Jerry Cotton 3187 (eBook)
64 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-6492-7 (ISBN)
In einem leer stehenden Haus fanden Beamte des Manchester Police Department in New Hampshire zwei männliche Personen vor, die nebeneinander auf einer blutdurchtränkten Matratze lagen. Sie sahen aus wie Vater und Sohn. Der Junge war ein polizeibekannter vierzehnjähriger Straßendealer. Sein Körper war von Kugeln durchsiebt. Der andere war mein Freund und Partner Phil Decker - vollgepumpt mit Drogen und nicht vernehmungsfähig ... Und ich musste alles daransetzen, Phil von dem schrecklichen Verdacht zu befreien, dass er der Mörder des Jungen war!
Sonntagnacht. Es war gespenstisch. Ich stand mit Professor Adam Yeats in einem nüchternen, nach Desinfektionsmitteln riechenden Krankenzimmer, starrte auf das Bett und brachte kein Wort heraus. Die weißen Vorhänge am Fenster dämpften die nächtlichen Lichter der Großstadt draußen, formten sie um zu blassen, verschwimmenden Flecken. Mit Rücksicht auf den Patienten war der Raum nur matt beleuchtet. Im Halbdunkel wirkte Phils Gesicht wie eine wächserne Maske. Stirn, Schläfen und Hinterkopf waren mit einem Verband umwickelt. Darunter blickten mich zwei entsetzlich müde Augen fragend an.
»Hey, Jerry …« Ein brüchiges Stammeln.
Wenn das, was Phil da zustande brachte, ein Lächeln sein sollte, war es eindeutig misslungen.
»Hallo, Phil.«
Er antwortete nicht. Ich sah, dass er nur mühsam atmete.
»Man kann dich wirklich keine Sekunde allein lassen.«
Das sollte aufmunternd klingen. In Wahrheit fiel mir nichts Besseres ein. Bloß ein abgedroschener, blödsinniger Satz. Es machte mich einfach fertig, meinen Freund in diesem Zustand zu sehen.
Phils Blick wanderte zu Yeats.
»Wer sind Sie?« Kaum hörbar.
»Ich bin Ihr behandelnder Arzt«, stellte der Professor sachlich fest. »Wir wurden uns bereits vorgestellt.« Dann nahm er mich behutsam beiseite und raunte mir zu: »Ihr Partner ist noch sehr benommen, Inspektor. Wir sollten ihm nicht zu viel zumuten. Ich denke, Sie kommen morgen wieder. So gegen drei Uhr nachmittags.«
»Sorry.« Es klang wie das Brabbeln eines Babys. Phil schloss die Augen.
Yeats führte mich aus dem Zimmer und schloss sanft die Tür hinter sich. Da es schon auf Mitternacht zuging, war es auf dem Gang ruhig. Nur aus einem der Zimmer am hinteren Ende war ein unterdrücktes Stöhnen zu hören.
»Kommen Sie«, forderte mich Yeats auf.
Wenige Minuten später saßen wir uns in seinem Büro gegenüber. Der Professor hatte an einem Automaten zwei Plastikbecher mit Kaffee gefüllt, die jetzt auf dem Glastisch vor uns standen. Er war ein mürrischer, hagerer Mann mit ausgeprägten Sorgenfalten und Stirnglatze.
»Danke, dass Sie sich noch die Zeit genommen haben«, sagte ich.
Er zuckte nur gleichmütig mit den Schultern.
»In meinem Beruf gibt es keine geregelten Arbeitszeiten, Inspektor. Ich denke, das haben wir gemeinsam.«
Ich nickte.
»Und ich zweifelte nicht daran«, fügte Yeats hinzu, »dass Sie mich unbedingt noch sprechen wollten.«
Das war stark untertrieben. Seit man mir am Telefon mitgeteilt hatte, dass Phil mit einer schweren Kopfverletzung im Catholic Medical Center lag, hatte ich keine ruhige Sekunde mehr. Ich war in Washington gewesen und hatte drei Stunden warten müssen, bis die nächste Maschine nach Manchester gestartet war. Obwohl der Flug keine neunzig Minuten dauerte, traf ich erst fünf Stunden später im Krankenhaus ein. Und hatte bis jetzt keinen blassen Schimmer, wie schlimm es um Phil bestellt war.
