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Die Insel (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2019
Heyne Verlag
978-3-641-23949-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Insel - Steen Langstrup
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Du erwachst in einer paradiesischen Umgebung, auf einer kleinen tropischen Insel. Warmer Sand, Palmen, das glasklare weite Meer vor dir. Wie bist du hierhergekommen? Du fühlst dich nicht gut. Hast Schmerzen. Dann kommt die Erinnerung. Ein Tauchgang. Ihr seid vom Boot abgetrieben worden. Du - und deine Freundin Selina. Du siehst sie, nur wenige Meter entfernt. Sie ist schwer verletzt. Ihr Atem versiegt. Du kannst nichts tun. Sie stirbt in deinen Armen. Es wird Nacht. du bist ganz allein mit einer Toten. Oder?

Steen Langstrup steht für eine neue Generation junger Horrorautoren, die frisches Blut in das Genre pumpen. Finale wurde in Dänemark als Best Horror Novel of the Year ausgezeichnet, die Verfilmung kommt 2018. Weitere Bücher sind in Vorbereitung.

Ø


– Jetzt spürte ich meinen Durst. Meine eingeschlafenen Beine. Meinen schmerzenden Rücken. Meine sonnenverbrannte Haut. Meinen staubtrockenen Mund. Auf einmal spürte ich alles. Die kalten Wellen, die über meine Beine hinwegspülten, belebten aufs Neue sämtliche meiner Sinne.

Ich zwängte meinen gemarterten Leib unter ihr hervor und stand auf. Ich schwankte ein wenig, meine Beine brannten wie die Hölle, und es gelang mir gerade so eben, mich aufrecht zu halten.

Eine neue Welle rollte heran und begrub Selinas Beine unter sich. Ich bückte mich und schob meine Hände unter ihre Achselhöhlen. Die Sehnen in meinem Rücken protestierten heftig, aber ich konnte nicht länger zögern. Ich musste sie außer Reichweite der Meeresbrandung schaffen, bevor die gierige See sie zu verschlingen drohte. Ihre Haut war kalt und unangenehm zu berühren.

Ich fühlte mich schrecklich schwach, und ihr Körper schien, seit das Leben ihn verlassen hatte, schwerer geworden zu sein. Totes Gewicht, ging es mir durch den Kopf. Die Worte entsetzten mich. Sie klangen grausig und trostlos in ihrer grimmigen und unerbittlichen Wahrhaftigkeit.

Als ich einsah, dass mir die Kraft fehlte, sie zu tragen, begann ich die Leiche zu ziehen. Die Leiche. Ein anderes grausames Wort. Die Leiche. Es war nicht mehr Selina, es war eine Leiche. Ich packte sie fest unter den Achseln und zerrte sie mit aller Macht, die aufzubringen ich imstande war, weiter. Meine Füße fanden im lockeren Sand kaum Halt und rutschten immer wieder aus. Etliche Male hätte ich mich fast auf den Hintern gesetzt, doch am Ende gelang es mir Stück für Stück, Selinas leblosen Leib weg von den Gezeitenströmungen und hinter den Gürtel aus vertrockneten Meeresalgen, toten Korallen und zerbrochenen Muschelschalen zu schleppen und mich höher und höher den Strand hinauf zu quälen.

Sobald sich ihre Füße außerhalb der nassen Gefahrenzone befanden, riss ich meine Hände unter ihren Armen hervor und ließ mich rücklings in den weichen Sand fallen. Mir war übel vor Erschöpfung, und gleichzeitig litt ich grässlichen Durst. Ich lag ein paar Minuten lang da und beobachtete mit starrem Blick einen Vogel, der hoch über der Insel seine Kreise zog. Ich sah mich flüchtig am Himmel um, in der Hoffnung, ein Flugzeug zu entdecken, aber es gab keines. Dort droben war nichts, nur der Vogel, ein Wölkchen und die Sonne – und sonst überall unendliches Blau.

Ich setzte mich auf. Selinas Leiche war in scheußlich verdrehter Haltung auf dem Boden gelandet. Ein Arm verschwand unter dem Oberkörper, der andere wickelte sich um ihren Kopf. Ihr Leib war über und über mit Sand bedeckt. Die Zunge hing ihr aus dem Mund. So konnte ich sie nicht liegen lassen. Wie achtlos entsorgten Müll. Ich musste das in Ordnung bringen. Aber zuallererst brauchte ich was zu trinken. Die Insel war reich an Kokosnüssen. Während der Nacht hatte ich die von den Matrosen zurückgelassene Machete benutzt, um ein paar zu köpfen, sodass Selina und ich von der Kokosmilch darin trinken konnten. Das lag allerdings schon viele Stunden zurück, und ich hatte den ganzen Morgen über weinend in der Sonne gesessen. Mein Rachen fühlte sich wie der trockene Sand unter meinen Füßen an. Es herrschte erstickende Hitze. Mir war schwindelig und schlecht. Ich musste schnellstmöglich etwas Trinkbares auftreiben.

Selinas Füße hatten zwei parallel verlaufende Spuren im Sand hinterlassen, als ich sie von der auflaufenden Flut weggezerrt hatte. Die Spuren zogen sich kurvenreich dahin, gefolgt von einer unregelmäßig gesetzten Reihe von Furchen, wo meine Füße den Sand aufgewühlt hatten.

Ich ließ meinen Blick die Spuren entlangschweifen, bis er auf die in der Brandung treibende Machete fiel, an einer unverändert seichten Stelle. Doch das wäre nicht mehr lange der Fall. Ich sprang auf die Beine, trat über meine tote Verlobte hinweg und stolperte den Strand hinab. Meine Augen klebten am Heft der Machete, die in der Gischt auf und ab tanzte. Die schwere Klinge des riesigen Messers zog es unter die Oberfläche.

Wer oder was auch immer Selina getötet haben mochte, es war nach wie vor irgendwo da draußen, und ich war nicht besonders scharf darauf, barfuß ins Wasser zu laufen, aber ich hatte keine andere Wahl. Ginge mir die Machete verloren, würde ich ohne jeden Zweifel verdursten. Also trat ich behutsam ins Wasser und setzte jeden meiner Schritte mit größter Vorsicht. Die Machete wurde immer weiter von mir weggeschwemmt. Der Griff sank unter die Oberfläche, um unmittelbar darauf erneut aufzutauchen, gefangen im trägen Rhythmus der flachen Flutwellen. Das Wasser war kristallklar. Ich konnte genau erkennen, wie die Strömung die schwere Klinge mit sich trug.

Ich tat ein paar schnelle, inzwischen weniger bedachtsame Schritte, warf mich in die Wellen und langte nach dem Messerheft. Das Wasser war höchstens zwei Fuß tief. Ich hockte auf den Knien und ergriff die Machete. Das kühle Wasser fühlte sich unglaublich gut an. Ich begutachtete den Unterwasserbereich direkt um mich herum, bevor ich mich niedersinken ließ. Ich füllte meinen Mund mit Salzwasser, ohne es zu schlucken. Ich kannte die Geschichten von schiffbrüchigen Seeleuten in Rettungsbooten, die Meerwasser tranken und den Verstand verloren. Ich wusste nicht, ob diese Geschichten der Wahrheit entsprachen, würde allerdings keinerlei Risiko eingehen, solange Kokospalmen den Strand säumten, und außerdem gab es jenseits dieser Palmen irgendwo im Regenwald mit Sicherheit auch saftige, essbare Früchte.

Ich spuckte das Wasser aus, erhob mich und wollte mich gerade zurück Richtung Strand aufmachen, um mir eine hübsche frische Kokosnuss zu suchen, sie aufzuschlagen und ihre dickflüssige Milch zu trinken und ihr süßes Fleisch zu verzehren, als ich das Schiff entdeckte.

Es war weit entfernt, nahe am Horizont, aber es war zweifellos da, und es war das erste Seefahrzeug, das mir vor Augen kam, seit die Matrosen uns gestern auf dieser verfluchten Insel ausgesetzt hatten. Das Schiff war groß. Ein Frachter, vielleicht sogar ein Öltanker. Aufgrund der Entfernung des Schiffes war das schwer zu sagen. Ich konnte lediglich einen Umriss ausmachen. Es war auf jeden Fall keine Einbildung. Und es bedeutete eventuell meine Rettung.

