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Elisabeth, ein Hitlermädchen (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 3., Überarbeitete Fassung
255 Seiten
Null Papier Verlag
978-3-96281-580-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Elisabeth, ein Hitlermädchen - Maria Leitner
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Die titelgebende junge Berlinerin Elisabeth Weber verliebt sich auf einer Mai-Kundgebung in den ebenso wie sie vom Nationalsozialismus geblendeten SA-Mann Erwin Dobbien. In ihrer Begeisterung verschließen beide die Augen vor dem Terror des Regimes. Nach einer von Erwin gewünschten Abtreibung landet Elisabeth schließlich mit anderen jungen Frauen in einem Arbeitslager. Die angespannte Versorgungslage verlangt nach billigen und willigen Arbeitskräften. Sie soll 'zum Dienst am Vaterland im Geiste des Führers' erzogen werden. Erst da erkennt sie das Grauen der Nazis. Sie zettelt einen Aufstand an. 'Elisabeth, ein Hitlermädchen' erschien von April bis Juni 1937 in der Exilzeitung Pariser Tagblatt als Fortsetzungsroman. Der Roman ist eine deutliche Replik auf den demagogischen Propaganda-Jugendroman 'Ulla, ein Hitlermädel' (1933) der Autorin Helga Knöpke-Joest. In einer bewusst einfachen Sprache, eben der eines Berliner Mädchens, das sich zunächst nur um sich und ihr eigenes Glück sorgt, verfasste Maria Leitner ein stimmiges Sittengemälde der 'einfachen' Mitläufer aus der NS-Zeit. Wenn man die Zeilen liest, die Blauäugigkeit und Begeisterung unter den jungen Menschen spürt, so kann man ein Stück besser verstehen, wie die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Null Papier Verlag

Maria Leitner (1892-1942) war eine deutschsprachige ungarische Journalistin und Schriftstellerin. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges gründete sie den Kommunistischen Jugendverband Ungarns mit und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei. Zwischen 1925 und 1930 reiste sie mehrmals nach Nord-, Mittel- und Südamerika. Ihre Sozialreportagen aus Amerika hat Maria Leitner in der Reportagesammlung »Eine Frau reist durch die Welt« zusammengefasst. Nach dem Sturz der Räterepublik zog sie über Wien nach Berlin. 1933 floh sie von den Nationalsozialisten über Prag nach Frankreich, wo sie vorübergehend interniert war. Auf der Flucht vor den Nazis wurde sie vor Erschöpfung in den Tod getrieben.

Maria Leitner (1892–1942) war eine deutschsprachige ungarische Journalistin und Schriftstellerin. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges gründete sie den Kommunistischen Jugendverband Ungarns mit und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei. Zwischen 1925 und 1930 reiste sie mehrmals nach Nord-, Mittel- und Südamerika. Ihre Sozialreportagen aus Amerika hat Maria Leitner in der Reportagesammlung »Eine Frau reist durch die Welt« zusammengefasst. Nach dem Sturz der Räterepublik zog sie über Wien nach Berlin. 1933 floh sie von den Nationalsozialisten über Prag nach Frankreich, wo sie vorübergehend interniert war. Auf der Flucht vor den Nazis wurde sie vor Erschöpfung in den Tod getrieben.

