Bergisches Land, 2018: Bei der Auflösung der alteingesessenen Gelateria Paradiso trifft Susanne auf die elegante Italienerin Francesca. Überraschend werden die beiden so unterschiedlichen Frauen damit konfrontiert, dass sie Halbschwestern sind.
Zwei Schwestern, die für Jahrzehnte getrennt waren, decken das Geheimnis ihres Vaters auf. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt in Italien.
Stefanie Gerstenberger, 1965 in Osnabrück geboren, studierte Deutsch und Sport. Sie wechselte ins Hotelfach, lebte und arbeitete u. a. auf Elba und Sizilien. Nach einigen Jahren als Requisiteurin für Film und Fernsehen begann sie selbst zu schreiben. Ihr erster Roman «Das Limonenhaus» wurde von der Presse hoch gelobt und auf Anhieb ein Bestseller, gefolgt von »Magdalenas Garten«, »Oleanderregen«, »Orangenmond«, »Das Sternenboot« und »Piniensommer«. Die Autorin wurde mit dem DELIA-Literaturpreis ausgezeichnet und lebt mit ihrer Familie in Köln.
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»Francesca – bella pesca! Immer noch.«
Francesca grinste. Schöner Pfirsich, so hatte man sie im Grundlehrgang genannt, weil sie mit ihrer großen Oberweite und den roten Haaren angeblich so appetitlich und frisch wie ein Pfirsich aussah. Zum Anbeißen eben. Noch heute hatte sie unter ihren vier Lieblingskolleginnen diesen Beinamen. Eine davon war Katja, die in diesem Moment weiter auf sie einredete: »Ich krieg die Krise, du siehst wieder so verdammt toll aus! Wie machst du das?«
Francesca stieß die Kollegin leicht in die Seite: »Übertreib mal nicht.«
»Auch fünfundzwanzig Jahre später brauche ich mir keine Hoffnungen zu machen, dass mich einer näher anschaut. Also zumindest nicht, wenn du neben mir stehst.« Katja seufzte und zog ihre Uniformjacke glatt. »Jetzt mal im Ernst: deine Haare, deine Haut, Mensch, du siehst aus wie fünfunddreißig, na ja, vierzig. Jedenfalls nicht wie über fünfzig!«
»Meine Haare sieht man in dem Knoten gar nicht.«
»Aber man ahnt es, dass du sie mit einer lasziven Handbewegung öffnen kannst, so wie eine schüchterne Sekretärin, und sie dir dann in roten wellenartigen Kaskaden über die Schultern bis auf den Rücken fallen …«
»Schüchterne Sekretärin! Wellenartige Kaskaden! Das hört sich echt nach deinen Heftchenromanen an. Willst du nicht mal was Vernünftiges lesen?« Francesca lachte. »Und mit der Haut, ich weiß nicht, das muss am gnädigen Licht liegen.« Sie stellte sich noch aufrechter hin, aus dem Cockpit drang das Gemurmel des Funkverkehrs. Gnädiges Licht? Ihr zufriedenes Grinsen wich einem professionellen Lächeln. Jeden Augenblick konnten die ersten Passgiere am Ende des ›Fingers‹ erscheinen, der an die Öffnung der Maschine angedockt war. Sie verwendete ja auch nur die beste Kosmetik von der besten Kosmetikerin und ging nie, niemals, ungeschminkt aus dem Haus. Sie strich ein paar nicht vorhandene Strähnen aus der hohen Stirn: »Vergiss nicht: Wir sind hier, um für die Sicherheit der paxe zu sorgen, nicht um zu flirten und den Traummann zu finden. Achtung, da kommen die Ersten!«
»Wo soll ich denn sonst Ausschau halten?«, raunte Katja ihr zu. »Immerhin hast du deinen Mann auch beim Fliegen kennengelernt. Ich liebe Tim! Mit dem hast du echt Glück gehabt.«
Francesca räusperte sich. Als gewissenhafte Kollegin musste sie Katja jetzt eigentlich zurechtweisen, sah aber davon ab. »Guten Abend!« Sie schenkte den Einsteigenden ein warmes Lächeln und wusste, dass Katja verstand. Es war kaum jemandem bekannt, aber als Flugbegleiterinnen war es auch ihre Pflicht, die Passagiere beim Einsteigen abzuchecken. Waren sie betrunken, standen sie unter Drogen, sahen sie krank aus oder wirkten gewalttätig? Dann wäre es an ihnen, sie gar nicht erst an Bord zu lassen.
Manche grüßten freundlich zurück, manche nicht, nicht einmal ein Kopfnicken, obwohl sie wussten, dass sie über zehn Stunden miteinander an Bord sein würden.
Katja bohrte Francesca unmerklich ihren Ellenbogen in die Seite. »Wie wär’s mit dem da für mich?« Francesca lächelte den offenbar allein reisenden Mann an, der jetzt sein Handgepäck schulterte und sich zu den Sitzplätzen in einer der ersten Reihen begab. »Zu jung«, murmelte sie, um ein weiteres Mal »Guten Abend« zu wünschen und das kleine Mädchen anzulächeln, das jetzt mit seinem rosa Rucksack an ihnen vorbeimarschierte. Sie liebte ihre Arbeit. Ihre Personalakte war voll von überschwänglichen Belobigungen von dankbaren, glücklichen und – ja auch – verliebten Gästen.
Fünfzehn Minuten später gab die Purserette den Kabinenkollegen das Boarding completed durch und verschloss die Außentür, während Francesca in der Bordküche die Gläser vom Welcome Drink der Ersten Klasse verstaute. Gepäckfächer schließen, Kissen verteilen, kontrollieren, ob jeder angeschnallt war. Nach über fünfundzwanzig Jahren an Bord war die Arbeit zur absoluten Routine geworden, doch sie bemühte sich, so aufmerksam und freundlich wie am ersten Tag zu sein. Sie freute sich, dass sie heute wieder mit ihrer besten Freundin unterwegs war. Seit ihre Tochter Emilia beschlossen hatte, in Berlin zu studieren, flog sie wieder Langstrecke und fragte oft mit Katja zusammen Flüge an. Oder mit Clivia oder Sonja. Ihr damals so unzertrennliches Quartett aus dem Grundlehrgang. Noch heute wohnten sie alle in Frankfurt und waren befreundet, aber Katja war ihr die Liebste. Ihre beste Freundin, leider schon sehr lange Single. »Er sitzt übrigens 3F«, sagte Francesca, sobald sie sich wieder in der engen Galley begegneten. »Ganz hübsch, du hast recht.«
»Sag ich doch!«
Francesca nickte, während sie mit einem Knopfdruck das Band abfahren ließ. Auf den Monitoren an den Sitzen wurde jetzt der Film mit den Sicherheitsbelehrungen gezeigt. Manchmal fragte sie sich, warum sie das überhaupt noch machten. Die meisten Passagiere nahmen für diese Vorführung noch nicht einmal ihre Musikstöpsel aus den Ohren.
»Endlich wieder L.A. und sogar einen ganzen Tag Aufenthalt.« Francesca zog ihren Rock glatt, ließ sich hastig auf den Notsitz sinken und schnallte sich an. Das Flugzeug rollte und ruckelte schon seit einer Minute der Startbahn entgegen.
»Wir werden am Pool liegen, da drüben ist das Wetter schon richtig sommerlich!« Katja schnappte sich ihre Hand und drückte sie. »Und wir sind im Hyatt. Wir müssen auf jeden Fall in die Mall nebenan. Diese neuen Taschen von LaMela sind einfach wunderbar. Ich habe zwar schon drei, könnte aber auch noch die silberne gebrauchen. Und so einen Sommermantel von …«
Shoppen! Mit keiner konnte man das besser als mit Katja. Doch anstatt zu antworten, warf Francesca der Kollegin einen gespielt strengen Blick zu, die nickte und verstummte augenblicklich. Bei Start und Landung mussten sie sich konzentrieren. Wo waren bei dem A340 die Notausgänge, wie bediente man die Notrutschen, wie hießen die Evakuierungskommandos? Bei jedem Modell war das etwas unterschiedlich. Die meisten Passagiere sahen die Flugbegleiterinnen nur als nettes Beiwerk, die umsonst in fremde Länder reisen konnten und oben in zehntausend Metern Höhe Tomatensaft ausschenkten und Parfüm verkauften, dabei waren sie auch geschultes Sicherheitspersonal mit überlebenswichtigen Kenntnissen. Doch heute konnte Francesca ihre Gedanken nicht zum Schweigen bringen. »Ich habe vor dem Briefing etwas in meinem Fach gefunden«, wisperte sie Katja gegen alle Regeln zu. »Einen Umschlag. Hab mich nicht getraut, ihn zu öffnen.«
»Wahrscheinlich ein Fan«, gab die genauso leise zurück. »Da hat sich mal wieder einer in dich verliebt. Warum passiert mir so was nie? Bei mir beschweren sich höchstens zickige Frauen, dass wir sie nicht in die Erste Klasse upgraden, obwohl sie doch einen abgebrochenen Fingernagel und Kopfschmerzen haben.«
»Kein Fan. Er kommt aus …«, Francesca musste schlucken, so trocken war ihr Mund mit einem Mal, »Windhagen.«
»Was? Ist das nicht das Kaff im Bergischen, wo –«
»Ja. Genau.«
»Ach du Scheiße, wer kennt dich denn da noch?!«
»Ja, niemand eben, hoffe ich.«
Die Maschine beschleunigte nun auf Höchstgeschwindigkeit. Da sie entgegen der Fahrtrichtung saßen, wurden sie von der harten Wand weggedrückt.
