Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de
Die Schatten der Toten -  Norbert Zagler

Die Schatten der Toten (eBook)

eBook Download: EPUB
2018 | 1. Auflage
316 Seiten
Morawa Lesezirkel (Verlag)
978-3-99070-655-8 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
2,99 inkl. MwSt
(CHF 2,90)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf im südlichen Niederösterreich. Zwei nicht mehr ganz junge Menschen lernen sich kennen, als Paul Gregor ein altes, einsames Haus oberhalb eines Weinberges kauft. Hier will er seinen Lebensabend verbringen. Die Besitzerin der Rieden, Eva Moser, hat es nicht leicht gehabt, dasselbe gilt auch für Paul. Er stößt im Haus auf Spuren einer dunklen Vergangenheit. Das Haus wurde während der Nazi Zeit von der SS als Jagdhaus genutzt. Im Dorf gilt es als verflucht und auch als Versteck eines Schatzes, der aus dem Goldzug* stammt. Mit diesem Transport haben ungarische Faschisten geraubtes jüdisches Vermögen 1945 nach Westen geschafft. Die Gier nach Gold endet nie und Pauls Leben ist gefährdet. *Der Goldzug, Sabine Stehrer, Czernin Verlag

Hier endete die Aufzeichnung in diesem Heft. Paul nahm ein weiteres zur Hand. Die zeitliche Zuordnung war nicht einfach. Manche Eintragungen waren mit Tag und Monat versehen, aber nicht alle, Jahreszahlen fehlten überhaupt. Zwei, drei Hefte reflektierten die Nöte und Sorgen einer Schülerin. Da musste Solveigh schon in einer höheren Schule gewesen sein. Die Schrift war deutlich gereift. Einige Stichworte fielen ihm auf. Einmal beklagte sich Solveigh, dass sie nur zwei Mark Taschengeld erhalte. Zu diesem Zeitpunkt musste sie also in Deutschland gelebt haben.

Paul hörte das Zwölf-Uhr-Läuten von der Dorfkirche. Der richtige Zeitpunkt, um Augen und Hirn ruhen zu lassen. Eine Portion Röstgemüse mit zwei Erdäpfeln und ein kleines Bier bescherten ihm eine erholsame Siesta. So einfach konnte das Leben sein.

Als er gegen zwei Uhr erwachte, blieb er in seinem Ohrensessel sitzen und dachte über das Gelesene nach. Die angenehme Trägheit des Nachmittags kämpfte in ihm gegen die Mühe, die die weitere Sichtung der Aufzeichnungen erforderte. So tief in das Leben eines fremden Menschen einzudringen, ein voyeuristischer Aspekt wie das Betasten der Unterwäsche. Aber das hatte er nicht aus sexuellem Antrieb getan. Die Alternative wäre, den Karton mit den Heften wieder auf dem Dachboden zu lagern. Was ging ihn das an? Tempi passati! Aber es musste sein! Ganz einfach deshalb, weil er, Paul, jetzt in diesem Haus lebte, mit Gerüchten konfrontiert war, die ihn nicht für immer verfolgen sollten.

Er setzte sich an den Tisch und begann erneut mit der Sichtung. Die Reihung nach einem Zeitschema schien ihm wichtig. Er machte Leseproben, schlichtete die Hefte nach seiner Einschätzung. Auch Worte wie Primaner, Tertia oder Darstellende Geometrie halfen bei der Einordnung. Die Schilderung eines Schulausfluges zu Hermanns Denkmal ließ darauf schließen, dass Solveigh mit ihrem Vater in Detmold gelebt hatte. Als Paul glaubte, die Hefte halbwegs geordnet zu haben, begann er sie genauer zu lesen. Außer über die Schule schrieb Solveigh dann oft über ihren Vater und einen gewissen Peter. Sie hatte sich in einen Mitschüler verliebt, aber der Vater hielt sie streng, überwachte sie und verbot ihr jeden Umgang mit einem Burschen. Sie beklagte sich und erhob auch Vorwürfe gegen ihn. Eine Passage war besonders aufschlussreich.

Wieso hat Vater meiner Mutter nicht geholfen, als sie ins Gefängnis gebracht wurde? Er hatte doch eine hohe Position in der Verwaltung, und die norwegischen Beamten mussten den Befehlen der Deutschen gehorchen. Er hätte etwas machen können! Oder wollte er gar nicht helfen? Wenn ich ihn frage, weicht er aus. Erzählt dann über die schönen Tage in Oslo, wo ich auf die Welt gekommen bin. Und wie gut es Mutti bei ihm gehabt hat. Gestern war er betrunken. Da habe ich wieder gefragt. Er murmelte etwas von Untreue und Verrat. Ich habe keine Ruhe gegeben, da ist er wütend geworden und hat mich geschlagen. Dann tat es ihm leid. Ich musste mich zu ihm setzen und er hat mich gestreichelt. Hat gesagt, dass ich Mutti immer mehr ähnlich sehe, je älter ich werde. Er hat mich ganz fest an sich gepresst. Das war mir nicht angenehm. Ich bin dann schnell aufgesprungen und in mein Zimmer gelaufen.

Es folgten noch drei Zeilen, die aber unleserlich gemacht worden waren. Paul schätzte, dass Solveigh zu diesem Zeitpunkt verständig genug war, um sich für die politische Tätigkeit ihres Vaters in Norwegen zu interessieren, besonders im Zusammenhang mit ihrer Mutter.

Eine weitere Eintragung, die sich mit dem Vater beschäftigt:

Ich hasse ihn! Wenn er getrunken hat, will er, dass ich ihn küsse. Er hält mich fest und greift mir auf den Busen. Zum Glück ist er da so besoffen, dass ich ihn leicht abwehren kann. An solchen Abenden schiebe ich die Kommode vor die Tür. Ich habe Angst vor ihm, aber ich habe niemanden, dem ich es erzählen kann. Und glauben würde mir auch niemand! Mein Vater ist jetzt Richter am Kreisgericht in Detmold. Alle haben Respekt vor ihm und ziehen den Hut, wenn wir am Sonntag in die Kirche gehen. Wenn die Leute wüssten, wie er sich zu Hause aufführt!

Paul war bestürzt. Die pubertierende Tochter, ohne Mutter einem tyrannischen Vater ausgeliefert. Er hatte auch genug gelesen über hohe Funktionäre der NS-Justiz, die nach dem Krieg wieder in Amt und Würden eingesetzt wurden. Zum Beispiel über einen Marinerichter in Flensburg, der letzten Enklave des Nazi-Staates unter britischer Aufsicht. Der hatte noch ein Todesurteil über einen Marinesoldaten wegen eines Vergehens beim Wachdienst gefällt und es vollstrecken lassen, als zu diesem Zeitpunkt Deutschland längst kapituliert hatte. Die Briten hatten das Urteil zugelassen. Unverständlich! Paul hatte einen Film über diese Geschichte gesehen, der ihn sehr erschüttert hatte. Später hatte der gnadenlose Nazi in der Republik wieder als Richter Recht sprechen dürfen. Justitia war mehr als blind! An ähnliche Vorgänge in Österreich wollte Paul jetzt gar nicht denken. Auch da waren viele alte Nazis nach dem Krieg zu Ehren gekommen.

Solveighs Schicksal beschäftigte ihn mehr. Vielleicht tangierte ihn das so sehr, weil er keine Kinder hatte. Auch das, ein Zufall! Da war wieder so ein Moment, wo ihn eine Verstimmung überfiel. Die Bilder holten ihn wieder ein. Wäre alles anders gekommen, wenn er und seine Frau ein Kind gezeugt hätten oder zwei oder drei? Paul holte sich ein Glas Wein und ließ sich im Ohrensessel nieder. Er startete eine CD und lauschte der Musik von Respighi, die ihn in manchen Passagen an Mussorgsky oder Rimsky-Korsakov erinnerte. Waren sie Zeitgenossen gewesen? Zumindest einer von beiden. Er würde das googeln. Es ließ sich jetzt alles googeln. Er besaß verschiedene Lexika, aber die hatte er seit Monaten nicht mehr in der Hand gehabt. Nur die Zukunft stand nicht im Netz. Die musste ein jeder selber über sich ergehen lassen. So wie ihm dieses Haus zugefallen war. Eine Umleitung nach einem Verkehrsunfall, die auch sein Leben umgeleitet hatte. Paul trank und dachte, der Unfall hat vielleicht auch einen anderen Menschen umgeleitet, ins Spital, in den Tod. Um diesen zu nichts führenden und sinnlosen Überlegungen zu entkommen, trank er weiter. Irgendwann schlief er ein.

Gegen Mitternacht erwachte Paul. Benommen und mit Kreuzschmerzen, wie immer nach so einem Schlaf im Sitzen. Mühsam raffte er sich auf. Zähneputzen und ab ins Bett, befahl er sich selbst. Aber gleich konnte er nicht einschlafen. Er überlegte, wie er zu weiteren Informationen kommen könnte. Großvater und Enkelin mussten doch Kontakte im Dorf gehabt haben. Mussten sie? Eine provinzielle Vorstellung. Es konnte auch ganz anders gewesen sein: Der Großvater besorgte die Einkäufe irgendwo und die Enkelin sperrte er im Haus ein. Hat es alles schon gegeben! Paul würde morgen nachforschen. Drei Menschen aus dem Dorf kannte er. Mit denen musste er reden.

Sonne, glitzernder Schnee. Ein herrlicher Anblick. Schnell erledigte Paul die morgendlichen Verrichtungen. Heute wollte er das Auto benützen. Als er aus der Garage herausgefahren war, überlegte er kurz, ob er das Tor offen lassen sollte. Das schien ihm aber doch zu leichtsinnig. Er stieg aus und schloss es. Man kann ja nie wissen, dachte er. Die Störungen der letzten Tage änderten sein Verhalten.

Mit Allrad und neuen Winterreifen stellte die Fahrt hinunter kein Problem dar. Er parkte am Hauptplatz und erledigte zuerst seinen Einkauf. Dann ging er ins Wirtshaus. Der alte Mann stand wirklich am selben Platz wie neulich an der Theke.

Paul stellte sich daneben hin, grüßte und orderte einen verlängerten Braunen.

„Wie geht es Ihnen am Berg? Sind Sie noch nicht eingeschneit?“

„Kein Problem, ich muss erstens nicht jeden Tag raus, und der Kreutbauer fährt ja mit dem Schneepflug bis hinauf.“

„Also alles bestens.“

„Herr…“, Paul tat so, als wüsste er den Namen nicht.

„Triebl, haben wir uns noch gar nicht vorgestellt?“

„Nein, aber meinen Namen wissen Sie eh. Ich wollte Sie was fragen. Sie haben letztes Mal die Deutschen erwähnt, wissen Sie mehr über die Leute?“

„Na ja, nicht viel, man hat halt so geredet.“

„Das waren ja Großvater und Enkelin.“

„Stimmt, er war weit über sechzig und sie sehr jung.“ Triebl zögerte. „Irgendwie ein seltsames Paar. Oft hat man die zwei nicht gesehen. Aber wenn sie einmal im Dorf waren, hätte man glauben können, der Großvater würde sie am liebsten an einen Strick hängen und wie ein Kalb hinter sich herziehen.“

„Seltsame Leute. Aber solche Verhältnisse soll es geben. Und noch viel Ärgere.“ Paul hatte das Gefühl, der Triebl sei heute gesprächiger. „Aber es gehören halt immer zwei dazu, meinen Sie nicht?“

„Da haben Sie Recht. Wenn sie es sich hat gefallen lassen…“

„Die Junge hat schon immer ganz verschreckt dreingeschaut.“

„Der Großvater kann kein guter...

Erscheint lt. Verlag 25.4.2018
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror
ISBN-10 3-99070-655-1 / 3990706551
ISBN-13 978-3-99070-655-8 / 9783990706558
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Ohne DRM)
Größe: 705 KB

Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopier­schutz. Eine Weiter­gabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persön­lichen Nutzung erwerben.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich