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Der Oleandergarten - Beatrice Mariani

Der Oleandergarten

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Buch | Softcover
352 Seiten
2019
MIRA Taschenbuch (Verlag)
978-3-7457-0020-6 (ISBN)
CHF 15,90 inkl. MwSt
Die erste große Liebe vergisst man nie.
Jane, Halbitalienerin und neunzehn Jahre alt, zieht nach dem Abitur zu ihren Verwandten nach Rom. Um sich die Zeit bis zum Studienbeginn zu vertreiben, heuert sie als Kindermädchen bei der alleinerziehenden Marina an, die bei ihrem Bruder, einem erfolgreichen Geschäftsmann, in einer imposanten Villa lebt.

Als Jane dem attraktiven Lebemann Edoardo das erste Mal begegnet, ist er ihr nicht gerade sympathisch. Doch so sehr sie sich auch dagegen wehrt, fühlt sie sich auf magische Weise von ihm angezogen.

Dieser Mann, der sich in einer ganz anderen Welt bewegt und dem jede Frau zu Füßen liegt, hat ihr Herz geraubt. Um nicht haltlos unterzugehen, nimmt Jane all ihren Mut zusammen und gesteht Edoardo eines Abends ihre Gefühle. Hat ihre Liebe eine Chance?

Beatrice Mariani wurde in Rom geboren, wo sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern lebt. Nach einem Studium der Politikwissenschaften lebte sie ein Jahr in New York und arbeitet heute an der Universität von Rom. »Der Oleandergarten« ist ihr Debütroman.

Verena von Koskull, Jahrgang 1970, studierte Italienisch und Englisch in Berlin und Bologna und erhielt 1999 ein Stipendium für die Übersetzerwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Nach mehrjähriger Verlagsarbeit in Italien und Deutschland lebt sie heute als freie Übersetzerin in Berlin.

Widmung Für Giovanni Sommer 2013 1 Reglos saß Jane im Dunkeln auf dem Bett. Von draußen war kein Laut zu hören. Mattes Licht sickerte durch die Fensterläden und ließ die Umrisse der Möbel nur erahnen. Bestimmt schliefen alle. Sie stand auf. Ihr schwindelte leicht, denn sie hatte kein Auge zugetan. Sie stolperte über ein Metalldöschen. Es musste heruntergefallen sein, als sie alles hektisch in den Koffer gestopft hatte. Es kollerte über den Fußboden, doch sie machte keine Anstalten, es aufzuheben. Hauptsache, Nicholas wachte nicht auf. Nur seinetwegen konnte sie sich nicht zum Gehen entschließen. Der Gedanke, sich nicht von ihm zu verabschieden, war kaum zu ertragen. Die Uhr zeigte vier Uhr fünfundvierzig. Verzweifelt knetete sie ihre Hände, um gegen die abermals aufsteigenden Tränen anzukämpfen. Ganz vorsichtig knipste sie das Licht auf dem Nachttisch an, aus Furcht, selbst das Klicken des Schalters könnte gehört werden. Sie zog das Portemonnaie hervor und zählte noch einmal ihr Geld. Sie werden ihn frühmorgens rauslassen, um den Fotografen zu entgehen, hatte Marina gesagt. Jane schloss die Augen und sah ihn wieder neben sich auf dem Bett liegen. Das blaue Sweatshirt, der letzte Blick. Sie nahm einen Zettel vom Schreibtisch, kramte in den Schubladen vergeblich nach einem Stift, griff sich den halb ausgetrockneten grünen Filzschreiber und presste ihn bei jedem Buchstaben fest aufs Papier. HALLO NICK, ICH MUSSTE FORT, WEIL ICH NOCH EINE PRÜFUNG MACHEN MUSS, UM BEI DER UNI ANGENOMMEN ZU WERDEN. WENN DU AUFWACHST, SIND MAMA UND LEA DA. Und Marina? Die ganze Nacht hatte sie sich vergeblich darüber den Kopf zerbrochen. Sie schrieb weiter. ICH HAB DICH LIEB, WIR SEHEN UNS BALD, JANE Sie zeichnete ihre beiden stilisierten Gesichter daneben und brach erneut in Tränen aus. Behutsam drückte sie die Tasten, um den Alarm abzuschalten. Sie zog die Haustür nicht ganz hinter sich zu – noch nicht. Die Schlüssel hatte sie auf dem Küchentisch gelassen, es würde also kein Zurück mehr geben. Fröstelnd blickte sie in den dunklen Sternenhimmel. Der Wind fuhr mit sachtem Rascheln durch die Blätter des Parks, der Mond versteckte sich hinter einer Wolke. Sie schickte eine Nachricht an das Taxiunternehmen, die mit einem prompten Piep beantwortet wurde. »Taxi gefunden!!! Perugia 11 kommt in neun Minuten.« Sie hockte sich auf die Eingangsstufe und spähte in Richtung Straße. In der Ferne war das sporadische Motorenjaulen vorbeirasender Autos zu hören. Plötzlich ertönte ein trockenes Klicken, gleich neben der Laube. Sie sprang auf und griff nach dem Koffer. Angespannt lauschte sie auf die Zikaden und das sachte Glucksen des kleinen Gummibootes, das im Pool dümpelte. Sie klammerte sich an den Tragegriff und wollte ins Haus zurückkehren, als der Koffer rumpelnd zur Seite kippte. Als sie sich danach bückte, ertönte das Klicken abermals, eine Art Schnalzlaut. »Wer ist da?«, fragte sie heiser. Es schnalzte zum dritten Mal, und träge begannen die im Garten verteilten Sprinkler Wasser zu speien. Mit einem erleichterten Stöhnen sah Jane ein nasses Vögelchen über die Steinplatten hüpfen. Oben in der Kurve tauchte ein Wagen auf und kam die Straße hinunter auf das Tor zu. Erschreckt wich sie in die Dunkelheit zurück. Wer konnte das sein? Die neun Minuten waren noch nicht um. Es waren sowieso zu wenig: Um das Sträßchen und die Hausnummer zu finden, brauchte man ein Navi, und das hatten die wenigsten Taxis in Rom. Jane zwang sich, ruhig zu bleiben, und beobachtete, wie die Scheinwerfer auf das Tor zukrochen, daran vorbeiglitten und sich entfernten. Sie atmete auf, und ihr Puls wollte sich gerade wieder beruhigen, als ein weiteres Scheinwerferpaar an der Straßenmündung auftauchte und ebenfalls auf die Villa zusteuerte. Diesmal verlangsamte es sich. Mit stockendem Herzen klammerte sich Jane an den Koffergriff. Perugia 11, bitte komm doch endlich und bring mich von hier fort! Das Auto hielt vor der Villa, und Jane erspähte das leuchtende Taxischild. Kurzerhand zog sie die Haustür ins Schloss und hastete auf das große Eisentor zu. Obwohl der Wagen mit laufendem Motor direkt davor wartete, konnte der Fahrer sie nicht sehen. Der elektrische Toröffner hätte zu viel Lärm gemacht, also musste sie einen Umweg nehmen. Wenn sie das Taxi nicht rechtzeitig erreichte, wäre sie aufgeschmissen. Sie ruderte winkend mit dem Arm, um sich bemerkbar zu machen, und schlüpfte, so schnell sie konnte, durch das kleine Seitentor. Der Wagen wollte sich gerade wieder in Bewegung setzen, als Jane wie ein Gespenst neben dem Autofenster auftauchte. Der Taxifahrer fuhr auf seinem Sitz zusammen und musterte sie argwöhnisch. »Haben Sie mich gerufen?« Jane nickte atemlos und spähte die Straße hinunter. Lieber Gott, bitte lass ihn nicht ausgerechnet jetzt kommen. Während sie wieder zu Atem kam, ließ der Taxifahrer sie nicht aus den Augen. »Wo soll’s denn hingehen?«, blaffte er, ohne die Türen zu entriegeln. Er war um die sechzig und fast glatzköpfig. Jane entfuhr ein unwilliger Seufzer, doch wenn sie ihn zur Eile drängte, würde er noch misstrauischer werden. »Zum Bahnhof.« »Welcher Bahnhof?«, versetzte er barsch. »Termini.« »Um diese Zeit müssen Sie einen Zug erwischen?« »Ja, ich muss sehr früh in Mailand sein«, entgegnete sie bemüht sachlich und hoffte vergeblich, er würde ihre geschwollenen Lider und die Augenringe nicht bemerken. »Alles in Ordnung mit Ihnen, Signorina?« Jane spürte Tränen in sich aufsteigen. Das Geräusch der Autos in der Ferne war eine Qual. Er konnte jeden Moment hier sein. »Ich habe es eilig«, sagte sie entschieden. »Und ich verstehe nicht, wo das Problem liegt.« »Wie alt sind Sie?« Womöglich hielt er sie für einen Teenager, der von zu Hause abhaute. In diesem Reichenviertel riefen sich die jungen Mädchen womöglich ein Taxi, um durchzubrennen. Scherereien waren das Letzte, was Jane jetzt gebrauchen konnte. »Zwanzig«, entgegnete sie knapp, obwohl das noch nicht ganz der Wahrheit entsprach und sie wusste, dass sie jünger aussah. »Muss ich Ihnen meinen Ausweis zeigen, oder soll ich mir gleich ein anderes Taxi rufen?«, schob sie brüsk hinterher. Mit grimmiger Miene entriegelte der Fahrer die Türen. Dann stieg er aus, öffnete in aller Seelenruhe die Heckklappe und stellte ihren Koffer hinein. Hastig kletterte Jane in den Wagen. Am liebsten hätte sie dem Mann gesagt, er solle aufs Gas treten und bloß keinen Lärm machen, doch stattdessen kauerte sie sich tief in den Sitz, um hinter dem Autofenster möglichst unsichtbar zu sein. Sie brachte es nicht über sich, zum Haus zu sehen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Wenn ich nicht hinsehe, tut es weniger weh. Endlich war der Taxifahrer wieder eingestiegen und startete den Motor. »Termini also?«, grunzte er müde. Jane hörte sich Ja sagen. »Komme ich da vorn irgendwo raus?« Er deutete die dunkle Straße hinunter. Sie musste sich zusammenreißen, um seine Frage halbwegs mitzubekommen. »Ja, ja, fahren Sie, ich sage Ihnen, wo es langgeht.« Der Mann fuhr los, und sie blickte starr zur Seite, gefangen in einem Schmerz, der sie gewiss nie mehr loslassen würde. Vorsichtig holperte der Wagen über den löcherigen Asphalt. Aus der Ferne näherte sich Motorengeräusch. Während sie zwischen dem dunklen Geäst der Bäume dahinfuhren, starrte Jane geradeaus auf die Straße. Ich liebe dich, niemals werde ich jemanden so lieben wie dich. »Ist es hier richtig?«, fragte der Taxifahrer zweifelnd und bog in eine Seitenstraße ab. Das Schild mit der Aufschrift ROM ZENTRUM war kaum zu erkennen. »Ja, habe ich doch gesagt.« Jane schreckte auf. Im Rückspiegel warf ihr der Taxifahrer einen besorgten Blick zu. Die Stadt war wie ausgestorben, in kaum mehr als zwanzig Minuten waren sie am Bahnhof Termini. Mit gesenktem Kopf und unter dem skeptischen Blick des Fahrers zahlte Jane die Fahrt. »Passen Sie auf sich auf, hier ist übles Gesocks unterwegs«, sagte er. Hastig betrat sie den Bahnhof und tastete in ihrer Tasche nach der ausgedruckten Fahrkarte. Sie hatte noch eine Stunde Zeit. Abgesehen von ein paar vereinzelten Bars und einem Zeitungskiosk war alles verrammelt. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen und trat an den Kiosk. Gerade lud der Besitzer druckfrische, mit Plastikbändern verschnürte Zeitschriftenstapel ab. Auf einem Cover war Roberta abgebildet, schöner denn je. Alle Hintergründe zum Skandal, der die High Society erschüttert, stand dort in großen Lettern. Und darunter: Jetzt redet die Ehefrau: Ich habe alles getan, um ihn nicht zu verlieren. »Kann ich helfen?«, fragte der Zeitungshändler. »Ich wollte nur was wegwerfen«, antwortete Jane mit gezwungenem Lächeln und deutete auf den Mülleimer neben dem Kiosk. Sie hielt ein zusammengeknülltes Blatt Papier in der Hand. Das Porträt. Lass mich nicht allein. Hör nicht auf, mich zu beschützen, Jane. August 2004 2 »JANE! Wo steckst du? Jaaaaane!« Jane spähte unter der Sonnenblende ihrer Strandliege hervor und beobachtete, wie sich ihre Tante Rossella auf viel zu hohen Sandalen schwankend durch den glühenden Sand kämpfte. An der Hand schleifte sie Giorgia hinter sich her, die in ihren pinkfarbenen kleinen Sandalen protestierend hinterdrein stolperte. Jane zog die Sonnenblende herunter, winkelte die Knie an, breitete den Pareo über ihre Beine und machte sich unsichtbar. Schnaufend blieb die Tante unter dem Sonnenschirm des Bademeisters stehen und blickte sich suchend um, während Giorgia an ihrer Hand zerrte und ihre Aufmerksamkeit auf den kleinen Granita-Verkaufsstand zu lenken versuchte. Als Mario, der alte Bademeister, auftauchte, zupfte sich die Tante den Badeanzug zurecht und fuhr sich mit den Fingern ordnend durchs Haar. Das tat sie ständig, ganz gleich, wem sie gegenüberstand. Die beiden fingen an, hektisch aufeinander einzureden. Die Tante deutete auf das ungewöhnlich unruhige Meer und die am Ufer aufgereihten Rettungsboote, doch Mario schüttelte den Kopf. An diesem Tag wehte die rote Flagge, er hatte niemanden hinausschwimmen lassen. Unterdessen machte sich Giorgia die Ablenkung ihrer Mutter zunutze und verdrückte sich in Richtung Eisstand. Geld brauchte sie keines, denn sie konnten dort anschreiben lassen. Jane sah zu, wie sie sich verstohlen davonschlich und nach wenigen Schritten von der ukrainischen Babysitterin Bettina abgefangen wurde, die sie beim Arm packte und zu ihrer Mutter zurückzerrte. Die inzwischen sichtlich besorgte Tante Rossella schien erleichtert, Bettina zu sehen, die mit ihren ein Meter achtzig und der kräftigen Statur etwas überaus Beruhigendes hatte. Giorgia quengelte unverdrossen weiter, und selbst über die Entfernung konnte Jane ihr nervtötendes Gejammer hören. Mit hektischen Gesten erklärte Tante Rossella, was los war, und deutete auf den Pool, den Spielplatz, die Bar. Bettina schüttelte ratlos den Kopf, und ohne auf Giorgia zu achten, die noch immer an ihrem Arm hing und Richtung Kiosk zerrte, marschierte sie entschlossen auf die Umkleidekabinen an der hinteren Strandmauer zu. Die besorgte Tante blieb bei Mario stehen. Zwei Damen, die sich neben ihnen in der Sonne aalten, schalteten sich in das Gespräch ein. Es waren zwei typische Strandnixen undefinierbaren, aber zweifellos weit fortgeschrittenen Alters mit sonnengegerbter Haut, die aussah wie Leder. Eine der beiden stand auf und ließ eine Kaskade blonder Locken über ihre knochigen Schultern fallen. Hinten Lyzeum, vorne Museum – einer der wenigen lustigen Sprüche, die Jane von ihrem Cousin Giacomo kannte. Tante Rossella und die Sonnenanbeterin stapften davon, und Jane überschlug, dass ihr jetzt noch rund zwanzig Minuten seliger Ungestörtheit blieben, ehe man sie entdecken würde. Selbst schuld, wenn sie so blöd waren, sie überall zu suchen außer unter dem Familiensonnenschirm – denn schließlich saß sie hier, unter dem Schirm Nummer 42, der seit mindestens fünfzehn Jahren im Besitz der Familie Emili-Petrini war, und hatte die Liege nur ein winziges Stück zu Schirm Nummer 43 geschoben, um in aller Ruhe ihr Buch zu lesen –, wenn sie lieber Alarm schlagen, das Ufer absuchen, sämtliche Umkleidekabinen aufreißen, die Tischchen der Bar abklappern und sogar die Carabinieri rufen wollten, tja, dann war das nicht ihr Problem. Sie hatte das Buch kaum wieder aufgeschlagen, als ihr die textile Sonnenblende mit voller Wucht auf die Nase sauste. »Ey, blöde Ziege, was soll der Scheiß? Ständig macht sich meine Mama wegen dir in die Hose!« Mit Schmerzenstränen in den Augen fuhr Jane hoch und hatte Giacomos wütendes Gesicht vor sich. Sie war zehn, er zwölf, allerdings mit einem Größenvorteil von mindestens zwanzig Zentimetern. »Du hast mir wehgetan«, fauchte sie und massierte sich die Nase. Verstohlen wischte sie sich eine Träne weg. Die Genugtuung, sie weinen zu sehen, würde sie ihm bestimmt nicht geben. Sie bückte sich nach dem heruntergefallenen Buch. Giacomo wirkte alles andere als schuldbewusst. Er war hochzufrieden, ihr eine verpasst zu haben. »Seit einer Stunde suchen sie dich überall, und du hockst hier rum und liest Schwachsinn! Wegen dir muss ich noch meine Tennisstunde sausen lassen.« Wie jammerschade! Im vergeblichen Bemühen, seine Speckrollen zu reduzieren, wurde Giacomo zu Sport genötigt, den er mit der Begeisterung eines zu Tode Verurteilten absolvierte. »Woher willst du denn wissen, dass ich Schwachsinn lese«, erwiderte sie angriffslustig, »du kannst ja noch nicht mal lesen!« Sie wedelte mit dem Buch vor seiner Nase herum, und er zuckte verärgert zur Seite. Es war ein Groschenroman vom Zeitungskiosk, doch Giacomo hätte ihn tatsächlich nicht von Proust unterscheiden können. »Meine Mama hat recht, du bist eine geisteskranke Asoziale, die keine Freunde hat und auf einem anderen Stern lebt.« »Und deine Mama hat schließlich immer recht: auch wenn sie sagt, dass du Sport machen musst, weil du fett bist, und mehr für die Schule tun musst, weil du doof bist.« Giacomo funkelte sie drohend an. »Wenn du nicht die Klappe hältst, verpasse ich dir noch eine, obwohl du ein Mädchen bist.« »Mach doch, dann komme ich nachts zu dir und schneide dir die Eier ab, dann glaubt erst recht keiner mehr, dass du ein Junge bist.« Giacomo wich zurück. Es brauchte nicht viel, um diesem dämlichen Riesenbaby Angst einzujagen. »Was fällt dir eigentlich ein, meine Mama jeden Tag so zu behandeln? Du kannst heilfroh sein, dass du überhaupt hier sein darfst.« »Nun mal nicht so patzig, Giacomino«, ätzte Jane. »Dein Mamilein ist doch überglücklich, mich in den Ferien bei sich zu haben.« »Meine Mama kann dich nicht ausstehen, keiner kann dich ausstehen, Jane, und wir können es alle gar nicht abwarten, dass diese Wochen endlich vorbei sind und du wieder zu deinen Eltern abhaust«, feixte er böse, »wenn sie dich überhaupt wiederhaben wollen.« Jane gab sich ungerührt. »Na, sicher, und wer macht dir dann die Hausaufgaben?« Sie wurden jäh von Bettina unterbrochen. »Wo du bist gewesen, dass alle dich suchen so lange? Signora Rossella ganz in Sorge wegen dir!«, schimpfte sie und packte Jane beim Arm. Jane wand sich aus ihrem Griff und legte den Kopf in den Nacken, um der Riesin ins Gesicht zu sehen. Neben ihr und Giacomo sah sie tatsächlich aus wie ein Vögelchen, und obwohl es Mitte August war, strahlte sie zwischen den beiden braungebrannten Leibern weiß wie ein Laken. »Ich habe unter dem Sonnenschirm gelegen und gelesen«, entgegnete sie seelenruhig und deutete auf die Liege. »Ich habe gar nicht gemerkt, wie spät es ist.« Bettina musterte sie grimmig. »Wir dich rufen schon lange. Ich immer gesagt, du bist stumm. Seit wann du bist auch taub?« Das war eine Anspielung darauf, dass Jane nicht sonderlich gesprächig war. Zumindest nicht bei ihnen. Sie verzog das Gesicht zu einem strahlenden Lächeln. »Tut mir wirklich leid, ich habe euch nicht gehört.« »Du nicht lügen. Lügenkinder kommen in die Hölle, weißt du?« »Danke, dass du mich daran erinnerst, Bettina, aber zum Glück betrifft mich das nicht.« Mit mürrischen Mienen stapften die drei zur Umkleidekabine, wo Tante Rossella verzweifelt die plärrende Giorgia zu trösten versuchte. »Wegen dir sind wir zu spät!«, brüllte die Kleine, als sie Jane erblickte. Ehe Jane antworten konnte, kniff Rossella ihre Tochter warnend in den Arm und schnaufte auf Jane zu. Es hatte fast etwas Rührendes, wie Rossella ihre Kinder davon abzuhalten versuchte, die Cousine schlecht zu machen. Doch auch sie hatte Mühe, sich im Zaum zu halten. »Muss es denn jeden Nachmittag dasselbe sein, Jane? Ist es denn so schwer sich zu merken, dass wir um fünf Uhr den Strand verlassen? Wo hast du die Uhr gelassen, die ich dir geschenkt habe? Weißt du eigentlich, dass ich eine halbe Stunde lang überall nach dir herumgefragt habe?« Jane verspürte einen Stich Reue und überlegte, ob sie sich entschuldigen sollte, doch ehe sich der Gedanke verfestigen konnte, redete ihre Tante schon weiter: »Wieso hast du den grünen Bikini nicht an, den wir zusammen gekauft haben? Wieso warst du nicht mit Giacomo im Pool? Wieso hast du mittags dein Brötchen nicht gegessen?« Jane seufzte. Zu viele Fragen. Und was hätte sie antworten sollen? Dass ihr der gerüschte Zweiteiler nicht gefiel, sie sich im Laden aber nicht getraut hatte, Nein zu sagen, während Rossella, Giorgia und die Verkäuferin sie mit geheuchelten Komplimenten überschüttet hatten? Dass sie ganz genau wusste, dass sie mit ihren zehn Jahren kaum älter als neun aussah und mit den anderen Mädchen nicht das Geringste gemein hatte? Dass sie sie sowieso allesamt blöd fand, weil sie ständig über die Jungs am Strand redeten und Ranglisten aufstellten und Jane nicht mit dem Hintern anguckten? Dass sie in den gesamten zwei Wochen nie ein Wort mit ihr gewechselt hatten, bis auf die Frage, wo zum Teufel sie ihre Eltern gelassen habe? Die Jungs waren auch nicht besser. Giacomos Freunde vertrieben sich die Zeit am liebsten damit, über Sex zu reden und jedes weibliche Wesen als Hure und Nutte zu beschimpfen. Mit ihnen hätte sie allenfalls Fußball spielen können, aber das war undenkbar, weil sie ein Mädchen war. »Ich wollte eben lesen«, murmelte sie widerwillig. »Lesen ist etwas ganz Wunderbares, Jane«, flötete Rossella überschwänglich, »und du tust gewiss gut daran. Aber was ich dir sagen will, Liebes, ist, dass du diese tolle Gelegenheit hast, am Meer zu sein, und die Sonne würde dir guttun, und ein schönes Bad im Meer oder im Pool ebenfalls, und Spaß macht es außerdem, weißt du …« Ihr Enthusiasmus fiel in sich zusammen, und sie wusste nicht mehr, was sie sagen sollte. Auch die Tante konnte es kaum abwarten, sie endlich wieder in ihren Alltag zu entlassen. Hastig schlüpfte Jane in das übliche verwaschen graue T-Shirt und die blauen Shorts, obwohl Tante Rossella ihr die Schränke mit geblümten Tops vollgestopft hatte, zwang sich dazu, sich nützlich zu machen, und fragte, welche von den mit zahllosen Wechselbadeanzügen, Bergen von Verpflegung, Eimern, Schaufeln und Förmchen in allen erdenklichen Ausführungen bepackten Taschen, mit denen sich die Familie allmorgendlich völlig sinnlos belud, sie tragen solle. Giorgia spielte nie mit dem Strandspielzeug und vertrieb sich die Zeit lieber mit Quengeln: Sie wollte gleich nach dem Essen ins Wasser, aber das ging nicht, weil das zu gefährlich war und man mindestens zwei Stunden warten musste, sie wollte Krabben auf den Klippen fangen, aber das ging auch nicht, weil man in der prallen Mittagssonne einen Sonnenstich bekam, und wieso darf Jane dann auf die Klippen, nein, Jane darf auch nicht auf die Klippen, o Gott, sie ist auf den Klippen, Jane, komm sofort da runter! Giacomo lud ihr die schwerste Kühltasche auf, und Tante Rossella nahm Giorgia auf den Arm, die zu müde zum Laufen war. Jane ging mit Bettina am Schluss, die sich mit drei prallvollen Taschen beladen hatte. »Soll ich dir helfen?«, fragte sie schüchtern. Sie würde schon noch etwas tragen können. Bettina musterte Janes Füße. Ein Nagel war zersplittert und halb abgerissen. »Was du am Fuß gemacht?«, fragte sie barsch. Es war beim Kicken passiert. Die Jungs hatten sie für zehn Minuten als Ersatzspieler mitmachen lassen, und sie hatte sogar ein Tor geschlossen, doch kaum war der Spieler vom Klo zurück, war sie wieder rausgeflogen. »Nichts.« »Fußball ist Männerspiel«, konstatierte Bettina. »So ein Quatsch, Bettina, wie kommst du denn darauf? Fußball ist auch ein Frauensport, es gibt Profiteams, und inzwischen machen sie sogar bei den Olympischen Spielen mit.« »Für mich ist für Männer, Frauenmannschaft hin oder her Männer mögen keine Frauen, die Fußball spielen. Du kleines Fräulein, musst dich benehmen wie kleines Fräulein.« Jane schaute sie ungläubig an und hätte fast losgeprustet. Am liebsten hätte sie ihr gesagt, dass Männer bestimmt auch nichts für Frauen übrighatten, die aussahen wie viertürige Kleiderschränke. Doch wenn es stimmte, dass daheim in der Ukraine drei ebenso hünenhafte Söhne auf sie warteten, musste es wohl einen Mann geben, der selbst an Bettina Gefallen gefunden hatte. Jane musterte die schwitzende, schnaufende Frau und biss sich auf die Zunge. »Du auch zu viel lesen oder immer zeichnen, du noch davon wirst blind oder dir platzt Gehirn«, beharrte Bettina. »Und du besser ordentlich viel lesen, dann du wenigstens lernen Italienisch!«, schoss Jane zurück, sprang auf eines der Fahrräder und sauste davon, ohne auf ihre Tante zu achten, die ihr nachzeterte, sie solle an den Kreuzungen aufpassen, oder auf den fluchenden Giacomo zu warten, dem sie die Krücke mit der losen Kette dagelassen hatte. 3 Nachdem sie zu Hause geduscht hatte, überlegte Jane, welche Ausrede sie sich diesmal einfallen lassen konnte, um sich aus der Affäre zu ziehen. Als sie Onkel Francos Auto in der Auffahrt parken hörte, wusste sie, dass ihr nicht viel Zeit blieb. Überschwänglich begrüßte der Onkel Giorgia und hörte sich Giacomos Klagen über die vielen Hausaufgaben an. Für ihren Onkel war es leicht, nett und versöhnlich zu sein, schließlich musste er seine Kinder nur wenige Abende die Woche ertragen. Jane befühlte gerade ihre Stirn und überlegte, ob sie sich heiß anfühlte, als Giacomo ins Zimmer platzte und sie erschreckt zusammenfahren ließ. »Bist du noch immer nicht fertig?«, blaffte er. »Du weißt doch, die wohnen weit weg!« Nämlich gleich hinter der Zufahrt zur Aurelia, in kaum zehn Minuten Entfernung. Aus dem Garten ertönte Giorgias übliches Genöle, ihr würde im Auto schlecht, woraufhin Tante Rossella bestimmt gleich antworten würde: Schluss jetzt, man muss nur alle Fenster runterkurbeln, gerade sitzen und einen Punkt am Horizont fixieren (wenn es denn stimmte), und dann: Wie heißt das noch auf Englisch, Jane?, woraufhin Jane zum x-ten Mal mit absichtlich überspitztem Akzent motion sickness nuscheln und Bettina wieder einmal behaupten würde, in der Ukraine gebe es so etwas nicht, so etwas hätten nur verwöhnte Kinder. »Ich fühle mich nicht so gut.« Sie sah Giacomo mit Leidensmiene an, doch ihr Befinden interessierte ihn nicht die Bohne. »Machst du mir die Matheaufgaben?«, fragte er drohend und befangen zugleich. Jane hatte zwar keine Ahnung, welche Lehrpläne an Giacomos sündhaft teuren Schule galten, doch diese Gleichungen beherrschte sie seit mindestens einem Jahr im Schlaf. »Okay, leg sie mir raus«, antwortete sie und hielt fünf Finger hoch. Das war der vereinbarte Preis. Als sie am Spiegel vorbeikam, konnte sie nicht umhin, einen Blick hineinzuwerfen. Vor einer Weile hatte sie angefangen, sich mit den anderen Mädchen am Strand zu vergleichen. Ihr inzwischen nicht mehr raspelkurzes, schnittlauchgerades schwarzes Haar umrahmte als glatter Pagenkopf ihr Gesicht. Die großen, leuchtend grünen Augen hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Sie strahlten so intensiv aus dem hellen Teint hervor, dass die Leute manchmal ganz verunsichert waren. Die Nase war ihr wunder Punkt. Ihre Mutter sagte gern Kartöffelchen dazu und kniff zärtlich hinein, und manchmal schob Jane sie probehalber mit dem Finger hoch, was die Sache allerdings noch schlimmer machte und sie wie ein Ferkel aussehen ließ. Nur mit dem Mund war sie zufrieden, der aussah wie gemalt; was Körper und Zähne betraf, machte sie sich lieber keine Illusionen. Eine Zahnspange kaschierte ihr Gebiss, und vielleicht würde ja doch noch etwas halbwegs Ansehnliches daraus werden, sobald die Tortur überstanden wäre. Bei ihrem Körper indes schien Hopfen und Malz verloren zu sein. Sie war nicht nur schmächtiger als ihre Altersgenossinnen, sondern auch knochiger und sehniger, ohne den kleinsten Ansatz von Busen. Wozu überhaupt der Bikini? Als Jane in die Küche kam, wartete Rossella bereits auf sie und kramte nervös in den Schränken herum. Was für eine Farce; Onkel und Tante hätten nichts lieber getan, als ihre Nichte mit dem Kindermädchen zu Hause zu lassen, doch sie fürchteten, ihre Freunde könnten sie für herzlos halten. Die gemeinsamen Ferien waren für alle Beteiligten eine Qual: für Jane, die sich wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlte, ebenso wie für die italienische Verwandtschaft, die nicht wusste, was sie mit der missmutigen Nichte anfangen sollte, die nur mit einem Buch in der Ecke hockte oder zeichnete oder – schlimmer noch – einen Ball durch die Gegend kickte. Doch Janes Eltern legten Wert darauf, dass sie ein paar Wochen am Meer verbrachte, und obwohl Tante Rossella ihren einzigen Bruder für vollkommen irre hielt, weil er beschlossen hatte, sein Leben an unbekannten Orten zu vergeuden, um Steine auszubuddeln, konnte sie ihm diesen Wunsch nicht abschlagen. Jane wusste, dass ihre Verwandten sie aus Mitleid bei sich aufnahmen, um sie für kurze Zeit aus dem vermeintlichen Kerker ihres englischen Internats zu befreien, auf das sie Giacomo und Giorgia im Traum nicht geschickt hätten. Sie waren fest davon überzeugt, ihr damit etwas Gutes zu tun. Und ebenso felsenfest glaubten sie, sie vor unsagbaren Gefahren zu schützen, weil sie ihre Eltern nicht an irgendwelche exotischen Orte am Ende der Welt begleiten musste. Seit ihrem fünften Lebensjahr flog Jane allein, von einer Stewardess umsorgt und von den Piloten ins Cockpit eingeladen. Freudestrahlend hatte sie von ihrem letzten Flug mit zwei Zwischenstopps nach Maputo erzählt, und Tante Rossella hatte Giorgia entsetzt an sich gepresst, als fürchtete sie, jemand könnte sie ihr entreißen und gewaltsam in ein Flugzeug setzen. Jane gab sich einen Ruck. »Darf ich zu Hause bleiben, Tante Rossella?« Hätte sie gesagt, sie fühle sich nicht wohl, hätte sich die Tante Sorgen gemacht. Jane wusste, wie peinlich es ihr war, sie genauso kreidebleich zurückzugeben, wie sie sie bekommen hatte. Ihre Mutter ist Engländerin, hatte Jane sie einer backsteinfarbenen Sonnenanbeterin am Strand zuraunen hören, als handelte es sich um eine schlimme Krankheit. »Na schön, Jane, wie du willst«, lenkte Rossella sofort ein, weil sie die Streitereien satthatte und froh war, dieses einsame Geschöpf, das beim Abendessen bestimmt Brokkoli statt Nutella-Rolle gewollt hätte, nicht mitschleppen zu müssen. »Bettina?«, rief Rossella zaghaft. »Hast du was dagegen, wenn Jane heute Abend zu Hause bleibt?« Theoretisch stand es Bettina zu, sich wenigstens abends auszuruhen und Zeit für sich zu haben. Aus der Küche war ein undefinierbares Grunzen zu hören, das Jane und Rossella als ein Nein interpretierten. »Ich kann mir warme Milch und Kekse machen«, bot Jane in Richtung Küche an. Die trübselige Vorstellung ließ Tante Rossella erschaudern, doch sie kam nicht dazu, etwas dagegen einzuwenden. »Wehe, du fasst Herdplatten an, verstanden?«, antwortete Bettina und tauchte im Türrahmen auf, den sie mit ihren stattlichen Maßen ausfüllte. »Du kommst mit mir kaufen Pizza.« Jane nickte folgsam, und Rossella nutzte die Gelegenheit, um sich aus dem Staub zu machen. »Wir gehen los in zehn Minuten«, setzte Bettina im Befehlston nach, von dem man nicht wusste, ob er dem ukrainischen Akzent oder ihrem Charakter geschuldet war. »Also, geh in Zimmer und mach dich fertig. Und zieh dich normal an!« Hektisch schlüpfte Jane in ein Paar weiße Shorts und eine gepunktete Bluse. Sie versuchte sich die Haare zu kämmen, die ihr immer wieder in die Augen fielen, behalf sich schließlich mit einer Spange und zog die silberfarbenen Sandalen an, die so gut wie neu waren, weil sie ständig in Flipflops herumlief. Als sie exakt zehn Minuten später wieder in die Küche kam, stellte sie fest, dass Bettina sich ebenfalls in Schale geworfen hatte: Sie trug glänzende schwarze Hosen und ein rotes T-Shirt, hatte sich die Haare gemacht und sogar Lippenstift aufgelegt. Jane grinste in sich hinein, denn selbst in diesem Aufzug sah sie nicht gerade atemberaubend aus. Bettina musterte sie prüfend. »Siehst du, dass du kannst sein hübsch, wenn du willst«, lächelte sie und zupfte ihr eigenes T-Shirt zurecht, um den Bauch zu kaschieren. Jane hatte das Gefühl, das Kompliment erwidern zu müssen. »Du siehst auch toll aus.« Bettina lächelte geschmeichelt. Hand in Hand zogen sie los. Zur Pizzeria war es nicht weit, doch sie lag an einer gefährlichen Kreuzung, und man musste einen Umweg laufen, um nicht unter die Räder zu kommen. Jane war schweigsam, aber guter Dinge. Wieder einmal war sie davongekommen. Weil sämtliche Tische im Freien besetzt waren, mussten sie mit den hohen Hockern am Tresen vorliebnehmen. Bettina half ihr hinauf. Jane bestellte ein kleines Stück Margherita und ließ sich widerwillig zu einem Bissen von Bettinas Salami-Pizza überreden. Bettina orderte noch ein zweites Stück mit Chili, das Jane verweigerte, und genehmigte sich ein Bier, derweil Jane nur Wasser trinken durfte, weil man von Cola nicht schlafen konnte. Jane grunzte unwillig, konnte aber nichts dagegen einwenden. »Fehlt dir deine Mama?«, fragte Bettina unvermittelt. Wie immer, wenn die Sprache darauf kam, wurde Jane flau im Bauch. Natürlich fehlte sie ihr, sie fehlte ihr wie verrückt, doch inzwischen war sie daran gewöhnt. Sie rebellierte nicht mehr bei jeder Trennung und hatte gelernt, mit dem Mitleid der anderen umzugehen. »Meine Mutter und mein Vater müssen an gefährlichen Orten arbeiten. Deshalb lassen sie mich hier, weil ich hier besser aufgehoben bin.« Bettina lächelte nachsichtig, bestimmt dachte sie an ihre eigene Situation. Immerhin hatte sie auch drei Kinder in der Heimat zurückgelassen, um arbeiten und Geld verdienen zu können. »Fehlen dir deine Kinder?«, fragte Jane vorsichtig zurück und hoffte, keinen wunden Punkt zu treffen. Bettina seufzte und schwieg einen Moment. »Du hast Glück, weil du wenigstens kannst machen Ferien«, sagte sie gedankenverloren. »Mit Meer, Strand, anderen Kindern, Onkel und Tante. Meine Kinder immer in Stadt, weil ich nicht habe Geld, um Ferien zu bezahlen.« Janes Herz zog sich zusammen, und sie kam sich schrecklich undankbar vor. »Ich für sie arbeiten muss. Ich will, dass alle drei werden Ärzte.« Bei der Vorstellung, wie sie den dreien ordentlich Dampf machte, musste Jane lächeln. »Was du machst, wenn du bist groß?«, fragte Bettina. »Tante Rossella sagt, du nur gute Noten, nicht so wie Giacomo.« »Stimmt!«, bestätigte Jane stolz. »Aber ich bin mir noch nicht sicher, ob ich Archäologin werden will wie Mama und Papa oder …« – sie war unsicher, ob sie damit herausrücken sollte – »… lieber zeichnen und malen will.« »Wenn du mich fragst, mit Zeichnen du arm und auch Archäologin nicht gut, weil irgendwann keine Dinge mehr da, die du kannst ausgraben. Arzt viel besser. Oder du heiratest Arzt.« Für Bettina machte das offenbar keinen Unterschied. Jane musste lachen, und Bettina wechselte das Thema. »Ich will Söhne auf englische Internat schicken wie du, aber ich habe Angst, sie werden schlecht behandelt.« Jane blickte sie groß an: Wann würden sie endlich kapieren, dass man dort weder mit dem Lineal geschlagen wurde, noch sich mit eiskaltem Wasser waschen musste? »Ich bin dort sehr glücklich«, sagte sie nachdrücklich. Ehrlich gesagt, fand sie ihr Leben um ein Vielfaches besser als das von Giacomo und Giorgia. Das Einzige, um das sie die beiden beneidete, war, dass sie an einem so schönen Ort wie Rom lebten. »Und außerdem bin ich ja gar nicht immer dort …«, schob sie nach. Wenn ihre Eltern in London waren, fuhr Jane abends nach Hause. Doch leider war das nur selten der Fall. »Dann hoffentlich ich habe genug Geld, um auch Internat zu zahlen. Zum Glück römische Frauen sehr faul, so ich habe viel Arbeit«, schloss Bettina unbeschwert. Als sie heimkehrten, stellte Jane beklommen fest, dass die anderen noch nicht zurück waren. Sie musste also allein einschlafen. Die Zimmerwände waren mit weißen und dunkelroten Blumen bedruckt, und nachts in der Dunkelheit sahen die Blütenblätter wie Blutstropfen aus. »Wieso sehen wir nicht fern?«, schlug sie Bettina erwartungsvoll vor. Sie wollte ihre Angst nicht zugeben, denn wenn Giacomo dahinterkäme, würde er sie damit aufziehen. »Aber du todmüde«, stellte Bettina fest. Jane hatte den ganzen Abend gegähnt. Zwei Wochen hatten nicht genügt, um sich an den römischen Lebensrhythmus zu gewöhnen. Im Internat begann die Nachtruhe sehr viel früher. »Du Angst vorm Alleineschlafen?«, fragte die Ukrainerin, ehe Jane sich herausreden konnte. Sie nickte und hoffte, Bettina würde ihr Geheimnis für sich behalten. »Wir machen so. Ich komme und setze mich in Sessel und nähe Säume, aber du nicht lesen vier Stunden, du legen Kopf auf Kissen, Augen zu und sofort schlafen.« Jane nickte erleichtert. Beruhigt von der großen Gestalt neben dem Bett, die von der kleinen Handarbeitslampe nur einseitig beleuchtet wurde, schlüpfte Jane unter die Decke und löschte das Licht. Sie dachte an die Abende, an denen sie neben ihrer Mutter einschlief und sich von ihren geheimnisvollen Reisen an märchenhafte Orte erzählen ließ. Eines Tages begleitest du uns, sagte ihre Mutter dann und streichelte ihr über den Kopf, derweil ihr Vater sich in seinem winzigen, mit Büchern und Karten vollgestopften Arbeitszimmer verschanzte und jedes Mal über das ganze Gesicht strahlte, sobald Jane hereinkam, um ihm Hallo zu sagen. Dann suchte er am Computer ein besonders seltsames Tier und sagte: Mal sehen, ob du das zeichnen kannst. Oder er ließ sie bis spätabends aufbleiben, um die Fußballspiele im italienischen Fernsehen zu schauen, und statt am Tisch zu essen, machte Mama belegte Brötchen, die sie auf dem Sofa aßen. Jane stiegen Tränen in die Augen. Wie lange würde sie noch warten müssen? Seit drei Tagen hatte sie nichts von ihnen gehört. Sie waren gerade im Irak, und die Kommunikation war schwierig. Bei jedem Telefonklingeln schreckte Jane so heftig hoch, dass es weder Tante Rossella noch Giacomo und nicht einmal Giorgia entging. Nur Onkel Franco bekam nichts davon mit. Er erkundigte sich höchstens: Na, was machen deine Eltern gerade Schönes?, und erntete von Tante Rossella einen Tritt unter dem Tisch. Doch irgendwann würden sie wiederkommen, das wusste Jane. Ihr Vater war Römer, ein Römer aus San Lorenzo, pflegte er zu sagen, auch wenn Tante Rossella lieber behauptete, sie seien unweit der Aurelianischen Mauer aufgewachsen. »Wusstest du, dass mein Vater Römer ist?« Jane hob den Kopf vom Kissen. »Hmm hmm«, nickte Bettina abwesend und versuchte den Faden in die Nadel zu fädeln. »Meine Mutter hat Geschichte in London studiert, aber dann hat sie Papa getroffen, er war schon fertiger Archäologe und der einzige, der gut Englisch konnte, deshalb haben sie ihn an ihre Uni geschickt, um ein Seminar abzuhalten; stell dir vor, sie haben ihn Indiana Jones genannt, weil er ein bisschen so aussieht, hast du die Filme gesehen? Es gibt drei, glaube ich, habt ihr die in der Ukraine auch gesehen? Sogar meine Mutter hat ein bisschen Ähnlichkeit mit der Freundin im Film, aber sie hat glatte Haare, so wie ich. Sie stand mit ihrem Studium noch ganz am Anfang, und dann hat sie alles über den Haufen geworfen und ist auch Forscherin geworden …« Jane hielt inne und musste lachen. »Eigentlich wollte sie mich Indiana nennen, Indiana Emili, hat sie gesagt; meine Eltern haben gar nicht mit mir gerechnet, ich war eine Überraschung.