Ein Patricia Vanhelsing Thriller - Schreckensgalerie (eBook)
120 Seiten
Uksak E-Books (Verlag)
978-3-7389-2254-7 (ISBN)
Tante Lizzys Augen leuchteten, als sie mich ansah. In der Bibliothek der alten Dame gab es kaum noch einen freien Platz, weder auf dem Fußboden noch auf den kleinen runden Tischchen, die sie im Raum verteilt aufgestellt hatte.
Überall lagen Papiere und aufgeschlagene Bücher herum. Auf dem eigenartigen antiken Schreibtisch, der sich in einer Ecke des Raumes befand und durch die geschnitzten Dämonenköpfe an allen vier Ecken auffiel, türmten sich Stapel von dicken, staubigen Lederfolianten in die Höhe.
Elizabeth Vanhelsing - für mich Tante Lizzy - war in ihrem Element. Wenn der Forscherdrang die alte Dame gepackt hatte, dann konnte sich nichts mehr bremsen. Nächtelang saß sie dann über den okkulten Schriften und den Unmengen Pressematerial, privaten Briefwechseln und Geheimschriften, die sie in ihrem Okkultismus-Archiv im Laufe von vielen Jahren zusammengetragen hatte. Seitdem ihr Mann - der bekannte Archäologe Frederik Vanhelsing - vor Jahren bei einer Expedition im südamerikanischen Regenwald verschollen war, hatte sie sich ganz der Erforschung des Ungewöhnlichen gewidmet.
Tante Lizzy war nicht allein in der Bibliothek.
In einem der Sessel hatte Professor Hugh St.John platzgenommen, ein Chemiker, dessen Hilfe Tante Lizzy in letzter Zeit für die eine oder andere Analyse in Anspruch genommen hatte. St.John war ein rundlicher, freundlich wirkender älterer Herr, der stets in einem sehr stilvollen maßgeschneiderten Dreiteiler daherkam. Ein Mann, der gleichermaßen intellektuelle Brillanz und gediegenen Stil verkörperte. In letzter Zeit tauchte Professor St. John immer häufiger als Gast in der Vanhelsing-Villa auf. Neuerdings schien er sogar ein gewisses Faible für den Okkultismus entdeckt zu haben, was bei einem nüchternen Naturwissenschaftler wie St.John natürlich verwunderte.
Zumindest auf den ersten Blick.
Auf den zweiten musste jeder Beobachter zu der Erkenntnis kommen, dass Tante Lizzy auf ihre Art eine ebenso akribische Forscherin war, die in paranormalen oder außersinnlichen Phänomenen nichts anderes sah, als Geschehnisse, für die die moderne Wissenschaft - noch - keine Erklärung zu liefern in der Lage war. Ihr war dabei sehr wohl bewusst, wie viele Scharlatane und Geldschinder sich auf diesem Gebiet tummelten und die Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen ausnutzten.
Tante Lizzy wollte nichts anderes, als die Spreu auf diesem Gebiet vom Weizen zu trennen.
Mochte der Weizen - echte okkulte Phänomene - auch noch so rar sein, wenn man ihn mit der Menge der Spreu verglich: er war da. Ich selbst hatte es erlebt... Und nicht nur einmal!
An diesem Tag hatte ich einen ziemlich stressigen Tag in der Redaktion der LONDON EXPRESS NEWS hinter mir. Am Abend wollte mein geliebter Tom Hamilton mich abholen, um mich in ein neues italienisches Restaurant im West End zu entführen.
Dafür hatte ich mich ein bisschen aufgebrezelt. Ein schlichtes, aber sehr elegantes hellblaues Kleid, dazu Pumps und hochgesteckte Haare. Mit meiner Frisur war ich irgendwie noch nicht hundertprozentig zufrieden gewesen, aber dann war Tante Lizzy in mein Schlafzimmer geplatzt und hatte gemeint, dass ich ihr unbedingt in die Bibliothek folgen müsse. Sie hätte eine Entdeckung gemacht...
"Patti", murmelte sie und hielt mir ein vergilbtes Stück Papier entgegen, beschrieben mit einer eigenartigen, grau schimmernden Tinte. "Ich habe endlich einen Hinweis auf dieses Buch gefunden, auf das du in Darnby-on-Sea gestoßen bist..."
Gerade noch hatte ich ein Gähnen unterdrücken müssen.
Jetzt war ich hellwach. Und an meine Frisur verschwendete ich keinen Gedanken mehr.
"Du meinst..."
"...das LIBRUM HEXAVIRATUM", vollendete Tante Lizzy.
Tom und ich waren bei der Aufklärung einer Serie mysteriöser Todesfälle in einem kleinen Ort in Northumberland auf ein Buch gestoßen, das auf jeden, der in ihm las, eine wahrhaft magische Wirkung ausübte. Verfasst war es von einem geheimnisvollen Rat der Sechs - Wesenheiten, die aus dem Hintergrund angeblich seit Urzeiten die Geschicke der Welt lenken. Und ihr Buch, das LIBRUM HEXAVIRATUM wirkte direkt auf das menschliche Bewusstsein. Innerhalb einer Sekunde war die Erinnerung an jenen Augenblick wieder lebendig, in dem ich das Buch aufgeschlagen und mein Blick die langen Reihen der unbekannten Schriftzeichen entlanggewandert waren...
Das Exemplar des LIBRUMS, das wir auf Darnby Castle gefunden hatten, war zu Staub zerfallen. Aber es musste weitere geben. Ich war überzeugt davon. Niemand, der einmal in einem Exemplar dieses Buches gelesen hatte, würde es je vergessen können. Jedenfalls hatte das Lord Darnby gesagt, jener düstere Unsterbliche, der sich der finsteren Magie des LIBRUMS bedient hatte.
Jetzt war auch er längst zu Staub zerfallen.
Aber er hatte Recht behalten.
Der Gedanke an das Buch hatte mich seit unserer Rückkehr aus Northumberland nicht mehr losgelassen.
Tante Lizzy reichte mir das Schriftstück.
Es war ein Brief, soviel konnte ich erkennen. Die Schrift war ziemlich verschnörkelt. "Das ist französisch", stellte ich fest.
"Das Papier stammt aus einem Briefwechsel, den Hermann von Schlichten mit dem französischen Okkultisten Francois Salasar führte... Ich habe die Papiere letzte Woche bei einer Haushaltsauflösung in Southampton erworben. Auf irgendwelchen verschlungenen Pfaden sind sie in den Besitz einer englischen Lady gefallen, die vor kurzem im Alter von 103 Jahren verstarb. Glücklicherweise wussten ihre Angehörigen den Wert dieser Dokumente nicht im mindesten zu schätzen..."
"Ich fürchte, mein Schulfranzösisch ist nicht gut genug, um diesen Brief zu verstehen", erklärte ich.
"Bei mir ist das nicht anders", lächelte Tante Lizzy. "Aber glücklicherweise habe ich einen Bekannten, der exzellent Französisch spricht!" Tante Lizzy deutete auf Hugh St.
John, der mir mit einem freundlichen Lächeln zunickte.
"Ich hatte eine Gastprofessur in der französischen Schweiz", erklärte der Chemiker.
Tante Lizzy ergriff wieder das Wort.
"Patti, von Schlichten berichtet hier davon, dass ein Buch in seinen Besitz gelangt sei, auf das genau jene Eigenschaften zutreffen, die du mir vom LIBRUM HEXAVIRATUM geschildert hast!"
"Aber es wird nicht beim Namen genannt!"
"Nein, das nicht! Aber die Einzelheiten stimmen überein. Es ist vom Symbol des Sechsecks die Rede. Außerdem spekuliert von Schlichten darüber, wer die Sechs sein könnten..."
"Der Rat der Sechs?"
"Liegt das nicht nahe, Patti?" Tante Lizzy atmete tief durch. "Es ist ein erster Hinweis, Patti. Mehr nicht, das ist mir klar. Aber immerhin eine erste Spur."
In diesem Augenblick läutete der Türgong.
Tante Lizzy lächelte und nickte mir zu. "Das wird Tom sein", meinte sie. "Ich will dich auch nicht länger aufhalten..."
Ich erhob mich. "Tante Lizzy, ich hoffe nicht, dass du wieder die ganze Nacht..."
"Lass nur, Patti!", schnitt sie mir das Wort ab. "Einer der wenigen Vorzüge des Alters ist es, dass man nicht mehr so viel Schlaf braucht..."
"Gehen Sie ruhig, Miss Vanhelsing", erklärte nun Hugh St.John mit ruhiger, tiefer Stimme. "Ich werde auf Ihre Großtante schon aufpassen..."
"Dann wären Sie der Erste, der sie zu bremsen versteht!"
"Nein, das werde ich gar nicht erst versuchen", erklärte St.John. "Das wäre wohl auch völlig sinnlos."
Ich ging wie ein Storch zwischen den Papieren und aufgeschlagenen Büchern hindurch. Tante Lizzy hatte ihre eigene Ordnung, nach der sie ihr Archiv sortierte. Das System, das dahintersteckte musste sehr individuell sein. Ich hatte es bis heute nicht verstanden, obwohl ich seit meinem zwölften Lebensjahr in ihrer Villa wohnte und sie nach dem frühen Tod meiner Eltern mir so nahegestanden hatte wie es sonst nur eine Mutter gekonnt hätte.
Aber es war eine Tatsache, dass sie stets in erstaunlich kurzer Zeit ein bestimmtes Buch oder eine Handschrift aus dem Wust ihrer unermesslich großen Sammlung herausfischen konnte.
Schon oft hatte sie mich bei meinen Recherchen wirkungsvoll unterstützt.
Tante Lizzy trat auf mich zu.
Sie berührte mich leicht am Arm.
"Ich wünsche euch beiden einen schönen Abend", sagte sie dann in gedämpftem Tonfall. "Und im übrigen bin ich kein bisschen böse, dass du mich hier im Schweiße meines Angesichts arbeiten lässt..."
Sie zwinkerte mir zu.
Ich wusste genau, wie sie das meinte.
Der Türgong läutete bereits zum zweiten Mal, als ich endlich öffnete.
Tom Hamilton stand draußen in der regnerischen Nacht. Seine meergrünen Augen blickten mich an. Auch er hatte sich für den Abend in Schale geworfen. Unter einem offenen Regenmantel sah ich ein zweireihiges, dunkelblaues Jackett mit Krawatte.
"Hallo, Patricia", sagte er und der sonore Klang seiner Stimme jagte mir einen wohligen Schauder über den Rücken.
Vielleicht waren es diese geheimnisvollen Augen gewesen, die mich verzauberten, als ich Tom zum ersten Mal begegnet war.
"Tom...", flüsterte ich.
Wir näherten uns. Und während hinter mir die Tür ins Schloss fiel, legte er seinen Arm um mich und drückte mich zärtlich.
Unsere Lippen fanden sich zu einem Kuss voller...
| Erscheint lt. Verlag | 23.10.2019 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| ISBN-10 | 3-7389-2254-7 / 3738922547 |
| ISBN-13 | 978-3-7389-2254-7 / 9783738922547 |
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