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Die Frau in den Dünen (eBook)

Mit einem Nachwort von Irmela Hijiya-Kirschnereit

(Autor)

eBook Download: EPUB
2018
Unionsverlag
978-3-293-31007-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Frau in den Dünen - Kobo Abe
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In den Sanddünen vor einem abgelegenen Dorf frönt Niki Jumpei seiner einzigen Leidenschaft: der Suche nach unentdeckten Insektenarten. Als die Nacht hereinbricht, bieten ihm die Dorfbewohner ein Nachtquartier an - sie seilen ihn in die Tiefen eines Sandlochs hinab, zu einer einzelnen Hütte. Dort empfängt ihn eine junge Frau in geheimnisvoller Erwartung. Die ganze Nacht über bleibt sie auf und schaufelt das Haus frei. Als der Mann am nächsten Tag aufbrechen will, ist die Strickleiter verschwunden. Und durch alle Ritzen der Hütte dringt unablässig der Sand. Dieser Roman begründete Kobo Abes Ruhm und wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Kobo Abe, geboren 1924 in Tokio, war ein japanischer Schriftsteller und Drehbuchautor. 1951 erhielt er für Das Verbrechen des Herrn S. Karuma den Akutagawa-Preis, den bedeutendsten Literaturpreis Japans. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1962 mit Die Frau in den Dünen, wofür Abe mit dem Yomiuri-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. 1964 folgte die Verfilmung des Romans, zu der Abe selbst das Drehbuch schrieb. Er war Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters. Er starb 1993 in Tokio.

Kobo Abe, geboren 1924 in Tokio, war ein japanischer Schriftsteller und Drehbuchautor. 1951 erhielt er für Das Verbrechen des Herrn S. Karuma den Akutagawa-Preis, den bedeutendsten Literaturpreis Japans. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1962 mit Die Frau in den Dünen, wofür Abe mit dem Yomiuri-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. 1964 folgte die Verfilmung des Romans, zu der Abe selbst das Drehbuch schrieb. Er war Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters. Er starb 1993 in Tokio.

2


An einem Nachmittag im August stand auf dem Bahnsteig des Bahnhofs S. ein Mann. Er trug eine große Holzschachtel und eine Feldflasche über der Schulter; er sah wie ein Bergsteiger aus. Auf dem Kopf hatte er eine mausgraue Schirmmütze, und die Aufschläge der Hosenbeine waren in die Strümpfe gesteckt.

In dieser Gegend gab es aber gar keine Berge, die man hätte erklettern können, und der Beamte an der Sperre, der dem Mann die Fahrkarte abnahm, sah ihm mit misstrauischer Miene nach. Der Mann stieg, ohne zu zögern, in einen Bus, der vor dem Bahnhof stand, und setzte sich auf den hintersten Platz. Es war der Bus, der in die Ebene hinausfuhr.

Als der Mann an der Endstation ausstieg, stand er vor einem Gelände voller Hügel und Talsenken. Bald verwandelte sich die Landschaft, schmale Reis-Wasserfelder tauchten auf, dazwischen lagen, wie Inseln, die ein wenig höher aufragenden Felder mit Dattelpflaumenbäumen. Der Mann kam durch ein Dorf und wanderte dann auf dem nun helleren, trockenen Boden weiter zur Küste. Als die Häuser hinter ihm lagen, kam er in einen Kiefernwald, und unversehens wurde aus dem Erdboden zarter Sand, der sich dem Dahinschreitenden an die Sohlen heftete. Da und dort warfen dürre Grasbüschel ihre Schatten in die Sandmulden. Gelegentlich – es mutete fast an wie ein Irrtum der Natur – gab es hier ein kärgliches Auberginen-Feld, nicht größer als eine Tatami-Matte. Doch nirgendwo tauchte eine menschliche Gestalt auf. Und dem Manne wurde bewusst, dass er sich seinem Ziel, dem Meer, näherte.

Zum ersten Mal hielt er inne und blickte um sich. Er wischte sich mit dem Ärmel seines Rocks den Schweiß von der Stirn, öffnete dann bedächtig den Holzkasten und entnahm der Innenseite des Deckels ein paar Stöcke. Nachdem er diese zusammengefügt hatte, befestigte er ein Insektennetz daran. Dann wanderte er weiter, wobei er die Spitze des Steckens wie einen Spazierstock auf die Grasbüschel stieß. Über dem Sand lag der Geruch des Meeres.

Aber das Meer selbst war immer noch nicht zu sehen. Das lag vielleicht daran, dass ihm die Aussicht auf das Meer durch die Hügelkette versperrt wurde, die sich endlos fortzusetzen schien. Doch plötzlich weitete sich sein Blickfeld, und ein kleines Dorf tauchte vor ihm auf, ein ärmlicher, reizloser Flecken, in dessen Mitte ein hoher Wachturm aufragte; auf den eng aneinandergeschmiegten Dächern lagen Steine zum Beschweren. Einige Häuser waren mit schwarzem Schiefer gedeckt, andere hatten ein mit Eisenmennige bemaltes Blechdach. Das blechgedeckte Haus an der einzigen Wegkreuzung des Dorfes schien der Versammlungsraum der Fischereigenossenschaft zu sein. Nun würde er sicher bald zum Meer kommen und zu den Sanddünen, seinem eigentlichen Ziel.

Aber das Dorf dehnte sich unerwartet weit hin. Da und dort sah er ein Fleckchen fruchtbarer Erde mitten in dem weißen, trockenen Sandboden. Trotzdem hatte man überall Erdnuss- und Kartoffelfelder angelegt, und es roch auch nach Haustieren. Neben der Straße aus Sand und Lehm, die hart war wie Zement, lagen große weiße Haufen zerbrochener Muscheln. Als der Mann auf der Straße dahinging, hörten die Kinder auf dem Platz vor dem Fischereigenossenschaftshaus mit dem Spielen auf; auch ein alter Mann, der auf einer windschiefen Veranda hockte und ein Fischernetz flickte, und die Frauen, die vor dem einzigen Haushaltsgeschäft des Dorfes standen, hielten inne, verstummten und starrten ihm bewegungslos mit misstrauischen Blicken entgegen. Aber er kümmerte sich nicht darum. Ihn interessierten allein der Sand und die Insekten.

Er wunderte sich nicht nur über die Ausdehnung des Dorfes, sondern auch über den allmählich ansteigenden Weg. Damit hatte er nicht gerechnet. Müsste sich eine Straße, die auf das Meer zulief, nicht vielmehr senken? Hatte er sich auf der Landkarte verlesen? Er fragte ein Mädchen, das gerade vorüberkam. Sie sah verwirrt zur Seite und ging weiter, als habe sie nichts gehört. Er beschloss weiterzugehen, ohne sich Gedanken über den Vorfall zu machen. Die Färbung des Sandes, die Fischernetze und die Berge von Muschelschalen deuteten mit Sicherheit darauf hin, dass das Meer sehr nahe war. Nichts zeigte eine drohende Gefahr an.

Die Straße stieg immer steiler an und wurde immer sandiger.

Seltsamerweise aber stiegen die Häuser nicht mit an, nur die Straße, das Dorf selbst blieb in der Tiefe. Nein, nicht nur die Straße, auch der Boden zwischen den Häusern stieg mit der Straße an. Das ganze Dorf schien ein sich erhebender Hügel zu sein, in dem die Häuser versanken. Dieser Eindruck verstärkte sich, je weiter er ging; und schließlich sahen alle Häuser aus, als habe man sie in Löcher hineingebaut, die man in den Sand gegraben hatte. Die Sandfläche lag höher als die Dächer der Häuser. Und jedes der hintereinander gestaffelten Häuser war tiefer in sein Loch abgesunken als das vorhergehende.

Noch immer wurde der Hang steiler, und der Abstand zwischen der Straße und den Dachfirsten betrug schließlich mindestens zwanzig Meter. Als er am Rande der Straße entlangging und dabei neugierig in eines der tiefen Löcher hinunterstarrte, um zu sehen, wie man dort lebte, nahm ihm der heftige Wind fast den Atem. Er blickte auf und sah das Meer vor sich: Trübes Wasser leckte über den Strand zu seinen Füßen. Er stand hoch oben auf einer der Dünen, die sein Reiseziel waren.

Die Abhänge zum Meer, die den Monsunwinden ausgesetzt waren, fielen steil ab; nur an den flacheren Stellen wuchs kümmerliches Gras. Als er sich jetzt zu dem Dorf umwandte, sah er, dass die großen Löcher, die zum Kamm der Düne hin immer tiefer wurden, in verschiedenen Reihen angelegt waren. Das Ganze wirkte wie ein halb zerstörter Bienenkorb. Das Dorf befand sich auf der Sanddüne, oder genauer gesagt, die Düne befand sich auf dem Dorf. Es handelte sich auf jeden Fall um eine höchst beunruhigende Landschaft.

Aber der Mann war zufrieden, das Ziel seiner Reise, die Dünen, endlich erreicht zu haben. Er trank Wasser aus seiner Feldflasche und atmete tief die Luft ein – aber die Luft, die ihm so klar erschienen war, schmeckte sandig.

Der Mann hatte die Absicht, in den Dünen Insekten zu sammeln. Natürlich sind die im Sand lebenden Insekten klein und unscheinbar. Aber er war ein passionierter Sammler, und Schmetterlingen und Libellen vermochte er nichts abzugewinnen. Fanatiker wie er machen sich nichts aus prachtvoll ausgestatteten Kästen mit Insekten, noch interessieren sie sich sonderlich dafür, ein System aufzubauen oder Rohmaterial für chinesische Arzneien zu finden. Ihnen bringt das Insektensammeln eine schlichtere und unmittelbarere Freude: das Entdecken neuer Arten. Hat man dabei Erfolg, dann wird der Name des Sammlers in dem großen bebilderten entomologischen Lexikon an die lange lateinische Bezeichnung des Insekts angehängt und bleibt dort für eine halbe Ewigkeit stehen. Der der Nachwelt überlieferte Name, und sei es auch nur im Zusammenhang mit einem Insekt, ist Lohn für alle Mühe.

Die Chancen für eine Neuentdeckung sind größer bei den kleinen, unauffälligen Insekten, da von ihnen zahlreiche Unterarten existieren. Seit Langem hatte er seine Aufmerksamkeit den Zweiflüglern, insbesondere den von den Menschen so gehassten gewöhnlichen Stubenfliegen zugewandt. Natürlich gibt es unglaublich viele Arten von Fliegen; und da alle Entomologen in ähnlichen Bahnen zu denken scheinen, hatten sich auch andere Insektenliebhaber den Zweiflüglern zugewandt und waren nach eifrigem Forschen bis zu einer seltenen achten Mutante vorgestoßen, die man nur in Japan findet. Vielleicht gibt es bei Zweiflüglern deswegen so viele Mutanten, weil ihr Lebensbereich dem der Menschen so nahe ist.

Er hätte seine Aufmerksamkeit von Anfang an auf die Beobachtung der Lebensbedingungen der Insekten richten sollen. Sprachen die vielen Unterarten nicht dafür, dass Insekten eine außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit besitzen? Bei diesem Gedanken wallte heiße Freude in ihm auf. Eine solche Überlegung scheint gar nicht so unsinnig, dachte er; denn dass Fliegen sich so gut anpassen können, bedeutet ja wohl, dass sie selbst unter ungünstigen Umständen, unter Umständen, unter denen andere Insekten nicht mehr existieren können, zu leben vermögen – etwa in der Wüste, wo fast alle Lebewesen zugrunde gehen.

Seit diesem Augenblick interessierte er sich für Sandboden. Bald hatte er Erfolg: Eines Tages fand er in dem trockenen Flussbett in der Nähe seines Hauses ein kleines hellrosa Insekt, das dem japanischen Sandlaufkäfer, der Cicindela japonica Motschulsky, glich. Dieser Sandläufer tritt zwar bekanntlich in vielen verschiedenen Farben und Zeichnungen auf, aber die Vorderbeine sind bei fast allen gleich. Das Vorderbein ist ein wichtiges Kriterium, ihn von anderen Arten zu unterscheiden. Das Insekt nun, das ihm im Flussbett aufgefallen war, hatte am zweiten Gelenk des Vorderbeines in der Tat eine ausgesprochene Eigenart.

Im Allgemeinen sind die Vorderbeine bei den Vertretern der Sandlaufkäfer schwarz, schmal und außerordentlich beweglich. Aber die Vorderbeine dieses Insekts waren dick und gelb und sahen aus, als seien sie von einer Hülle umgeben. Vielleicht war es irgendetwas, um den Blütenstaub festzuhalten, etwa eine feine Haarschicht. Auf jeden Fall handelte es sich ganz sicher um eine wichtige Entdeckung, wenn seine Beobachtung richtig war.

Aber unglücklicherweise war ihm das Insekt entwischt. Er war nämlich ziemlich...

Erscheint lt. Verlag 10.9.2018
Übersetzer Oscar Benl
Verlagsort Zürich
Sprache deutsch
Original-Titel Suna no Onna
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Frau • Japan • Liebe • Meer
ISBN-10 3-293-31007-9 / 3293310079
ISBN-13 978-3-293-31007-0 / 9783293310070
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