G. F. Unger 1961 (eBook)
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-6595-5 (ISBN)
Fee Prince brauchte mich, denn ich war ein Revolvermann und sie hatte sonst niemanden, der sie vor den Bösen in der Stadt Hat Rock beschützen konnte ...
Ich ritt auf die Fähre, deren Dampfhorn nun tutete und somit das Losmachen und Ablegen ankündigte. Vor mir war ein Wagen auf die Fähre gefahren, dessen Fahrer mit einem der Fährmänner wütend über den Passagepreis diskutierte. Ich hörte den Mann bitter rufen: »Ihr seid Halsabschneider, ihr alle von Hat Rock!«
Aber der Mann, welcher Geld kassierte, erwiderte trocken: »Man nimmt immer, was man bekommen kann. Das ist so. Und wenn dir der Preis zu hoch ist, dann kannst du ja mit deinem Wagen und den vier Maultieren auf die andere Seite schwimmen.«
Der Mann kam nun zu mir. Ich war abgesessen. Er war ein bulliger Bursche mit einem Stiernacken und einem Sichelbart. Und er trug einen Colt.
Vor dem Bauch hatte er eine Geldtasche hängen, deren Schnappbügel geöffnet waren.
»Ein Dollar für Sie und ein Dollar für das Pferd«, sagte er. »Hoffentlich lässt der Gaul keine Äpfel fallen und scheißt mir das Deck voll.«
Ich grinste scheinbar freundlich, gab ihm die zwei Dollar und sagte dann: »Ich habe meinem Wallach schon eine Menge beigebracht, doch er scheißt immer noch, wann er will. Haben Sie schon mal daran gedacht, die Pferde- und Maultieräpfel zu sammeln und als Dünger zu verkaufen? Das gibt schönes Gemüse.«
Er starrte mich böse an. Aber in meiner Stimme war ein Klang von Freundlichkeit. Und so fühlte er sich doch nicht verarscht, sondern erwiderte nun: »Ich sammle keinen Pferdemist, verdammt!«
Er verließ mich, um die Klappe hochzuziehen, über die man von der Landebrücke an Bord gelangte.
Die Dampffähre legte nun ab und ließ das Heckschaufelrad rauschen, steuerte schräg gegen die Strömung zur Stadt hinüber.
Der Missouri war hier eine Viertelmeile breit. Er hatte um diese Jahreszeit normalen Wasserstand, sodass auch die schwer beladenen Dampfboote einigermaßen gut über alle Sandbänke und sonstigen Untiefen hinwegkamen.
Der Wind über dem Strom war erfrischend. Mein Wallach und ich, wir waren lange unterwegs gewesen, viele Meilen.
Der Kassierer kam wieder zu mir. Er sagte böse: »Ich glaube, Sie haben mich vorhin verarschen wollen. Ich hätte Lust, Sie über Bord zu werfen, verdammt! Mir können Sie nicht so kommen.«
Er war nun tatsächlich böse auf mich, nachdem er lange genug nachdenken konnte.
Vielleicht wäre das alles noch gut gegangen und hätte ich ihn versöhnlich stimmen können. Aber mein Wallach fing in diesem Moment tatsächlich an zu äpfeln. Ja, er ließ eine ganze Menge fallen an gutem Pferdemist.
Und da brüllte der ohnehin schon aufgebrachte Mann: »Das ist es, was ich hasse! All die verdammten Gäule jeder Sorte scheißen sich hier auf der Fähre aus. Und ich muss es wegräumen. Aber diesmal nicht! Diesmal werfen Sie das Zeug selbst über Bord! Vorwärts! Machen Sie das Deck sauber. Oder ich werfe Sie über Bord und jage auch den Gaul von der Fähre!«
»Das werden Sie nicht«, erwiderte ich. »Bleiben Sie friedlich, Mann. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie den Pferdemist sammeln und als Gartendünger verkaufen sollten.«
Er hörte den Spott in meiner Stimme. Ja, ich verspottete ihn, denn ich mochte Choleriker nun einmal nicht. Und natürlich war ich nicht dazu bereit, Pferdeäpfel mit meinen Händen vom Deck aufzusammeln und über Bord zu werfen.
Er war ein Narr, denn er versuchte mir nun mit einem Schwinger den Kopf von den Schultern zu schlagen.
Natürlich war er für mich nicht schnell genug.
Und so taumelte er durch die Wucht seines Fehlschlages zur Seite, prallte gegen die Reling, und weil ich nicht auf seinen nächsten Angriff warten wollte, folgte ich ihm, bückte mich ein wenig, sodass ich seine Beine ein Stück über den Knien fassen konnte.
Und dann warf ich ihn über Bord.
Im Licht der Gestirne sah ich kurze Zeit später, wie er auftauchte. Neben mir stand nun der Fahrer des Wagens, mit dem er vorhin den Disput hatte. Der Mann lachte meckernd wie ein Ziegenbock und sagte glucksend: »O weia, ist das schön! Jetzt hat dieser Bulle endlich mal …«
Er hielt inne und betrachtete mich im Mond- und Sternenschein traurig. »Freund«, sprach er dann, »Sie sollten jedoch nicht in der Stadt da drüben bleiben, sondern sofort weiterreiten. Denn das nimmt die Bande nicht hin.«
Er verstummte leise. Denn nun kam der zweite Decksmann heran und fragte: »Was ist passiert? Wo ist Bull Frank abgeblieben? Ist der über Bord gegangen?«
Er hatte es kaum gefragt, da tönte aus dem Fluss und schon ziemlich weit abwärts der wilde Schrei: »Hoiii, Charly …«
Aber die weiteren Worte waren nicht verständlich. Wahrscheinlich verschluckte der wütende Schwimmer nun eine Menge Big-Muddy-Wasser und musste das erst mühsam heraushusten, weil ihm auch was davon in die Luftröhre geriet.
Ich sagte zu dem Decksmann: »Er kann offensichtlich schwimmen. Also wird er nicht ertrinken. Wollen Sie vielleicht auch ein Bad im Big Muddy nehmen?«
Meine Stimme klang nun hart. Denn ich war es leid. Mein Empfang hier in Hat Rock hätte nicht unerfreulicher sein können. Und wenn das nun mal schon so war, dann sollten sie mich hier auch gleich richtig kennen lernen.
Der Fahrer des Wagens zog sich wie flüchtend zurück und zeigte damit, dass er gewiss nicht auf meiner Seite war.
Der Decksmann aber betrachtete mich vorsichtig, denn sein Verstand sagte ihm, dass ich auch mit ihm zurechtkommen würde.
Von oben aber tönte nun aus dem kleinen Ruderhaus die scharfe Frage: »Was ist los da unten? Warum ging Bull Frank über Bord?«
Aber der Decksmann fluchte nur als Antwort. Er zog sich von mir zurück. Denn die Fähre drehte jetzt noch mehr gegen die Strömung bei und ließ sich bei immer langsamer drehendem Schaufelrad mit der Backbordseite gegen die Landebrücke treiben.
Der Mann musste die Leinen vorn und achtern über die Poller werfen. Er hatte keine Zeit mehr für mich.
Ich saß auf und ritt an Land.
Der Mann brüllte hinter mir her: »Dir ziehen wir die Haut ab! Darauf kannst du wetten!«
Ich hörte es und ritt weiter den Uferweg hinauf. Denn die Stadt lag etwas höher wegen der jährlichen Hochwasser nach dem Eisbruch und der vielen Unwetter in den Bergen weiter oben in Montana.
Ich ritt also das Ufer hinauf und auf die scheinbar so freundlichen Lichter zu.
Und dabei roch ich etwas. Oh, ich wusste sofort, was es war.
Da stanken Tausende von Büffelhäuten längs des Ufers bei den Landebrücken.
Hat Rock war der Verladeplatz für diese Schande. Denn es war ja wohl eine Schande, all die großen Büffelherden nur wegen ihrer Häute zu vernichten. Aber die Geschichte der Menschheit ist ja voller Schanden. Daran wird sich gewiss niemals etwas ändern.
Ich ritt also hinauf in die Stadt und fand bald schon den Mietstall, der zur Schmiede gehörte.
