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Vielleicht war es eine glückliche Liebe -  Peter Devaere

Vielleicht war es eine glückliche Liebe (eBook)

Roman

(Autor)

Splendid Island (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2018 | 1. Auflage
214 Seiten
Dao Press (Verlag)
978-0-00-012150-9 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
3,99 inkl. MwSt
(CHF 3,90)
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Vielleicht war es eine glückliche Liebe


Roman


Wien, ein Hotel. Der Erzähler des Romans erfährt von der Sammler-Leidenschaft einer attraktiven Frau, die als 'reichste Frau Frankreichs ' gilt und nur ein Thema zu haben scheint: Beethoven. Als er über sie zu recherchieren beginnt, gerät er immer mehr in ihren Bann und ist fest entschlossen, alles daran zu setzen, genau den handgeschriebenen Brief Beethovens zu finden, zu dem sie nicht nein sagen kann.


Wird er den Brief finden? Und wird er sie dazu bringen ihn zu kaufen und vor allem: wird sie sich auf ihn einlassen?


Ein Roman voller Intrigen, skurriler Sammler, über den Autografenhandel,  Auktionen und über Beethoven. Aber vor allem ein Roman über das Begehren, über die Sehnsucht nach der einen und wahren Liebe, die unerreichbar scheint.   


 


Über den Autor


Peter Devaere, geboren 1964 in Brügge (Belgien) wuchs in einer flämischen Künstlerfamilie auf. Obwohl er zunächst als Musiker aktiv war, verspürte er bereits früh eine Neigung zum Schreiben. Mit 13 veröffentlichte er sein erstes Buch auf Niederländisch. In 1988 zog er nach Deutschland und begann auf Deutsch zu schreiben. Er schrieb literarische Texte und Artikel für Zeitschriften und Zeitungen. 2002 erschien 'Das Appartement', sein erster Roman auf Deutsch. Neben literarischen Texten ist er als Finanzjournalist und als Autor von Sachbüchern tätig. Zuletzt erschien sein Café-Buch 'Berliner Cafés: Die 50 originellsten Kaffeehäuser der Hauptstadt'. Neben seiner Leidenschaft für Lesen und Schreiben ist Peter seit über 17 Jahren ein begeisterter Tangotänzer. Er lebt im Winter auf Zypern und im Sommer in Belgien und Deutschland.



 


 

 


Kapitel 1


 

 

Ich war nicht auf der Suche nach Gesellschaft, als ich ihn kennen lernte. Ich wollte schon die Hotelbar verlassen und mich in mein einsames Hotelzimmer zurückziehen, als ich in der, von einer dunklen Glastür getrennten, Raucher-Lounge eine Person sitzen sah, deren Anwesenheit ich bisher ausgeblendet oder in meiner Langeweile schlicht übersehen hatte. Es war ein Mann, der vielleicht zehn oder fünfzehn Jahre älter als ich war (ich bin vierzig), und der mich zu beobachten schien. Vielleicht hatte er nur darauf gewartet, dass ich ihn in seiner dunklen Ecke entdeckte, denn in dem Augenblick, in dem ich ihn bemerkte, lehnte er sich etwas zurück, als wollte er einer gewissen Erwartungshaltung Ausdruck verleihen.

Ich hatte den ganzen Tag in einem Konferenzsaal dieses Hotels verbracht und war mir nicht sicher, ob ich Lust hatte, mich nochmal auf jemanden einzulassen, zumindest keine männliche Person. Ich wollte den Rotwein, an dem ich seit über einer halben Stunde genippt hatte, leertrinken, aufstehen und gehen. Womöglich hatte er es geahnt und er winkte mich mit einer kleinen Geste aus seiner dunklen Ecke herbei. Ich hatte ihn nur schemenhaft wahrnehmen können, aber jetzt, wo ich mich gezwungen sah, mich auf ihn einzulassen und auf ihn zuzugehen, sah ich, dass er im Gegensatz zu mir tadellos angezogen war, als erwartete er noch jemanden. Sein Anzug mit den etwas zu breiten Streifen, die goldgelbe Krawatte mit dem Brusttaschentuch in derselben Farbe verrieten eine Spur Extravaganz, die mir aber zu seiner Person zu passen schien.

„Sie wollen schon gehen“, sagte er, ein entwaffnender Satz, der keine Widerrede oder Protest zuließ. Geschäftsleute erkennen sich oder riechen sich auf den ersten Blick. Man kommt in Hotelbars mühelos ins Gespräch, gerade dann, wenn man es nicht will. Ich nahm es sportlich und erwiderte, dass ich ihn erst gar nicht gesehen hätte, was ja stimmte. Er winkte dem Kellner, er solle mir ein zweites Glas Rotwein bringen. Er selbst schien Cognac zu trinken. Ich war mir nicht sicher, es konnte durchaus etwas Stärkeres sein, aber dem Geruch nach schien es sich um Cognac zu handeln. Er stellte sich mit dem Namen „Lionardo“ vor, ein Name, der natürlich gewisse Assoziationen hervorrief. Bevor ich jedoch etwas sagen konnte, betonte er, dass er Lionardo mit „i“ und eben nicht mit „e“ hieß, als wollte er sich bewusst von seinem berühmten italienischen Namensvetter abheben.

Ich hatte mich auf die Kante des ledernen Sitzes gesetzt, als wollte ich gleich wieder gehen. Ich stellte mich schon auf die üblichen Dramen und Sentimentalitäten ein, die zu dieser Stunde zu erwarten sind, als er plötzlich aus der Innentasche seines tadellosen Anzuges ein Foto hervorholte, das eine ziemlich unleserliche Handschrift zeigte. Ich musste es in die Richtung des flackernden Fernsehers halten, der die ganze Zeit stumm über unseren Köpfen, von niemandem außer dem Kellner beobachtet, angeschaltet war, damit ich das Bild deutlicher sehen konnte. Jetzt sah ich auch, welches Fußballspiel im Fernsehen gezeigt wurde, das ich gerade verpasste. Es war Arsenal, man erkennt die eigenwilligen Trikots dieser englischen Mannschaft auf den ersten Blick.

Mein Gegenüber schien sich für das Spiel oder für den Fernseher keine Sekunde zu interessieren. „Schauen Sie genau hin“, sagte er, als fürchtete er, ich könnte mich mehr für Arsenal als für das Gekritzel interessieren. Zu sehen war lediglich ein altes Blatt Papier, auf dem in einer hakenartigen Schrift einige Sätze geschrieben standen, die sich eindeutig nach unten bewegten, als wäre die Hand des Autors dieser Zeilen nach unten verrutscht, sobald sie sich dem rechten Rand des Blatts genähert hatte. Für einen Augenblick meinte ich diese Schrift irgendwo schon mal gesehen zu haben, aber mir kam nichts in den Sinn, womit ich dieses Gekritzel in Verbindung bringen konnte.

„Schauen Sie genau hin“, wiederholte er, als hätte er mir gerade ein Geheimnis eröffnet. Aber je mehr ich die Zeilen zu entziffern versuchte, desto schleierhafter wurde mir das Blatt. Ich konnte mir bei bestem Willen keinen Reim darauf machen.

„Und, was denken Sie?“

War es der Wein oder die späte Stunde? Ich zuckte mit den Schultern und legte das Bild vor mir neben das zweite Weinglas, das mir der Kellner inzwischen gebracht hatte. „Die Handschrift einer bekannten Person?“, sagte ich fragend. Er blinzelte und nahm einen weiteren Schluck von seinem Cognac, als wollte er mir noch etwas Zeit geben in der Hoffnung, ich könnte den Urheber dieser Zeilen erraten.

„Dies ist Beethovens Handschrift“, sagte er, während er das Glas mit einem Knall auf dem Glastisch abstellte, als wolle er eine Glocke zum Erklingen bringen.

„Beethoven?“

„Genau der. Auf dem Foto sehen Sie eine Seite aus einer der Konversationshefte, die der Meister bei zunehmender Taubheit gezwungen war zu benutzen. In ihnen ist alles enthalten, was das Leben so hergibt, von Konversationen mit Kollegen, bei denen er sich über bestimmte musikalische Probleme auslässt, über Einkaufslisten für seinen Diener, Einfälle oder Ideen für künftige Kompositionen, philosophische Betrachtungen, Bruchstücke von Gedichten und sogar Flüche auf Wienerisch. Die meisten dieser Konversationshefte oder das, was von ihnen übriggeblieben ist, werden heute in den Archiven der Staatsbibliothek von Berlin aufbewahrt. Dennoch befinden sich immer noch einige dutzend Hefte, manchmal nur einzelne Seiten daraus, in privaten Händen oder Sammlungen. Niemand weiß genau wo und wie viele, aber hin und wieder taucht ein Stück auf einer Auktion auf.“

„Und Sie haben so etwas anzubieten?“

„Nicht mehr“, sagte er, während er aus der Seitentasche seines Jacketts ein silbernes Etui hervorholte, dem er zu meinem Schrecken eine imposante Zigarre entnahm (ich bin Nicht-Raucher). Ich fürchtete nun, dass er weiter ausholen würde. Verkäufer verkaufen im Grunde immer, selbst wenn sie sich zu amüsieren scheinen oder die Langeweile des Wartens in Hotels mit nutzlosen Gesprächen zu vertreiben suchen.