»Wird er durchkommen, Professor?«
Yeats hob beschwichtigend die Hand. »Ja, da bin ich ziemlich sicher. Garantieren kann ich allerdings momentan nichts.«
Ich beobachtete ungeduldig, wie Yeats vorsichtig an dem heißen Kaffee schlürfte.
»Sagen Sie schon«, drängte ich, »wie steht es um meinen Partner?«
Yeats stellte den Becher auf dem Tisch ab und musterte mich prüfend. Vermutlich versuchte er, herauszufinden, ob ich hart gesotten genug war, um die Wahrheit zu ertragen.
»Ein Schuss hat ihn an der linken Schläfe gestreift und dort eine etwa zweieinhalb Inch breite, rinnenförmige Wunde verursacht. So weit die gute Nachricht.«
Yeats kühle Ironie gefiel mir nicht. »Was soll das heißen?«
»Nun, diese Verletzung ist eher harmlos. Aber Sie haben ja sicher bemerkt, dass Sie sich in der neurologischen Abteilung unseres Krankenhauses befinden.«
Ich nickte nur kurz und wartete darauf, dass der Arzt zur Sache kam.
»Die Wucht des Schusses«, fuhr Yeats fort, »hat eine Commotio Cerebri ausgelöst.«
Wieder traf mich ein taxierender Blick. Offenbar prüfte Yeats mein medizinisches Fachwissen.
»Ein Schädelgehirntrauma, das Sie unter dem Begriff Gehirnerschütterung kennen. In der Folge hat sich ein Ödem gebildet. Die Wassereinlagerung führt zu einer Zunahme des Innendrucks. Wir müssen das hier noch eine Weile beobachten. Wenn die Schwellung zu groß wird, drückt sie auf den Schädelknochen. Es kann zu einem Atem- und Kreislaufstillstand kommen.«
Ich fühlte, wie mir der Schweiß ausbrach. »Und dann?«
»Müssten wir operieren.«
Er ließ diese Diagnose erst einmal auf mich wirken. Ich fragte mich, was mit ihm los war. Offensichtlich gefiel er sich in der Rolle des unheilverkündenden Boten.
Yeats hüstelte, und ein winziges Lächeln kräuselte seine Lippen. »Aber machen Sie sich nicht verrückt, Inspektor. Noch ist es nicht so weit. Zurzeit erhält er Medikamente, die den Druck senken sollen. Wenn das nicht hilft, können wir zunächst immer noch mit einem Plastikschlauch Wasser absaugen.«
Ich atmete tief durch und entspannte mich etwas.
»Ich weiß nicht«, sagte Yeats, »ob es Ihnen aufgefallen ist. Ihr Partner hatte vergessen, dass er mich kannte.«
»Sie vermuten, er leidet unter einer Gedächtnisstörung?«
»Ja, die Fachbezeichnung ist retrograde Amnesie. Ein Verlust der Erinnerung an Geschehnisse, die vor und bisweilen auch nach dem traumatisierenden Ereignis liegen.«
»Wie lange hält so was an?«
»Ein paar Tage, eine Woche vielleicht«, antwortete der Professor. »Wenn es nicht zu unerwarteten Komplikationen kommt.«
»Wann wird er wieder sprechen können?«, wollte ich wissen.
»In ein, zwei Tagen, schätze ich. Aber nageln Sie mich nicht darauf fest.«
Ich hatte genug von Yeats überheblicher, kaltschnäuziger Art und davon, dass er seine Informationen nur scheibchenweise herausrückte.
»Danke, Professor. Ich will Sie nicht länger aufhalten.« Ich stand auf.
»Bleiben Sie!« Der Professor wies mit der Rechten auf meinen Stuhl. »Sie wissen noch nicht alles. Besser, Sie setzen sich noch einmal.«
Ich blieb stehen. »Vermutlich, weil Sie mir nicht alles gesagt haben.«
Er grinste schal. »Es sieht so aus, als hätte Ihr Partner ein Drogenproblem. Er ist bis oben hin vollgepumpt.«
»Wie bitte?« Ich war fassungslos. Davon hatte man mir am Telefon nichts gesagt.
