Die Geschichte des Bleistifts (eBook)
375 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-75665-2 (ISBN)
Vollkommen in sich ruhende Naturbeschreibungen stehen neben Traumbildern, in denen das Fremde fremd bleibt, oder Denk-Stücken, die Startrampen sind in unerforschtes Gebiet.
<p>Peter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (Kärnten) und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman <em>Die Hornissen</em>. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks <em>Publikumsbeschimpfung </em>in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann.</p> <p>Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfasst, erinnert sei an: <em>Die Angst des Tormanns beim Elfmeter </em>(1970), <em>Wunschloses Unglück</em> (1972), <em>Der kurze Brief zum langen Abschied </em>(1972), <em>Die linkshändige Frau </em>(1976), <em>Das Gewicht der Welt</em> (1977), <em>Langsame Heimkehr </em>(1979), <em>Die Lehre der Sainte-Victoire </em>(1980), <em>Der Chinese des Schmerzes </em>(1983),<em> Die Wiederholung </em>(1986), <em>Versuch über die Müdigkeit</em> (1989), <em>Versuch über die Jukebox</em> (1990), <em>Versuch über den geglückten Tag</em> (1991), <em>Mein Jahr in der Niemandsbucht </em>(1994), <em>Der Bildverlust </em>(2002), <em>Die Morawische Nacht</em> (2008), <em>Der Große Fall</em> (2011), <em>Versuch über den Stillen Ort</em> (2012), <em>Versuch über den Pilznarren</em> (2013). </p> <p>Auf die <em>Publikumsbeschimpfung </em>1966 folgt 1968, ebenfalls in Frankfurt am Main uraufgeführt, <em>Kaspar. V</em>on hier spannt sich der Bogen weiter über <em>Der Ritt über den Bodensee </em>1971), <em>Die Unvernünftigen sterben aus </em>(1974), <em>Über die Dörfer</em> (1981), <em>Das</em> <em>Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land </em>(1990), <em>Die Stunde da wir nichts voneinander wußten</em> (1992), über den <em>Untertagblues </em>(2004) und <em>Bis daß der Tag euch scheidet </em>(2009) über das dramatische Epos <em>Immer noch Sturm</em> (2011) bis zum Sommerdialog <em>Die schönen Tage von</em> <em>Aranjuez </em>(2012) zu <em>Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße</em> (...
Peter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (Kärnten) und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann. Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfaßt, erinnert sei an: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970), Wunschloses Unglück (1972), Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), Die linkshändige Frau (1976), Das Gewicht der Welt (1977), Langsame Heimkehr (1979), Die Lehre der Sainte-Victoire (1980), Der Chinese des Schmerzes (1983), Die Wiederholung (1986), Versuch über die Müdigkeit (1989), Versuch über die Jukebox (1990), Versuch über den geglückten Tag (1991), Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994), Der Bildverlust (2002), Die Morawische Nacht (2008), Der Große Fall (2011), Versuch über den Stillen Ort (2012), Versuch über den Pilznarren (2013). Auf die Publikumsbeschimpfung 1966 folgt 1968, ebenfalls in Frankfurt am Main uraufgeführt, Kaspar. Von hier spannt sich der Bogen weiter über Der Ritt über den Bodensee 1971), Die Unvernünftigen sterben aus (1974), Über die Dörfer (1981), Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land (1990), Die Stunde da wir nichts voneinander wußten (1992), über den Untertagblues (2004) und Bis daß der Tag euch scheidet (2009) über das dramatische Epos Immer noch Sturm (2011) bis zum Sommerdialog Die schönen Tage von Aranjuez (2012) zu Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (2016). Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen: Aus dem Griechischen Stücke von Aischylos, Sophokles und Euripides, aus dem Französischen Emmanuel Bove (unter anderem Meine Freunde), René Char und Francis Ponge, aus dem Amerikanischen Walker Percy. Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Formenvielfalt, die Themenwechsel, die Verwendung unterschiedlichster Gattungen (auch als Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur ist Peter Handke aufgetreten) erklärte er selbst 2007 mit den Worten: »Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen.«
Der Feind ist der blinde Fleck in der Gesellschaft
»Ihre stumme Verzweiflung sah sich nach Hilfe nicht um, denn sie kannte keine Hilfe« (Das Märchen); Goethe weiß alles
Wenn ein Wanst zitiert: »Die Schriftsteller sollen nicht die Ärzte sein, sondern der Schmerz«, brauche ich gar nicht hinzuschauen, um zu sehen, daß der Sprechende kein Schriftsteller ist, sondern eben ein Wanst
Immer wieder im Lauf des Tages: »Jetzt brauche ich allmählich jemanden, um mich in ihm zu vergessen«
Bei den Augen mancher Leute denke ich: Nein, die haben noch nie etwas Unrechtes getan! (Das ist aber nicht nur schön)
Ein Zigarettenstummel, weggeworfen, rollte auf der Straße genau in den Frühling hinein, und in die vergangenen Frühlinge, bis zurück in die Kinderzeit
Musik als Stimme hören, die spricht (sagt); so verliert sie das Gaukelnde
Wenn du eine Vision hast von der Hoffnungslosigkeit und Boshaftigkeit der Welt — recht so! Wehe dir aber, wenn du die Vision nicht hast und doch unentwegt von der Schlechtigkeit der Welt leierst
Am Morgen im Schulgebäude die Kinder, in ein Zimmer laufend, und draußen der Wind, der eine Pappel rüttelt: ich schaue der Welt zu, machtlos wie ein Gott (so soll es sein)
Wenn ich mir eine vorgegebene zusammenhängende Sprache vorstellen soll, stoße ich sofort auf ein innerliches Wundsein; die Wörter, damit ich sie aufschreiben (verwenden) kann, müssen mir im Tagtraum erscheinen
Ruisdaels Bilder sind so still, daß die kleinste Dramatik — der sich aus dem Wasser hebende Schwan — schon wie Humor wirkt
Warum möchte ich eigentlich nur in einem Land mit gegenwärtigem Glanz leben (wie etwa Frankreich)? — Wie gutmütig stolz konnte noch Goethe in der »Italienischen Reise« von »seinem« Frankfurt reden; oder Vergil von seinem Italien: »Hier prangt mit Früchten die Flur, die reißenden Tiger aber und die wilde Brut der Löwen sind abwesend«
In den größten Werken, wie in Rembrandts Selbstporträts, geschieht immer noch ein zusätzliches Ins-Licht-Rücken des Gegenstands, oder auch nur ein »kleiner Dreh«: so erst werden es die prächtigen Gesichter einer geheimnisvollen unbekannten Rasse
Wie dahin gelangen, Alltägliches zu schreiben, so unauffällig, daß es wie gereiht aussieht und doch als ein Ganzes leuchtet? (»Der Zug stand. Aber es fehlte noch der letzte Halteruck.«)
»Sieh dir das dunkle Bild genauer an — vielleicht hellt es sich dann auf!« Das sagte der Mann im dunklen Bild. Ich lachte, und die Gegenstände im Bild wurden dunkler, der Raum aber wurde hell
Ich sah den hellsandigen Weg und die sonnengefleckte Mauer vor der Fontaine Sainte-Marie im Wald von Meudon wieder und dachte: Verewige!
Er ist ein reiner Mensch; jedes Wort, das er spricht, bleibt im Bild; keins seiner Wortbilder wird durchkreuzt von Hintergedanken (mögen diese auch noch so harmlos sein, sie sind doch Hintergedanken, bildschwärzend, unrein)
Die Welt ist ganz mein Element immer nur kurz nach einer erschöpfenden Arbeit
Ich spüre immerhin schon die Biegung einiger Flüsse der Erde in mir. Zeit, verjüngendes Licht!
»Schau, wo du gehst«: diesen Spruch, überzeug dich, gibt es in allen Sprachen. Als Sorger etwa der Indianerin davon erzählte, sagte sie: Auch ich schaute als Kind beim Gehen immer zum Himmel, und auch meine Angehörigen sagten: Schau, wo du gehst. Sie wußten nicht, daß ich über den Bäumen auch einen Weg sah
Ich sah die unheilbare Einsamkeit des Geliebten; als sei Liebe das Mitgefühl mit des anderen unheilbarer Einsamkeit
Ihr über die Schläfen streichend, machte er ihr Flügel
»Es sind heilige Namen, Winter und Frühling und Sommer und Herbst! Wir aber kennen sie nicht« (Hyperion)
Mein Anspruch, das bin doch ich. Also kann mein Anspruch nicht zu hoch sein
»Die Musik weckt nur Todesangst, wenn sie ein Mensch von weitem hört, der nie mehr in die Heimat zurückkehren wird« (Tschechow, Sachalin)
Die fruchtbare, entwerfende, strukturierende Erinnerung kommt nur, wenn ich etwas ertragen habe
Manchmal kann ich einiges. Aber es gibt nichts, was ich immer kann
Jeder Tag, ob in der Arbeit oder im Müßiggang, sollte so lange dauern, bis mir die Augen schwer werden
Die Vögel sind die Lebewesen der sonntäglichen Morgenstraße. Und Kinder rollen auf Dreirädern und reden zueinander durch löchrige leere Eistüten
Ich brauche jemanden wie Goethe, der einfach sagt
Seinen fixen Ideen folgend, wurde er ein Entdecker der Tiefen
Ein Epos anstimmen kann ich nur von den Figuren meiner Träume: d. h. vor allem von den Angehörigen meiner Familie, und von den ganz Unbekannten?
Manchmal könnte ich weinen darüber, daß ich keiner Nation angehöre (dagegen etwa Francis Ponge, der sagen kann: »Frankreich muß sein«)
Täglich der Moment, wo der Grabstein in mir sacht zur Seite rückt, als sei nichts gewesen — und dann sollte ich gleich zu jemandem hingehen und »die Freiheit zum Guten nützen« (Augustinus)
Jeder spricht so schlecht von seinem Schmerz, weil schon das Reden davon allseits verteufelt wird. Würde man freiheraus von ihm reden, geschähe, vielleicht, das Erhabene
Sei jedem dankbar, der seinen Größentraum ausspricht, weil du dadurch besser lernst, den deinen zu verbergen
Nur in der Bedrücktheit war es möglich, daß die Welt dann befreiend zeichenhaft wurde, formelhaft, wie auf manchen chinesischen Zeichnungen, sich der Schrift nähernd. Der Kastanienast vor dem Berg erscheint dann tatsächlich als Schriftzeichen
Es gibt doch ein Gemeinsames zwischen Reden und Schreiben: ich soll so reden und schreiben, daß jeder meiner Sätze das Auge aufschlägt, ein Augenpaar, groß
Das Jazzige verdirbt dem Schreiber die Sprache; d. h., die Sätze halten keinen Abstand voneinander; die Übergänge werden durch Synkopen erschwindelt; Unter- und Nebentöne lenken davon ab, daß es keinen Grundton gibt; und statt daß ich (im Lesen) mein Gleichmaß finde, werde ich gezwungen, die Variiergeschicklichkeit von irgendeinem Artisten zu bewundern
Die schönste poetische Phantasie wäre jene, in der keine Bilder, Rhythmen, Wortspiele oder Geschichten entstünden, sondern bloß die Sprache sich belebte und die Dinge nennbar machte
Im Frühlingslicht gingen die Leute wie Pferde, Sonne auf ihren Schultern
Wenn ich phantasieren kann, bin ich auch zugleich darauf aus, etwas zu machen. Das Phantasieren zeitigt die Schöpferlust. Es ist ein Ziehen, und ich sehe in der Landschaft den Großen Zug
Aus dem Tal klangen die Abendglocken, und oben auf der Bergkuppe schwangen die Wipfel der Lärchen: »die Abendglocken im Tal läuteten oben auf dem Berg die Wipfel der Lärchen« (»Und«-Gedichte, die glückliche Verbindung zweier Dinge zeigend)
Eine große Schuld ist es, die Macht zu haben, den Leuten die Angst zu nehmen, und es doch nicht zu tun; im Gegenteil (die Zeitungen)
»Und«: Der Atem steigt in mir auf, und jenseits des Sees erhebt sich aus dem dichten Nebel ein einzelner Baum
Die Heiterkeit der Formen vergessen habend, lebte er im bangen Leichtsinn der Formlosigkeit
Ich bin noch zu wenig »Gefäß« für die Gegenwart, zu wenig haltbar, zu wenig bauchig, zu wenig umschließend. Zu jeder Wahrnehmung müßte noch der Gegenwartsruck treten (den ich mir willentlich gebe). Jetzt ist meine Chance, ein allgemeines Bewußtsein zu werden und mich bis zum Horizont zu spannen — oder ich werde es nie mehr und bin nur noch jemand Beleidigter
Ich dachte gerade: »Ich möchte gar nichts sein«, und merkte an dem Freuderuck dabei, daß ich es ehrlich meinte. (Je tiefer ein Gefühl, desto fiktiver erscheint es. Und ich kann es auch nur einer Fiktion anvertrauen — das Schreiben als das Natürliche)
»Und«: Aus dem Autoradio kam Orgelmusik, und draußen ging eine Frau im weißen Mantel
Moral und Phantasie: nur wenn mir eine Moral zu praktizieren gelänge, gelänge mir auch eine stetige Phantasie, als die gottnächste Daseinsform. (Und das Prinzip der Moral ist: Jetzt!)
Immer wieder habe ich mir vorgenommen, das Wort »göttlich« zum letzten Mal zu setzen — und immer wieder erscheint es mir neu in der Materie, als Materie, in jedem Sinn unverbesserlich
Sehr oft sehe ich gewisse Frauen als die neuen Barbaren
Geistesgegenwart: Dreihundertsechzig-Grad-Gefühl
Durch die Phantasie ordneten sich die Phänomene ein ins Sein: Ruhe ergab sich
Selbstkritik: In die Leere, in die ich schaute und Fülle...
| Erscheint lt. Verlag | 21.10.2018 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 20. Jahrhundert • Aufzeichnungen • Beschreibung • Bleistift • Fremde • Fremdheit • Gedanken • Kärntner Landesorden in Gold 2018 • Natur • Naturbeschreibungen • Nestroy-Preis 2018 • Nestroy-Preis 2018 • Nobelpreis für Literatur 2019 • Österreich • Peter Handke • ST 1149 • ST1149 • suhrkamp taschenbuch 1149 • Traumnotate |
| ISBN-10 | 3-518-75665-6 / 3518756656 |
| ISBN-13 | 978-3-518-75665-2 / 9783518756652 |
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