Jerry Cotton 3195 (eBook)
64 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-6500-9 (ISBN)
Seit Langem schon waren Phil und ich einer hochkriminellen Organisation auf der Spur - der CITU, die ihren Sitz auf der honduranischen Insel Untaba hatte. Endlich standen wir kurz davor, den Kopf der Bande hochzunehmen und die gesamte Organisation endgültig zu zerschlagen. Dazu hatten wir den Mann nach Washington gelockt. Doch nachdem wir ihn festgenommen hatten, eröffnete er uns seelenruhig, er habe mehrere Bomben in der Stadt platziert. Und bevor wir irgendetwas dagegen unternehmen konnten, ging bereits die erste Bombe hoch!
6:07 Uhr, Adams Morgan Neighborhood, Washington
In der Belmont Road erwachte Old Tremblehand von einem Knall, der die Nacht zerriss. Fluchend und schwerfällig erhob er sich hinter dem Busch, in dessen Schutz er geschlafen hatte. Es war noch dunkel, und die Welt drehte sich in seinem Kopf. Das war freilich nichts Neues für ihn, denn nach über zwanzig Jahren auf der Straße, die meisten davon im Vollrausch, hatte er sich den Namen Old Tremblehand, alte Zitterhand, redlich verdient. Seinen echten, den Geburtsnamen, hatte der Obdachlose längst vergessen.
Unmutig warf er einen Blick zum Himmel. Seine innere Uhr, die im Gegensatz zu allen anderen Sinnen erstaunlich gut funktionierte, sagte ihm, dass der Morgen bald grauen würde.
Old Tremblehand war müde. Verdammt müde. Am Abend zuvor hatte er in einem Mülleimer eine halb volle Flasche Bourbon gefunden. Seinen Rausch hatte er noch lange nicht ausgeschlafen. Aber hinter dem Busch konnte er nicht bleiben. Am zweiten Wochenende im September, am Adams Morgan Day, war in diesem Quartier rund um die 18th Street die Hölle los. Buden, Bühnen mit Livemusik, jede Menge Menschen. In drei, vier Stunden öffneten die ersten Verkaufsstände. Später am Tag würde sich auch Old Tremblehand unter das Partyvolk mischen, aber vorher musste er einen Schlafplatz finden, von dem ihn niemand verjagte.
Langsam schlurfte der Obdachlose hinüber zur 18th Street, wo die Buden und Bühnen im Mondlicht auf das große Ereignis warteten.
Plötzlich hörte er ein leises Husten. Er verbarg sich in einem Hauseingang, denn auf der gegenüberliegenden Straßenseite konnte er einen Streifenwagen erkennen. Ein Cop war nun wirklich der Letzte, dem er begegnen wollte.
Vor dem Streifenwagen stand ein Pick-up, an dem sich gerade ein Kerl zu schaffen machte. Verwundert kratzte sich der Obdachlose das stoppelige Kinn. Was trieb der Typ da? Er zerrte etwas Großes, Schweres zum Wagen, öffnete die Tür und bugsierte seine Last unter großer Anstrengung hinein. Zwei lange, schlaffe Gliedmaßen hingen heraus. Großer Gott, die sahen ja aus wie menschliche Beine! Verlud der Kerl etwa eine Leiche?
Der Knall, der ihn geweckt hatte, fiel Old Tremblehand wieder ein. Ein Schuss?
Gut möglich. Aber der Obdachlose war es nicht gewohnt, sich auf seine Sinne zu verlassen, die ihm allzu häufig einen Streich spielten. Vielleicht hatte er den Knall nur geträumt.
Old Tremblehand wartete, bis der Kerl endlich fertig war, die Tür des Pick-up wieder verschloss, sich verstohlen umsah und Richtung Champlain Street verschwand.
Als die Luft rein war, schlich der Obdachlose hinüber zu dem Wagen und warf einen Blick hinein. Unter dem Beifahrersitz erkannte er einen Koffer. Hinter den Sitzen lag das unförmige Etwas auf dem Boden. Der Typ hatte eine schmutzige Decke darüber geworfen.
Es konnte nahezu alles sein: ein toter Mensch, ein totes Tier oder einfach nur ein Haufen Klamotten. Old Tremblehand zuckte mit den Schultern. Was ging es ihn an? Er war müde, verdammt müde.
Ein zufriedenes Grinsen breitete sich mit einem Mal auf seinem Gesicht aus. Die Fahrerkabine des Pick-up interessierte ihn nicht. Wohl aber die Ladefläche. Dort konnte man sich wunderbar ausstrecken und vor den Blicken der Vorbeigehenden verbergen. Ausschlafen, bevor der Rummel losging. Immer vorausgesetzt, der Typ kam nicht allzu früh zurück.
Umständlich kletterte der Obdachlose über die Ladeklappe, machte es sich gemütlich und verfiel fast augenblicklich in Tiefschlaf. An den Koffer und das unförmige Etwas verschwendete er keinen Gedanken mehr.
***
6:10 Uhr, Downtown Washington
Fiona Wakefield steckte den Schlüssel ins Schloss des Postboteneingangs, drehte ihn zweimal, öffnete die Tür und schaltete die Alarmanlage aus. Das musste schnell gehen, sonst gab es einen Heidenlärm, und der Sicherheitsdienst stand auf der Matte. Einmal war ihr das passiert, und es hatte endlos gedauert, bis alle Formalitäten wegen des falschen Alarms erledigt gewesen waren.
Die Postbotin seufzte. Sie mochte ihren Job, aber sie hasste es, am Wochenende zu arbeiten. An der zweiten Tür ließ sie ihre biometrischen Daten scannen, gab dem Automaten ihren Fingerabdruck und betrat endlich die Postzentrale.
Alle Briefe und Pakete waren schon nach Bestimmungsorten vorsortiert. Das meiste ging nach West Virginia. Die Kurierfahrerin verlud die größeren Sendungen in Kisten und die kleinen in eine Umhängetasche, die sie quer über der Schulter trug. Dann schleppte sie alles hinaus zu ihrem Ram ProMaster Cargo Van und verstaute es im Laderaum.
Die erste Tour startete immer so früh, später würde sie zurückkommen und weitere Eilpost abholen. An diesem Tag hatte sie jedoch noch einen Spezialauftrag zu erledigen.
»Nur ein kleiner Gefallen«, hatte Mr Right sie lächelnd gebeten und ihr die Autoschlüssel in die Hand gedrückt. Dann hatte er ihr genau erklärt, wohin sie den Wagen fahren und wie lange er dort parken sollte.
Die Kurierfahrerin startete ihren Transporter, schwenkte in den morgendlichen Verkehr ein, fuhr aber nur wenige Häuserblocks weiter in eine Tiefgarage. Dort ließ sie den Ram ProMaster stehen und fand den anderen Wagen, der ihrem Kurierfahrzeug täuschend ähnlich sah. Der Schlüssel von Mr Right passte. Fiona Wakefield ließ den Motor an und fuhr den Wagen zum vereinbarten Ort.
Einen Moment lang fragte sie sich, ob das alles seine Richtigkeit hatte. Vielleicht hatte Mr Right den Wagen gestohlen und wollte ihn deshalb über das Wochenende an einem sicheren Ort wissen?
Der Gedanke sollte sie eigentlich erschrecken, doch zu ihrer eigenen Verwunderung war das Gegenteil der Fall. Fiona Wakefield verspürte ein angenehmes Prickeln im Bauch. Ja, ihr Mr Right war ein verwegener Typ, ihm war alles zuzutrauen! Er brachte Farbe in ihren grauen Alltag.
Während sie das Garagentor verschloss und zu Fuß zu ihrem Kurierwagen in der Tiefgarage zurücklief, malte sie sich das nächste Treffen mit ihm aus. Was er alles mit ihr anstellen würde. Ganz sicher würde er ihr sein schönstes Lächeln schenken. Und nicht nur das.
***
6:15 Uhr, Hotel Blue Peafowl, Downtown Washington
Als die Tür des Hotelzimmers hinter ihrem Gatten ins Schloss fiel, öffnete Renee Sheppard die Augen. Vor einer halben Stunde hatte sein Wecker geklingelt, seither war auch sie wach. Aber sie hatte sich schlafend gestellt, um nicht mit ihm reden zu müssen. James war aufgestanden, hatte geduscht, sich rasiert, den guten Anzug übergestreift. Als er sie zum Abschied sanft auf die Stirn küsste, hätte sie sich beinahe verraten.
