Tanz in die Liebe (eBook)
188 Seiten
Uksak E-Books (Verlag)
978-3-7389-2097-0 (ISBN)
3. Kapitel
Der Reifendruck wurde immer schwächer. Da Sandra aber die Tanzschule schon fast erreicht hatte, schob sie das Fahrrad die letzten Meter bis in den Hof. Erst dort holte sie die Luftpumpe aus ihrem Rucksack und pumpte. Vergeblich, die Luft entwich sofort. „So ein Mist“, fluchte sie und drehte das Rad, um das Loch zu finden. Tatsächlich, da steckte in der Nähe des Ventils ein Glassplitter im Mantel. Sandra schaute auf die Uhr. Sie hatte noch eine Viertelstunde. Hoffentlich reichte sie, sonst hätte sie nachher Probleme, pünktlich in der Schulsporthalle zu erscheinen. Sie zog das Flickzeug aus dem Rucksack und versuchte, den Mantel zur Seite zu ziehen, doch der flutschte immer wieder zurück.
„Soll ich helfen?“, fragte eine warme, dunkle Stimme hinter ihr.
Sandra blickte hoch. Ein schlanker, mittelgroßer blonder Mann sah auf sie herab. Mit seinem ebenmäßigen Gesicht hätte er gut ein Fotomodell sein können.
„Wenn Sie es schaffen, wäre es toll. Ich muss gleich arbeiten und habe keine Zeit.“
„Bei meinem Fahrrad habe ich es schon öfter gemacht.“
„Normalerweise nehme ich das Rad ab, das kann ich allein“, meinte Sandra kläglich und zog eine Grimasse.
Mit wenigen Handgriffen zog der Fremde den Mantel ab und den Schlauch hervor. Vorsichtig zog er den Splitter heraus.
Sandra reichte ihm Raspel, Kleber und Flicken. Sie selbst kontrollierte mit spitzen Fingern die Innenseite des Mantels, aber die Scherbe war vollständig entfernt.
„Klebeband haben Sie nicht zufällig?“, fragte er.
„Nein, nur Pflaster. Vielleicht genügt es fürs Erste.“ Sie fand in ihrem Erste-Hilfe-Set sogar Leukoplast und klebte den Mantel ab. Der Mann war inzwischen mit der Reparatur fertig, schob den Schlauch in den Mantel und zog ihn wieder auf die Felge.
„Fünf Minuten, das ist rekordverdächtig“, meinte Sandra und lächelte ihn dankbar an. „Vielen Dank, Sie haben meinen Tag gerettet!“
Er sah vom Aufpumpen hoch und lächelte zurück. „Gern geschehen. Radfahrer helfen einander, ist doch selbstverständlich.“ Damit gab er ihr die Pumpe zurück.
„Kann ich Sie bei Gelegenheit zu einem Bier einladen?“, bot Sandra an. Sie stopfte die Luftpumpe in den Rucksack und hoffte auf eine Zusage. Den Mann wollte sie natürlich näher kennenlernen.
„Gern.“ Er kramte in seinem Portemonnaie und zog eine Visitenkarte heraus. „Rufen Sie mich an, wenn Sie einmal Zeit haben.“
Sandra griff danach und steckte sie ungelesen in ihre Jeanstasche. Seine Hände sahen dreckig aus. „Kommen Sie bitte zum Händewaschen herein. So kann ich Sie nicht laufen lassen.“
„Ja, ich komme gleich hinterher“, rief der Mann und lief zum Parkplatz. Sandra konnte nicht länger warten und sprang die Stufen zur Haustür hinauf.
Zuerst legte sie Musik auf, dann wechselte sie die Schuhe. Nebenbei hörte sie einer Mutter zu, die ihr Kind für die nächsten zwei Wochen abmeldete. Als sie wieder aufsah, brachte ihr Fahrradhelfer Lina zu ihr. Er lächelte und wollte etwas sagen, doch in dem Moment kam Jonas und musste Sandra sein neues Auto zeigen und als Sandra es genug bewundert hatte, war der Mann verschwunden.
Lina war inzwischen so vertraut mit Sandra und der Kindergruppe, dass sie problemlos blieb und mitmachte, selbst wenn ihre Mutter sie nicht gebracht hatte.
Der Regentanz klappte schon recht gut. So holte Sandra die Kinderschirme, die sie besorgt hatte, hervor und ließ die Kinder den Tanz mit den Schirmen üben. Beim vierten Mal waren die Kleinen in der Lage, sich im richtigen Augenblick von den Schirmen zu trennen und sie auf den Fußboden zu legen. Fast alle hoben sie rechtzeitig auf. Sandra war zufrieden. Sie wechselte die Musik, dabei schaute sie verstohlen auf die Visitenkarte. „Robert Hermann“ stand drauf. Aha, der Ehemann. Sie legte den Tiertanz auf. Auch er sah gut aus und machte den Kindern Spaß, daher beschloss Sandra, beide Tänze vorzuführen.
Beim Verabschieden sagte sie den Kindern, dass sie Geld für die Schirme mitbringen sollten. Natürlich hatte Moni, die Bürokraft, Informationszettel für die Eltern geschrieben und ausgedruckt, mit den genauen Terminen und der Bitte, Geld für die Schirme mitzugeben.
„Nach der Aufführung beim Fasching dürft ihr die Schirme behalten.“
„Mir ist es lieber, wenn die Schirme hier im Verein bleiben. Bei uns wird er bloß kaputt gespielt und zur nächsten Aufführung brauchen wir sicher einen neuen“, meinte eine Mutter. Die anderen Mütter nickten zustimmend und schlossen sich der Bitte an.
„Gut, dann werden wir die Schirme im Büro bei Moni einschließen.“
Die Kinder verabschiedeten sich. Nur Linas Vater quälte sich lange mit den Schuhen herum. Schließlich erbarmte sich Sandra, kniete sich hin und zog Lina die Schuhe noch einmal aus. „Kein Wunder“, sagte sie und zog Jonas Auto aus dem linken Schuh hervor.
„Warum sagt sie nichts?“ Der Mann schüttelte den Kopf.
Sandra sah Lina an.
„Du hast nicht zugehört“, flüsterte Lina so leise, dass sie kaum zu verstehen war.
„Dann war es wohl meine Schuld. Ich habe nicht so viel Erfahrung mit Kindern.“ Er zuckte hilflos die Schultern.
Sandra verkniff sich die Bemerkung, dass er nicht alles seiner Frau überlassen sollte. Was gingen sie die Familienverhältnisse ihrer Tanzmäuse an?
Der Mann war sowieso erheblich jünger als Frau Hermann. Vielleicht bemutterte sie ihn ja genauso wie Lina.
„Eigentlich kann Lina es schon selbst. Nur Schleifenbinden muss sie noch üben“, meinte Sandra nur.
Inzwischen versuchte Herr Hermann, Lina in die Winterjacke zu zwängen. Dabei rutschte der Pulloverärmel ganz hoch und bildete oben einen Wulst.
Deshalb fasste er von unten in den Ärmel, doch dafür war der Ärmel zu schmal.
Sandra sah eine Weile zu, da sie aber anschließend in der Grundschule die Kinderturngruppe hatte, griff sie schließlich ein. Sie zog Lina die Jacke wieder aus, zog den Ärmel hinunter und ließ Lina ihn mit der Hand festhalten. Jetzt klappte es mit der Jacke.
„Tanzen Sie selbst oder unterrichten Sie es nur?“, fragte er.
