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Scherben (eBook)

Fantasyguide präsentiert!
eBook Download: EPUB
2018 | 1. Auflage
100 Seiten
epubli (Verlag)
978-3-7467-7703-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Scherben -  Michael Schmidt
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Der vierte Band der Reihe Fantasyguide präsentiert bietet 16 Geschichten und zeigt die ganze Bandbreite phantastischer Literatur. Mit Achim Hildebrand, Andreas Flögel, C.M. Dyrnberg, Christel Scheja, Detlef Klewer, Diane Dirt, Forrest J. Ackerman, Matthias Ramtke, Merlin Thomas, Michael Schmidt, Nina Horvath, Peter Nathschläger, Ralf Kor, Ralf Steinberg, Ray Bradbury, Sascha Dinse, Uwe Herrmann.

Michael Schmidt wurde 1970 in Koblenz geboren. Er veröffentlichte bisher über 60 Kurzgeschichten, die sich zumeist mit der dunklen Seite der Menschen beschäftigt. Als Herausgeber zeichnete er schon für diverse Anthologien verantwortlich. Zwielicht (Saphir im Stahl) gewann dabei dreimal in Folge den Vincent Preis. Seine Geschichten finden sich gesammelt in mehreren Storysammlungen, die als ebook und Create Space Buch bei Amazon erschienen sind, u.a. Teutonic Horror, Teutonic Future und Silbermond. Außerdem steuerte er zwei Romane zur Fantasyserie Saramee bei. Sein Blog befindet sich auf: www.defms.de

C.M. Dyrnberg – Die Gewächskirche


 

Seit Tagen hämmerte herbstlicher Regen auf die Dächer der Stadt, eine unwirtliche Kälte kroch in die Ritzen der Gemäuer, und die beiden Heizer der Gewächskirche zum Segensreichen CRISPR/Cas hatten während ihrer Nachtschicht alle Mühe, die Temperatur im Glasschiff über der rot markierten Linie zu halten.

Eimerweise schafften sie Kohle aus den Katakomben herauf, dazu mannsgroße Holzscheiter, um den Heizkessel des Wärmewerks in der Mendel-Seitenkapelle zu befeuern; abwechselnd hingen sie sich in die Ketten des Blasbalgs, um das Netz aus Röhren hinter den dicken, vergilbten Glaswänden entlang des Hauptschiffes immer wieder aufs Neue zu erhitzen. Während es im Mantelbau der Kirche – mit Ausnahme der unmittelbaren Umgebung des Kessels – frostig kühl war, herrschte in ihrem gläsernen Kern tropische Wärme. Die baumstammdicken Pflanzen, exotischen Blüten, fremdländischen Knospen und prähistorisch anmutenden Sprossen wuchsen zu einem schier undurchdringlichen Knäuel zusammen, welches das Außenklima keine Nacht – und wohl auch keinen Tag – überstanden hätte.

Die Gewächskirche zum Segensreichen CRISPR/Cas war kein Prunkbau wie der Dom zu Darwin, kein neuzeitliches Wunder der Architektur wie die Kathedrale der Dampfenden Zweien, sie war ein bescheidener Backsteinbau aus jüngeren Tagen, nicht älter als vierhundert Jahre. Luntius, der erfahrenere der beiden Heizer, hatte sich in seinen ersten Wochen hier oft gefragt, warum der Orden ausgerechnet diese Filialkirche für ein derart prestigeträchtiges Projekt ausgewählt hatte. Warum hatten die Genetiktiner das Glasschiff mit den kolonialen Nutzpflanzen gerade hier, in einer heruntergekommenen Gegend, nicht weit entfernt vom ehemaligen Luftschiffhafen, bevor dieser abgebrannt war, untergebracht? Warum hatte man dieses Vorzeigeprojekt nicht in eine der genetiktinischen Gewächskirchen der Innenstadt gelegt? Dann, noch in den ersten Monaten, hatte er seinen Gedankenfehler bemerkt: Grundlagenforschung war eben nicht, wie er gedacht hatte, prestigeträchtig. Nur ihre – seltenen – Erfolge waren es. Und sollten sie Erfolg haben, würden die Früchte ihrer Arbeit noch früh genug am königlichen Hof und an den Stadtministerien die Runde machen.

Luntius schob das letzte Scheit in den Kessel, drückte es mit seiner Schulter gerade so tief in den Schlund der Maschine, dass er die Luke wieder schließen konnte, und ließ sich danach müde auf der ausgebreiteten Decke nieder, dort, wo die pochende Hitze des Kessels in angenehme Wärme überging.

Sein Kollege, Hal, tat es ihm gleich.

Luntius ging im Geiste den Schichtplan durch: Erst nach dem nächsten Befeuern müssten sie die Düsen einschalten, um die Pflanzen im Glasschiff zu sprenkeln. Die Zahnräder der Kolben waren erst vorgestern geschmiert worden. Das Reservoir war bei diesem Wetter – bis auf den leeren Kunstdüngertank – stets gut gefüllt. In anderen Worten: Sie hätten für mindestens eine halbe Stunde ihre Ruhe. Und genau deswegen mochte Luntius die Nachtdienste. Nicht nur, da sie einen halben Cent mehr abwarfen, er liebte vor allem ihre Abgeschiedenheit vom Lärm und Trubel des Tages. Er hatte die Nachtdienste allerdings noch mehr gemocht, bevor Hal sein Noviziat begonnen hatte.

„Was für ein verdammtes Dreckswetter, ha?“

„Ja.“

„Feuchter als alles, von dem ich nachts träume.“

„Mh.“

„Und wir müssen wie die Irren diese Eimer schleppen. Ich hab‘ schon Schwielen an den Händen.“

„Könnt‘ schlimmer sein.“

„Was bitte ist schlimmer, als schwer zu schuften, vor dem Kessel zu schwitzen und im Keller zu frieren? Und bei alldem noch dreckig wie die Kohlenmetzger zu werden? Was?“

„Du könntest Minenarbeiter sein.“

Hal wollte etwas erwidern, hielt dann aber einen Moment inne, bevor er nickte.

„Ja, gut, hast Recht.“ Er steckte sich eine selbst gedrehte Zigarette in den Mund und bat Luntius um dessen Streichhölzer. „Ich habe es mir übrigens ausgerechnet“, sagte er und nahm einen tiefen, ersten Zug. „Noch sieben Nachtdienste bei vier Cents die Stunde und ich kann eine ganze Nacht in der Pinken Dose verbringen. Bei Absinth oder diesem neuen Likör, den sie aus den Kolonien einschiffen. Und bei einer richtig Fetten. Weißt du, ich steh‘ gar nicht auf die richtig Fetten, aber ich möchte‘ doch mal wissen, wie das so ist, wenn sie …“

„Mhm.“

Luntius hörte nur mit einem Ohr zu.

Eineinhalb Jahre würde er den Novizendienst des einfachen Heizers noch zu erledigen haben, mindestens eineinhalb Jahre, bevor er zum Pflanzenmesser aufsteigen könnte, oder – sollte er sich in dieser Zeit durch besondere Eignung hervortun – gar als Candidatus Herbarius auserkoren werden.

Bis vor kurzem hatte er die Nachtschichten noch mit einem strebsamen Kollegen namens Slz geteilt.

Keine Vokale, dafür jede Menge Disziplin.

Slz hatte immer ein Buch zum Lernen dabei gehabt, war immer auf die Sekunde pünktlich gewesen, hatte sogar während ihrer Rastzeiten durch das Glas hindurch versucht, Knospen und Gräser zu bestimmen, und nach jedem Nachlegen hatte er leise das immer gleiche Gebet aufgesagt, ganz so, als würden die Magistrae ihn jederzeit sehen und hören können.

„Herr des Genoms“, so hatte er mit gesenktem Blick geflüstert, „stärke die Stomata dieser Pflanzen, wappne sie gegen Trockenheit, Hitze und Pathogene, im Besonderen gegen die Mächte des Fressenden Mehltaus, stärke die Zellwände und Immunkräfte der Biosphäre, die Du in unsere Hände gelegt hast, segne unsere Genscheren und Datensätze, Amen.“

Nach nur sieben Monaten hatte Slz den Kandidatenbrief erhalten. Ein Ereignis, das in der weit zurückreichenden Geschichte des Ordens kaum jemals vorgekommen war – und das Luntius daran erinnerte, dass er in den Pausen eigentlich ein Buch zur Hand nehmen sollte, wollte er jemals auch nur die Verteidigung seiner Vermessungsabschlussarbeit erfolgreich absolvieren. Einführende Anschauungen in das Blattleben auf genomischer Ebene lag nur einen Handgriff von ihm entfernt. Aber er war zu müde, und vor allem zu faul, um an der Ausarbeitung und Verteidigung seiner These zu arbeiten. Stattdessen bat er Hal um eine Brise Tabak.

„Ja, sicher, hier. Nimm. Warst du mal in der Pinken Dose? Ich sag’s dir …“

In der zweiten Hälfte der Schicht würde sich die Nacht noch intensiver anfühlen, selbst Hal würde dann endlich wortkarg sein, sie wären von einer eigenen, ganz stillen Welt umfangen, bis zu jenem Moment, da die ersten Sonnenstrahlen durch die bunten Kirchenfenster leuchteten und einen frischen Tag ankündigten. Eine Stunde nach diesem schillernden, leisen Spektakel würden die Scientific Fratres eintreffen, sie würden ihre Proben nehmen, Genomsequenzen analysieren, den Blattwuchs kontrollieren, Partikelkanonen in Stellung bringen und Editierungsprotokolle auswerten. Luntius jedoch würde dann schon schlafen, in seiner Koje in der Abtei, eine halbe Stunde Fußweg von hier gelegen, und sich ausruhen für seinen nächsten nächtlichen Dienst.

Die Fratres durften, was ihnen als Heizer untersagt war: Das Glasschiff betreten. Zu groß war die Gefahr einer bakteriellen oder viralen Verunreinigung. Zwar wurde ihnen noch in der ersten Woche nach ihrem Ordenseintritt mitgeteilt, wo der Schlüssel hing, und manchmal hatte Luntius den Eindruck, es handelte sich um eine stete Prüfung, sie dies wissen zu lassen, wie die verbotene Frucht im Paradies, er selbst aber hatte bislang noch nicht einmal gewagt, diesen Schlüssel auch nur zu berühren.

Die Ordensregeln der Heizer waren klar wie überschaubar. Es existierten nur deren drei:

Regel Nummer 1: Setze keinen Fuß in das Glasschiff.

Regel Nummer 2: Halte die Temperatur über der roten Linie.

„Ich sag’s dir: Sobald ich das Geld beisammen hab‘, hau‘ ich alles auf den Putz. Alles in einer einzigen Nacht …“

Dank des neuen Kollegen schweiften auch Luntius‘ Gedanken zu Absinth und Huren ab. Süße Gedanken, die jedoch nichts daran änderten, dass die Nacht noch nicht einmal ihre Mitte erklommen hatte und die Stunden – gerade mit Eimern in Händen – noch lang werden würden.

Er lehnte sich zurück, nahm einen tiefen Zug an seiner Gedrehten und genoss den Moment, da draußen grausige Nässe prasselte während sie es hier drinnen wohlig warm hatten. Ja, die Nachtschicht bestand aus Kohlen, Holz, Balg und Schweiß, aber die Augenblicke dazwischen waren – trotz des Wortschwalls des Neuen – gute Augenblicke, waren Augenblicke, wie sie der Tag kaum je zustande brachte. Außerdem hatte die schwere Arbeit einen tieferen Sinn: Die biotechnologisch veränderten Pflanzen im Glasschiff waren Teil eines von der Königlichen Akademie für Lebenswissenschaften geförderten Projekts, eines Projekts von hoher Dringlichkeit.

Seit geraumer Zeit war das Wetter nämlich nicht mehr das Wetter früherer Jahrzehnte. Der Herbst war voller Regen, der Winter brachte baumknickende Stürme, der Frühling glich dem Sommer, und der Sommer war heiß und trocken, unterbrochen von flutartigen Niederschlägen, die erneut den Herbst ankündigten. Diese Kapriolen trafen die gesamte nördliche Hemisphäre, nicht nur die Städte im Reich, sondern auch die Kolonien. Dort, über dem Meer, ließen die gewaltigen Dürren und wochenlangen Überschwemmungen die Ernten auf den Feldern verderben. Der Goldweizen starb ab. Der Kukuruz verschimmelte. Die Erdäpfel verfaulten bereits in den Wochen nach der Aussaat. Die Nutzpflanzen, die so viele Jahrhunderte treue Dienste getan hatten, kamen mit den veränderten klimatischen...

Erscheint lt. Verlag 5.11.2018
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Fantasy / Science Fiction Science Fiction
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Cyberpunk • Helden • Humor • Low Fantasy
ISBN-10 3-7467-7703-8 / 3746777038
ISBN-13 978-3-7467-7703-0 / 9783746777030
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