Unersättlichkeit (eBook)
596 Seiten
Piper ebooks (Verlag)
978-3-492-99025-7 (ISBN)
Stanis?aw Ignacy Witkiewicz, genannt Witkacy, geboren 1885 in Warschau. Romancier, Dramatiker, Philosoph, Maler, Kunst- und Kulturkritiker. Mit acht Jahren schrieb er seine ersten Stücke und stellt mit siebzehn erstmals seine Bilder aus. 1939 beging er Selbstmord. Wietkiewicz, ein Vorläufer der europäischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts, dessen Bedeutung erst Ende der 1950er Jahre erkannt wurde, beeinflusste u.a. Autoren wie Bruno Schulz, Witold Gombrowicz und Czeslaw Milosz.
Stanisław Ignacy Witkiewicz, genannt Witkacy, geboren 1885 in Warschau. Romancier, Dramatiker, Philosoph, Maler, Kunst- und Kulturkritiker. Mit acht Jahren schrieb er seine ersten Stücke und stellt mit siebzehn erstmals seine Bilder aus. 1939 beging er Selbstmord. Wietkiewicz, ein Vorläufer der europäischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts, dessen Bedeutung erst Ende der 1950er Jahre erkannt wurde, beeinflusste u.a. Autoren wie Bruno Schulz, Witold Gombrowicz und Czeslaw Milosz.
Abend bei der Fürstin Ticonderoga
Ein blauäugiger Geier auf einem riesigen Sofa und ein sonderbar weiches Händchen, fast unanständig in seiner Weichheit. (›Wenn er versuchte … wie einst Toldzio im Wald, in jenen unvergesslichen Tagen.‹, zuckte etwas unklar auf. ›Ach, also hier hindurch fließt das.‹) Ein schmerzlich schamhaftes und schamloses Händchen, allwissend, wie auch die Augen. Was mochte es im Leben nicht alles berührt haben – und was wartete noch auf ihn in dieser Sphäre? Schon sagte er:
»Eben habe ich eine beschleunigte Matura bestanden. Ich warte auf die Zukunft wie auf den Zug an einem kleinen Bahnhof. Vielleicht wird es ein Auslandsexpress sein, vielleicht aber ein gewöhnlicher Rumpelkasten von einem Personenzug, der auf irgendeine Lokalstrecke kleiner Verwicklungen führen wird.«
Ihre Augen rollten wie die Augen einer Eule, das Gesicht aber war unbeweglich. Man fühlte in ihr das ganze ›Leid nach hoffnungslos dahinfliehendem Leben‹ – unter diesem Titel hatte soeben der befrackte, bärtige, langhaarige, etwas bucklige und wie ein Buckliger gebaute, langfingerige, lahme (wegen eines halbverdorrten Beins) Putricydes Tengier seinen Walzer vorgespielt, das Werk eines zweiundvierzigjährigen, genialen, freilich nicht offiziell anerkannten Komponisten.
»Herr Putrietzchen, spielen Sie bitte weiter. In Musik gewickelt möchte ich die Seele dieses Knaben betrachten. Er ist so wundervoll, dass er geradezu abscheulich ist in seiner inneren Vernachlässigung«, sagte die Fürstin so unangenehm, dass Genezyp ihr beinah ins Gesicht geschlagen hätte. »Ach, wenn ich das täte ich habe keinen Mut!« wimmerte in ihm ein kindliches Stimmchen. Die Fauteuils schwollen, andere Gäste verschlingend, die in einem Nebel zu verschwinden und zu verschwimmen schienen. Und dort war dieser große Verehrer Onans, der Cousin Toldzio, der schon seit zwei Jahren sich in einer Schule für junge diplomatische Dummriane vergeudete. Dort war Ticonderoga selber, innerlich vermorscht, aber von außen ein behäbiger, plumper Greis, und da waren eine Menge Damen aus der Nachbarschaft mit Töchtern und Söhnchen und eine Menge ewig verdächtiger und in ihrem Wesen unbegreiflicher Bankiers und Businessmen, und drüben stand ein wirklicher Börsenkönig alten Stils, nunmehr ein Unikum dieses Typs, zu einer Leberkur hier weilend. Er musste auch ausländische Brunnen aufsuchen, und dort, in den ›wirklichen‹, sielten sich bolschewistische Würdenträger aus aller Welt! Kein ›Majoritäts‹-Pole hatte nämlich das Recht zur Ausreise in die mondäne cultural reality – er konnte von Illusionen leben, aber nur bei sich. Auch eine Waise war da, eine entfernte Cousine der Hausherrin, Elisa Balachonska, angeblich sogar eine Prinzessin. Es war das offenbar ein sehr unscheinbares Wesen – blonde Löckchen, nach innen gekehrte Äuglein und eine Wangenröte von der Farbe herbstlichen Abendrots. Nur der Mund, der Mund … Genezyp vermochte sie nicht einmal wirklich wahrzunehmen angesichts des gegenwärtigen Entwicklungsstadiums seiner Werkzeuge zur Erkennung des Lebens. Und dennoch erbebte etwas in ihm, im Zentrum der Vorgefühle, worin sich die potenzielle Zukunft wölkte, eine dunkle, vielleicht schreckliche Zukunft. »Das ist eine Ehefrau für mich«, sagte in ihm diese prophetische Stimme, die er fürchtete, beinahe hasste. Und dort unterdessen, in einer Gruppe etwas entsetzter und amüsierter Frauen, der junge (27 Jahre) Sturfan Abnol, ein Romanschriftsteller, der vor dem Hintergrund der wilden Musik des leicht beschwipsten Tengier herumschrie.
