Jerry Cotton Sonder-Edition 83 (eBook)
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-6622-8 (ISBN)
Seine Ausbildung hatte fünf Millionen Dollar gekostet. Er war der wichtigste Mann für den bereits geplanten Flug zum Mars. Und deshalb entführten sie ihn. Mr High jagte Phil und mich nach Jacksonville, dem Ausbildungszentrum für Astronauten. Ein Flug zum Mars war für uns nicht gebucht - stattdessen eine Fahrt in die Hölle ...
1
Herb Cummings wusste plötzlich, dass es Ärger geben würde. Großen Ärger. Langsam schloss er die Tür der Telefonzelle hinter sich. Die Glasbox lag an einer stark befahrenen Highwaykreuzung.
Ein junger Mann versperrte ihm den Weg. Die beiden Begleiter des Fremden hielten sich einige Schritte abseits. Es war zu spüren, dass sie nur darauf warteten, in das Geschehen eingreifen zu können.
»Ich kenne Sie, Mister«, sagte der junge Mann zu Herb Cummings. »Sie sind der Mann im Mars.«
Herb Cummings lächelte dünn. »Vielleicht werde ich es einmal sein – in fünf Jahren«, meinte er. »Zusammen mit drei Kollegen.«
Der junge Mann nickte. Er hatte ungewöhnlich helle Augen und blondes, wallendes Haar, das ihm fast bis auf die Schultern fiel. Cummings schätzte ihn auf einundzwanzig.
»Ich weiß«, erwiderte der junge Mann. »Ich lese Zeitungen. Ihre Ausbildung als Astronaut kostete den Steuerzahler bereits fünf Millionen Dollar. Und ehe man Sie auf den großen Trip schickt, wird sich diese Summe verdoppelt haben. Oder irre ich mich?«
»Für Finanzfragen bin ich nicht zuständig«, gab Herb Cummings zurück. »Würden Sie mich bitte vorbeilassen? Ich bin in Eile. Man erwartet mich.«
»Schon möglich, aber jetzt werden Sie tun, was wir für richtig halten«, widersprach der junge Mann. Er schob die Daumen in seinen breiten, nietenbeschlagenen Ledergürtel und wippte herausfordernd auf den Füßen. Seine stilisierte Cowboykleidung bestand aus schwarzen Halbstiefeln, engen Röhrenhosen, einem schwarzen, am Hals offen stehenden Hemd mit rotem Schaltuch und einem gleichfalls schwarzen, breitkrempigen Stetsonhut. Seine Begleiter trugen Sportkombinationen. Herb Cummings bemerkte, dass die Jacketts aus teurem Tweed waren.
Die jungen Leute hatten schmale, gut geschnittene Gesichter. Es waren harte Gesichter, zwar faltenfrei, aber doch schon alt.
»Ich verstehe«, sagte er leise. »Sie haben die Reifen meines Wagens zerschnitten.«
»Stimmt.« Der blonde Anführer stellte das Wippen ein. »Das waren wir. Haben Sie nicht bemerkt, dass wir Ihnen gefolgt sind?«
»Nein«, musste Herb Cummings zugeben.
Er war eher erstaunt als verärgert. Die jungen Leute wussten, wer er war. Sie wussten, dass er auf ein normales, bürgerliches Leben verzichtet hatte, um für sein Land im Namen der Menschheit Pioniertaten vollbringen zu können. Trotzdem hassten sie ihn. Aber warum? Hassten sie ihn, weil er anders war als sie, sahen sie in ihm das Symbol einer technisierten, immer seelenloser werdenden Gesellschaft?
Ich muss ruhig bleiben, dachte er. Ich muss ihnen erklären, dass ich verheiratet bin und zwei Kinder habe, dass ich, wenn mir das Training dazu nur Zeit lässt, wie ein ganz normaler Bürger lebe.
»Als Sie in dem Highwayrestaurant auf der anderen Straßenseite eine Stange Zigaretten holten, haben wir alle vier Reifen Ihres Wagens zerschnitten«, sagte der Blonde. »Ich muss Ihnen ein Kompliment machen. Nachdem Sie den Schaden entdeckt haben, reagierten Sie sehr gelassen. Sie zuckten nicht mal mit der Wimper. Sie betraten die Telefonzelle und benachrichtigten Ihre Werkstatt oder war es Ihre Dienststelle?«
»Das geht Sie nichts an«, antwortete Herb Cummings ruhig. »Warum haben Sie es getan? Was bezwecken Sie mit dieser Aktion?«
»Na, was wohl?«, spottete der Blonde. »Wir wollen unser Taschengeld aufbessern. Kommen Sie, unser Wagen steht da drüben. Man muss nicht zum Mars fliegen, um den Reiz des großen Abenteuers zu erleben.«
»Kommt gar nicht infrage!«, erwiderte Herb Cummings.
Er hatte begriffen, dass es sich nicht um eine jener spektakulären Protestaktionen handelte, mit der sich überspannte Jugendliche Gehör zu schaffen versuchten. Der Blonde hatte klipp und klar zum Ausdruck gebracht, dass es ihm um Geld ging.
Der Blonde griff in seine Gesäßtasche und zog blitzschnell eine Pistole hervor. »Erschrecken Sie nicht, Meister. Ihnen wird nichts passieren, wenn Sie schön brav sind.«
Er stand mit dem Rücken zum Highway. Die Insassen der vorbeirollenden Fahrzeuge konnten die Waffe in seiner Hand nicht sehen. Im Übrigen war es höchst zweifelhaft, ob ein zufälliger Beobachter der Szene den Mut zum Eingreifen aufbringen würde. Es gab nicht besonders viele Leute mit Zivilcourage.
»Ich kenne Ihr Trainingsprogramm nicht«, fuhr der Blonde fort, »aber es würde mich nicht überraschen, wenn es auch ein paar taktische Hinweise auf Ihr Verhalten bei einer drohenden Entführung enthielte. Immerhin hat der gute alte Uncle Sam fünf Millionen Dollar für Ihre Ausbildung zum Super-Marsreisenden ausgespuckt. Wenn Sie jetzt den wilden Mann markieren und dabei verletzt werden, könnte sich diese Ausgabe leicht als plötzlich wertlos gewordene Anlage erweisen.«
College, konstatierte Herb Cummings. Die Art, wie der junge Mann seine Worte setzte, lässt zumindest erkennen, dass er nicht aus den Slums stammt, egal, wie abenteuerlich seine Aufmachung auch erscheinen mag.
Herb Cummings schwieg. Er konnte und wollte nicht zugeben, dass der Blonde recht hatte. Herb Cummings’ Sicherheitsbestimmungen sahen für einen solchen Fall völlig passives Verhalten vor.
»Andererseits«, höhnte der Blonde, »bietet sich Ihnen die einmalige Chance, durch Ihren Widerstand schon heute den Mars zu erreichen. Wenn ich abdrücke, werden Sie ihn auf Ihrem Weg ins Jenseits passieren.«
***
Herb Cummings zuckte mit den Schultern.
Sie überquerten die Straße. Auf dem Parkplatz vor dem Highwayrestaurant standen sieben Fahrzeuge.
»Wir nehmen den gelben Cadillac«, erklärte der Blonde. Seine Begleiter hatten bis jetzt noch kein Wort geäußert.
Herb Cummings prägte sich das Nummernschild des 63er Cadillac ein. Der Wagen war in New York zugelassen. Cummings wandte den Kopf, als dicht neben ihm ein flacher grüner Flitzer stoppte. In dem offenen Lancia saß eine rotblonde junge Frau. Sie warf mit einer etwas herrisch anmutenden Kopfbewegung das leuchtende Haar in den Nacken und blickte Herb Cummings an. Es schien, als würde sie die dicht hinter ihm stehenden jungen Leute überhaupt nicht bemerken.
»Sie sind Herb Cummings!«, stieß sie hervor.
Er erlebte das ziemlich oft. Es war, wie er fand, eine recht mühsame und zeitraubende Folgeerscheinung seiner Berühmtheit, dass er immer wieder erkannt wurde und sich dann den neugierigen Fragen wildfremder Menschen stellen musste.
In seinem Rücken verspürte er den warnenden Druck der Pistolenmündung. Herb Cummings lächelte ungezwungen. Es war keineswegs Angst vor der Waffe, die ihn jetzt den Kopf schütteln ließ. Er durfte die junge Frau nicht gefährden, indem er sie in diesen Fall verwickelte. Er war nicht einmal bereit, ihr ein Zeichen zu geben.
»Ich sehe Herb Cummings ähnlich«, erwiderte er, »aber ich bin es nicht.«
Die junge Frau zeigte beim Lachen zwei Reihen perlweißer, untadelig gewachsener Zähne. Sie war ungewöhnlich hübsch, und Herb Cummings erkannte nicht bloß an ihrem fast neuen Importwagen, dass sie aus Kreisen stammte, in denen das Taschengeld nach Hundertern bemessen wurde.
Sie hatte große, lichtgrüne Augen mit langen, seidig schimmernden Wimpern, hohe Jochbeine und einen vollen, weichen Mund, dem man anmerkte, dass er je nach Lust und Laune zur Sprödigkeit oder zur Leidenschaft neigte. Herb Cummings schätzte die junge Frau auf Anfang zwanzig.
»Mir machen Sie nichts vor.« Sie lachte. »Ein Gesicht und ein Lächeln wie dieses gibt es nur einmal in unserem Land, und ich weiß, dass es Herb Cummings gehört. Ich habe Sie erst vorgestern im Fernsehen bewundert. Was ist los, Herb? Hat man Ihnen aufgetragen, sich in der Öffentlichkeit zu verleugnen?«
»Verschwinden Sie«, sagte der Blonde über Cummings’ Schulter hinweg. Seine Stimme war scharf und befehlend. »Haben Sie Dreck in den Ohren? Sie hören doch, was er sagt!«
Die junge Frau hob die vollkommen geschwungenen Augenbrauen. Ihre Mundwinkel vertieften sich zu einem spöttischen Ausdruck. »Ist das Ihr Sprecher, Herb?«
Herb Cummings hatte Mühe, sein Lächeln beizubehalten. Er spürte die Spannung, die in der Luft lag, und fürchtete um eine Entladung. »Goodbye. Es ist wirklich besser, Sie fahren los.«
Die junge Frau stieg aus. Sie war nur wenig kleiner als Cummings und hatte eine Figur, die einen zweiten Blick wert war. Zu ihrem weißen Jumperkleid trug sie einen Seidenschal von der Farbe ihrer Augen. Der Minirock betonte die perfekte Linie ihrer langen, schlanken Beine.
Noch ehe einer der jungen Burschen etwas dagegen zu unternehmen vermochte, trat sie neben Herb Cummings. Sie sah, dass der Blonde eine Pistole in der Hand hatte.
»Ach so ist das«, sagte sie.
»Ja, so ist das«, meinte der Blonde scharf. Er trat einen halben Schritt zurück, um freies Schussfeld zu haben. »Hauen Sie ab, oder es passiert ein Unglück.«
»Sie haben Angst, mein Freund«, erwiderte die junge Frau und lachte leise. »Richtig Angst. Natürlich ist das gefährlich. Ängstliche Leute schießen gern. Nein, nicht gern, aber rasch. Niemand ist so gefährlich wie ein in die Enge getriebener Feigling. Geben Sie die Waffe her!«
»Alles, was Sie davon haben können, ist eine Kugel, meinetwegen auch zwei!«, presste der Blonde durch die Zähne.
Herb Cummings drehte sich um. Er fand es an der Zeit, einzugreifen. Das Leben einer jungen Frau hatte mit seinen Sicherheitsbestimmungen nichts zu schaffen. Einen solchen Fall sahen sie nicht vor. Herb Cummings fühlte sich verpflichtet, die bedrohte Frau zu beschützen.
»Wenn Sie abdrücken,...
| Erscheint lt. Verlag | 17.7.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton Sonder-Edition | Jerry Cotton Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • alfred-bekker • Bastei • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • erste-fälle • gman • G-Man • Hamburg • Horst-Bosetzky • international • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Krimis • krimis&thriller • letzte fälle • martin-barkawitz • nick-carter • Polizeiroman • Reihe • Roman-Heft • schwerste fälle • schwerste-fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • Spannungsroman • stefan-wollschläger • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • uksak • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-6622-6 / 3732566226 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-6622-8 / 9783732566228 |
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