Jerry Cotton Sonder-Edition 82 (eBook)
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-6621-1 (ISBN)
Als die Explosion den brandroten Sportwagen auf dem Highway zerriss, war es für Peter Holmes zu spät. Er hätte die von seinem Mörder geforderte Million eher zahlen müssen. Holmes war einer der Millionäre vom Klub der 24. Die restlichen dreiundzwanzig wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie ebenfalls auf der Liste des Erpressers standen. Sie sollten es bald erfahren. Das Maskengesicht, die Bestie vom Hudson, schlug erbarmungslos zu - immer wieder ...
1
Die Luft flimmerte vor Hitze. Trotz der späten Nachmittagsstunde zeigte das Thermometer noch 90,2 Grad Fahrenheit. Es war ein Sonntag, ein Bilderbuchsonntag. So schön hatte ich lange keinen erlebt.
Die Sonne stand über dem Atlantik, ungefähr über Breezy Point.
Die Uhr zeigte gerade 18:07.
»Hör mal«, sagte gerade die Blondine, die ich erst seit ein paar Stunden kannte. Sie hatte den Strandkorb neben mir gemietet und mir mindestens eine Stunde lang erzählt, wie kompliziert ihr abendlicher Rückweg nach Brooklyn sei. Erst mit dem Bus, dann mit der Eisenbahn, schließlich mit der Subway und zum Schluss noch mit dem Taxi. Weil sie recht ansehnlich war, hatte ich nach der besagten Stunde das Transportthema beendet, indem ich ihr den Beifahrersitz in meinem Jaguar angeboten hatte.
»Hör mal«, sagte sie jetzt, »eigentlich müsste doch alles frieren …«
Kichernd zeigte sie auf mein Spezialthermometer, auf dem 32,5 Grad angezeigt wurden.
Ich klärte sie auf und erzählte ihr, dass das Celsiusgrade seien.
Sie rümpfte die Nase, berichtete mir, dass Fahrenheit einfacher zu begreifen sei, und schaute sich weiter im Jaguar um.
»Hör mal«, sagte sie wieder und streckte die Hand nach einem Knopf aus, den normale Passagiere bisher nicht entdeckt hatten.
Ich nahm ihr süßes Patschhändchen schnell vom Knopf weg und ermahnte sie, das Ding auch künftig in Ruhe zu lassen.
Das hätte ich nicht sagen dürfen, denn nun wollte sie wissen, wozu der Knopf denn gut sei. Ich wollte es zwar nicht verraten, aber man weiß ja, dass attraktive Blondinen eine besondere Art von Dickkopf haben.
»Das ist eine Sirene«, sagte ich und wollte rasch ein Märchen von einem besonderen Hobby von mir hinzufügen. Doch dazu kam ich nicht mehr.
»Uiiih!«, rief sie und strahlte bezaubernd. »Uiiih, du bist ein G-man!«
Ich schüttelte den Kopf, aber das erhöhte ihre Freude nur weiter.
»Mensch, so was«, jubelte sie, »er hat einen richtigen Jaguar und ist obendrein G-man – und das passiert mir! Die anderen werden es nicht glauben!«
»Hoffentlich«, knurrte ich.
»Hoffentlich«, jubelte sie, »passiert etwas, damit du deine Sirene einschalten kannst. Ich tu es dann für dich, ja?«
»Nichts wird passieren«, versicherte ich ihr und nahm das Gas weg, weil wir uns der verstopften Kreuzung an der Jones Bay näherten.
***
Es war 18:08 Uhr, als sich Patrolman Glenn Parker auf der Kreuzung an der Jones Bay mit der linken Hand über die Stirn wischte und gleichzeitig mit der rechten seinen Kollegen das verabredete Zeichen gab. Der hielt daraufhin den in Ost-West-Richtung über den Ocean Parkway rollenden Autostrom an.
Der Beamte auf der Kreuzung winkte dem an der Spitze einer bislang haltenden Kolonne stehenden Wagen zu. Die setzte sich in Bewegung.
Glenn Parker ließ die Fahrzeuge an sich vorüberrollen. Ihr seid zu bedauern, dachte er angesichts der Menschen in den Fahrzeugen. Jetzt habt ihr den ganzen Tag am Atlantikstrand gelegen und in der Sonne geschmort. Und nun sitzt ihr in euren heißen Blechkisten, steckt in einer Kolonne und rollt langsam zurück in die brütendheiße City. Fünfundzwanzig Meilen. Und von Meile zu Meile wird der Verkehr dichter. Hunderttausende von New Yorkern haben heute hier draußen am Strand von Long Island Erholung gesucht. Millionen vielleicht.
»Pfff«, machte Parker.
Ihn berührten die dichten Kolonnen kaum. Er tat ohnehin so lange Dienst, bis die Kolonnen abgeflossen waren. Danach hatte er nur knapp vier Meilen zu fahren. Bis zur Police Station in Freeport.
Nach mir die Sintflut, dachte er und machte heftige Handbewegungen, um die Fahrer in der Kolonne zum zügigen Fahren anzuspornen.
Doch dann erlahmte seine Hand.
Glenn Parker sah einen Wagen auf sich zurollen, bei dem er wirklich alles vergessen konnte. Ein Traumwagen. Für einen Verkehrscop unerreichbar.
Feuerrot, chromblitzend, geduckt und lang gestreckt. Unverkennbar mit den drei Lufteinlassöffnungen auf der Motorhaube.
»Mann«, flüsterte Glenn Parker ergriffen und betrachtete hingebungsvoll den Shelby GT 500, der lautlos an ihm vorbeifuhr.
Parker blickte ihm nach, bis er auf der Brücke über die Jones Bay war, dann erst hob er wieder die rechte Hand, um seine Kolonne zu stoppen.
***
»Schau mal«, sagte die Blondine neben mir, »siehst du den Roten dort drüben auf der Brücke?«
Ich blickte hinüber. »Shelby Cobra«, erwiderte ich. »Wenn ich mir mal einen Zweitwagen leisten kann, werde ich den in die engere Wahl ziehen.«
»Was ist teurer, dein Jaguar oder dieser …?«
»Shelby Cobra«, wiederholte ich. »Der Jaguar ist vermutlich teurer, weil er aus England kommt. Einfuhrzoll, verstehst du?«
»Nein«, bekannte sie offen und kuschelte sich in den Sitz.
Ich legte den Gang wieder ein, denn unsere Kolonne war an der Reihe, sich in den unendlichen Autostrom in Richtung New York City einzugliedern.
Während wir langsam vorwärts rollten, dachte ich daran, bei nächster Gelegenheit meinen roten Flitzer mal zur passenden Tageszeit wieder für ein paar Meilen auf einem freien Speedway mit hohem Geschwindigkeitslimit auszufahren. In letzter Zeit hatte ich ihn oft schleichen lassen müssen, und das hat die Jaguar-E-Maschine überhaupt nicht gern.
Auch für den Shelby war diese Kolonnenfahrt nicht gerade die größte Wucht. Es ging mich zwar nichts an, aber ich dachte daran. Ich überlegte sogar, ob der Mann im Shelby wohl auch daran denken würde.
Der Mann? Oder?
Plötzlich interessierte es mich, wer hinter dem Steuer des Achtzylinders sitzen würde. Nachschauen konnte ich nicht. Er war gut eine halbe Meile vor uns. Überholen bei diesem Betrieb war vollkommen unmöglich.
»Wenn ich mal heirate«, meinte die Blondine neben mir, »dann nur einen Mann, der sich einen Jaguar leisten kann oder einen …«
»Shelby Cobra GT«, ergänzte ich.
***
18:37 Uhr. Das Thermometer zeigte immer noch diese infernalischen 90,2 Grad Fahrenheit an. Wir befanden uns mittlerweile auf dem Sunrise Highway, westlich von Valley Stream.
Vor uns, etwa dort, wo die südlichste Spitze Manhattans im Glast der flimmernden Hitze dieses Tages lag, hing der Glutball der Sonne am bleigrauen Himmel. Unbarmherzig sengten ihre schrägen, immer noch allzu grellen Strahlen durch die Windschutzscheibe meines Wagens in unsere Gesichter. Trotz Sonnenbrille und heruntergeklappter Sonnenblende sah ich herzlich wenig. Und meiner Begleiterin erging es nicht anders. Ich warf einen Blick nach rechts.
Okay, zugegeben, die blonde Frau plauderte ein wenig viel und nicht sonderlich intelligent. Aber alles auf einmal kann der Mensch nicht haben. Sie war jedenfalls attraktiv und ihre »Architektur« bemerkenswert.
»Hör mal«, sagte ich und benutzte ihre Redensart, was sie mit einem strahlenden Lächeln quittierte. »Wenn du es sehr eilig hast, kannst du vom Kennedy Airport aus mit dem Schnellbus fahren.«
Sie schluckte. »Magst du mich nicht mehr? Ich gehe bestimmt nicht an die Sirene.«
»Ich habe keine Lust, in diesem Trubel weiterzufahren. In Rosedale kenne ich ein Lokal, in dem es einen erstklassigen Lunch gibt. Nach dem Essen kann man in den Keller gehen. Tanzen und so.«
»Und so«, jubelte sie.
»Willst du mitgehen?«
Sie strahlte mit der Sonne um die Wette. Die Frau wollte irgendetwas antworten, kam jedoch nicht mehr dazu.
Ein gleißender Blitz zuckte auf. Grell, feuerrot. Ihm folgte der berstende Knall einer ungeheuren Explosion.
Trümmer wirbelten durch die Luft. Eine dicke Qualmwolke schoss empor und verdunkelte für Sekunden die Sonne.
Bremsende Pneus radierten kreischend über den Asphalt. Wagen krachten aufeinander. Ein gellender Schrei. Dann wurde alles übertönt von einer seltsam heiser brüllenden Hupe.
Es verging eine Weile, ehe ich begriff, dass etwa dreihundert Yards vor uns eine Katastrophe über die Sonntagsausflügler hereingebrochen war.
Die Blondine neben mir hatte ich in diesem Augenblick völlig vergessen. Ich bemerkte ihre Anwesenheit erst wieder, als sich unsere Hände am Sirenenknopf meines Jaguars trafen.
Die junge Frau hatte ebenfalls verstanden, und diesmal ließ ich sie gewähren.
Die Sirene heulte auf. Ich schaltete das Warnlicht ein. Wieder vergingen Sekunden, ehe meine Vorderleute begriffen, dass auch in ihrem Rücken etwas los war. Es grenzte bei diesem Kolonnenverkehr an ein Wunder, dass die Fahrer Platz fanden, um mir auszuweichen. Dann lag eine leere Gasse vor mir.
Sie war etwa hundertfünfzig Yards lang.
Am Ende dieser Strecke herrschte ein Inferno. Ich sah Wagentrümmer und Körper auf der Straße liegen. Ganz in der Mitte schwelten brennende Fetzen, die nicht mehr zu identifizieren waren.
Ich war der einzige Mensch, der sich auf diese Trümmer zubewegte. Die anderen lagen oder saßen wie erstarrt in ihren Fahrzeugen.
Schritt für Schritt ging ich näher heran, bis zu der Stelle, an der die Straßendecke aufgerissen war wie nach einem Bombeneinschlag.
Mein Fuß stieß gegen ein Stück Blech. Unwillkürlich bückte ich mich und sah es mir genauer an. Und dann stutzte ich. Zwischen zwei weißen Rallyestreifen standen im leuchtenden roten Feld fünf Zeichen.
GT 500 konnte ich lesen.
Das Stück Blech gehörte demnach aller Wahrscheinlichkeit zu jenem roten Shelby Cobra GT, auf den mich die Blondine noch vor wenigen Minuten aufmerksam gemacht...
| Erscheint lt. Verlag | 3.7.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton Sonder-Edition | Jerry Cotton Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • alfred-bekker • Bastei • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • erste-fälle • gman • G-Man • Hamburg • Horst-Bosetzky • international • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Krimis • krimis&thriller • letzte fälle • martin-barkawitz • nick-carter • Polizeiroman • Reihe • Roman-Heft • schwerste fälle • schwerste-fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • Spannungsroman • stefan-wollschläger • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • uksak • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-6621-8 / 3732566218 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-6621-1 / 9783732566211 |
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