»… Ich soll mich produzieren mit meiner Unkenntnis des Lebens vor diesem Publikum, das ich verachte, gegen das ich einen Ekel empfinde wie gegen Würmer in einem faulen Käse? Vor diesem scheußlichen Pöbel, der durch das Kino verdummt ist, durch Dancing, Sport, Radio und Bahnhofskioske? Ich soll zu ihrer Unterhaltung ebensolche Bahnhofsromane schreiben, um zu leben? Da können sie lange warten (man spürte deutlich, dass er sich zurückhalten musste, um nicht abscheulich zu fluchen – das Wort ›Hurensöhne‹ hing in der Luft), dieses Geschlecht von Prostituierten und Plattitüden!« – Er verschluckte sich mit dem Schaum der Wut und Entrüstung.
Information: Spezialität der Fürstin waren unterschätzte Künstler, die sie oft sogar materiell förderte, doch niemals um vieles über den sogenannten Punkt des ›Nicht-Hungers-Sterbens‹ hinaus. Sie würden nämlich sonst aufhören, unterschätzt zu sein. Und bekannte sowie anerkannte Leute dieser Sphäre konnte sie nicht ausstehen, da sie sie, man weiß nicht, warum, für eine lebende Beleidigung ihrer wesentlichsten Stammesgefühle erachtete. Sie liebte die Kunst, konnte aber nicht ertragen, wenn ›sie sich breitmachte‹, wie sie sagte. Sonderbar war diese Ansicht vor dem Hintergrund eines beinahe völligen Schwindens von künstlerischem Schaffen überhaupt. Vielleicht glomm da noch einmal etwas bei uns auf, vor dem Hintergrund unnormaler, künstlicher gesellschaftlicher Verhältnisse, aber alles in allem – dass Gott erbarm!
»Nein – ich werde nicht ihr Clown sein«, krähte weiter der schäumende Sturfan. Er verschluckte sich und spie Gift. »Ich werde Romane schreiben, wenn einmal in der Kunst, der wirklichen Kunst, nichts mehr zu machen sein wird – aber me-ta-phy-si-sche! Versteht ihr? Genug schon von diesem lausigen ›Kennen des Lebens‹ – ich überlasse das den talentlosen Abguckern mieser Mittelmäßigkeit, die sie mit Lust wiedergeben. Und warum machen sie gerade das? Weil sie sich niemanden jenseits ihrer selbst vorstellen können. Sie können keine höheren Typen schaffen, aber aus der unerreichbaren Höhe der Behauptung, dass alle Schweine sind und ich auch (ich verzeihe ihnen das und mir auch), können sie sich ihnen gegenüber aufschwingen zu diesem von den kritischen Schmarotzern sogenannten ›heiteren, pseudogriechischen Lächeln der Nachsicht‹. Zum Teufel ein für alle Mal mit diesem ganzen Griechenland und diesem Wieder aufwärmen von pseudoklassischem Ausgekotztem! Aber nein! Das nennt sich bei ihnen diesen Kritikastern, diesen Bandwürmern und Trichinen im Körper der sterbenden Kunst, Objektivismus, und sie wagen, dabei Flaubert zu erwähnen! Nein – hier, dieser Pseudo-Objektive, das ist ein schweinisch lächelnder, von allgemeiner Vulgarität beschlappter Autor, der persönlich inmitten der Erschaffenen bummelt – ha, das nennt sich dann schöpferische Kraft: dieses Bespähen durchs Schlüsselloch derer, die man bespähen kann. Höhere Menschen, wenn es sie überhaupt gibt, lassen sich nicht so leicht von irgendjemandem bespähen – wie also sie da beschreiben? Ja – der Autor bummelt als einer von der Kumpanei herum, trinkt mit ihnen ›auf du‹, und betrunken von der Manie einer ungesunden, niemandem nötigen Selbsterniedrigung, schüttet er seinen nicht einmal seiner selbst würdigen Helden sein Herz aus – und das nennt sich Objektivismus! Und das heißt man gesellschaftlich wertvolle Literatur – man zeigt die Fehler verschiedener Schufte, man schafft künstliche, papierene, positive Typlein, die nicht imstande sind, ein negatives Resultat zu einem übrigens flachen Optimismus umzukehren, der sich auf Blindheit stützt. Und solch ein Gesindel loben sie.« Er verhustete sich und verblieb einen Augenblick in einer Pose der Verzweiflung, wonach er wieder zu trinken begann.