Zur Erstveröffentlichung
Erstes Kapitel. – Begegnung am 1. Mai
Zweites Kapitel. – Warenhaus Alderman, Schuhabteilung
Drittes Kapitel. – Marschmusik unter blühenden Kastanien
Viertes Kapitel. – Junge Liebe im Gelände
Fünftes Kapitel. – Gespensterzug der Gasmasken
Sechstes Kapitel. – Kostenanschlag des Familienglücks
Siebentes Kapitel. – Der Stammbaum
Achtes Kapitel. – Jugend, mach Platz!
Neuntes Kapitel. – Das Reich der Ungeborenen
Zehntes Kapitel. – Muss i denn, muss i denn, zum Städtele hinaus
Elftes Kapitel. – Mädchen mit Pappschachteln
Zwölftes Kapitel. – »Du bist nichts!«
Dreizehntes Kapitel. – Hüterin der Rasse
Vierzehntes Kapitel. – Das Mädchen »Ichweißwas«
Fünfzehntes Kapitel. – Die Schießübung
Sechzehntes Kapitel. – Der Brief
Siebzehntes Kapitel. – Gilda
Achtzehntes Kapitel. – Die Aufrührerischen
Neunzehntes Kapitel. – Ausgestoßen
Zwanzigstes Kapitel. – Schatten preußischer Könige und das Glück

Erstes Kapitel.


Begegnung am 1. Mai


Sie glich ei­ner Schwim­me­rin. Mit has­ti­gen Arm­be­we­gun­gen zer­teil­te sie die Men­ge, die wie auf­sprit­zend zur Sei­te wich und eine schma­le Rin­ne frei ließ. Sie schlüpf­te durch sie hin­durch, wäh­rend schon im nächs­ten Au­gen­blick die Men­schen­wo­ge wie­der über ihr zu­sam­menschlug.

Die­se Men­ge schi­en wie das Meer ganz ohne Gren­zen. Zur Be­we­gungs­lo­sig­keit ge­bannt, hielt sie doch in­ne­rer Aufruhr in stän­di­gem Auf und Ab.

Das Mäd­chen er­reich­te eine klei­ne Er­hö­hung. Von hier ge­wann sie einen ganz neu­en Blick. Jetzt sah es aus, als wäre auf die­sem Feld die gan­ze Stadt, das We­sent­lichs­te der gan­zen Stadt zu­sam­men­ge­presst.

Un­zäh­li­ge Ta­feln schweb­ten über den Köp­fen der Men­ge: »Be­leg­schaft AEG«, »Ull­stein«, »Brot­fa­brik Witt­ler«, »Aschin­ger«, »Sie­mens u. Schu­ckert«, »Kauf­haus Wert­heim«, »In­dus­trie­wer­ke Karls­ru­he«, »Haus Va­ter­land«, »Tief­bau-Ge­sell­schaft«. Wie auf dem pri­mi­ti­ven Thea­ter be­schwo­ren sie stär­ker als Bil­der, die nur den schwa­chen Ab­klatsch der Wirk­lich­keit ge­ben, die Stät­ten, die sie nur mit ei­nem Wort an­deu­te­ten: Ma­schi­nen­hal­len, Kes­sel, auf­glü­hen­den Stahl, Ka­no­nen und Flug­zeu­ge, Wege und Bag­ger, kne­ten­de Ei­sen­fin­ger der Brot­ma­schi­nen, Hoch­häu­ser und Schäch­te.

In die­sem un­über­seh­ba­ren Ta­fel­wald such­te das Mäd­chen ih­ren Platz. Könn­te sie ihn doch end­lich wie­der­fin­den.

Die Grup­pen wa­ren kahl. Die Fah­nen mit den Ha­ken­kreu­zen, die so weit wa­ren, als woll­ten sie den Him­mel be­de­cken, um­flat­ter­ten das Feld, aber sie ge­hör­ten nicht zu den Grup­pen.

In den Au­gen des Mäd­chens sam­mel­te sich ge­spann­te Auf­merk­sam­keit. Erst flos­sen die Ge­sich­ter ge­sichts­los in­ein­an­der. Nur lang­sam be­gan­nen sich die ein­zel­nen zu un­ter­schei­den, so wie man sich an das Dun­kel lang­sam ge­wöh­nen muss, be­vor man all­mäh­lich die Um­ge­bung er­kennt.

Wie ver­schie­den wa­ren die Ge­sich­ter, die sich plötz­lich ge­gen den har­ten Hin­ter­grund der Mas­se ab­zeich­ne­ten! Sie zer­bra­chen die schein­ba­re Ein­heit. Es tauch­ten ent­schlos­se­ne, tri­um­phie­ren­de, ver­zwei­fel­te, auf­leuch­ten­de, müde, has­s­er­füll­te, auf­rüh­re­ri­sche, dump­fe, ent­schlos­se­ne, ver­ängs­tig­te, stol­ze, stump­fe, ver­gräm­te, kampf­be­rei­te Ant­lit­ze auf.

Manch­mal fühl­te das Mäd­chen, wie Hass auf ihre Per­son über­sprang. Sie wuss­te, er galt ih­rem Kleid. Ihrem Ehren­kleid, auf das sie stolz war. Dem blau­en Rock, der wei­ßen Blu­se, dem schwar­zen Tuch, das von ei­nem brau­nen ge­floch­te­nen Le­der­schlupf ge­hal­ten wur­de, der brau­nen Klet­ter­wes­te.

Ei­ni­ge­mal er­reich­te sie, zwi­schen zu­sam­men­ge­press­ten Zäh­nen ab­schät­zend ge­flüs­tert, das Wort: »Hit­le­ri­ka.«

Lass sie nur, dach­te das Mäd­chen, lass sie nur. Das wird schon an­ders wer­den. Es ist schon jetzt viel bes­ser. Frü­her wa­ren sie schlim­mer. Aber sie alle, auch die er­bit­terts­ten Fein­de, wer­den mer­ken, dass sie rich­tig, dass sie aus dem Elend ge­führt wer­den.

Doch es tat jetzt weh, in die­sem Men­schen­la­by­rinth al­lein her­um­zuir­ren. Lang­sam be­gann sie aus den dich­tes­ten Mas­sen her­aus­zu­fin­den. Die Men­ge wur­de dün­ner. Man konn­te jetzt an man­chen Stel­len das Feld se­hen mit schüt­terem, kran­kem Gras. Ros­tig hat­ten sich gelb­li­che Fle­cke in das arm­se­li­ge Grün ein­ge­fres­sen. Grup­pen la­gen ver­streut auf der ma­ge­ren Wie­se.

Die Stim­men der Ver­käu­fer, die laut ihre Ware an­prie­sen, konn­ten sich jetzt un­ge­hin­dert Ge­hör ver­schaf­fen.

»War­me Würst­chen ge­fäl­lig?« – »Sau­re Drops, die bes­te Er­fri­schung!« – »Die Rie­sen­salz­stan­gen, kauft die Rie­sen­salz­stan­gen!« – »Li­mo­na­de, wer kauft Li­mo­na­de?«

Es war wie auf ei­nem Jahr­markt.

»Hier ist’s rich­tig«, sag­te ein äl­te­rer Mann, der mit ei­ner grö­ße­ren Ge­sell­schaft auf der Wie­se la­ger­te. »Kei­ne Laut­spre­cher­an­la­gen, die­sen Win­kel ha­ben sie ver­ges­sen. Man braucht nicht zu­zu­hö­ren und wird doch vom Feu­er­werk et­was se­hen kön­nen.«

Das Mäd­chen hass­te ihn. Wa­rum muss­te sie ge­ra­de hier­her ge­ra­ten, fern von den Ka­me­ra­den? Vi­el­leicht sprach schon der Füh­rer, und sie war ge­zwun­gen, die­se Leu­te zu hö­ren, die un­gläu­big wa­ren, die im­mer nur das Schlech­te se­hen woll­ten.

Ihre Au­gen such­ten so ver­zwei­felt, so dring­lich, dass sie einen SA-Mann,1 einen jun­gen Men­schen, der schlen­dernd vor­bei­kam, zum Ste­hen brach­ten.

Der Jun­ge streck­te ihr den Arm ent­ge­gen und sag­te: »Heil Hit­ler!«

Auch sie hob den Arm und rief mit hel­ler, wie be­frei­ter Stim­me: »Heil Hit­ler!«

Der Jun­ge hat­te den Arm wie­der her­un­ter­ge­las­sen und frag­te sie: »Su­chen Sie et­was, Fräu­lein?«

Sie ant­wor­te­te ihm erst nicht; ihr Blick ver­lor sich an ihm. Jetzt such­te sie nicht mehr, oder doch, sie such­te nur noch die­ses Ge­sicht, die­se Ge­stalt, die­se Au­gen.

So möch­te ich aus­se­hen, wenn ich Jun­ge wäre, dach­te das Mäd­chen. Genau so, ein schar­fes, vor­sprin­gen­des Kinn möch­te ich ha­ben, eine so ge­ra­de Nase, sol­che blau­en Au­gen und zwei sol­che gol­de­nen Pfei­le im tief­brau­nen Ge­sicht, das brau­ner ist als sei­ne brau­ne Uni­form.

Dann sag­te sie ihm: »Ob ich et­was su­che? O ja, ich su­che das Wa­ren­haus Al­der­man.«

Bei­de lach­ten.

Das Mäd­chen sprach wei­ter: »So was Dum­mes, ich habe mei­ne Ko­lon­ne ver­lo­ren und kann sie nicht wie­der­fin­den. Schon seit ei­ner Stun­de irre ich hier her­um in der Men­ge. – Ist das nicht groß­ar­tig, so vie­le Men­schen? Aber ich hät­te zu gern un­ter mei­nen Kol­le­gin­nen ge­stan­den, ich hät­te ihre Ge­sich­ter wäh­rend der Rede des Füh­rers be­ob­ach­tet; und Sie? Ha­ben Sie auch Ihren Be­trieb ver­lo­ren?«

»Ich muss, of­fen ge­stan­den, sa­gen, ich bin ein­fach aus­ge­rückt. Wenn Sie die­se Bü­ro­men­schen aus dem Bank­haus Wal­len­berg se­hen wür­den, dort ar­bei­te ich näm­lich – un­ser Pro­ku­rist hat einen Re­gen­schirm mit; stel­len Sie sich das vor, mit ei­nem Re­gen­schirm vor dem Bauch mar­schiert er seit acht Stun­den.«

»Sie müss­ten die Par­fü­me­rie-Ab­tei­lungs­lei­te­rin von un­se­rem Wa­ren­haus se­hen, mit sooo ho­hen Ab­sät­zen, da kann sie na­tür­lich nicht ge­nug jam­mern: Sind wir ei­gent­lich Sol­da­ten, und so ähn­lich. Von un­se­ren Lehr­lin­gen und Ver­käu­fe­rin­nen sind ja ei­ni­ge ohn­mäch­tig ge­wor­den, das ist Un­ter­er­näh­rung. Aber das wird an­ders wer­den. Und Ihre Kol­le­gen, wie sind die sonst?«

»Ach, ich mag gar nicht ihre Re­dens­ar­ten hö­ren; wis­sen Sie, wie die­se äl­te­ren Leu­te spre­chen?«

»Ich kann es mir vor­stel­len.«

»Das ken­nen wir, sa­gen sie. Al­les ken­nen sie, al­les ha­ben sie schon er­lebt. Die­se Be­geis­te­rung, ken­nen sie, die Fah­nen, ken­nen sie, den Krieg, ken­nen sie. Man kann es...

Erscheint lt. Verlag 1.7.2025
Reihe/Serie Verbrannte Bücher bei Null Papier
Verbrannte Bücher bei Null Papier
Verlagsort Neuss
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Schlagworte Bücherverbrennung • Dritte Reich • Früchte des Zorns • Goebbels • John Steinbeck • Reichskristallnacht • Steinbeck
ISBN-10 3-96281-580-5 / 3962815805
ISBN-13 978-3-96281-580-6 / 9783962815806
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