« Bettina grunzte spöttisch, was Jane nicht mitbekam. »Aber Papa hat zu ihr gesagt: Du spinnst. Er wollte mich Giovanna nennen, nach seiner Mutter, aber da hat Mama protestiert. Wir müssen uns in der Mitte einigen, hat sie gesagt, der Nachname ist italienisch, aber der Vorname muss englisch sein, und deshalb haben sie sich für Jane entschieden, weil Jane Giovanna bedeutet …« »Was ist heute Abend los?«, fiel Bettina ihr ins Wort. »Zuerst du bist den ganzen Tag stumm, und jetzt du plapperst wie Radio!« Kleinlaut ließ Jane den Kopf aufs Kissen sinken. Sie konnte doch nichts dafür, dass sie abends im Bett Heimweh bekam. »Vielleicht ziehen sie in drei Jahren nach Italien, und dann …«, hob sie noch einmal zaghaft an. Ob sie nach Rom, Sizilien oder Apulien gehen würden, würde vom Forschungsprojekt abhängen und stand noch in den Sternen, doch allein die Vorstellung machte Jane glücklich. »Ich gesagt: Schlafen«, schnitt Bettina ihr das Wort ab, und Jane fügte sich. Sommer 2013 4 Völlig aus der Puste und am Ende ihrer Kräfte erklomm Jane den Hügel. Sie stand vor einem großen Anwesen. Hoffentlich war sie hier richtig. Sie hatte die S-Bahn genommen, war dann zu Fuß weitergegangen und hatte die wenigen Passanten, denen sie unterwegs begegnet war, nach dem Weg gefragt. Weil das Geld knapp war und sie schon das Hostel zahlen musste, kam ein Taxi nicht infrage. Seit rund zehn Minuten hatte sie keine Menschenseele mehr gesehen. Plötzlich fühlte sie sich völlig verloren. Rom schien auf einmal weit weg zu sein, und sie war versucht, kehrtzumachen: zurück zu den letzten Geschäften, an denen sie vorbeigekommen war, zum Bahnhof, nach England, ins College. Sie musste sich selbst daran erinnern, weshalb sie hier war. Dies war ihre Chance, sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen, doch dazu musste sie Geld verdienen. Nach dem Unglück hatte sie sich zwei Jahre länger als geplant im College verschanzt. Jetzt wurde das ehrwürdige Gebäude saniert, und um nicht allein in das kleine Londoner Elternhaus zurückkehren zu müssen, war ihr nichts Besseres eingefallen, als sich einen Job als Au-pair-Mädchen zu suchen. Doch um ehrlich zu sein, war das nicht ihre Idee gewesen, sondern Bettinas, die sie an Tante Rossella weitergegeben hatte. Endlich erreichte Jane das große Tor. Ehe sie auf die Klingel drückte, versuchte sie einen Blick auf das zu erhaschen, was sich dahinter verbarg. Die dreistöckige Villa schien wunderschön zu sein. Weiter hinten war ein von einer Plastikplane zugedecktes Viereck zu sehen, wahrscheinlich ein Pool. Dahinter erhob sich eine große, hölzerne Laube mit einem Tisch und Bänken darunter. Kleine Eisenlaternen ragten aus dem Rasen. Die üppigen, mit leuchtenden Blüten übersäten Oleandersträucher waren akkurat getrimmt. So viel Perfektion verlangte nach emsigen Gärtnern. Doch jetzt wirkte alles wie ausgestorben. Das einzige Anzeichen menschlichen Lebens war ein am Boden liegendes Fahrrad. Sie klingelte und wartete, fest davon überzeugt, dass sich nichts rühren würde. Nach einer Weile probierte sie es ein zweites Mal. Nichts. Sie kontrollierte die Nachrichten auf ihrem Handy. Wir sehen uns um 18 Uhr. Marina Rocca. Mit der Adresse und zwei Telefonnummern, einem Handy- und einem Festnetzanschluss. Es war 18:20 Uhr. Jane versuchte es mit beiden Nummern, ohne Erfolg. Frustriert schob sie das Handy in die Tasche zurück und überlegte, was zu tun war. Sie warf einen letzten Blick auf das Haus und den Garten, dann machte sie sich auf den Weg zurück die Straße entlang und schluckte ihre Enttäuschung hinunter. Sie hatte sich gewaltsam dazu gezwungen, endlich aktiv zu werden, sich einzureden, zwei Jahre Trauer seien mehr als genug und mit zwanzig müsse man ein anderes Leben führen als das ihre, und nun stand sie gleich beim ersten Anlauf vor verschlossenen Türen. Ein alles andere als ermutigender Auftakt. Sie wollte gerade wieder in die kleine Schotterstraße einbiegen, als ein durchdringendes Hupen sie erschreckt herumfahren ließ. Ein feuerroter Cinquecento peste die Straße hinauf auf das Tor zu und kam vor der Villa abrupt zum Stehen. Eine junge blonde Frau stieg aus. »Signora Emili? Jane? Sind Sie das?« Jane machte kehrt, ging zögernd auf die Frau zu und erspähte im Auto einen kleinen Jungen, der auf dem Rücksitz kauerte. Das mussten sie sein. Die junge Frau sah fantastisch aus und machte Jane befangen. Sie hatte lange, goldene Locken, hinreißend blaue Augen und ein strahlendes Lächeln. Als wäre sie einer Hochglanzzeitschrift entsprungen: enge Jeans, hohe Stiefel, weiße Seidenbluse, Fransenlederjacke und als i-Tüpfelchen goldene Halsketten und Armreifen. Der Kontrast zu Janes Outfit – Shorts, Trägertop, Sneaker und Baumwolljäckchen – hätte nicht größer sein können. »O Gott, Jane«, rief die junge Frau. »Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich entschuldigen soll, wir waren einkaufen und haben völlig die Zeit vergessen«, sagte sie mit reuevoller Miene. »Blöderweise habe ich die SMS mit Ihrer Telefonnummer verschlampt, sonst hätte ich Ihnen Bescheid gegeben, außerdem bin ich davon ausgegangen, dass Lea im Haus ist.« Sie warf einen Blick auf die unbelebte Villa. »Denn bestimmt haben Sie geklingelt.« Jane, die es nicht gewohnt war, gesiezt zu werden, bemühte sich um einen ebenso höflichen Ton. »Ja, ich habe geklingelt. Ich habe auch versucht, Sie anzurufen, aber …« »Ach, das Telefon steht im Arbeitszimmer meines Bruders, der zurzeit nicht da ist. Und der Handyempfang ist hier lausig.« Wieder schüttelte sie den Kopf. »Es tut mir wirklich schrecklich leid, dass ich Sie habe warten lassen.« Unterdessen hatte sie eine Fernbedienung hervorgekramt, und das Tor öffnete sich gemächlich. Mit gesenktem Kopf schlüpfte der kleine Junge aus dem Auto, flitzte in den Garten, schnappte sich das am Boden liegende Fahrrad und verschwand hinter dem Haus. »Nick!«, versuchte die Mutter ihn halbherzig zurückzurufen. »Das ist mein Sohn Nicholas. Sie müssen ihn entschuldigen, er ist sauer, weil er mich zum Einkaufen begleiten musste. Wenn es nach ihm ginge, würde sein Leben nur aus Videospielen bestehen, doch hin und wieder muss er ein kleines Opfer bringen«, sagte sie mit vielsagendem Blick, den Jane nicht recht zu erwidern wusste, weil sie sich weder mit Kindern noch mit Videospielen auskannte. »Gehen Sie ruhig schon mal vor, ich parke den Wagen und bin gleich bei Ihnen«, schob Marina hinterher und zeigte zum Haus. Jane gehorchte. Während sie wartend am Eingang stand und sich neugierig umblickte, wurde die Tür von einer Frau mittleren Alters geöffnet, die sie so gleichgültig musterte wie einen Stein in der Wüste. »Ich bin Jane Emili«, stellte Jane sich vor, um das Eis zu brechen. »Ich warte auf Marina Rocca, sie parkt noch den Wagen …« »Ah«, sagte die Frau und verschwand, ehe Jane ausreden konnte. Nicholas sauste auf dem Fahrrad vorbei, ohne anzuhalten. Endlich tauchte Marina auf. Sie trug zwei elegante Papiertragetaschen und eine durchsichtige Plastiktüte mit drei Äpfeln darin. Das waren die Einkäufe? Marina legte Jane einen Arm um die Schultern und führte sie in ein großes, einladendes Wohnzimmer. »Hat Lea dir aufgemacht?«, fragte sie. »Ich darf dich doch duzen, oder Jane?« »Natürlich, Signora Rocca.« »Nenn mich Marina«, sagte sie herzlich. »Darf ich dir was anbieten? Einen Tee vielleicht?« Jane nickte und folgte ihr in die große Landhausküche. Marina blickte sich unsicher um, als wüsste sie nicht recht, was sie tun sollte. Sie öffnete ein paar Küchenschränke und holte einen kleinen Topf hervor. Dann stellte sie sich an den Herd, drückte auf einen Knopf – vermutlich der Zündschalter – und bemühte sich vergeblich, die Flamme in Gang zu kriegen. »Wir sind erst vor Kurzem hierhergezogen, ich weiß noch gar nicht, wie alles funktioniert«, entschuldigte sie sich mit einem Dauerlächeln. »Ich habe Hunger«, platzte der Junge in die Küche, ohne Jane eines Blickes zu würdigen. Marina bedachte ihn mit einem hilflosen Lächeln. »Nick, mein Schatz, es ist noch früh, wieso lässt du mich nicht mit dieser jungen Dame hier reden und gehst noch ein bisschen spielen? Und dann könnten wir Reisbällchen essen gehen!« »Ich will aber zu Hause essen. Ich will nicht schon wieder los.« »Fein, wie du willst, dann könnte ich was kau…« »Ich will Nudeln mit Pesto«, insistierte er. »Du hast es mir versprochen. Und ich habe jetzt Hunger.« Mehrmals hatte er verstohlen zu Jane hinübergeblinzelt. »Hallo«, sagte sie und versuchte möglichst warmherzig zu klingen. »Ich bin Jane.« Der Junge antwortete nicht und wandte sich wieder an seine Mutter. »Kann ich wenigstens einen Schluck Wasser haben?« »Nick, Liebling, könntest du ein bisschen höflicher sein? Sag Jane guten Tag. Und sag bitte.« Der Junge schnappte sich das Glas, das sie ihm hinhielt, und verschwand. »Du darfst ihm das nicht übelnehmen, er braucht immer einen Moment, ehe er auftaut.« »Wo habt ihr vorher gewohnt?« »Am Corso Francia, weißt du, wo das ist?« Jane nickte. »Wir mussten aus der Wohnung raus, weil sie meinem Bruder gehört und er sie verkaufen will.« Ihre Stimme klang ein wenig bitter. »Ich würde in der Gegend gern etwas zur Miete finden, aber bis dahin sind wir hier eingezogen und werden wohl den ganzen Sommer bleiben. Für Nicholas ist das perfekt, mit dem Garten und dem Pool. Ich bin hier großgeworden, aber inzwischen wohnen fast alle meine Freunde woanders, und auch beruflich muss ich ständig in die Stadt, deshalb ist es nicht besonders praktisch.« »Was arbeitest du?«, fragte Jane und stellte sich etwas Glamouröses vor. »Ich bin Regieassistentin bei einer Theaterproduktion, die Anfang Oktober Premiere hat«, entgegnete Marina stolz. »Es ist eine Shakespeare-Adaption, Viel Lärm um nichts.« Das klang tatsächlich ziemlich glamourös, auch wenn Marina nichts Künstlerisches an sich hatte. Sie sah eher wie ein Model aus. »Aber reden wir von dir, Jane«, wechselte Marina das Thema. »Du bist Italienerin, hast aber immer in England gelebt.« Der Tee schien vollkommen vergessen zu sein, doch Jane sagte nichts. »Mein Vater ist … war Italiener«, überwand sie sich zu sagen. »Meine Mutter war Engländerin.« Marina schien bereits im Bilde zu sein, denn sie stellte keine weiteren Fragen. Offenbar hatte Bettina ihr davon erzählt, denn von der Gasexplosion in Kairo, die zunächst für ein Attentat gehalten worden war und die Jane mutterseelenallein in der Welt zurückgelassen hatte, war bis auf ein paar kleine Artikel, in denen die akademischen Titel und die Forschungsarbeiten von Professor Francesco Emili und seiner Assistentin und Ehefrau Rose Elizabeth Ward Erwähnung fanden, in den Medien kaum die Rede gewesen. Zwei Leben, verkürzt auf wenige Zeilen, die allerdings nicht unerwähnt ließen, dass ihre Eltern den Großteil ihrer Ersparnisse in eben jenes letzte Projekt in Ägypten investiert hatten, nachdem ihnen die Universität die Mittel gekürzt hatte. Jane erzählte, dass sie die Schule mit Bestnoten abgeschlossen und daraufhin entschieden hatte, zwei Jahre dranzuhängen, um als Tutorin für die jüngeren Schüler zu arbeiten. Dass sie einen Hungerlohn in Kauf genommen hatte, um sich der Welt da draußen nicht stellen zu müssen, ließ sie unerwähnt. »Und deine übrige Familie lebt in Mailand«, bemerkte Marina. »Ja, mein Onkel ist vor ein paar Jahren dort hingezogen.« »Siehst du sie oft?« »Eher nicht.«

Erscheinungsdatum
Übersetzer Verena von Koskull
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Original-Titel Una Ragazza Inglese
Maße 125 x 186 mm
Einbandart kartoniert
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte bücher für frauen • bücher für frauen • Erste Liebe • Ferien • Frauenroman • Italien • Liebesgeschichte • Liebesroman • liebesromane bücher • liebesromane bücher • Rom • Roman • Romance • Romantische Bücher • Romantische Bücher • Schicksal • Sommer • Sommerroman • Urlaubslektüre • Urlaubslektüre • Urlaubsroman
ISBN-10 3-7457-0020-1 / 3745700201
ISBN-13 978-3-7457-0020-6 / 9783745700206
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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