Renee seufzte. Ihr Mann war seit seiner Wahl zum Gouverneur von Kentucky so liebevoll zu ihr, wie zuvor lange nicht. Sie erlebten einen zweiten Honeymoon, und im Bett spielten sich Dinge ab, von denen Renee früher nicht einmal geträumt hatte. Sie sollte eigentlich seine glückliche First Lady sein. Stattdessen nagte der Kummer an ihr. Irgendetwas stimmte nicht mit James. Sie sah es an seiner gerunzelten Stirn, wenn er sich unbeobachtet fühlte. An den Sorgenfalten, die sich immer tiefer in sein Gesicht fraßen. Er nahm ab, aß nur noch das Nötigste.
Es kränkte Renee, dass James nicht mit ihr über seine Probleme sprach. Einmal hatte sie ihn direkt danach gefragt, aber er war ihr nur ausgewichen.
Was war los mit ihm? Was bedrückte den Gouverneur von Kentucky? Auch sein früher Aufbruch an diesem Morgen war rätselhaft. Im Hotel Blue Peafowl fand an diesem Wochenende das Herbstmeeting der NGA, der National Governors Association, statt. Sheppard war zum ersten Mal dabei. Einmal im Jahr trafen sich alle Gouverneure der fünfzig Bundesstaaten sowie der fünf US-Außengebiete, um wichtige überstaatliche Angelegenheiten zu besprechen. Die NGA war ein wichtiges Organ, wenn es darum ging, dem Präsidenten Empfehlungen und Anträge zu unterbreiten. Einstimmige Petitionen aller Gouverneure konnte selbst der Erste Mann im Staat nicht ignorieren.
James Sheppard war es gelungen, einen wichtigen Tagesordnungspunkt auf dem Meeting durchzusetzen, der ihm persönlich am Herzen lag: die Unabhängigkeitsbestrebungen von Untaba. Die kleine Karibikinsel, schon heute als Steuerparadies bekannt, wollte sich von der honduranischen Knechtschaft befreien, wie es Ricardo Castello, Großgrundbesitzer und selbst ernannter künftiger Staatschef, ausdrückte. Zu diesem Zweck hatte er eine Partei gegründet, die er CITU getauft hatte, Cooperatión Independiente Territorial Untaba.
Für eine glückende Unabhängigkeitserklärung war es allerdings unabdingbar, dass andere Staaten Untaba anerkannten. Am besten natürlich die USA.
Und das war der Haken bei der Sache, wie Renee Sheppard von ihrem Mann wusste. Honduras war einer der engsten lateinamerikanischen Verbündeten der USA, weshalb die US-amerikanische Regierung vor diktatorischen Tendenzen des Präsidenten Isidor Flores beide Augen verschloss. Eine offizielle Anerkennung des unabhängigen Untaba konnte das empfindliche Gleichgewicht nachhaltig stören.
Renee Sheppard verstand nicht viel von Politik. Das überließ sie lieber ihrem Mann, und sie beschränkte sich darauf, ihm den Rücken freizuhalten. James hatte die Untaba-Angelegenheit zu seiner eigenen gemacht. Weil er Ricardo Castello schätzte. Lagen darin seine Sorgen begründet?
Aber warum? Alles lief gut. Wenn sich die NGA mehrheitlich für die Anerkennung der Insel aussprach, musste der Präsident darauf reagieren....
| Erscheint lt. Verlag | 11.9.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton | Jerry Cotton |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • alfred-bekker • Bastei • Bestseller • Deutsch • e Book • eBook • E-Book • e books • eBooks • erste fälle • erste-fälle • Fall • gman • G-Man • Hamburg • Horst-Bosetzky • international • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Krimis • krimis&thriller • letzte fälle • martin-barkawitz • morland • nick-carter • Polizeiroman • Reihe • Roman-Heft • schwerste fälle • schwerste-fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • Spannungsroman • stefan-wollschläger • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • uksak • Urlaub • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-6500-9 / 3732565009 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-6500-9 / 9783732565009 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich