Nichts Genaues weiss man nicht (eBook)
225 Seiten
Zytglogge (Verlag)
978-3-7296-2232-6 (ISBN)
Geb. 1957 in Dorsten. Studium der Philosophie, Germanistik und Psychologie. Er lebt in Zürich und arbeitet dort als Psychoanalytiker. Von 2004 bis 2014 war er Privatdozent für Psychoanalyse sowie bis 2017 Professor für Entwick-lungs- und Pädagogische Psychologie an der Universität Bremen. Seit 2014 ist er PD für klinische Psychologie an der Universität Zürich und seit 2017 Gastprofessor für Geschichte und Wissenschaftstheorie der Psychoanalyse an der International Psychoanalytic University in Berlin. Ausserdem betätigt er sich seit vielen Jahren als Satiriker (SRF3 und ?Sonntagszeitung?) und Kolumnist (?Tages-Anzeiger? und ?Bund?). www.peterschneider.info
Geb. 1957 in Dorsten. Studium der Philosophie, Germanistik und Psychologie. Er lebt in Zürich und arbeitet dort als Psychoanalytiker. Von 2004 bis 2014 war er Privatdozent für Psychoanalyse sowie bis 2017 Professor für Entwick-lungs- und Pädagogische Psychologie an der Universität Bremen. Seit 2014 ist er PD für klinische Psychologie an der Universität Zürich und seit 2017 Gastprofessor für Geschichte und Wissenschaftstheorie der Psychoanalyse an der International Psychoanalytic University in Berlin. Ausserdem betätigt er sich seit vielen Jahren als Satiriker (SRF3 und ‹Sonntagszeitung›) und Kolumnist (‹Tages-Anzeiger› und ‹Bund›). www.peterschneider.info
Lebenserwartung
Fast jeder Bericht aus der Medizin und ihren Randbereichen endet mit dem Hinweis auf die erfolgreiche Bekämpfung des Leidens und die Erhöhung der Lebenserwartung. An anderer Stelle höre und lese ich von Pflegekosten, die exorbitant steigen, von Altersdepression und -suizid. Da frage ich mich: Wollen wir denn immer mehr Lebenserwartung? S.E.
Liebe Frau E.
Die Lebenserwartung ist ein statistischer Wert, der angibt, wie viele Lebensjahre ein Angehöriger eines Geburtsjahrgangs durchschnittlich noch zu leben hat. Und damit allenfalls sehr indirekt ein Indikator für das, was «wir wollen». Was man zudem leicht vergisst, ist, dass dieser Wert nicht allein und vor allem dadurch bestimmt wird (um es mit einem beliebten Klischee zu formulieren), wie lange es die seelenlose Spitzenmedizin schafft, auch einen 95-Jährigen nach einer sinnlosen Herztransplantation auf Kosten der Allgemeinheit noch am Leben zu erhalten (selbstverständlich, denn so will es das Klischee, mit zahllosen Schläuchen an teure Maschinen angeschlossen). Auch die drastische Senkung der Säuglingssterblichkeit in den letzten 100 Jahren hat zum beachtlichen Anstieg der Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten beigetragen. Und, last but not least, ist die in Jahren stetig steigende Kurve der Lebenserwartung ziemlich gut mit besserer Ernährung, besserer allgemeiner Gesundheitsvorsorge und gutem Zugang zu medizinischer Versorgung, mit erfolgreichen Impfaktionen, mit guten Arbeitsschutzgesetzen, Fortschritten in der Neonatologie und regelmässigen Untersuchungen von Kleinkindern korreliert – also mit ganz alltäglichen Errungenschaften, die nichts mit dem Schreckgespenst einer Medizin zu tun hat, die am natürlichen Lebensende den Menschen mit aller Macht und für viel Geld noch ein bisschen Leben aus den moribunden Organen herauszuquetschen sucht. Ich weiss nicht, was sie wollen; ich nehme gerne die höhere Lebenserwartung. Und gönne sie meinen Mitmenschen von ganzem Herzen. Auch den Dementen und Kranken.
Loyalität
Was ist Loyalität? Mich ärgern Leute, die sie einfordern, etwa in Freundschaften. Ich meine, Loyalität ist wie Dankbarkeit – ein Geschenk. Und was meinen Sie? F.M.
Lieber Herr M.
Ich glaube, man kann Loyalität gut mit ‹Treue› übersetzen. Jedenfalls deckt das Wort Treue mindestens die zwei wichtigsten Aspekte der Loyalität ab: Einerseits die Bindung an ein engeres persönliches Verhältnis zu jemandem; andererseits die Tatsache, dass die Vernunft es gebietet, mit beidem nicht zu übertreiben. Im Falle der Treue, nennt man diese Übertreibung Nibelungentreue, eine Treue die über Leichen geht. («Meine Ehre heisst Treue» war der Wahlspruch der SS.)
Sie haben recht, dass man Geschenke nicht einfordern kann. Aber man kann sie eben doch erwarten, so wie viele Leute Jahr um Jahr von bestimmten Menschen ein Geburtstagsgeschenk erwarten und irritiert wären, wenn es ausbleibt, auch wenn sie selbstverständlich wissen, dass sie keinerlei Anspruch darauf haben. So wie die Schenkenden ihrerseits eine gewisse Dankbarkeit erwarten dürfen, auch wenn sie diese niemals einfordern würden. Aber auch wenn Loyalität also in gewisser Hinsicht durchaus in die Kategorie der ‹Geschenke› fällt, ist sie offensichtlich kein Geschenk völlig aus heiterem Himmel von Leuten, mit denen man nie zuvor etwas zu tun hatte. Wenn ich jemand Fremdem zur Seite stehe, wird er das möglicherweise freundlich, aber wohl kaum loyal finden. Zwar gehört zur Loyalität nicht unbedingt Freundschaft, wohl aber gehört zur Freundschaft Loyalität.
Offensichtlich blüht die Loyalität als menschliche Tugend am schönsten im gemeinhin als langweilig empfundenen Mittelmass. Es ist gut, wenn man sich auf seine Freunde auch in schwierigen Situationen verlassen kann, und auch, wenn sie eine gewisse Verschwiegenheit gegenüber den eigenen Fehlern an den Tag legen; aber es ist nicht gut, wenn sie einem jederzeit jedwedes Alibi geben würden. Man kann auch nicht von jeder Person dasselbe Mass an Loyalität erwarten; und ich möchte auch nicht jeder Person, mit der mich etwas verbindet, denselben Grad an Loyalität gewähren. Vor allem sollte man nicht mehr Loyalität erwarten, als man selber zu gewähren bereit ist.
Loyalität ist gut; aber sie ist nur eine Halb-Tugend: Wie wünschens- und lobenswert sie ist, hängt stark vom Kontext ab. Und, wie gesagt, vom Mass: Grenzenlose Loyalität ist eine Mafia-Tugend. Jede ‹Right or wrong – my party›-Loyalität ist verwerflich. Eine solche Loyalität ist ein Charakterzug von Auftragskillern und Parteibuchhaltern, die Spenden in unauffälligen weissen Umschlägen entgegennehmen. Darum finde ich Wörter wie ‹Parteifreunde› so schauerlich: Man muss nur ein wenig an der Fassade dieses Begriffs kratzen und schon kommen übler Opportunismus und Kumpanei zum Vorschein.
Lupenreine Demokraten
Über meinen etwas jüngeren Bruder bin ich in eine Stammtischrunde erwachsener Männer gekommen. Alle Berufs- und Bildungsniveaus sind vertreten. Man diskutiert die Tagesgeschehen und geht, bis zum nächsten Treffen in einer Woche, seiner Wege. Nun kam ich in Diskussion mit einem 84-jährigen ehemaligen Metzgermeister-Unternehmer. Für ihn sind Putin und seine Politik vorbildlich und demokratisch. Für Tatsachen ist der Mann nicht zugänglich. Die westliche Presse lügt usw. Ich sagte ihm und den anderen Stammtischlern, dass ich in einer Runde, welche solche Ansichten toleriert, nicht sein kann; stand auf und ging. Vor einer Weile sagte mein Bruder, man hätte sich entschlossen, mich wieder in den Kreis aufzunehmen; dabei war ich es, der ging. Bin ich zu eingebildet, zu hochnäsig, zu arrogant oder einfach im Unrecht? A.B.
Lieber Herr B.
Oder einfach nur im Recht? Schon die Chuzpe, Sie gnädig wieder aufnehmen zu wollen, obwohl Sie doch Ihrerseits unter Protest den Austritt gegeben haben, zeugt von einer tüchtigen Realitätsverleugnung. Und setzt sich offenbar in den Inhalten der Diskussion fort. Schon Gerhard Schröder fand ja, dass es sich bei Putin um einen «lupenreinen Demokraten» handle; und auch die ‹Weltwoche› pflegt – z. B. in Bezug auf Orban – diesen kokett kontraintuitiven Stil der Weltwahrnehmung. Vor Jahrzehnten kannte man diese Art des politischen Durchblicks der dritten Art von kommunistischen Gruppen wie der DKP und stalinistischen sowie maoistischen Gruppierungen. Mit der Rede von der Lügenpresse bei Pegida, AfD oder den stets sehr meinungsoriginellen Ausbrüchen Christoph Blochers ist das politische Sektierertum im Bürgertum heimisch geworden. Dabei kommt es zu argumentativen Pirouetten geradezu grotesken Ausmasses: Aus Rechtsnationalisten werden verfolgte Juden, das Volk wird von der Elite totgeschwiegen, Putin erlöst uns vom IS etc. Manchmal denke ich, es kann nur noch eine Frage der Zeit sein, bis endlich auch Kim Jong Un rehabilitiert wird. (Man könnte übungshalber schon mal mit Erdogan anfangen.) Der Witz bei solchen Diskussionen wie um Putin ist übrigens, dass die Putin-Verteidiger in der Regel keineswegs uninformiert sind. Im Gegenteil: Sie verfügen oftmals über ein geradezu erschlagendes Mass an Detailinformationen über Personen und Zusammenhänge. Eigentlich müsste man sich geschlagen geben und anerkennen, dass Putin wirklich ein toller Mann, Russland das Reich der Freiheit ist und Merkel wegmuss. Das Problem ist freilich, dass man partout das Gefühl nicht loswird, dass da etwas nicht stimmt. Es ist wie beim pensionierten Physiklehrer, der einem beweisen kann, dass das Perpetuum Mobile sehr wohl existiert und das Patent dazu von der Automobilindustrie unter Verschluss gehalten wird. Man weiss mit seiner übriggeblieben physikalischen Achtelbildung gar nicht, was man konkret gegen diese Beweisführung einwenden soll. Und dennoch sagt einem eine innere Stimme, dass der Mann schlicht einen an der Waffel haben muss.
Luxusprobleme
Sind es Luxusprobleme, wenn einen Dinge nerven, die nicht existenziell bedeutsam sind? Und muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn dies der Fall ist? K.B.
Liebe Frau B.
Nein, sind es nicht. Und ein schlechtes Gewissen muss man deshalb auch nicht haben. Soviel zu Ihrer konkreten Frage, nun folgen ein paar allgemeinere Ausführungen. ‹Luxusprobleme› oder auch ‹First-World-Problems› sind polemische Begriffe, die manchmal einen guten Sinn haben können, oft aber auch nicht. Doof sind sie, wenn bei deren Verwendung Dinge zusammengebracht werden, die nichts miteinander zu tun haben. Ich kann mich durchaus ärgern, wenn ein Bus Verspätung hat oder das Telefon nicht funktioniert, obwohl ich weiss, dass anderswo Menschen hungern. Eine schwere Erkältung oder eine Migräne wird dadurch nicht schöner, dass andere Leute unheilbar an Krebs erkrankt sind. Was könnte dann überhaupt kein Luxusproblem sein? Immer findet sich jemand, dem es noch schlechter geht. Ich finde es zynisch, das Elend dieser Welt für eine Zurechtweisungs-Rhetorik zu missbrauchen. Natürlich jammert man nicht über seine laufende Nase, wenn einem ein...
| Erscheint lt. Verlag | 21.9.2018 |
|---|---|
| Verlagsort | Basel |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Essays / Feuilleton |
| Schlagworte | Kolumnen • Philosophie • Psychologie • Sachbuch • Schweiz |
| ISBN-10 | 3-7296-2232-3 / 3729622323 |
| ISBN-13 | 978-3-7296-2232-6 / 9783729622326 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopierschutz. Eine Weitergabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persönlichen Nutzung erwerben.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich