Die schönsten Liebesgeschichten (eBook)
426 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-75836-5 (ISBN)
Iwan Turgenjews Prosawerke gehören zusammen mit den Romanen Lew Tolstojs und Fjodor Dostojewskis zu den Höhepunkten des russischen Realismus im 19. Jahrhundert. Neben Lyrik, Dramen und seinem berühmten Roman Väter und Söhne hat Turgenjew zahlreiche Erzählungen verfasst. Seine melancholischen Liebesgeschichten nehmen dabei einen besonderen Rang ein. Dieser Band enthält die schönsten davon. Ausgangspunkt ist zumeist ein psychologisch besonderer Fall, oft mit geheimnisvoller Komponente - wofür in den Romanen des Zeitkritikers kaum Platz war.
<p>Iwan Turgenjew wurde am 9. November 1818 in Orel als Sohn eines russischen adligen Offiziers geboren. Er studierte in Moskau, Sankt Petersburg und Berlin Literatur. Er verliebte sich in die Opernsängerin Pauline Viardot und pflegte mit ihr und ihrem Mann über lange Zeit eine »ménage à trois«. Seit 1855 hielt er sich hauptsächlich in Deutschland und Frankreich auf. Er lernte Theodor Storm und Gustav Freytag kennen, traf auf George Sand und Émile Zola, und pflegte eine enge Freundschaft mit Gustave Flaubert. Er starb am 3. September 1883 in Bougival bei Paris. Turgenjew ist einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus des 19. Jahrhundert.</p>
Iwan Turgenjew wurde am 9. November 1818 in Orel als Sohn eines russischen adligen Offiziers geboren. Er studierte in Moskau, Sankt Petersburg und Berlin Literatur. Er verliebte sich in die Opernsängerin Pauline Viardot und pflegte mit ihr und ihrem Mann über lange Zeit eine »ménage à trois«. Seit 1855 hielt er sich hauptsächlich in Deutschland und Frankreich auf. Er lernte Theodor Storm und Gustav Freytag kennen, traf auf George Sand und Émile Zola, und pflegte eine enge Freundschaft mit Gustave Flaubert. Er starb am 3. September 1883 in Bougival bei Paris. Turgenjew ist einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus des 19. Jahrhundert.
Der Kreisarzt
Einmal erkältete ich mich im Herbst auf der Rückfahrt aus einem sehr abgelegenen Jagdgebiet und wurde krank. Ich kann noch von Glück sprechen, daß mich das Fieber in der Kreisstadt packte, im Gasthof; ich schickte nach dem Doktor. Eine halbe Stunde später erschien der Kreisarzt, ein kleiner Mann, schwarzhaarig und hager. Er verschrieb mir das übliche schweißtreibende Mittel, hieß mich ein Senfpflaster auflegen und ließ sehr geschickt meinen Fünfrubelschein in seinem Ärmelaufschlag verschwinden, wobei er jedoch trocken hüstelte und beiseite blickte. Er wollte sich gerade auf den Heimweg machen, da kam er, ich weiß nicht wie, mit mir ins Gespräch und blieb. Mich plagte das Fieber; ich sah eine schlaflose Nacht voraus und war froh, mit dem guten Mann ein wenig plaudern zu können. Ich ließ Tee bringen, und mein Doktor kam ins Erzählen. Er war kein dummer Mensch und drückte sich gewandt und recht launig aus. Sonderbar geht es in der Welt zu: Mit manchem Menschen lebt man lange zusammen, man steht mit ihm in freundschaftlichen Beziehungen, spricht aber nie frei und offenherzig mit ihm; mit einem andern aber ist man kaum bekannt geworden — und sieh da, schon hast du ihm oder hat er dir, wie bei der Beichte, die tiefsten Geheimnisse ausgeplaudert. Ich weiß nicht, womit ich mir das Vertrauen meines neuen Freundes verdient hatte, jedenfalls erzählte er mir ohne besondere Veranlassung und ohne selbst recht zu wissen, wie er dazu kam, ein ziemlich merkwürdiges Erlebnis. Ich will seine Erzählung nunmehr dem geneigten Leser wiedergeben. Ich werde mich dabei bemühen, mich mit den Worten des Arztes auszudrücken.
»Sie kennen wohl nicht zufällig«, begann er mit leiser und zitternder Stimme — die Wirkung von unvermischtem Berjosower Tabak —, »Sie kennen wohl nicht zufällig den hiesigen Richter, Mylow, Pawel Lukitsch? — Sie kennen ihn nicht. Nun, das macht nichts.« Er räusperte sich und rieb sich die Augen. »Also, sehen Sie, die Sache trug sich — was soll ich Ihnen sagen, ich will nicht lügen — zu den großen Fasten zu, mitten im schlimmsten Tauwetter. Ich sitze so bei ihm, bei unserem Richter, und spiele Preference. Unser Richter ist ein braver Mann und ein leidenschaftlicher Preferencespieler. Plötzlich« — mein Arzt gebrauchte sehr oft das Wort »plötzlich« — »wird mir gesagt: ›Ein Mann fragt nach Ihnen.‹ Ich sage: ›Was will er denn?‹ — ›Er bringt einen Brief‹, sagt man, ›wahrscheinlich von einem Kranken.‹ — ›Gib den Brief her‹, sage ich. Und so war es auch, er war von einem Kranken. Na schön. Sie verstehen, das ist unser Brot. Es handelte sich um folgendes: Eine Gutsbesitzerin, eine Witwe, schrieb mir, ihre Tochter liege im Sterben. ›Kommen Sie‹, schrieb sie, ›um unseres Herrgotts willen; die Pferde‹, schrieb sie, ›sind schon nach Ihnen geschickt.‹ Nun, das ist alles noch nichts Besonderes. Aber sie wohnte zwanzig Werst weit von der Stadt weg, draußen war es Nacht, und die Wege waren einfach fürchterlich! Und sie selber war arm, mehr als zwei Silberrubel hatte ich nicht zu erwarten, und auch das war noch zweifelhaft, vielleicht mußte ich mich mit Leinwand oder irgendwelchen Kleinigkeiten begnügen. Aber die Pflicht geht allem andern vor, Sie verstehen: Es lag ein Mensch im Sterben. Ich übergebe also plötzlich meine Karten dem ständigen Ratsmitglied Kalliopin und mache mich auf den Heimweg. Vor der Freitreppe sehe ich schon einen klapprigen Wagen stehen, Bauernpferde davor, dickbäuchig, sehr dickbäuchig, mit wolligem Haar, richtigem Filz, und der Kutscher sitzt da und hat aus Respekt die Mütze abgenommen. Na, denke ich, man sieht, Bruder, deine Herrschaft ißt nicht von goldenen Tellern. Sie lachen, aber ich sage Ihnen: Ein armer Teufel wie unsereiner muß alles in Betracht ziehen … Wenn der Kutscher wie ein Fürst dasitzt, statt untertänig nach der Mütze zu greifen, spöttisch unter seinem Bart hervorlächelt und mit der Peitsche spielt — dann kann man schon mit zwei Banknoten rechnen! Aber hier, das merkte ich gleich, sah es nicht danach aus. Aber, denke ich, das ist nicht zu ändern, die Pflicht geht allem vor. Ich packe die nötigsten Arzneien zusammen und fahre los. Ob Sie es glauben — nur mit Müh und Not kam ich bis hin. Der Weg war höllisch: Bäche, Schnee, Dreck, tiefe Pfützen, an einer Stelle war plötzlich ein Damm gebrochen — es war fürchterlich! Aber endlich bin ich da. Das Haus ist klein, mit Stroh gedeckt. Die Fenster sind erleuchtet, man wartet also schon. Eine alte Frau, sehr ehrwürdig, eine Haube auf dem Kopf, kommt mir entgegen.
›Retten Sie sie‹, sagt sie, ›sie stirbt!‹
Ich sage:
›Ängstigen Sie sich nicht. Wo ist die Kranke?‹
›Bemühen Sie sich, bitte, hier herein.‹
Ich sehe mich um: ein sehr sauberes Stübchen, in der Ecke die Ewige Lampe, im Bett ein Mädchen von vielleicht zwanzig Jahren, bewußtlos. Hitze strahlt von ihr aus, sie atmet schwer — sie hat hohes Fieber. Noch zwei andere Mädchen sind da, ihre Schwestern, ganz verstört und in Tränen.
›Gestern war sie noch vollkommen gesund‹, sagen sie, ›und aß mit Appetit; heute morgen klagte sie über Kopfschmerzen, und gegen Abend war sie plötzlich in diesem Zustand.‹
Ich sage wiederum: ›Ängstigen Sie sich nicht!‹ — Sie wissen, das ist die Pflicht des Arztes — und gehe ans Werk. Ich ließ sie zur Ader, verordnete Senfpflaster und verschrieb eine Mixtur. Unterdessen blickte ich sie an … Ich blickte sie an, wissen Sie, nun, bei Gott, ein solches Gesicht hatte ich noch nie gesehen … Mit einem Wort, eine Schönheit! Mitleid überkam mich. Diese angenehmen Züge, diese Augen … Nun, Gott sei Dank, sie wurde ruhiger; der Schweiß brach aus, sie schien wieder zur Besinnung zu kommen. Sie blickte um sich, lächelte, strich sich mit der Hand übers Gesicht. Die Schwestern beugten sich über sie und fragten:
›Wie geht dir's?‹
›Ganz gut‹, sagte sie und wandte sich ab.
Ich sah, sie war eingeschlafen.
›Nun‹, sagte ich, ›jetzt müssen wir die Kranke in Ruhe lassen.‹
Und so gingen wir alle auf Zehenspitzen hinaus; nur das Stubenmädchen blieb für alle Fälle zurück. Im Salon stand schon der Samowar auf dem Tisch, und auch Jamaikarum stand da; in unserem Beruf kommt man ohne das nicht aus. Man schenkte mir Tee ein und bat mich, über Nacht zu bleiben. Ich war einverstanden — wohin sollte ich jetzt auch fahren! Die alte Frau stöhnte in einem fort.
›Was haben Sie‹, sagte ich, ›sie wird wieder gesund, ängstigen Sie sich nicht, ruhen Sie sich lieber selbst mal aus, es geht auf zwei Uhr.‹
›Aber Sie lassen mich wecken, wenn etwas vorfallen sollte?‹
›Gewiß, gewiß.‹
Die Alte ging, und auch die Mädchen begaben sich in ihr Zimmer. Für mich war im Salon ein Bett aufgeschlagen worden. Und so legte ich mich nieder. Aber ich fand keinen Schlaf. Was war das nur! Ich hatte mich doch wirklich zur Genüge abgeplagt. Die ganze Zeit über ging mir meine Kranke nicht aus dem Kopf. Endlich hielt ich es nicht mehr aus und stand plötzlich auf. Ich will mal gehen, dachte ich, und sehen, was mein Patient macht. Ihr Schlafzimmer lag nämlich neben dem Salon. Ich stand also auf und öffnete leise die Tür. Das Herz klopfte mir nur so. Ich sehe: Das Stubenmädchen schläft, hat den Mund weit offen und schnarcht auch noch, der Trampel! Die Kranke aber liegt mit dem Gesicht zu mir und hat die Arme weit von sich gestreckt, das arme Ding! Ich trete näher … Da schlägt sie plötzlich die Augen auf und starrt mich an!
›Wer ist das? Wer ist das?‹
Ich gerate in Verwirrung.
›Erschrecken sie nicht, gnädiges Fräulein‹, sage ich, ›ich bin der Doktor, ich komme nur, um nachzusehen, wie es Ihnen geht.‹
›Sie sind der Doktor?‹
›Ja, der Doktor, der Doktor. Ihre Frau Mutter hat nach mir in die Stadt geschickt. Wir haben Sie zur Ader gelassen, gnädiges Fräulein. Jetzt belieben Sie zu ruhen, und so nach zwei Tagen etwa werden wir Sie mit Gottes Hilfe wieder auf die Beine stellen.‹
›Ach, ja, ja, Doktor, lassen Sie mich nicht sterben — bitte!‹
›Was sagen Sie da, Gott sei mit Ihnen!‹
Sie hat wieder Fieber, denke ich bei mir. Ich fühle ihr den Puls — richtig, Fieber. Sie sieht mich an, und plötzlich nimmt sie meine Hand.
›Ich will Ihnen sagen, warum ich nicht sterben möchte, ich will es...
| Erscheint lt. Verlag | 15.8.2018 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 50plus • Anthologie • Auswahl • Best Ager • Blütenlese • Generation Gold • Golden Ager • insel taschenbuch 4658 • IT 4658 • IT4658 • Klassiker • Kunst • Liebe • Osteuropa • Rentner • Rentnerdasein • Ruhestand • Sammlung • Senioren • Zusammenstellung |
| ISBN-10 | 3-458-75836-4 / 3458758364 |
| ISBN-13 | 978-3-458-75836-5 / 9783458758365 |
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