Nach einem rasenden, getrommelten Finale riss Tengier sich von dem ermüdeten Steinway empor, verschwitzt, mit zerknüllter Hemdbrust und zerzaustem, verfilztem Haar. Seine Augen flammten von bleu electrique. Unbeherrscht näherte er sich mit wankendem Schritt der Fürstin. Genezyp saß dicht bei ihr – schon begann in ihm eine Veränderung. Jetzt wusste er, wer ihm den weiteren Lebensweg zeigen werde. ›Obwohl – wer weiß, ob ich nicht lieber mit jenen möchte‹, dachte er unklar vor dem Hintergrund des nebelhaften Bildes der ihm vom Vater verbotenen, nur annähernd vorstellbaren offiziellen Ausschweifung. Etwas riß in ihm wie ein Stück Leinwand – nur das erste Zerren war schmerzhaft (es taten das irgendwelche tierische Tatzen in ihm selber, anfangend bei der sogenannten ›Herzgrube‹, und dann weiter, bis zur tiefsten Stelle des Unterleibs …), dann ging es mit einer gefährlichen Leichtigkeit immer schneller. In diesem Augenblick verlor er die Jungfernschaft, und nicht morgen, wie er sich das danach vorstellte.
»Irina Wsjewolodowna«, sagte Tengier, ohne Genezyp im geringsten zu beachten, »ich muss mich an Sie wenden, nicht als demütiger erotischer Substitut vergangener Zeiten, sondern als Eroberer. Lassen Sie mich einmal forthin, in diese verschlossene Kemenate-einmal! –, und dann werde ich dich für immer erobern – du wirst sehen. Du wirst es nicht bereuen, Irina Wsjewolodowna«, stöhnte er schmerzlich.
»Kehren Sie zu Ihrer Bäuerin zurück!« (Später erfuhr Genezyp, dass die Ehefrau Tengiers eine noch junge und wohlgestalte Gebirgsbäuerin war, die er des Geldes und der Hütte wegen geheiratet hatte. Übrigens gefiel sie ihm anfangs sogar ein wenig.) »Sie wissen wenigstens, was das ist, Glück, und das möge Ihnen genügen«, flüsterte weiter die Fürstin, dabei höflich lächelnd. »Und für Ihre Musik ist es besser, dass Sie leiden. Ein Künstler, ein wirklicher Künstler, und nicht ein überintellektualisiertes Mühlchen, das automatisch alle. möglichen Variationen und Permutationen mahlt, sollte das Leiden nicht fürchten« Genezyp fühlte in sich einen grausamen Polypen, der sich an die Wände seiner Seele klettete, an klebrige und entzündete, der höher und höher kroch (in die Richtung des Gehirnes vielleicht?), dabei alle früher gefühllosen Stellen kitzelnd, köstlich und erbarmungslos. Nein – er würde nicht leiden, um...
| Erscheint lt. Verlag | 4.12.2018 |
|---|---|
| Übersetzer | Walter Tiel |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Pożegnanie jesieni |
| Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Aldous Huxley • Kulturtheorie • literarische Wiederentdeckung • Polen • polnische Avantgarde • Witold Gombrowicz • Zivilisationskritik |
| ISBN-10 | 3-492-99025-8 / 3492990258 |
| ISBN-13 | 978-3-492-99025-7 / 9783492990257 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich