Jerry Cotton Sonder-Edition 89 (eBook)
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-7105-5 (ISBN)
Was für ein Begräbnis!
Ein Sarg, dreihundert Menschen und keine Träne.
Denn der Mann, der beerdigt wurde, war Rufus Holloghan. Der berühmte Holloghan, der Mädchenmörder.
Und im Sarg tickte die Bombe ...
2
Das schaffte mich. Zumindest für zwei, drei Sekunden. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Der Anrufer schien keine Erwiderung zu erwarten.
»Ich kriege Sie, Garrick«, sagte er schwer atmend. »Noch heute!«
Ich schluckte. »Moment mal …«, begann ich.
Der Teilnehmer fiel mir ins Wort. »Sie halten den Mund«, schnauzte er. »Sie werden ihn schon bald für immer halten. Ich will, dass Sie das wissen. Ich will, dass Sie den Tod erwarten und sich vor ihm fürchten. Es wird kein leichter Tod sein, Garrick.«
Es klickte in der Leitung. Der Anrufer hatte aufgelegt. Ich ließ den Hörer sinken, dann trat ich an das Fenster. Von hier oben konnte ich den Hof und die Ausfahrt überblicken, aber möglicherweise hatte das Gebäude einen zweiten Ausgang zum Nachbargrundstück.
Ich hörte von der Straße her kreischende Bremsen und das Splittern von Glas. Ich wandte mich ab und öffnete die Tür zu den hinteren Räumen. Durch ein Aktenarchiv gelangte ich in einige mit Kartons und Kisten vollgepackte Lagerräume. Das Lager machte einen ordentlichen und gleichzeitig vernachlässigten Eindruck. Die Kisten und Kartons waren säuberlich gestapelt, aber überall hatten sich dicke Staubschichten gebildet. Es hatte den Anschein, als seien die Kartons seit Jahren nicht mehr von der Stelle gerückt worden.
Ich bewegte mich mit äußerster Vorsicht. James Garrick konnte sich hinter jedem Stapel verborgen halten. Es dauerte zehn Minuten, ehe ich das obere Stockwerk durchkämmt hatte. Vom hintersten Raum führte eine eiserne Wendeltreppe ins Erdgeschoss.
Ich stieg sie hinab und gelangte in einen großen, durchgehenden Raum. Er enthielt einige Holzregale und einige ausrangierte Büromöbel, sonst nichts. Ein Garagentor und zwei Türen führten zum Hof. Sie waren verschlossen. Ich entdeckte keine Hinterausgänge.
James Garrick musste das Haus verlassen haben, während der Unbekannte angerufen hatte.
Rufus Holloghan? Ich schüttelte den Kopf. Jemand hatte sich einen makabren Scherz erlaubt. Holloghan war tot. Oder etwa nicht?
Ich kehrte über die Wendeltreppe ins obere Stockwerk zurück. Als ich mich der Bürotür näherte, hörte ich Geräusche. Das Rollo eines Aktenschranks rasselte hinunter. Schubladen wurden geöffnet und wieder zugeschlagen.
Dann klingelte das Telefon. Das Klingeln hielt an, aber der Besucher nahm sich nicht die Mühe, den Hörer abzunehmen. Ich legte mein Ohr an die Türfüllung. Ein Feuerzeug klickte leise, dann ertönte das Knarren des Drehstuhls.
Ich stieß die Tür auf.
Im Drehstuhl saß eine junge Frau. Sie wirbelte herum und starrte mich atemlos an, den Mund vor Schreck und Erstaunen halb geöffnet. Es war ein ungewöhnlich hübscher Mund, weich und voll, der lockende, schillernde Rahmen einer makellosen Zahnparade.
»Miss Holloghan«, stieß ich hervor.
Sie hatte einen hellen Regenmantel über ihre Trauerkleidung gezogen und den Hut mit dem kurzen schwarzen Schleier abgelegt. Ihre Lackledertasche stand auf dem Schreibtisch, offen. Das Feuerzeug und ein Päckchen Tareytons lagen daneben. Aus einigen Schubladen waren Papiere zu Boden geworfen worden.
»Wer … wer sind Sie?«, würgte sie hervor.
