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Engel im Schacht (eBook)

Kriminalroman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2018 | 1., Auflage
480 Seiten
Piper ebooks (Verlag)
978-3-492-98378-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Engel im Schacht - Sara Paretsky
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In ihrem achten Vic Warshawski-Roman nimmt Sara Paretsky ein brandheißes Thema auf: Gewalt gegen Frauen und Kinder Was zuviel ist, ist zuviel: Privatdetektivin Vic Warshawski findet zunächst im Keller eine verwahrloste Frau mit ihren drei Kindern, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen ist. Sie versucht ihnen zu helfen, doch Vics Aktivitäten stoßen auf unerwarteten Widerstand. Aber die zähe, trotzige und unbestechliche Detektivin lässt sich weder von Kugeln noch Schlägertrupps abhalten, die Drahtzieher hinter Korruption, Geldwäsche, krummen Exportgeschäften und Mord zu suchen und zu überführen...  

Sara Paretsky, 1947 in Kansas geboren, gehört zu den Mitbegründerinnen der amerikanischen »Sisters of Crime« und ist eine der renommiertesten Kriminalschriftstellerinnen weltweit. Sie wählte die Stadt zu ihrem Wohnort, die bis heute eine Hauptrolle in ihren Romanen spielt: Chicago. Dort lebt auch ihre berühmte Heldin Vic Warshawski.

Sara Paretsky, 1947 in Kansas geboren, gehört zu den Mitbegründerinnen der amerikanischen "Sisters of Crime" und ist eine der renommiertesten Kriminalschriftstellerinnen weltweit. Sie wählte die Stadt zu ihrem Wohnort, die bis heute eine Hauptrolle in ihren Romanen spielt: Chicago. Dort lebt auch ihre berühmte Heldin Vic Warshawski.

Stromausfall


Als der Strom ausfiel, beendete ich gerade einen zehnseitigen Bericht. Es wurde dunkel in meinem Büro; der Computer gab ächzend seinen Geist auf. Hilflos mußte ich mit ansehen, wie aus meinem Text Schemen wurden, die noch kurz auf dem Bildschirm schimmerten, bevor sie verschwanden wie die Grinskatze aus Alice im Wunderland.

Ich verfluchte mich selbst und die Hauseigentümer. Wenn ich der alten Olivetti meiner Mutter die Treue gehalten hätte, statt mich zu computerisieren, hätte ich meine Arbeit bei Kerzenlicht fertigstellen und nach Hause gehen können. Und wenn die Brüder Culpepper das Pulteney-Gebäude nicht so hätten verkommen lassen, wäre der Strom nicht ausgefallen.

Ich hatte mein Büro seit zehn Jahren in dem Haus, also schon so lange, daß mir seine zahllosen Mängel nicht mehr auffielen. Jahrzehntealter Ruß verdeckte die Basreliefs auf den Messingtüren und füllte die ausgeschlagenen Ecken des Marmorbodens im Foyer; in den Friesen der oberen Stockwerke fehlten große Gipsstücke; drei Damentoiletten, die öfter verstopft waren als funktionierten, mußten für das ganze Gebäude genügen. Und die Innenverkleidung des Aufzugs konnte ich im Traum nachzeichnen, so oft war ich schon steckengeblieben.

Lediglich die niedrige Miete im Pulteney machte diese Zustände erträglich. Eigentlich hätte ich schon längst merken müssen, daß die Culpeppers nur warteten, bis die Loop-Sanierung auch unseren südlichen Stadtteil erfaßte, und das Gebäude kaputt mehr wert war als intakt. Unser allherbstliches Feilschen, aus dem ich triumphierend ohne Mieterhöhung hervorging und das die Brüder ohne die Verpflichtung, neue Rohre oder Leitungen zu verlegen, hinter sich brachten, hätte eine Detektivin wie mich, die sich auf Betrügereien, Brandstiftung und Wirtschaftsverbrechen spezialisiert hatte, hellhörig werden lassen müssen. Doch wie bei vielen meiner Klienten war auch für mich die Sorge darüber, daß Geld in die Kasse floß, größer als der Drang, die Zusammenhänge zu erforschen.

Das Gebäude stand bereits zu einem Drittel leer, als die Culpeppers zum neuen Jahr die Kündigung aussprachen. Sie versuchten uns restliche Mieter zuerst zu bestechen, dann mit Gewalt zum Verlassen des Hauses zu bewegen. Manche taten ihnen den Gefallen, aber Leute, die sich im Pulteney einmieteten, konnten sich nicht so ohne weiteres Räume anderswo leisten. Es waren harte Zeiten, und die, die sich früher gerade noch am Rand der Gesellschaft gehalten hatten, landeten jetzt schon auf der Straße. Als allein agierende Privatdetektivin machte mir die gegenwärtige Situation genauso zu schaffen wie allen anderen. Zusammen mit einem Hutmacher, einem Händler für orientalische Gesundheits- und Schönheitsmittelchen, einem Mann, der sein Geld wahrscheinlich als Buchmacher verdiente, einer Adressenhandelsfirma und noch ein paar anderen saß ich es bis zum bitteren Ende aus.

Ich nahm also meine Taschenlampe und bewegte mich ziemlich schnell, da geübt, durch den dunklen Flur zur Treppe. Der Bericht, an dem ich gerade gearbeitet hatte, mußte um acht Uhr am nächsten Morgen bei Darraugh Graham sein. Wenn ich das schadhafte Kabel oder die durchgebrannte Sicherung schnell genug fand, konnte ich die fehlenden Daten aus meinem Computer abfragen und so die wesentlichen Informationen rekonstruieren. Wenn nicht, mußte ich mit der Olivetti noch einmal von vorn anfangen.

Ich sperrte die Tür zum Treppenhaus auf, verschloß sie aber nicht wieder, damit ich problemlos zurückkonnte. Nachdem Tom Czarnik gekündigt hatte, hatte ich an den Türen Schlösser angebracht, die sich alle mit demselben Schlüssel öffnen ließen. Czarnik, der Hausmeister – der angebliche Hausmeister –, hatte in den letzten beiden Jahren nichts anderes getan, als die Mieter zu nerven, so daß sein Weggang kein großer Verlust war. Erst vor kurzem war mir aufgegangen, daß die Culpeppers ihn wahrscheinlich dafür bezahlt hatten, den Verfall des Pulteney Building zu beschleunigen. Die Brüder taten jedenfalls alles, um unser kleines Häuflein von Aufrechten noch vor dem Kündigungstermin loszuwerden. Sie gaben nicht einmal mehr vor, irgend etwas für die Wartung des Hauses zu tun. Als erstes hatten sie versucht, die Energieversorgung zu kappen; eine gerichtliche Verfügung sicherte uns wenigstens Elektrizität und Wasser. Jetzt standen ihre Nachlässigkeit und ihre Sabotageversuche unserer Gewitztheit gegenüber – oder besser gesagt, meiner. Zwar hatten die anderen Mieter den Eilantrag zum Wiederanschluß an das Stromnetz unterzeichnet, aber keiner von ihnen kam jemals mit mir nach unten, um sich mit Kabeln und Rohren zu beschäftigen.

An jenem Tag stellte ich mir durch meinen Übermut selbst ein Bein. Ich kannte die Kellertreppe so gut, daß ich die Stufen vor mir nicht mit der Taschenlampe ausleuchtete. Also stolperte ich über ein loses Stück Gips. Als ich mit den Armen ruderte, um das Gleichgewicht wiederzugewinnen, ließ ich die Taschenlampe fallen. Ich hörte das Glas splittern, als sie die Stufen hinunterpolterte.

Ich atmete tief durch. Lohnte es sich wirklich, sich jetzt noch Gedanken über Darraugh Grahams Zorn zu machen? War es nicht sinnvoller, nach Hause zu gehen und sich am nächsten Morgen mit einer neuen Taschenlampe den Drähten und Kabeln zu widmen? Außerdem wollte ich noch zu einer Sitzung des Frauenhausstiftungsbeirats, in dem ich Mitglied bin.

Das Problem war nur, daß Darraughs Honorar direkt in meine Kasse für ein neues Büro floß. Wenn ich nicht pünktlich ablieferte, hatte er keinerlei Grund, sich wieder an mich zu wenden – er arbeitete mit einer ganzen Anzahl von Detekteien zusammen, die meisten davon zwanzigmal so groß wie die meine.

Also bewegte ich mich wie ein Krebs nach unten. Ich hatte eine Arbeitslampe und einen Werkzeugkasten gleich neben dem Sicherungskasten am anderen Ende der Wand. Wenn ich den erreichte, ohne mir den Hals zu brechen, war alles in Ordnung. Doch meine eigentliche Angst galt den Ratten: Sie wußten, daß der Keller ihnen gehörte. Wenn ich sie mit der Lampe anleuchtete, verschwanden sie gemächlich aus dem Lichtkreis und wackelten dreist mit dem Schwanz, hörten aber deswegen noch lange nicht auf herumzuscharren, während ich arbeitete.

Ich tastete im Dunkeln herum und versuchte, nicht hinter jedem herunterhängenden Draht Schnurrhaare zu vermuten, als ich merkte, daß das Geräusch, das ich hörte, von einem Menschen stammte, nicht von einem Nager. Ich bekam eine Gänsehaut. Hatten die Culpeppers Schläger angeheuert, um mir einen Schreck einzujagen? Oder waren das Diebe, die glaubten, das Gebäude stehe leer, und die Kupferdrähte und andere halbwegs interessante Sachen von den Wänden entfernen wollten?

Ich kniete vorsichtig im Dunkeln nieder und bewegte mich langsam nach rechts, wo ich hinter einer Kiste mit Holzresten in Deckung gehen konnte. Ich spitzte die Ohren. Es befand sich mehr als nur ein Mensch im Keller. Einer davon klang, als stehe er kurz vor einem Asthmaanfall. Sie hatten genausoviel Angst wie ich. Aber das munterte mich auch nicht auf, denn ein verschreckter Einbrecher wird eher gewalttätig als einer, der glaubt, die Situation im Griff zu haben.

Ich bewegte mich noch weiter nach rechts, wo vielleicht ein paar alte Rohre lagen, die mir als Waffe dienen konnten. Einer der Eindringlinge wimmerte und wurde sofort zum Schweigen gebracht. Das Geräusch erschreckte mich so, daß ich gegen einen Stapel Rohre stieß; sie fielen klappernd herunter. Aber das war egal – das Wimmern stammte von einem kleinen Kind. Ich arbeitete mich zu meiner Lampe zurück, fand den Stecker und schaltete die Lampe an.

Auch nachdem sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten, dauerte es noch eine Weile, bis ich die Quelle des Geräuschs ortete. Ich stocherte vorsichtig zwischen Kisten und alten Büromöbeln herum. Ich schaute in den Aufzugschacht und unter die Treppe. Fast dachte ich schon, mir alles nur eingebildet zu haben, als ich das Wimmern wieder hörte.

Eine Frau kauerte hinter dem Boiler, neben ihr drei Kinder. Das kleinste davon zitterte stumm, das Gesicht gegen das Bein seiner Mutter gepreßt. Nur hin und wieder gab es ein quäkendes Geräusch von sich. Das größte, das mit Sicherheit nicht älter als neun oder zehn war, hustete asthmatisch, hemmungslos jetzt, wo sich ihre schlimmste Furcht bewahrheitet hatte: von jemandem entdeckt zu werden.

Wenn ich nicht das asthmatische Husten und das Wimmern gehört hätte, wäre ich in dem trüben Licht wahrscheinlich noch ein paarmal an ihnen vorbeigegangen, ohne sie zu bemerken.

Sie trugen mehrere Schichten von Pullovern und Jacken über ihren ausgemergelten Körpern, die sie wie Vogelscheuchen aussehen ließen.

»Die feuchte Luft hier unten ist sicher nicht gut für Ihren Sohn.« Die Bemerkung war ziemlich unpassend, das merkte ich selbst.

Die Frau starrte mich düster an. In dem trüben Licht konnte ich nicht beurteilen, was stärker war – Wut oder Furcht.

»Ist kein Junge«, sagte das mittlere Kind so leise, daß ich es kaum verstand. »Ist Jessie. Ist ein Mädchen. Ich bin der einzige Junge.«

»Tja, vielleicht sollten wir Jessie nach oben bringen, wo sie frische Luft kriegt. Wie heißt du denn, Kleiner?«

»Red nicht mit ihr. Hab’ ich euch nicht gesagt, ihr sollt mit niemandem reden, bevor ich euch das nicht ausdrücklich sage?« Die Frau packte den Jungen an den Schultern und schüttelte ihn. Er sank mit einem halbherzigen Jammern gegen ihren Körper.

Die Schatten des Boilers ließen ihr Gesicht und ihre Haare grau erscheinen. Sie war höchstens dreißig, aber wenn ich ihr auf der Straße ohne ihre Kinder begegnet wäre, hätte ich sie wahrscheinlich für siebzig gehalten.

»Wie lange leben Sie schon hier unten?«

Sie starrte mich an, antwortete aber nicht....

Erscheint lt. Verlag 1.8.2018
Reihe/Serie V.I. Warshawski
V.I. Warshawski
V.I. Warshawski
Übersetzer Sonja Hauser
Verlagsort München
Sprache deutsch
Original-Titel Tunnel Vision
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Amerikanische Literatur • Bücher • Chicago • Hard Boiled • Kathleen Turner • Korruption • Krimi • Kriminalroman Frauen • Kritische Masse • Privatdetektivin • Sam Spade • spannend • starke Ermittlerin • verfilmt • Victoria Inphigenia Warshawski
ISBN-10 3-492-98378-2 / 3492983782
ISBN-13 978-3-492-98378-5 / 9783492983785
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