Jerry Cotton 3199 (eBook)
64 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-6504-7 (ISBN)
Nachdem bereits im Cumberland River in Kentucky eine nackte, kahl rasierte weibliche Leiche gefunden worden war, tauchten plötzlich zwei weitere tote Frauen auf - ebenfalls nackt, kahl rasiert und mit aufgeschlitzten toten Fischen im Schoß. Diesmal hatte der Täter seine Morde am Ufer des Dale Hollow Lake begangen, in der Nähe von Willow Grove, einer beschaulichen Kleinstadt in Tennessee. Wir fanden schnell heraus, dass fast alle Bewohner in dem entlegenen Provinznest ein dunkles Geheimnis mit sich herumtrugen. Jeder war verdächtig, nicht nur der seltsame Maler, der mit Vorliebe nackte, kahl rasierte Frauen zeichnete, die aufgeschlitzte, tote Fische in ihrem Schoß trugen ...
Als wir mit dem schwarzen Chevrolet Tahoe, einem Wagen aus dem Fuhrpark des Field Office in Nashville, das Ortsschild von Willow Grove passierten, beschlich mich ein leises Unbehagen. Ich hätte nicht sagen können, woher es rührte. Es war noch früher Morgen. Die nächtliche Dunkelheit hatte sich zurückgezogen und war einem stumpfen Grau gewichen.
Links und rechts der holprigen und rutschigen Fahrbahn reihten sich die schmucklosen Häuser der kleinen Gemeinde wie steinerne Bauklötze unter einem regenschweren Himmel, durch dessen feine Risse ab und zu ein fernes Flimmern geisterte. Selbst das spätsommerliche Rot des Laubs der Amberbäume, die sich zwischen den tristen Gebäuden emporreckten, wirkte wie erloschen.
Ich wusste, dass der Dale Hollow Lake als beliebte Zufluchtsstätte für stadtmüde Kurzurlauber galt. Aber Willow Grove machte nicht den Eindruck, von diesem Umstand zu profitieren. Ich vermutete, dass die Touristen einen großen Bogen um den Ort machten. Auf der Fahrt hierher hatte ich im näheren Umfeld bebaute Äcker und Wiesen mit Rindern bemerkt. Ich nahm an, dass die Bewohner in erster Linie von der Landwirtschaft lebten und eventuell von Durchreisenden, die unterwegs schnell einen Snack verdrücken oder ein Bier runterspülen wollten.
Ich blickte zu Phil hinüber, der auf dem Beifahrersitz eine Landkarte der Region um den Dale Hollow Lake studierte.
Er bemerkte es und tippte mit dem Finger auf das Faltblatt. »Dieser See ist riesig. Rund zweiundvierzig Quadratmeilen. Es gibt unzählige einsame Buchten, in denen es wieder geschehen könnte, ohne dass es bemerkt werden würde.«
»Der Kerl«, gab ich zu bedenken, »lechzt geradezu nach Aufmerksamkeit. Das könnte seine schwache Seite sein.«
»Denkst du, dass er geschnappt werden will, Jerry?«
»Schwer zu sagen. Er scheint jedenfalls eine traurige Berühmtheit anzustreben.«
Phil nickte nachdenklich. »Was glaubst du, hat es mit diesen toten Fischen auf sich?«
»Wenn ich das wüsste«, war meine belanglose Antwort.
Gestern Mittag hatten wir im Büro von Mr High gesessen. Es ging um zwei Frauen. Beide waren nackt und mit kahl geschorenem Kopf aufgefunden worden. Die eine war auf dem Wasser des Cumberland River neben einem Ausflugsboot getrieben, die andere hatte an der Böschung einer Bucht am Dale Hollow River gelehnt. Zehn Meilen entfernt von Willow Grove. Zwei Leichen, eine in Kentucky vor drei Monaten, eine hier in Tennessee vor zwei Wochen. Im Schoß des zweiten Opfers hatten mehrere aufgeschlitzte Fische gelegen.
Der Sheriff von Clay County hatte das FBI in Nashville informiert. SAC Theo Calhan wusste aus der Presse von dem Mord in Kentucky, der dank der reißerischen Berichterstattung eines gewissen Edgar Sidgwick bundesweit Aufsehen erregt hatte. Insbesondere, weil Sidgwick behauptete, ein anonymer Anrufer habe sich bei ihm als Täter zu erkennen gegeben. Er habe sich selbst als Fischer bezeichnet. Und er habe weitere Morde angekündigt. Calhan hatte sich an Mr High gewandt.
Es war zu befürchten, dass man es mit einem Serienmörder zu tun hatte. Eine Vermutung, die sich noch am Vorabend zu bestätigen schien. Man hatte Samstagnachmittag eine dritte Frau gefunden, diesmal nur drei Meilen von Willow Grove entfernt. Nackt, kahl rasiert, mit toten Fischen ausstaffiert. Phil und ich brachen noch in der Nacht nach Willow Grove auf. Möglicherweise kam der Täter von dort.
Jedenfalls hatte das erste Opfer, Alma Ferguson, vorübergehend in diesem Ort gewohnt, bis vor einem halben Jahr. Sie hatte dort in einem Pub namens Greg’s Home hinter der Theke ausgeholfen. Danach war sie spurlos verschwunden. Der Journalist Sidgwick, der es mit dem Bericht über das zweite Opfer, Lucie Anderson, bis auf die Titelseite der Washington Post brachte, lebte schon immer in Willow Grove. Und zwei Leichen wurden in unmittelbarer Nähe der Gemeinde gefunden.
Der Ort war überschaubar. Im Schatten der kleinen Kirche, eines verwitterten Holzbaus, lag der Pub, in dem an diesem Morgen ein Bürgertreffen stattfand: Greg’s Home. Flackernde Neonreklame im Fenster neben der grün gestrichenen Eingangstür. Hinter den übrigen Scheiben der schlecht verputzten Fassade hingen knittrige Vorhänge mit blassen Blumenmustern. Ich parkte gleich vor dem Gebäude, neben einem verdreckten Pick-up und dem Geländewagen des Sheriffs.
Auf dem Bürgersteig vor dem Pub zeugten jede Menge Zigarettenkippen und etliche zerschlagene Flaschen davon, dass in der Nacht von Samstag auf Sonntag kräftig gefeiert worden war, obwohl man am Nachmittag unweit von Willow Grove eine Frau ermordet aufgefunden hatte. Doch die Leute ließen es sich eben nicht nehmen, sich zu amüsieren.
Niemand hatte sich die Mühe gemacht, vor der heutigen Veranstaltung sauber zu machen. Die Tür war nur angelehnt. Im fahlen Licht, das sich durch die Vorhangspalten zwängte, wirkte der unaufgeräumte, menschenleere Schankraum wie eine ausrangierte Filmkulisse. Ein Durchlass seitlich der Theke führte in einen Flur, an dessen Ende sich etwa hundertfünfzig Bürger von Willow Grove in einem länglichen, mit Stühlen vollgestopften Saal versammelt hatten. Kakofonisches Stimmengewirr schlug uns entgegen. Es ebbte kurz ab, als man Phil und mich bemerkte, um dann umso stärker anzuschwellen. Auf einem Podest an der Stirnseite wurde gerade ein Mikrofon auf einem Ständer platziert.
Ein kleiner, kugeliger Mann in einem altmodischen Anzug tippelte kurzatmig auf uns zu. Ich schätzte ihn auf Mitte sechzig. Sein starres Lächeln ließ erahnen, dass ihn die Situation überforderte.
»Ich nehme an, Sie sind die Inspektoren aus Washington.« Er sprach leise, mit einem leicht unterwürfigen Ton. Man hörte ihn fast gar nicht in dem allgemeinen Lärm.
»Ja«, sagte ich. »Jerry Cotton und Phil Decker. Und Sie sind der Bürgermeister?«
»Ganz recht, Fred Tomkins. Freut mich, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben. Ich meine, falls man so etwas überhaupt sagen kann. Also, in Anbetracht der Umstände. Na ja, ich gebe zu, ich bin etwas durcheinander. Kein Wunder, nicht wahr? Willow Grove war immer eine friedliche Gemeinde, zugegeben, ein bisschen langweilig. Und jetzt das! Zwei Morde, gleich hintereinander.«
Er schwieg abrupt. Vermutlich war ihm seine eigene Redseligkeit peinlich. Mit fahrigen Gesten dirigierte er Phil und mich zur ersten Reihe, wo zwei Plätze reserviert waren. Wir setzten uns. Tomkins erklomm steifbeinig ein paar Stufen, die auf das Podest führten. Er stellte sich hinter das Mikrofon und winkte jemandem zu, der sich offensichtlich noch unten im Saal befand.