Ich zog die Tür hinter mir ins Schloss und setzte mich auf den Rand des Schreibtisches. Die schlanken, schwarzbestrumpften Beine der Frau waren nur eine Handbreit von mir entfernt.
»Jerry Cotton«, stellte ich mich vor. »FBI.«
»Können Sie sich ausweisen?«
»Bitte«, sagte ich und zeigte ihr meine ID-Card. Ich hatte das Gefühl, dass sie sie gar nicht richtig anschaute und dass es ihr bloß darum ging, Zeit zu gewinnen.
Sie nickte und schaute mich an. Ihre Augen waren von einer Tönung, die im Grenzbereich zwischen Gelb und Grün lag. Es hing von den Lichtverhältnissen ab, ob sich die eine oder die andere Farbe durchzusetzen vermochte. Im Moment herrschte der Grünton vor.
»Sie sind Laura Holloghan, nicht wahr?«, fragte ich. »Die jüngere Tochter …«
»Woher kennen Sie mich?«
»Ich habe Sie heute auf dem Friedhof gesehen.«
Laura Holloghans Augen verdunkelten sich. Sie schluckte und starrte an mir vorbei ins Leere. »Mein Gott, es war schrecklich«, murmelte sie.
»Was tun Sie hier?«, fragte ich.
Die junge Frau befeuchtete sich die Lippen mit der Zungenspitze. »Ich … ich sollte herkommen. Angeblich wollte man mir Beweise dafür liefern, dass Papa unschuldig war. Als ich niemand im Büro antraf, wollte ich die Beweise selbst suchen …«
»Wer hat Sie angerufen?«
»Ein Mann. Er nannte mir seinen Namen nicht.«
»Es hätte eine Falle sein können, nicht wahr?«
Die Augen der jungen Frau rundeten sich. »Eine Falle? Wer sollte sie mir stellen – und warum?«
»Ist es nicht so, dass Sie Ihren Vater für unschuldig halten?«, fragte ich.
Laura Holloghan nickte heftig. »Er kann es nicht gewesen sein, er war nicht die Bestie von Hoboken.«
»Wie erklären Sie es sich dann, dass man ihn ertappte, als er Lucy Francis zu erwürgen versuchte?«
»Wer sagt Ihnen, dass er sie erwürgen wollte?«, fragte sie. »Wahrscheinlich wollte er sie nur schütteln und zurechtweisen! Aber als man ihn dabei ertappte und Lucy Francis die belastenden Aussagen machte, wurde ihm wohl klar, dass seine Chancen gleich Null waren. Ich glaube, dass er sich in einem Anfall von Verzweiflung erschossen hat.«
»Welche Erklärung haben Sie für Lucys Tod?«, wollte ich wissen.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte die Frau schulterzuckend. »Ich darf nicht daran denken, sonst drehe ich durch. Das Mädchen, das meinen Vater ruinierte, in seinem Sarg! Ich habe keine Erklärung dafür.«
Ich hatte das Gefühl, dass Laura Holloghan Wahrheit und Lüge bewusst oder unbewusst miteinander vermischte. Ich war davon überzeugt, dass sie mir nicht den wahren Grund für ihr Hiersein genannt hatte. Fest stand eigentlich nur, dass sie hergekommen war, um etwas zu suchen und zu finden, irgendein Dokument, das die Hintergründe des Geschehens aufzuhellen vermochte.
»Wissen Sie, wer in diesem Office arbeitet?«, fragte ich.
»Nein. Aber um einen Ehrenmann kann es sich schwerlich handeln«, meinte Laura Holloghan. »Sonst wären Sie nicht hinter ihm her. Habe ich recht?«
»Es ist James Garrick.«
»O, tatsächlich?« Lauras Verwunderung wirkte stark überzogen.
»Ja.« Ich nickte und war bemüht, ein Pokergesicht aufzusetzen und nichts von meinen Gefühlen preiszugeben. »Sie erinnern sich doch an ihn?«
Laura Holloghan nahm einen Zug aus ihrer Zigarette. Beim Inhalieren legte sie den Kopf zurück. Die Linie ihres schlanken Halses war vollkommen. Sie hatte mittelblondes, bis auf die Schultern fallendes Haar. Seinem weichen, satten Glanz war anzusehen, dass es eine ebenso regelmäßige wie kostspielige Pflege erhielt.
»Natürlich erinnere ich mich an James«, sagte sie. »Er war ein seltsamer Bursche – immer verletzt, stets ein wenig sauertöpfisch, als sei es unter seiner Würde, anderen Menschen zu dienen. Er war einfach fehl am Platz. Das Dienerspiel lag ihm nicht. Wir alle waren froh, als er eines Tages den Job kündigte.«
»Hatte er einen Streit mit Ihrem Vater?«
»Ja, aber mein Vater amüsierte sich nur darüber. Es war nichts Ernstes. Glauben Sie, dass mich Garrick herbestellt haben könnte?«
»Sie müssen doch seine Stimme kennen.«
»Es ist so lange her, dass ich mit ihm gesprochen habe.« Sie schaute mich an. »Nein, es war nicht James«, meinte sie. »Auf keinen Fall.«
Ich wies auf das Telefon. »Vorhin rief ein Mann an, der sich als Ihr Vater ausgab.«
»Wie geschmacklos«, meinte Laura Holloghan. Zwischen ihren Augen stand eine dünne, steile Falte.
»Wie würden Sie die Stimme Ihres Vaters mit wenigen Worten beschreiben?«
»Dunkel und etwas heiser«, antwortete die junge Frau.
»Sonor und rau, das würde gleichfalls passen, nicht wahr?«, fragte ich.
»Unbedingt.«
»Sind Sie völlig sicher, dass Ihr Vater tot ist?«, wollte ich wissen.
Laura starrte mich an. Ihre großen, langbewimperten Augen hatten jetzt einen leichten Messingschimmer. »Was soll diese verrückte Frage?«, meinte sie leise. »Sie und ich wissen, dass er tot ist!«
»Haben Sie ihn gesehen, tot, meine ich?«
»Aber ja!«
»Gibt oder gab es Menschen, denen er zum Verwechseln ähnlich sah?«, erkundigte ich mich. »Einen Zwillingsbruder zum Beispiel oder …«
Laura Holloghan fiel mir ins Wort. Ihre Stimme klang ärgerlich. »Nein, Papa hatte keine Geschwister. Nicht einmal nahe Verwandten. Er hatte, wie Sie wissen, kein Allerweltsgesicht. Auf seine Art war es unverwechselbar, so wie es nur einen Gary Grant und nur einen John Wayne gibt. Genügt Ihnen diese Auskunft?«
Ich nickte. »Jaja, natürlich. Sie deckt sich mit den Ermittlungen der Polizei. Ich frage mich nur, was den Anrufer dazu brachte, sich als Rufus Holloghan vorzustellen – und warum er James Garrick, für den der Anruf bestimmt war, mit dem Tod bedrohte.«
»Hat er das getan? Fantastisch! Ich weiß darauf keine Antwort. Offen gestanden, möchte ich nicht einmal darüber nachdenken.«
»Warum?«
»Mein Gott, es ist schlimm genug, dass der Name Holloghan durch die schrecklichen Ereignisse in ein solches Zwielicht geraten konnte, aber es ist fast noch schlimmer, dass jemand diese Lucy Francis tötete und in den Sarg meines Vaters legte. Die Bombe im Sarg, das kann doch...
| Erscheint lt. Verlag | 9.10.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton Sonder-Edition | Jerry Cotton Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Action Abenteuer • action romane • action thriller • action thriller deutsch • alfred-bekker • Bastei • bastei hefte • bastei heftromane • bastei romane • bastei romane hefte • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • Fall • gman • G-Man • Hamburg • Heft • Heftchen • Heftroman • heftromane bastei • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Krimi deutsch • krimi ebook • Krimi kindle • Kriminalfälle • Kriminalgeschichte • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Kriminalromane • kriminalromane 2018 • kriminalromane deutsch • Krimi Reihe • Krimireihen • krimi romane • Krimis • krimis&thriller • krimis und thriller kindle • Krimi Urlaub • letzte fälle • martin-barkawitz • Polizeiroman • Romanheft • Roman-Heft • schwerste fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • spannende Thriller • Spannungsroman • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-7105-X / 373257105X |
| ISBN-13 | 978-3-7325-7105-5 / 9783732571055 |
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