„Momentan unterrichte ich nur. Ich habe früher hier in der Formation getanzt. Turniertanz ist Herrn Ehlers Hobby. Daher gibt es nicht nur die Tanzschule ‚Immer gut gelaunt‘, sondern außerdem den Verein ‚Flotte Sohle e.V.‘ mit der Lateinformation und den Standardturniertänzern. Als ich für die Prüfung lernen musste, hatte ich zu wenig Zeit zum Training. Kurz darauf hörte auch noch mein Partner auf, weil er mit dem Studium fertig war und durch den Job keine Zeit mehr hatte.“
„Ich habe die Tanzschule besucht und da ständig Herren fehlten, habe ich jahrelang als Gastherr getanzt.“
„Und keine Lust, es weiterzumachen?“, fragte Sandra aus Höflichkeit. Seit sie wusste, dass er verheiratet war, interessierte es sie nicht mehr.
„Wenn ich die Kinder sehe und ihren Spaß daran, dann komme ich in Versuchung, es erneut zu probieren. Aber ich habe keine Partnerin dafür.“
Sandras Handy vibrierte, daher kam sie nicht dazu, zu fragen, warum er nicht mit seiner Frau tanzte. Vielleicht haperte es einfach am Babysitter.
Sie nickte ihm zu, und drehte sich weg, um in Ruhe mit ihrer Kollegin Annika zu sprechen. Anschließend musste sie sich beeilen, um rechtzeitig im nächsten Verein zu sein. Sie brachte nur noch schnell die Schirme ins Büro. „Die Mütter bitten, sie hierzulassen, damit sie heil bleiben.“
„Sicher besser“, meinte Moni. Sie legte die Rechnung zur Seite, stand auf und packte die Schirme in den großen Büroschrank.
Wie gut, dass ihr Fahrrad wieder heil war, so kam sie gerade pünktlich in der Turnhalle an.
In der Mittagspause schaffte Sandra es in die Buchhandlung. Melanie, eine der Turniertänzerinnen des Vereins „Flotte Sohle“ arbeitete hier, deshalb besorgte Sandra alle Bücher in diesem Laden. Aber Melanie hatte zu tun. Sie musste kassieren, daher zeigte sie Sandra nur, wo die Reiseführer standen und empfahl zwei.
Sandra wühlte auf der Suche nach den genannten Büchern zwischen den Reiseführern herum.
„Ach, Frau Petow!“ Als sie mit Namen angesprochen wurde, sah sie auf. Herr Hermann stand mit einem Krimi und einem Roman von Hans Fallada in der Hand vor ihr.
„Wollen Sie nach Italien reisen?“, fragte er mit einem Blick auf das Regal.
„Ja, mit einer Freundin an den Gardasee und vielleicht weiter nach Mailand und Venedig. Wir haben nur eine Woche fest gebucht, den Rest schauen wir. Wir fahren außerhalb der Saison, da können wir es uns leisten, ins Blaue zu fahren.“
„Italien ist schön, ich bin nach der Schule ein halbes Jahr in Italien gewesen. Erst habe ich am Gardasee gekellnert, später bin ich weitergefahren. Ab und zu habe ich ein paar Wochen gejobbt und dann bin ich weitergezogen bis nach Sizilien.“
„Sprechen Sie Italienisch?“
Er nickte. „Ja, wir hatten als Kinder zwei Italienerinnen als Au-pairs. Die haben mit uns italienisch gesprochen und da meine Mutter es gut fand, dass wir eine Fremdsprache beherrschen, hat sie uns gleich weiter in irgendwelche Kurse geschickt. In der Schule wäre mir Englisch oder Französisch lieber gewesen.“ Er lachte.
Sie unterhielten sie noch eine Weile angeregt über Italien. Schließlich empfahl er ihr einen der Reiseführer und sie gingen gemeinsam zur Kasse.
„Na, hast du dich entschieden?“, fragte Melanie lächelnd.
„Bei dem Wetter brauche ich sonnige Aussichten“, stöhnte Sandra, ehe sie ihr Buch in den Rucksack packte und in den Regen hinausging.
„Soll ich Sie mitnehmen? Ich bin mit dem Auto da“, bot Herr Hermann...
| Erscheint lt. Verlag | 9.7.2018 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-7389-2097-8 / 3738920978 |
| ISBN-13 | 978-3-7389-2097-0 / 9783738920970 |
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