»Es wird etwas Belangloses von der Stadt sein.«
Doch Francesca starrte nur auf den blauen Rock ihrer Uniform.
Die Freundin schaute sie ernst von der Seite an. »Sag bloß, das weiß immer noch keiner?«
Francesca schüttelte stumm den Kopf.
»Tim?«
»Nein!«
»Emilia?«
»Nein. Niemand. Und das wird auch so bleiben, ganz egal, was da in dem Brief steht.«
L.A., Stadtteil Redondo. Francesca sah schon gar nicht mehr aus dem Fenster, das sich nicht öffnen ließ. Sie wusste, da draußen würde sie auf die Filiale eines bekannten Sportartikelherstellers, einen riesigen Parkplatz und das Restaurant einer Fast Food-Kette schauen. Die Zeiten, in denen sie als Crew in den echten First-Class-Hotels übernachtet hatten, waren lange vorbei. Immerhin, der Himmel war blau und der Parkplatz mit Palmen umsäumt. Das ständige Rauschen des Verkehrs auf den Straßen war nur ganz leise zu hören, ab und zu vermischt mit Polizeisirenen. Die Matratzen waren weich, das Federbett steckte lose zwischen zwei Laken und war herausgerutscht, alles hatte sich zu einem dicken Wulst ineinander verdreht. Das Wasser aus der Dusche roch stark nach Chlor, wie in fast jedem anderen Land auf der Welt. Sie hatte eine sehr gute Nase und war deshalb empfindlich gegen Gerüche. Japan. China. Vereinigte Emirate. Argentinien. Überall Chlor. Nur in Deutschland roch das Wasser, so wie es riechen sollte: frisch, manchmal leicht kalkig. Wie machten die deutschen Wasserwerke das nur?
Francesca hätte auch mit geschlossenen Augen sagen können, aus welchem Land der Flieger kam, den sie in Frankfurt bestiegen. Aus Indien: nach Curry, aus Saudi-Arabien: schweres Parfüm, aus Korea: Kimchi, der sauer eingelegte Chinakohl. Vielleicht gab es demnächst mal eine Show im Fernsehen, in der sie mit diesem Wissen eine Million Euro gewinnen könnte. Eine Million würde gerade reichen. Verdammt. Francesca schluckte, und ihr Herz klopfte vor Panik, als ihr Blick jetzt wieder auf das iPad fiel. Der Kontostand, der darauf angezeigt wurde, ließ sie die Zähne zusammenpressen. Sie atmete tief durch und überschlug, welche Summe am Monatsende noch an Spesen eintrudeln würde. Für Tokio vier Tage, für Dubai leider nur zwei. Der Aufenthalt in Peking vom 13.–16. und dann L.A. Sie rechnete. Es reichte nicht. Ihr Überziehungskredit war ausgereizt, das nächste Monatsgehalt...
| Erscheint lt. Verlag | 8.4.2019 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 1960er • altes Eiscafé • Daniel Speck • Das Sternenboot • Dein-Spiegel-Bestseller-Autorin • Deutschland • eBooks • Familiengeheimnis • Familiensaga • Frauenromane • Gastarbeiter • Generationenroman • Italien • Liebesromane • Piniensommer • Romane für Frauen • Schwestern • Spiegel-Besteller-Autorin • Spiegel-Bestseller-Autorin |
| ISBN-10 | 3-641-23530-8 / 3641235308 |
| ISBN-13 | 978-3-641-23530-7 / 9783641235307 |
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