„Das Heft ist so gut wie verkauft.“

Woher er diese Gewissheit hatte, dass der Käufer zuschlagen würde, war mir schleierhaft.

„Keine Sorge“, lächelte er, als wolle er meiner Skepsis zuvorkommen. „Die Papiere stimmen und die Echtheit des Schriftstücks ist verbürgt.“

Er schien dies betonen zu müssen, als müsste er mich davon überzeugen, obwohl ich nicht danach gefragt hatte.

„Die Kundin wird kaufen“, erklärte er. Er hatte seine Zigarre inzwischen angezündet und begann den Raum mit einem intensiven Havanna-Geruch zu füllen. „Sie kauft immer, jedenfalls bei mir, sie nimmt es und akzeptiert meinen Preis ohne zu verhandeln, obwohl er meistens etwas zu hoch ist, zumindest für diese Art von Autograph. Aber sie hat sich nun mal auf Beethoven spezialisiert. Anderes interessiert sie nicht, selbst wenn ich ihr einen unterschriebenen Brief von Napoleon anbiete oder gar einen komplett handgeschriebenen Roman von Dickens. Es interessiert sie schlichtweg nicht, sie will Beethoven. Ein Spleen, wenn man so will, aber was soll es, wenn das Geld keine Rolle spielt, kauft man eben, was man möchte.“

„Und sie verhandelt nicht?“

Er klopfte die erste Asche mit einer lässigen Geste in einen Aschenbecher, der vor ihm auf dem Beistelltisch stand und lehnte sich etwas zurück, als wollte er diesmal für eine längere Geschichte ausholen.

„Sie möchte, dass ich ihr über dieses Fragment oder dieses Schriftstück so viel wie möglich erzähle. Obwohl Ihr Wissen über Beethoven überdurchschnittlich ist, kann sie nicht genug bekommen, wenn ich ihr einige interessante Details über den Meister oder Dinge im Zusammenhang mit ihm zu berichten weiß, die noch nicht allgemein bekannt sind, obwohl die Beethoven-Literatur beträchtlich ist. Ich soll sie unterhalten und sie ist bereit, den Preis dafür zu zahlen.“

Ich schaute mir das Foto nochmal an und versuchte irgendeinen Sinn in diesen wenigen Zeilen zu finden, die eine eigentümliche Krümmung nach unten machten, als hätte Beethoven den Rücken seines Gesprächspartners benutzt, um sie zu schreiben. Aber das Bild war zu undeutlich und das Licht in der nächtlichen Raucher-Lounge zu matt, als dass ich die Schrift hätte lesen oder entziffern können. Ich spürte wie er mich genau beobachtete, während ich das Foto nochmal in die Hände nahm. Diesmal traute ich mich nicht, einen Blick auf das Spiel von Arsenal zu werfen, das sich weiterhin stumm über unseren Köpfen abspielte. Ich legte das Bild schließlich wieder auf den Glastisch neben mein zweites Glas Rotwein, von dem ich bislang kaum getrunken hatte. Es blieb dort liegen als stummer Zeuge unseres nächtlichen Gesprächs. Die anderen Gäste der Bar hatten sich inzwischen alle auf ihre Zimmer verzogen. Nur wir zwei waren in der abgeschlossenen Raucher-Lounge übriggeblieben. Lediglich der Barkeeper schien noch Interesse an dem Arsenal-Spiel zu haben, obwohl der Fernseher in der Raucher-Lounge und auch das Gerät in der Bar selbst stummgeschaltet waren, vielleicht aus Rücksichtnahme auf die Gäste oder aus Gewohnheit.

Lionardo hatte jetzt die Beine gekreuzt und ich bekam zum ersten Mal einen Blick auf seine dunkelbraunen Schuhe, womöglich maßgeschneiderte Schuhe, deren Absätze mir ungewöhnlich groß erschienen, wie bei einem Frauenschuh. Mir kam der Gedanke, dass er sie trug, weil er klein war, soweit ich das bei einer sitzenden Person beurteilen konnte. Ich spürte, dass er den kurzen Blick auf seine Schuhe bemerkt hatte und ich fühlte mich, wie bei einer Indiskretion ertappt. Er ließ es sich aber nicht anmerken. „Er hat sich im Griff“,...

Erscheint lt. Verlag 30.10.2018
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 0-00-012150-9 / 0000121509
ISBN-13 978-0-00-012150-9 / 9780000121509
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