm an den Oberbefehlshaber Noske. Die Garnisonen von Thüringen seien allein imstande, die Sicherheit der Volksvertreter zu garantieren, und fremde Truppen seien in Thüringen durchaus unerwünscht.

Die Unabhängigen und Spartakusleute sahen im Zusammentreten der Nationalversammlung eine unmittelbare Bedrohung der revolutionären Errungenschaften. Der von ihnen erstrebte und in den Anfängen durchgeführte Räteaufbau des Staates mußte, das wurde scharf erkannt, dem bürgerlich-demokratischen Prinzip gegenüber, durch welches allein die Nationalversammlung und die in ihr zu schaffende Verfassung ihre Geltung erhalten konnte, mit allen Mitteln behauptet werden, sollte nicht aus der Revolution ein Gebilde erwachsen, das deren Sinn verfälschte.

Im Reiche war die Herrschaft der Räte noch fast völlig unangetastet. Nur in Berlin war sie gebrochen. Aber schon marschierten Truppen nach Bremen, schon schufen in Wilhelmshaven Offiziere und Soldaten unter dem Korvettenkapitän Ehrhardt eine neue Ordnung, in der die Räte ausgeschaltet waren. Es beruhte jedoch die Macht der Arbeiter- und Soldaten-Räte im Reiche einfach auf der Tatsache, daß sie ihnen bislang noch niemand streitig gemacht hatte. In den Betrieben waren die Belegschaften zersplittert und die Arbeiter-Räte keineswegs einer unbedingten Gefolgschaft sicher, die bewaffneten Kampfkräfte klein an Zahl und nicht gehärtet. Selbst in Berlin waren es immer nur die Einzelnen, die den letzten Einsatz für die Revolution wagten, Versprengte, Unbestechliche, und freilich konnten sie unter günstigen Umständen die Masse mit sich zwingen. Aber es rief niemand anders sie, als die Stimme ihres Blutes, sie fanden sich auf den Barrikaden zusammen, wie sich diese Männer immer zusammenfinden dort, wo Gefahr ist, aber sie waren nicht geeignet als blitzende Werkzeuge einer zu bildenden Macht, sie erkannten keine Führung an, sie gehorchten keinen Räten.

Die Freikorps aber, geworben für den Schutz der Grenze im Osten, der Stamm der Frontsoldaten, freiwillige Studenten, Schüler, Kadetten, Offiziere, Arbeiter, Bauern, Handwerker und ewige Soldaten, sie standen im Solde der Regierung, marschierten, wie es Noske befahl.

Als die kleine Gruppe der Quartiermacher des Landesjägerkorps nach Weimar kam, befahl der Weimarer Soldatenrat, sie zu entwaffnen. Aber die Quartiermacher eilten vor das Hauptquartier des Rates; der Vorsitzende, zwischen zwei Maschinengewehren stehend, erklärte, er weiche nur der Gewalt. Da warfen die Landesjäger die Maschinengewehre um und drangen in das Gebäude. Der Vorsitzende des Soldatenrates Weimar aber wich. Dies war die einzige kriegerische Handlung, die in Weimar geschah.

Wir erfuhren davon, als wir in die schlafende Stadt einrückten. Am Bahnhof mußten wir die Seitengewehre aufpflanzen. Unsere Quartiere lagen in Ehringsdorf, wir zogen fröstelnd und übermüdet von der langen, nächtlichen Fahrt durch die dunklen Straßen. Am Nationaltheater machten wir Halt. Wir setzten die Gewehre zusammen und warteten. Neugierig standen die Soldaten um das Denkmal herum. Der Leutnant Kay kletterte auf den Sockel und setzte sich zwischen die Füße der beiden Bronzegestalten. Das Theater stand weiß und geruhig, mit einfachen Linien, wie ein klarer, stiller Tempel in der Nacht. Leutnant Kay sagte: »Der Tag ist wirklich zu absurd. Konfuse, verwirrende Lehren und verwirrter Handel walten über der Welt.« Und klopfte Goethe kameradschaftlich auf den Schenkel.

Die Kultur der Verlogenheit


Die größte Lüge, die man je in die Welt gesetzt hat: in Deutschland sei Revolution gewesen. Die tollste Phantastik, die je einer ausgedacht hat: in Deutschland sei man dabei, der Wahrheit die Ehre zu geben. (Wann hätte sich dieses Volk überhaupt je einmal aufgerafft, die Wahrheit zu erfassen?) Die ungeheuerlichste Verdrehung, wenn jemand behauptet, man sei in Deutschland zu ehrlichem Frieden bereit. Niemand macht Revolution, niemand will Wahrheit, niemand sucht Frieden. Es ist alles anders als deutsche Tatsachen sagen. Deutsche Tatsachen sind gestellt, Kulissen sind zurecht gemacht. Eine feiste, breitärschige Verlogenheit dreht hier das Wort im Munde herum, ein infantiles Wissen um die Schlechtigkeit der Welt schafft das Katastrophale: Es werden immer Scheidemänner in diesem Volk bestimmend sein. Am Ende findet sich immer ein Dioskurenpaar, das man in Bronze gießt: Goethe-Schiller, Ebert-Scheidemann. Etwa so: Das stets Verlogene, hier wirds Ereignis, das schlau Verborgene, hier wirds getan. Noch der Bauch Eberts täuscht eine Fülle vor, die nicht vorhanden ist. Alles was die Deutschen ihre Kultur (la culture par un) nennen, ist verlogen. An den ganzen Errungenschaften der Dichter und Denker kein wahres Wort. Das sind die Leute, die mit einem Goetheband im Tornister ihre Mitmenschen auf Bajonette spießten. Der Goetheband im Tornister bleibt ein für allemal vernichtend, selbst wenn man das Spießen und Morden für etwas hielte, was man nolens volens der Bestie Mensch als eine Charaktereigenschaft zugestehen muß. Wer das Unglück hat, einen Bericht über die Knallbude in Weimar zu lesen, schwitzt Wut. Eine Selektion feister Kleinbürger, Handschuhmacher und Mittelmässer, pfui Deubel. Jeder Gedanke dieser Revolution ist zusammengestohlen aus Frankreich, aus Rußland, aus England. Jede Geste dieser Müllkutscher-Emeute ist abgesehen und abgelernt. Dabei wollen diese traurigen Imitatoren von der Welt für anständige Rüpel gehalten werden. Sehen Sie, wie sie jetzt versuchen, den Arsch in die Luft und den Kopf in den Sand zu stecken. Die Kerle faseln von Revolution, Frieden und Sozialismus, ohne den Mut zu haben, ihre Schuftereien einzugestehen. Revolution ist Wahrheit. Jawoll! Revolution ist Arbeit, sagt Scheidemann. Immer weitergeschuftet, mag der Geist zum Teufel gehen. Ist ja längst gegangen. Ist nie dagewesen. Das »Deutschland über alles« paukt schon wieder durch den Höllenlärm. Ja, es ist der Grundbaß, den sie nie verloren haben: Teutschland über alles! Weiß der Teufel, sonne Revolutschon macht Spaß und schließlich muß ein kultiviertes Volk sozusagen doch auch eine Revolutschon gehabt haben, zumal um hinter Frankreich, das ganz degeneriert ist, und hinter Russland, das unkultiviert und barbarisch ist – nicht wahr? – nicht zurück zu bleiben. Ja – Revolutschon muß sein. Der Kaiser zum Beispiel – ja wir wollen keinen Soldatenrat, Ordnung muß sind, aber der Kaiser, schön wars doch, aber hin ist hin. Indessen Ludendorff, wenn er zum Beispiel zufällig auf die Straße kommt. Heil Ludendorff im Siegerkranz – du demokratischer Kerl: sollst leben. Das Volk der Richter und Henker streckt sich im Glanze seines Ruhmes. Furchtlos, nach der Vernichtung des letzten Spartakusbombenmannes, der, infamer Heuchler, in der Maske des bei der Regierung so beliebten Tirpitzes auf der Siegessäule entdeckt wurde. Moralisch erschauernd, Abscheu speiend, weil hundertundfünfzig Polizeimänner in Lichtenberg hätten ermordet werden können, wenn sie den königlich-demokratischen Mut gehabt hätten, nach Lichtenberg zu gehen. Ja – heil der deutschen Republik. Auf das Kommando: Los! befreite sich das deutsche Volk am neunten November 1918 von seinen häßlichen Bezwingern. Wir wollen Frieden und Brot. Ja – Ordnung muß sind. O, Krieg, haben wir gemacht, eine Organisation des Mordens, ein System der Bestialität....

Erscheint lt. Verlag 13.2.2019
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 1919 • Dolchstoß • Fatalismus • Fiktion • Freikorps • Geschichte • Herbert Kapfer • Krieg • Militär • Politik • Versailler Vertrag • Weimarer Republik • Weltkrieg
ISBN-10 3-95614-301-9 / 3956143019
ISBN-13 978-3-95614-301-4 / 9783956143014
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