Kurz darauf betrat der Sheriff in seiner olivgrünen Uniform das Podium und stellte sich neben ihn. Er war ein stämmiger Mittvierziger mit wettergegerbtem Gesicht und einem harten, schmalen Mund. Sie verständigen sich kurz miteinander, ehe Tomkins das Mikrofon aus der Halterung nahm und es dicht vor seine Lippen brachte.
»Ich darf Sie alle bitten, jetzt Ihre Plätze einzunehmen.« Sein breiter Südstaatenslang verdickte die Worte zu einer einzigen, zähen Masse.
Während er sprach, brummte und knisterte es aus den Lautsprechern seitlich der Bühne.
»Das Ding ist nicht richtig angeschlossen!«, brüllte eine heisere Stimme aus dem Publikum. Sie wurde ignoriert.
Kurz darauf trat Stille ein. Alle blickten jetzt gespannt nach vorne, wo das Drama von Willow Grove seine Fortsetzung in den Ausführungen des Bürgermeisters der Gemeinde und des Sheriffs des Clay County finden sollte. Wo es den Leuten von Willow Grove fassbar, unmissverständlich und machtvoll ins Bewusstsein gerückt werden würde, damit sie die Tragödie als Teil ihrer gemeinsamen Existenz zu begreifen lernten. Willow Grove hatte endgültig seine Unschuld verloren.
»Sheriff Ralph Wilders brauche ich Ihnen natürlich nicht vorzustellen. Wohl aber unsere Gäste aus Washington, die FBI-Inspektoren Cotton und Decker.«
Phil und ich erhoben uns kurz, damit uns alle in Augenschein nehmen konnten.
»Hey, Jungs«, rief jemand von hinten, »schnappt euch den Bastard!«
»Wie Sie hören«, sagte Tomkins an Phil und mich gewandt, »wird das FBI hier freudig begrüßt.«
Sheriff Wilders quittierte diese Äußerung mit einem säuerlichen Grinsen.
»Wir treffen uns heute«, fuhr Tomkins fort, »weil innerhalb von zwei Wochen in der Nähe unserer Gemeinde zwei Frauen ermordet wurden. Wir alle haben das Bedürfnis, darüber zu sprechen, um mehr Informationen zu erhalten und uns gegenseitig Mut zu machen. Das FBI wird unserem Sheriff zur Seite stehen bei der Suche nach dem Wahnsinnigen, der sich selbst als Fischer bezeichnet. Wir haben also Anlass, darauf zu vertrauen, dass man den Kerl bald erwischt und es keine weiteren Opfer geben wird. Sehe ich das richtig, Ralph?« Er überreichte Wilders das Mikrofon.
»Also«, sagte der Sheriff schroff, »ihr wisst ja, ich halte nicht viel von großen Worten. Eines möchte ich klarstellen: Das FBI ist hier, weil es diese Tote in Kentucky gab und man glaubt, dass die Fälle zusammenhängen. Ansonsten würde ich den Killer auch allein zur Strecke bringen.«
»Hey, Ralph«, schrie einer dazwischen, »was stellst du mit ihm an, wenn du ihn zu fassen kriegst?«
»Was schon?«, entgegnete Wilders abweisend und kniff die Augen zusammen.
»Machst du es wie bei Doc Dead?«
Allgemeines Gelächter im Saal.
»Keine Ahnung, wovon du da faselst«, knurrte Wilders.
»Seid ihr noch bei Trost?«
Ich...
| Erscheint lt. Verlag | 9.10.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton | Jerry Cotton |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Action Abenteuer • action romane • action thriller • action thriller deutsch • alfred-bekker • Bastei • bastei hefte • bastei heftromane • bastei romane • bastei romane hefte • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • Fall • gman • G-Man • Hamburg • Heft • Heftchen • Heftroman • heftromane bastei • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Krimi deutsch • krimi ebook • Krimi kindle • Kriminalfälle • Kriminalgeschichte • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Kriminalromane • kriminalromane 2018 • kriminalromane deutsch • Krimi Reihe • Krimireihen • krimi romane • Krimis • krimis&thriller • krimis und thriller kindle • Krimi Urlaub • letzte fälle • martin-barkawitz • Polizeiroman • Romanheft • Roman-Heft • schwerste fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • spannende Thriller • Spannungsroman • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-6504-1 / 3732565041 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-6504-7 / 9783732565047 |
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