Dem Stallmann sagte ich: »Der Wallach lahmt, weil ihm das linke Vordereisen fehlt. Der Schmied soll sich morgen früh darum kümmern.«
Der Stallmann war ein schon alter Bursche, gewiss ein Ex-Cowboy, der nicht mehr reiten konnte.
Indes ich meine Siebensachen vom Pferd nahm, betrachtete er meinen Wallach und sagte anerkennend: »Ein prächtiger Wallach ist das. Ich werde gut für ihn sorgen. Sie sind lange geritten, Mister. Der hat jetzt gute Pflege nötig.«
Ich gab ihm einen Dollar.
Dann ging ich. Meine Sattelrolle trug ich unter dem Arm, die Satteltaschen hingen über meiner Schulter, eine vorne und eine hinten. In der Linken trug ich das Gewehr.
So machte ich mich auf die Suche nach Fee Prince.
In der kleinen Stadt war eine Menge Betrieb.
Rechts der Straße reihten sich die Saloons, Gasthäuser und Geschäfte aneinander. Links, also längs der Flussseite, da gab es Reedereien, Handelskontore und auch Lagerhäuser. Und alles war gewiss binnen weniger Monate sozusagen aus dem Boden geschossen.
Ich fragte einen Mann, der an einem Pfosten lehnte: »Mein lieber Freund, wo finde ich hier die Prince-Handelsagentur?«
»Hundert Yards weiter auf dieser Seite«, erwiderte der Mann. »Und was wollen Sie dort, Mister?«
»Ach, mein Freund, wen geht das etwas an?«, erwiderte ich und wollte weiter.
Aber da trat er mir in den Weg und öffnete seine Weste, sodass ich den Stern auf seiner Hemdtasche sehen konnte.
»Es geht mich etwas an«, sagte er grinsend. »Denn wir fragen jeden Fremden, was er hier will. Also?«
»Ich will eine alte Freundin besuchen«, erwiderte ich und ging um ihn herum. Er sah mir nach. Ich konnte seine Blicke fast wie Berührungen spüren. Aber er ließ mich gehen. Doch ich wusste, dass ich noch jede Menge Verdruss mit ihm bekommen würde, wenn ihm dieser Bull Frank von seinem Badevergnügen berichtet hatte.
Der kleine Ort war wirklich noch sehr jung. Man konnte sogar das noch frische Holz riechen, aus dem die Häuser, Magazine und Hütten errichtet worden waren, Holz, welches noch nicht richtig trocken war, weil die Sägemühle am Fluss gar nicht so schnell zu liefern vermochte, obwohl sie Tag und Nacht arbeitete. Man konnte es jetzt auch hören. Denn da war ein Stück flussabwärts eine Gattersäge an der Arbeit. Hinzu kam das Fauchen der Dampfwinden der Lademasten. Zwei Dampfboote lagen an den Landebrücken und wurden mit stinkenden Büffelhäuten beladen, die zu je hundert Stück zu riesigen Paketen zusammengepresst wurden und steif wie Bretter waren.
Ich erreichte endlich die Prince-Handelsagentur.
Sie bestand aus einem gewiss nur vierräumigen Holzhaus und einem ziemlich großen Lagerschuppen. Lichtschein fiel durch die...
| Erscheint lt. Verlag | 5.6.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | G.F.Unger |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer-Roman • alfred-bekker • Bestseller • bud-spencer • buffalo-bill • Cassidy • Chaco • clint-eastwood • Country • Cowboy • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • Erwachsene • Exklusiv • für • GF • g f barner • Indianer • jack-slade • Jugend • Karl May • kelter-verlag • Kindle • Klassiker • Krimi • Laredo • larry-lash • Lassiter • lucky-luke • Männer • martin-wachter • pete-hackett • peter-dubina • Reihe • Ringo • Roman-Heft • Serie • sonder-edition • Western • Western-roman • Westernromane • Wilder Westen • Wilder-Westen • Winnetou • Wyatt Earp • Wyatt-Earp |
| ISBN-10 | 3-7325-6595-5 / 3732565955 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-6595-5 / 9783732565955 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopierschutz. Eine Weitergabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persönlichen Nutzung erwerben.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich