Jerry Cotton Sonder-Edition 80 (eBook)
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-6619-8 (ISBN)
Als mich das silberblonde Girl aus dem Wasser zog, hielt ich es fast für eine Göttin. Als es später jedoch zur Sache ging und der erbarmungslose Kampf um das weiße Gold begann, wusste ich es besser. An der Alligatorengrube ließ die Göttin ihre Maske fallen, und eine Teufelsfratze kam zum Vorschein ...
1
Piiihhh …
Der Querschläger pfiff höhnisch durch die Nacht. Der Teufel mochte wissen, wie er zustande gekommen war. In dieser öden Landschaft gab es kaum ein Hindernis, an dem eine Kugel abprallen konnte. Ich rannte weiter. Das Stechen in meinen Seiten wurde unerträglich.
Ich stolperte und brach in die Knie. Mein Oberkörper kippte nach vorne, und mein Gesicht berührte den feuchten Dünenboden. Die feinen Sandkörner blieben an meinem Mund haften. Ich hatte nicht die Kraft, sie wegzuspucken. Das stetige heftige Brüllen der kochenden Brandung übertönte meinen keuchenden Atem.
Feierabend, dachte ich. Warum gibst du nicht auf? Du hattest von Anbeginn keine Chance, Jerry … Und du hättest dir nicht die Lunge aus dem Leib zu laufen brauchen, um das zu erkennen.
Ich hob den Kopf. Der Mond hatte Urlaub. Weit draußen auf dem Meer zwinkerten die Positionslampen eines Boots, aber ich brauchte sie nicht, um rotzusehen.
Das Bellen der Hunde kam näher, laut, hysterisch, blutrünstig. Sie hatten mich eingekreist. Meine Verfolger kannten offenbar jeden Yard der Umgebung. Es war ein Glück, dass sie die Bestien an ihren langen Leinen hielten.
Glück?
Vielleicht war es nur ein Aufschub. Ich blickte über meine Schulter und sah das Aufblitzen der Taschenlampen. Die Lichtkegel glitten hell und gierig suchend über die grasbewachsenen Dünenhänge.
Meine Schuhe hatte ich längst abgestreift. Schwer atmend richtete ich mich auf. Ich riss mir das Jackett vom Leib und warf es zur Seite. Ich musste ein Stück ins Meer hinauswaten, wenn ich ihnen entkommen wollte, und hoffte, dass das Ufer an dieser Stelle nicht zu steil abfiel. Für eine längere Schwimmübung fehlten mir der Atem und die Kraft.
Sie hatten mich mit ihren Buggys gejagt, mit drei von diesen offenen, flinken Spezialfahrzeugen, die sich auf fast jedem Boden bewegen konnten. Ich war von ihren Scheinwerfern eingefangen worden, egal, wie schnell ich lief und welche Hakentricks ich praktizierte.
Sie hatten auf mich geschossen, mit Pistolen und Gewehren. Ich konnte nicht sagen, wie viele Verfolger es waren, aber ihr Lachen hatte mir gezeigt, wie sehr sie das Schauspiel meiner sinnlosen Flucht genossen. Jetzt hatten sie einen großen Halbkreis gebildet, um für sich und für mich das Halali einzuleiten.
Sie hatten ihre Buggys verlassen. Der tiefe Dünensand hatte sie doch zum Aussteigen gezwungen. Ich war ebenfalls drauf und dran, auszusteigen, aber die Situation ließ es nicht zu, dass ich kapitulierte. Wenn ich nicht wollte, dass die Dünen zu meinem Grab wurden, musste ich meine Flucht fortsetzen.
Eine Flucht ins Meer? Ich wusste nicht, wie ich mich gegen seine Brecher behaupten sollte. Ich war so schlapp wie ein ausrangierter Fahrradschlauch. Meine Finger tasteten über den Sandboden. Einen Moment lang erwog ich, den weichen Sand mit den Händen aufzuwühlen und mich damit zu bedecken. Aber die Hunde machten den Einfall sinnlos. Die Hunde würden mich aufspüren und in Stücke reißen.
Ich begriff nach der vorangegangenen Schießerei nicht, warum die Hunde an den Leinen gehalten wurden. Dann dämmerte mir, dass man mich lebend haben wollte. Die Schüsse sprachen nicht dagegen, sondern dafür. Man hätte mich mühelos abschießen können, wenn man das gewollt hätte. Es sah fast so aus, als hätte das Feuerwerk nur dem Zweck gedient, mich ins Meer zu jagen.
Ich stemmte mich hoch und torkelte weiter. Sobald mich der Lichtkegel einer Lampe einzufangen drohte, warf ich mich in einer Dünensenke flach auf den Boden. Ich verlor kostbare Zeit dabei. Mein geringer Vorsprung schrumpfte immer weiter zusammen. Tief atmete ich durch, als ich den salzigen Wassernebel auf meinen sandverkrusteten Lippen schmeckte.
Ich hatte nur noch den Wunsch, unterzutauchen und die Frische des Wassers zu spüren. Meine Füße waren bleischwer. Ich erreichte das Meer. Der Grund senkte sich nach wenigen Schritten. Ein Brecher donnerte über mich hinweg. Er raubte mir den letzten Atem.
Ich spürte mehr, als ich es sah, wie mich ein Lichtkegel einzufangen drohte. Kopfüber warf ich mich in die Flut. Ganz mechanisch tat ich alle Dinge, die ich im Umgang mit dem Meer gelernt hatte. Die Unterströmung war so kräftig, dass ich Mühe hatte, mit ihr fertigzuwerden. Ich wusste, dass ich versagen würde, wenn ich weiter hinausschwamm.
Ein paar Sekunden lang führte mich meine körperliche Schwäche in jenes seltsame Reich zwischen Traum und Wirklichkeit, wo alle Grenzen aufgehoben sind. Dorthin, wo man glaubt, sich völlig fallen lassen zu können. Als ich Wasser schluckte und von dem rauen, an meinen Atemwegen zerrenden Salz aufgeschreckt wurde, war ich wieder da. Nur zeigten sich meine Kräfte außerstande, mit dem plötzlich neu erwachten Überlebenswillen Schritt zu halten.
Die Wolkendecke brach auf, für wenige Sekunden. Ich starrte nach vorne und schoss durch einen auf mich zurollenden Brecher hindurch. Im nächsten Augenblick sah ich vor mir ein Boot schaukeln, eine Jacht … Groß, unbeleuchtet. Ich konnte nicht sagen, wie weit ich von dem Boot entfernt war. Aber ich hatte jetzt ein Ziel, das ich unter Aufbietung meiner letzten Reserven zu erreichen hoffte.
Hinter mir knallte es. Einmal, zweimal. Die Lichtkegel huschten an mir vorbei. Mein Weg führte hinaus ins Meer. Es gab kein Zurück.
Ich hatte keine Ahnung, wer sie waren, die Männer, die mich jagten. Mir war nur bewusst, dass sie kein Menschenleben respektierten.
Das Boot wurde größer. Wie sollte ich es schaffen, an Bord zu gelangen? Die Leute, die den Kasten in der Nähe des Ufers geankert hatten, mussten schon aus Sicherheitsgründen darauf bedacht gewesen sein, ein Betreten der Jacht für Fremde unmöglich zu machen. Aber vielleicht hing am Heck der Jacht ein Beiboot. Vielleicht fand ich dort, was ich suchte. Im äußersten Fall musste es mir gelingen, mich an der Ankerkette festzuhalten.
Die Konturen der Jacht waren trotz der Dunkelheit zu erkennen. Aber warum kam ich dem verdammten Ding nicht näher?
Sekundenlang überfiel mich die panische Furcht, dass die Jacht nur Teil des grausamen Spiels war und dass sie sich immer mehr von mir entfernte. Hatte sie die Aufgabe, mich weiter aufs Meer hinauszulocken? Dann würde ich nicht die Kraft aufbringen können, an Land zurückzuschwimmen.
Ich kämpfte.
Ich schwamm wie nie zuvor in meinem Leben und registrierte endlich, dass ich vorankam. Unendlich langsam zwar, aber doch mit Erfolg. Ich hatte die Jacht erreicht. Hinter dem Schiff schaukelte kein Beiboot. Mein Herz war zu aufgeputscht, um auf diese schockierende Feststellung reagieren zu können.
War alles umsonst gewesen?
Neben meinem Kopf klatschte etwas ins Wasser. Ich traute meinen Augen nicht. Ein Rettungsring! Wieder erfasste mich der merkwürdige Schwebezustand zwischen Traum und Wirklichkeit. Wer mich beobachtet und den Ring ins Wasser geworfen hatte, musste die Sehfähigkeit einer Katze besitzen.
Ich griff nach dem Ring und hielt mich daran fest. Ich wusste, dass ich hineinschlüpfen musste, aber es dauerte Minuten, bis ich die Kraft dazu fand.
Man hievte mich nach oben. Meine nassen Füße berührten die Planken der Jacht. Ich brach zusammen und blieb keuchend liegen. Mir war hundeelend zumute.
Ich drehte meinen Kopf zur Seite und blickte an Land. Auf dem Highway, der eine halbe Meile von der Küste entfernt war, entdeckte ich die Scheinwerfer vorüberfahrender Wagen. In den Häusern, die in Strandnähe lagen, brannte Licht. Hatten ihre Bewohner nicht die Schüsse gehört? Wie hatten sie darauf reagiert?
Am Strand selbst herrschte Ruhe. Aber ich bezweifelte nicht, dass die Männer noch dort waren.
Ich richtete den Oberkörper auf. Vor mir stand ein Mann, breitbeinig und mit an der Seite herabhängenden Armen. Sein Gesicht war ein blasses Oval in der Nacht. Er trug Shorts, ein T-Shirt und weiße Segeltuchschuhe.
»Wie fühlen Sie sich?«, fragte er.
»Es geht«, krächzte ich.
Das Sprechen bereitete mir Mühe. Als ich auf die Beine kam, traf der Mann keine Anstalten, mir zu helfen. Ich musste mich an der Reling festhalten und registrierte dabei, dass mich mein Retter fast um Haupteslänge überragte.
»Kommen Sie mit«, sagte er.
Als ich seine Aufforderung langsam befolgte, wäre ich um ein Haar gestürzt. Die Jacht rollte und schlingerte stark. Die Anstrengung minderte meine Reaktionsfähigkeit. Ich fragte mich, warum die Positionslampen der Jacht nicht brannten und woran es lag, dass nirgendwo an Bord ein Lichtschimmer zu bemerken war.
Befand ich mich auf einem Schmugglerboot, dessen Besatzung Gründe hatte, sich nicht zu zeigen? Ich schüttelte den Gedanken ab.
Ich war nicht in der Lage, Überlegungen und Hypothesen aufzustellen. Ich war froh, dass mich der Mann aus dem Wasser gefischt hatte.
»Achtung«, brummte er. »Es geht nach unten.«
Trotz seiner Warnung stieß ich mit dem Kopf gegen den Querbalken des Einstiegs. Ich fand die Metallstangen der senkrecht in die Tiefe führenden Leiter. Nach acht Sprossen bekam ich festen Boden unter die Füße. Eine Tür öffnete sich vor mir. Ich schloss geblendet die Augen, als mich das helle Licht einiger Lampen traf.
»Ziehen Sie das nasse Zeug aus«, forderte mich der Mann auf, der neben der offenen Tür stehen geblieben war.
Er hatte eine dunkle, aber unpersönlich wirkende Stimme. Blinzelnd hob ich die Lider. Ich blickte in eine kleine, luxuriös ausgestattete Kabine mit zwei übereinander angeordneten Mahagonibetten.
»Wer sind Sie?«, fragte ich den Mann. »Wo bin ich...
| Erscheint lt. Verlag | 5.6.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton Sonder-Edition | Jerry Cotton Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • alfred-bekker • Bastei • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • erste-fälle • gman • G-Man • Hamburg • Horst-Bosetzky • international • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Krimis • krimis&thriller • letzte fälle • martin-barkawitz • nick-carter • Polizeiroman • Reihe • Roman-Heft • schwerste fälle • schwerste-fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • Spannungsroman • stefan-wollschläger • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • uksak • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-6619-6 / 3732566196 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-6619-8 / 9783732566198 |
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