In meinem unverändert dehydrierten, benebelten und entkräfteten Zustand hastete ich den Strand hinauf. Ich warf die Machete in den Sand und suchte nach Treibholz, um ein Feuer zu errichten. Mir wurde jedoch sehr rasch klar, dass es aussichtslos war. Das Schiff wäre verschwunden, bis ich genug Holz gesammelt hätte, um ein anständiges Feuer zu entfachen. Ich schnappte mir stattdessen eines unserer Strandtücher und fing an, es wie eine Fahne in der Luft zu schwenken. Ich war derart geschwächt, dass ich nur ein paar Male mit dem verdammten Handtuch hin und her wedeln konnte, bevor meine Arme verkrampften und ich aufgeben musste. Abgesehen davon war das Schiff so weit weg, dass die Besatzung mich und mein winkendes Handtuch sowieso nicht hätte sehen können. Höchstwahrscheinlich konnten sie aus dieser Distanz lediglich eine kleine Insel am fernen Horizontrand erkennen. Ich beförderte das Badetuch mit einem Fußtritt dorthin, wo unsere Strandtasche lag, und hob die Machete auf. Es gab nichts, was ich tun konnte. Falls das Schiff sich nicht weiter der Insel näherte, würden sie mich niemals hier erspähen.

Ich fand eine Kokosnuss unter einer der Palmen und setzte mich in den Schatten, um sie aufzuschneiden. Von dem Schiff, das dort in der Ferne am Horizont vorbeischipperte, konnte ich meine Augen nicht abwenden und fragte mich, ob sie die Insel überhaupt bemerkt hatten. Vielleicht waren alle unter Deck und schauten sich die Olympischen Spiele im Fernsehen an, während der Kapitän alleine am Steuer stand, Rum soff und dämliche Lieder vor sich hinsang. Ich malte mir aus, wie ein paar Matrosen, denen die Insel zufällig ins Blickfeld geraten war, einander aufgeregt darauf hinwiesen. Vielleicht schauten sie abwechselnd durch ein Fernglas zur Insel herüber. Konnten sie die Palmen, den weißen Sandstrand und die von Regenwald umgebenen steilen Klippen, die aus dem azurblauen Ozean ragten, erkennen? Ich konnte beinahe hören, wie sie sich aus ihrem elenden Alltagsleben hinausträumten. ›Oh, stellt euch nur vor, zusammen mit einer wunderschönen Frau ans Ufer dieses Paradieses gespült zu werden. Das wäre mir jederzeit weitaus lieber als alles andere auf der Welt. Ich würde gar nicht wollen, dass mich jemals einer findet. Lasst mich einfach in Frieden und bleibt mir verdammt noch mal auf ewig fern.‹ Die darin liegende Ironie biss und quälte mich, und mein Blick wurde von Tränen getrübt. Ich ließ mein Elend, meine Trauer und meinen Frust an der Kokosnuss aus und verpasste ihr einige heftige Hiebe mit der Machete, bis ich sie schließlich geöffnet hatte. Ich hob sie an meine Lippen und trank die Milch. Sie war lauwarm und schmeckte irgendwie schal und verdorben, doch ich trank sie bis auf den letzten Tropfen. Mein Magen zog sich krampfhaft zusammen, und wenige Sekunden lang stand ich kurz vor dem Erbrechen, aber ich schaffte es, alles bei mir zu behalten.

Inzwischen verschwand das Schiff allmählich vom Horizont. Bald würden sie nicht einmal mehr die Insel ausmachen können. Ich warf einen flüchtigen Blick auf unsere über den Strand verstreuten Habseligkeiten. Ich starrte auf das Zeug, das die Seemänner zurückgelassen hatten. Gestern hatte ich den Kram gründlich inspiziert. Überwiegend handelte es sich um Teller, Besteck und dergleichen. Bei Gott, sogar ein paar Klappstühle. Eine Kühltasche, die wir gestern geleert hatten. Mein Blick fiel abermals auf unsere eigenen Sachen. Schwimmflossen. Schnorchel. Taucherbrillen. Handtücher. Kameras.

Die Taucherbrillen.

Meine Augen bewegten sich von den...

Erscheint lt. Verlag 13.5.2019
Übersetzer Sven-Eric Wehmeyer
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Horror
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte eBooks • Horror • Tauchen • Thailand • The Walking Dead • Zombie
ISBN-10 3-641-23949-4 / 3641239494
ISBN-13 978-3-641-23949-7 / 9783641239497
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