»Er hat sich eine Art Cocktail verabreicht. Aus Alkohol, Opioiden und Amphetaminen.«
Phil schwer verletzt, neben ihm ein toter Vierzehnjähriger. Und jetzt auch noch das. Vielleicht war dieser Tag der härteste in meinem bisherigen Leben.
Doch Phil war unschuldig, so viel stand fest. Dieser Arzt hier hatte dazu allerdings offensichtlich eine andere Meinung.
»Mein Partner nimmt keine Drogen«, sagte ich entschieden und ging zur Tür. »Es wäre schön, wenn Sie ihm vorerst nichts anderes unterstellen würden.«
»Klar«, erwiderte Yeats mokant, »beim FBI gibt’s ja nur Unschuldsengel.«
Ich verließ das Zimmer mit dem Eindruck, dass Professor Yeats kein besonders umgänglicher Zeitgenosse war.
***
Lin Wu warf einen kurzen Blick auf die Leuchtziffern seiner sündhaft teuren Armbanduhr. Punkt zwölf, Mitternacht. Der Lkw mit der neuen Lieferung, der gerade auf den Parkplatz vor der stillgelegten Fabrik einkurvte, war pünktlich. Es beruhigte Wu, dass seine Partner seriöse, zuverlässige Leute waren. Keine Selbstverständlichkeit in dem Geschäft, das sie betrieben.
Bis auf den Randbereich, den die Scheinwerfer des Wagens abdeckten, und einer blakenden Funzel an der Hauswand war der Platz vor dem lang gestreckten, verwahrlosten Backsteingebäude stockfinster. Mehr als unwahrscheinlich, dass sich jetzt noch jemand hierher traute. Außer ihm selbst, seinen Leuten und denen da drüben im Bauch des Lkw.
Die Nacht, dachte Lin Wu, war sein Element. Von Beginn an. Seit seiner Kindheit. Heute noch konnte er die verächtliche Stimme seines Vaters hören: Elende Scheiße, was ist diese Missgeburt nun wirklich? Sieht aus wie ein Junge und benimmt sich wie ein gottverdammtes Mädchen! Man könnte glatt glauben, du hast mir diese Kreatur nur untergejubelt!
Wus chinesische Mutter hatte sich diese Anschuldigungen so zu Herzen genommen, dass sie ihren eigenen Sohn wie Aussatz behandelte. Wu hatte daraus geschlossen, dass er nicht besonders viel wert sein konnte, und gut daran tat, sich, wo immer es ging, einzuschmeicheln und durch aufgekratzte Lustigkeit und groteskes Gehabe fortwährend zur Unterhaltung anderer Menschen beizutragen. Als er dann mit achtzehn begann, sich entsprechend seiner Neigung wie eine Frau zu schminken und bunte Fummel zu tragen, machte er eine weitere wichtige Erfahrung. Dieselben verlogenen Spießer, die ihn für seine Kleinwüchsigkeit verachteten, applaudierten ihm, wenn er sich ihnen als parodierende Tunte präsentierte.
Seinen wahren Charakter aber verbarg Wu. Er blieb im Dunkeln. Eingesperrt in jenem feuchten Kellerloch, in das ihn seine Eltern häufig gesteckt hatten, um ihn zu demütigen. Der Lin Wu, der bis heute in diesem Loch lebte, war kindlich, grausam und unberechenbar. Beseelt von einer mörderischen Begierde, sich zu rächen. An allem und jedem.
Der gellende Schrei einer Frau riss ihn aus den Gedanken. Wu blickte zum Lkw hinüber, dessen Laderaum nun geöffnet war. Zwei Männer, undeutlich zu sehen im trüben Schimmer der Fabrikbeleuchtung, hatten den Kegel der Taschenlampen auf die dunkle...
| Erscheint lt. Verlag | 17.7.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton | Jerry Cotton |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • alfred-bekker • Bastei • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • erste-fälle • gman • G-Man • Hamburg • Horst-Bosetzky • international • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Krimis • krimis&thriller • letzte fälle • martin-barkawitz • nick-carter • Polizeiroman • Reihe • Roman-Heft • schwerste fälle • schwerste-fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • Spannungsroman • stefan-wollschläger • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • uksak • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-6492-4 / 3732564924 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-6492-7 / 9783732564927 |
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