Tom Prox 6 (eBook)
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-7407-0 (ISBN)
Die Suche nach einem jungen Mann namens Francis Dunker führt Tom Prox zur Teufelshöhle. Angeblich ist noch niemand, der einen Schritt ins Innere des Felsens gesetzt hat, lebendig wieder herauskommen ...
Johnson’s Saloon in Somerset genoss in der ganzen Umgebung uneingeschränktes Ansehen. Al Johnson, der korpulente Wirt, war eine ehrliche Haut, der darauf achtete, dass dunkle und anrüchige Existenzen seinem Etablissement fernblieben.
Als er an diesem warmen Sommernachmittag in behäbiger Gemütlichkeit hinter der Theke stand und den Whisky aus dickbauchigen Flaschen in hingehaltene Gläser laufen ließ, merkte niemand von den Zechenden, dass er seit geraumer Zeit einen Gast beobachtete, der es darauf anlegte, einen anderen betrunken zu machen.
Dieser andere war der Cowboy Tuk Granger. Er stammte von der Birring-Ranch und hatte heute bei der Filiale der Great-Western-Bank achttausend Dollars abgehoben; Lohngelder, die sein Boss morgen benötigte.
Als es Johnson zu viel wurde, trat er an den Tisch der beiden und tippte Tuk Granger auf die Schulter.
»Schätze, du hast für heute genug«, erklärte er väterlich. »Wenn du noch die Treppe hinaufkommst, kannst du dich im Gastzimmer ein wenig hinlegen.« Dann wandte er sich dem Fremden zu. »Rate euch, ein Haus weiter zu gehen, Stranger«, sagte er nachdrücklich.
Der Mann sprang hoch. Sein Gesicht lief rot an; wilde Wut blitzte aus seinen Augen. Die Rechte wollte zum Holster fahren.
»Lass das Schießeisen stecken«, mahnte Johnson. »Verschwinde!«
Der Fremdling wollte losschimpfen. Aber der Schankwirt drängelte ihn mit dem rundlichen Bäuchlein, ohne eine Hand zu rühren, der Tür zu.
Die anwesenden Cowboys lachten. Das brachte den Fremden in rasenden Zorn.
»Damned!«, brüllte er böse. »Ist das hier eine Kleinkinderschule?« Seine Hand griff nun doch zum Colt.
Aber Al Johnson war nicht nur korpulent und behäbig, er war auch flink und gewandt.
Ehe der Fremde wusste, was ihm geschah, flog sein Revolver durch ein offenes Fenster auf die Straße hinaus. Dann setzte er sich selbst völlig unfreiwillig durch einen Fußtritt in Bewegung und landete mitten auf der Hauptstraße des schönen Ortes Somerset – genau vor den Füßen eines Mannes, der von der entgegengesetzten Seite herankam.
»Zu viel der Ehre!«, lachte der junge, kräftige Mensch mit den dunklen Haaren. »Hab zwar mal gelesen, dass man früher vor dem Kaiser von China auf dem Bauche kroch, aber du verkennst mich, Sonny! Ich bin leider nicht der Kaiser von China.«
Der Fremde sprang auf und brüllte den Mann wütend an: »Verdammter Hund! Ganz verdammter Sohn einer räudigen Hündin!«
»Sehr angenehm«, erwiderte der lachende Boy mit dem dunklen Haar. »Ich heiße Prox! Tom Prox. Was verschafft mir die Ehre, ganz verdammter Sohn einer räudigen Hündin? Finden Sie Ihren Namen übrigens nicht etwas zu lang?«
Der Kerl aus dem Saloon griff nach dem Holster. Als er merkte, dass er seinen Colt nicht mehr besaß, wollte er das Messer ziehen.
Tom Prox nickte ihm freundlich zu, hieb ihm rechts und links eine Ohrfeige herunter und sagte amüsiert: »Lauf zu Mommy, Baby, und klag ihr dein Leid!«
Der Fremde wollte sich auf den Westmann stürzen. Da aber in diesem Augenblick Mister Tunker die Straße entlang kam, zog er es vor, zu verschwinden. Tunker war der Sheriff von Somerset, und es hieß von ihm, dass er schärfer sei als eine neue Rasierklinge.
Tom Prox trat nun in Al Johnson’s Saloon ein.
»Wieder im Lande?«, fragte der behäbige Schankwirt. »Wo haben Sie Ihren Schatten gelassen? Was heckt der Teufelskerl Pete wieder aus?«
»Etwas von einem Greenhorn namens Francis gehört?«, fragte der Ankömmling zurück. »Francis Dunker, ganz junger Boy, keine Ahnung vom Westen. Einer von denen, die herkommen und die Gegend zum Vergnügen bereisen. Er soll vor vier Wochen in Somerset gewesen sein und ist seitdem verschwunden.«
»Hm«, machte Johnson, schloss die Augen und dachte angestrengt nach. »Werden wir gleich haben«, versprach er dann, hob seine Stimme und rief, dass es wie ein Donnerrollen klang: »Rebekka!«
Eine alte, fette Negerin1) watschelte zur Hintertür herein und baute sich mit der schwabbelnden Fülle ihres umfangreichen Körpers vor Johnson auf.
»Was du wollen, Massah?«, fragte sie ehrerbietig. Es klang wie das Jammern einer ganzen verprügelten Schulklasse.
»Francis Dunker!«, erwiderte der Saloonhalter im Telegrammstil. »Junger Mann. Greenhorn. Aus dem Norden. Bei uns gewesen?«
Die dicke Schwarze nickte eifrig. Ihre Augen strahlten.
»Yeah, Massah!«, röhrte sie. »Da gewesen! Jetzt tot sein.«
»Wie?«, wunderte sich Johnson. »Müsste etwas davon wissen, wenn ihn jemand mit Blei gespickt hätte.«
»Nix Blei!«, verwahrte sich die Negerin empört und fügte wichtig hinzu: »Nix bumbum! Todeshöhle!«
Tom Prox blickte den Schankwirt verwundert an.
Johnson lachte. »Glaub, ich muss Ihnen erst übersetzen, was Rebekka sagt«, erklärte er. »Schon mal was von der Todeshöhle gehört?«
»Keine Ahnung«, gestand Prox. »Ich kann mir aber denken, worum es sich handelt. Irgendwer ist mal in der Höhle ermordet worden. Bei der Vorliebe unseres Westens für grausige Namen heißt sie dann mindestens hundert Jahre lang Todeshöhle.«
Johnson schüttelte den Kopf. »Diesmal daneben getroffen, Mister Prox«, behauptete er. »Es ist eine wirkliche Todeshöhle! Wer hineingeht, kommt nicht mehr heraus. Weder tot noch lebendig.«
Die dicke Negerin mischte sich wieder in das Gespräch.
»Ich alles wissen, Massah!«, erklärte sie aufgeregt. »Junges Greenhorn kommen, trinken Whisky, zwei Männer an Tisch …«
»Desperados?«, unterbrach Tom Prox sie interessiert.
»In meinem Saloon verkehrt kein Gesindel«, erklärte der Kneipwirt stolz.
»Nix Schuft«, fiel die Negerin ein. »Ehrliches Leut! Er fragen: Interessantes in Gegend? Sie sagen: Todeshöhle. Er wollen hin. Sie versprechen, ihn führen. Hundert Dollars. Er sagen Ja. Schlafen bei uns, reiten am nächsten Morgen fort. Dann tot. Schade, schade! Alle drei.«
»Wie?«, überlegte Tom Prox. »Und du weißt das ganz genau, Mommy?«
»Klar«, unterbrach ihn die Negerin. »Tot. Ganz tot. Vollkommen ganz mausetot. Wer in Todeshöhle gehen, sein tot. Yeah!«
»Kannst du mich hinführen, Rebekka?«, fragte der Westmann lachend.
Die Schwarze bekreuzigte sich, verdrehte die Augen und legte ihre Riesenhand auf die Stelle, von der sie glaubte, dass dort ihr Herz sitze.
»Du nie mehr so grausam scherzen, Mister Tom!«, flehte sie. »Arme Rebekka haben schwaches Gesundheit, fallen um und sein tot von furchtbare Witz.«
Der Westmann wandte sich rasch um. Jemand stand dicht neben ihm, der vor wenigen Minuten noch nicht da gewesen war, und als er ihn in Augenschein nehmen wollte, blickte er erstaunt in die Augen eines sehr jungen, sehr hübschen, aber leicht verwahrlost aussehenden Mädchens von höchstens sechzehn Jahren. Um ihren Mund lag ein seltsamer Zug herben Trotzes.
Tom Prox hätte schwören mögen, dass die Kleine ihn hasst. Allerdings konnte er nicht sagen, warum. Er hatte sie schließlich noch nie im Leben gesehen.
»Gib ihr einen Whisky«, wandte er sich gutmütig an Johnson, »und wenn sie Hunger hat, auch etwas zu essen! Sie scheint von weither zu kommen.«
»Kann Girls nicht leiden, die sich allein in der Weltgeschichte herumtreiben«, knurrte der Saloonwirt. Dann schob er der Kleinen ein Whiskyglas hin.
Das Mädchen funkelte ihn aus wilden Augen heraus an und schob das Glas mit so verächtlicher Gebärde beiseite, dass der Alkohol über die Theke floss.
»Nehme nichts von Menschen, die hässlich über mich denken«, zischte sie böse, wandte sich stolz um und ging.
Johnson starrte ihr verwundert nach. »Die Sorte ist doch sonst nicht so«, sagte er überrascht, zuckte die Schultern, und damit war die Angelegenheit für ihn erledigt.
»Wie ist das also mit der Todeshöhle?«, kam Tom Prox wieder auf seine Frage zurück. »Habe ein Interesse an dem jungen Dunker. Sein Vater ist ein einflussreicher Mann: Gouvernementsdirigent in Phönix. Lebt in furchtbarer Sorge um seinen Einzigen und bat mich, nach ihm zu suchen. Haben Sie jemanden, der den Weg zur Todeshöhle kennt?«
»Wahrscheinlich könnte Old Teddy Sie hinführen«, überlegte Johnson. »Wenigstens bis in die Nähe. Kalkuliere, der Alte geht nicht näher als auf drei Meilen an das Ding heran. Aber den Rest des Weges werden Sie schon selbst finden.«
»Und wo steckt Old Teddy?«, erkundigte sich Prox.
Der Wirt wollte eine weitschweifige Erklärung beginnen, als sich die Schwingtür öffnete und ein Junge von ungefähr fünfzehn Jahren den Schankraum betrat. Er war groß, schlank und sein Kopf war ein einziger Schopf wilder, leicht ins Rötliche spielender Blondhaare. Seine Augen blickten fröhlich und treuherzig; um seinen Mund legte sich ein breites Lachen, als er den Westmann erkannte.
»Woher des Weges, Pete?«, fragte Tom Prox erstaunt.
»Hatte in der Stadt zu tun«, erwiderte der Junge lächelnd. »Sah deine Susy vor der Tür stehen.«
»Der Weg zur Todeshöhle also«, begann der Schankwirt von Neuem, wurde jedoch unterbrochen.
»Todeshöhle?«, fragte der Junge interessiert. »Willst du etwa dahin, Tom?«
»Kennst du sie?«, entgegnete der Westmann rasch.
»Selbstverständlich«, behauptete Pete selbstbewusst.
»Bist du drinnen gewesen?«, erkundigte sich Tom gespannt.
»No!«, erklärte Pete. Er schüttelte sich. »Möchte noch gern ein paar Jahre leben. Aber bis auf fünfhundert Meter war ich heran....
| Erscheint lt. Verlag | 11.12.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Tom Prox |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer-Roman • alfred-bekker • Bestseller • billy-jenkins • bud-spencer • buffalo-bill • Cassidy • Chaco • clint-eastwood • Country • Cowboy • Deutsch • e Book • eBook • E-Book • e books • eBooks • Erwachsene • Exklusiv • für • GF • g f barner • gf unger • G. F. Unger • Indianer • jack-slade • Jugend • Karl May • kelter-verlag • Kindle • Klassiker • Krimi • Laredo • larry-lash • Lassiter • lucky-luke • Männer • martin-wachter • pete-hackett • peter-dubina • Reihe • Ringo • Roman-Heft • Serie • sonder-edition • Unger • Western • western-bestseller • Western-roman • Westernromane • Wilder-Westen • Winnetou • Wyatt-Earp |
| ISBN-10 | 3-7325-7407-5 / 3732574075 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-7407-0 / 9783732574070 |
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