Lassiter 2423 (eBook)
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-7469-8 (ISBN)
Der letzte Schuss hallte noch von den Bergen wider, als Desmond Kane die langläufige Browning sinken ließ. Ein schmaler Rauchfaden stieg aus der Mündung in den Abendhimmel.
'Verflucht noch mal, was für ein Treffer!', rief der Mann links von ihm aus und klatschte begeistert in die Hände. 'Genau zwischen die Schulterblätter!'
'Höchstens drei Sekunden, dann wäre er außer Sicht gewesen. Das war wirklich knapp', knurrte der Mann auf Kanes anderer Seite.
'Dann hättet ihr ihm folgen müssen', gab Kane ungerührt zurück. 'Ihr wisst, dass wir niemanden davonkommen lassen.' Er deutete auf die Leichen, die rund um die drei Reiter im kniehohen Gras lagen. 'Tragt die Bastarde zusammen und zündet sie an. Als Warnung für die anderen Hurensöhne da draußen, die darüber nachdenken, sich mit mir anzulegen.'
Lassiter verzog die Lippen, als der Zug über eine Bodenwelle ratterte und den Pullman-Wagen ins Schwanken brachte. Geistesgegenwärtig griff er nach der Kaffeetasse, die über den Tisch in Richtung Kante rutschte. Er bekam sie gerade noch zu fassen, bevor sie auf den Teppich fallen konnte.
Ein dumpfes Scheppern hinter ihm verriet, dass jemand anderes nicht so schnell gewesen war.
»In drei Teufels Namen!«, schimpfte eine Frau mit dunkler Stimme. »Ist das hier der Erste-Klasse-Speisewagen oder ein Maultierkarren?«
Lassiter grinste verhalten, während der Stewart mit eiligen Schritten an ihm vorbei hastete, um sich des Malheurs und dem aufgebrachten Fahrgast anzunehmen.
»Drüben an der Ostküste haben die Tische kleine, runde Mulden, damit so etwas nicht passiert«, bemerkte sein Gegenüber. »Dieser Pullman-Wagen verfügt zwar über Vorrichtungen, die die Stöße abfangen sollen, aber bei einer Strecke wie dieser …«
»Ich habe schon Schlimmeres erlebt, Mr. Ellis«, entgegnete Lassiter achselzuckend.
»Das glaube ich Ihnen aufs Wort.« Preston Ellis grinste, zumindest vermutete Lassiter das. Unter dem eisengrauen Bart, der hufeisenförmig Mund und Kinn umrahmte, war das leichte Zucken der Mundwinkel nicht zweifelsfrei zu identifizieren. »Ich habe so einiges von Ihnen gehört, Lassiter. Ein paar der Geschichten, die man sich über Sie erzählt, böten Stoff für eine Dime Novel.«
Der Mann der Brigade Sieben nickte gleichmütig. »Der größte Teil wird aus Übertreibungen und Erfindungen bestehen, Sir. Ähnlich wie in den Heftchen über Wyatt Earp und Wild Bill Hickock, die Sie meinen.«
Ellis nahm einen Zug von seiner Zigarre und blies den Rauch in Richtung Decke, bevor er sich etwas vorbeugte. »Nur keine falsche Bescheidenheit. Ich bin froh, Sie an meiner Seite zu wissen. Diese Sache in Laramie wird kein Kinderspiel, darauf dürfen Sie wetten.«
»Sicher, Sir«, stimmte Lassiter zu, denn diese Sache konnte sich in der Tat als brandgefährlich erweisen.
Er hatte den Auftrag, Bundesmarshal Preston Ellis und seine Männer nach Laramie zu begleiten, vor vier Tagen in Denver erhalten. Gerade einmal eine knappe Woche war ihm zugestanden worden, um sich von seiner letzten Mission zu erholen, die ihm einige Blessuren eingetragen hatte, unter anderem ein Streifschuss an der Hüfte, der immer noch einiges Unbehagen bereitete.
Es ging darum, das Gesetz in Laramie, einem Kaff im Niemandsland und Grenzposten der Zivilisation zwischen den Great Plains und den Rocky Mountains, endlich konsequent durchzusetzen. Denn offenbar waren Recht und Ordnung Begriffe, die dort keinen besonders hohen Stellenwert genossen.
In der Stadt gab es weder einen ordentlich gewählten Sheriff noch eine Gerichtsbarkeit, was in den dünn besiedelten Landstrichen von Wyoming zunächst einmal keine Seltenheit war. Aber durch den Umstand, dass die Union Pacific Railway Company ihre Bahnlinie über den Bridger-Pass nach Westen stetig vorangetrieben hatte, war aus Laramie – noch vor wenigen Jahren nicht viel mehr als ein Bahnsteig mit Zisterne und einem Verschlag für Feuerholz – eine prosperierende Kleinstadt geworden, die neben Trappern, Golddiggern und abenteuerlustigen Siedlern auch allerlei Gesindel angelockt hatte.
Die Bahngesellschaft hatte geglaubt, die Probleme selbstständig lösen zu können, als immer mehr ihrer Züge, aber auch die Jäger und Händler, die die Bahnstation nutzten, von Banditen überfallen wurden. Sie setzte eigene Männer ein, um für die Sicherheit in Laramie zu sorgen. Für eine Weile schien das gut zu funktionieren.
Bis der Trupp der Wächter selbst zum Problem wurde. Denn die Sicherheitsleute, insbesondere deren Anführer Desmond Kane, schienen mittlerweile vor allem eigene Interessen zu verfolgen, statt sich um die Anliegen ihrer Brotgeber oder gar die Gesetze der Vereinigten Staaten zu scheren. Gerüchte über Schutzgeldzahlungen, brutale Willkür gegen Reisende und Bürger sowie blutige Auseinandersetzungen mit den Siedlern der Umgebung häuften sich und hatten die Union Pacific dazu bewogen, in Washington um Hilfe nachzusuchen.
Wyoming galt von jeher als ein Staat, der sich der Zentralregierung und den zweifelhaften Segnungen der fortschreitenden Zivilisation so hartnäckig und störrisch verweigerte wie ein bissiger Maulesel. Die unwegsame Landschaft und das oft menschenfeindliche Klima stellten sich dem ebenso entgegen wie ihre Bewohner, die bewusst die Einsamkeit und die damit verbundene persönliche Freiheit suchten. Auch die Ureinwohner – Lakota, Cheyenne, Pawnee und Arapaho – zählten immer noch zu den widerspenstigsten Stämmen des Kontinents.
Dennoch hatte Lassiter keinen Zweifel daran, dass auch der bockende Esel Wyoming über kurz oder lang gezähmt werden würde. Auch wenn er nicht sicher war, ob ihm das gefiel.
»Dieser blasierte Bursche im schicken Dreiteiler, der uns heute beim Frühstück immer so dämlich zulächelte … ist das unser Aufpasser von der Bahngesellschaft?«, fragte er Ellis.
Der Marshal seufzte und deutete mit seiner Zigarre auf Lassiter. »Gut beobachtet. Obwohl ich Timothy McGuire nicht unbedingt als Aufpasser bezeichnen würde.« Ellis klopfte die Asche am Rand seiner leeren Kaffeetasse ab. »Da überschätzen Sie den Mann nämlich gewaltig.«
»Mr. Ellis!« Die eigentümlich hohe Fistelstimme hinter Lassiter ließ ihn einen kurzen Blick über die Schulter werfen, während der Marshal die dunklen Augenbrauen hob.
»Wenn man vom Teufelchen spricht«, murmelte der Sternträger durch zusammengebissene Zähne hindurch.
McGuire trat an ihren Tisch und tippte mit einer leichten Verbeugung an die schmale Krempe seines Hutes. Als er lächelte, entblößte er dabei zwei Reihen kleiner, spitzer Zähne, die an das Gebiss von Nagetieren erinnerten. Die nervös blickenden Augen und die vorspringende Nase unterstützten diesen Eindruck noch.
»Schön, dass ich Sie hier antreffe, Sir«, sagte McGuire, »es gäbe noch das ein oder andere, dass ich mit Ihnen besprechen möchte, bevor wir Laramie erreichen. Dürfte ich für ein paar Minuten Platz nehmen?«
Widerwillig rückte Ellis auf seiner Bank ein Stück in Richtung Fenster. »Wenn Sie meinen«, brummte er.
»Herzlichen Dank.« McGuire zog ein Taschentuch aus seiner Rocktasche und breitete es mit einer gezierten, aber geschickten Bewegung auf dem Leder der Sitzbank aus, bevor er sich vorsichtig darauf niederließ.
Ellis betrachtete die Prozedur stirnrunzelnd, enthielt sich aber eines Kommentars und deutete stattdessen auf den Mann, der ihm gegenübersaß. »Darf ich vorstellen …«
»Mr. Lassiter, nicht wahr?« McGuire hüstelte und streckte dem Brigade-Agenten über den Tisch hinweg die Hand entgegen. Lassiter zögerte kurz, bevor er sie ergriff und kräftig schüttelte.
»Timothy McGuire. Sehr erfreut …« McGuire zog lächelnd die Hand zurück und zauberte ein weiteres Tuch hervor, mit dem er sich die Hand abwischte, die Lassiter gerade berührt hatte.
»Man hört so einiges über Sie in Washington, und ich bin sehr erfreut darüber, dass Sie Mr. Ellis unterstützen.«
Der Marshal strich sich über den Bart. »Was gibt es denn noch zu besprechen, McGuire?«, knurrte er ungeduldig. »Ich dachte eigentlich, dass unsere Instruktionen eindeutig wären. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass Sie nicht befugt sind, mir irgendwelche Anweisungen zu erteilen.«
Indigniert hob McGuire die Hand an den Hals, um den ein kunstvoll gebundenes violettes Seidentuch geschlungen war, und lehnte sich zurück. »Entschuldigen Sie, Sir – aber das würde ich mir doch auch niemals erlauben.«
»Schön«, entgegnete Ellis grimmig. »Was wollen Sie dann?«
McGuire legte den Kopf von links nach rechts, bevor er sich an einem freundlichen Lächeln versuchte. Lassiter erinnerte die Vorstellung an einen Raubvogel, der den Eindruck erwecken wollte, eine Taube zu sein.
»Nur um ein wenig Geduld bitten, Messieurs«, antwortete McGuire. »Als Regionsvertreter der Union Pacific Railroad für Wyoming vertrete ich die Interessen meiner Company und bin dafür mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet worden.« Der schmächtige junge Mann blähte die Brust und warf sich in Positur. »Daher möchte ich Sie bitten, mich zunächst selbst mit Mr. Kane sprechen zu lassen, bevor Sie voreilig tätig werden.«
Ellis’ Augen verengten sich. Er wollte an seiner Zigarre ziehen, musste aber feststellen, dass sie erloschen war. Also legte er sie bedächtig auf der Untertasse ab, bevor er sich etwas vorbeugte und McGuire mit eisigem Blick fixierte.
»Wollen Sie mir etwa vorschreiben, was ich zu tun habe, Mr. McGuire?«, fragte er, und seine Stimme klang dabei wie dünnes Eis unter schweren Stiefeln.
Lassiter war überrascht, als McGuire nur eine Handbreit zurückwich und eine entschlossene Miene bewahrte.
»Keinesfalls, Sir.« Die Hand des jungen Mannes strich über die Tischplatte, vor und zurück, dann schlossen sich die manikürten Finger zu einer Faust. »Ich möchte mich lediglich bemühen, unnötige Gewalt zu vermeiden. Das ist mein Job, so wie Sie Ihren haben. Wir sind beide demselben Ziel verpflichtet, nämlich Recht und Ordnung in Laramie einkehren zu lassen.«
»Und Sie glauben, Mr. Kane wird sich unseren Anweisungen beugen, wenn Sie mit ihm gesprochen haben?«, mischte sich Lassiter ein.
Ellis und McGuire wandten ihm ihre Köpfe zu, und der Marshal musterte Lassiter stirnrunzelnd.
»Davon bin ich überzeugt, Mister«, beeilte sich McGuire zu...
| Erscheint lt. Verlag | 22.12.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Lassiter |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer-Roman • Abenteurer • alfred-bekker • Bestseller • bud-spencer • buffalo-bill • Cassidy • Chaco • clint-eastwood • Country • Cowboy • Deutsch • e Book • eBook • E-Book • e books • eBooks • erotisch • Erwachsene • erwachsene Romantik • Exklusiv • für • g-f • GF • g f barner • g f unger • Indianer • jack-slade • Karl May • kelter-verlag • Kindle • Klassiker • Krimi • Laredo • larry-lash • lucky-luke • Männer • martin-wachter • Nackt • pete-hackett • peter-dubina • Reihe • Ringo • Roman-Heft • Serie • Sexy • sonder-edition • Unger • Western • Western-Erotik • Western-roman • Westernromane • Wilder Westen • Wilder-Westen • Winnetou • Wyatt Earp • Wyatt-Earp |
| ISBN-10 | 3-7325-7469-5 / 3732574695 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-7469-8 / 9783732574698 |
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