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Aufsteiger – Absteiger (eBook)

Karrieren in Deutschland Mit Fotos von Wulf Olm

(Autor)

eBook Download: EPUB
2018 | 1. Auflage
168 Seiten
Ch. Links Verlag
978-3-86284-417-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Aufsteiger – Absteiger - Alexander Osang
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Von den blinden Kritikgöttern unbemerkt, ist in Deutschland - abseits vom offiziellen Literatur-(subventions)betrieb - eine junge Autorengeneration entstanden, die gut 'erzählen' kann. Nämlich schnell, lebendig und unterhaltsam. Ihr einziger Makel: Sie schreibt keine 'Zeitromane', sondern Reportagen, Porträts, Polemiken und kleine Alltagssatiren in Zeitschriften und Tageszeitungen. Ihre Namen sind: Matthias Matussek und Cordt Schnibben (Spiegel), Maxim Biller und Peter Glaser (Tempo), Wiglaf Droste und Max Goldt (Titanic) oder auch die 'Ossis' Christoph Dieckmann (Zeit) und der Berliner Lokalmatador Alexander Osang (Berliner Zeitung).

'Diese Geistesenkel von Egon Erwin Kisch und Kurt Tucholsky haben in den letzten Jahren mehr Mut und Stil bewiesen als der ganze Verband deutscher Schriftsteller.' Matthias Ehlert.



Alexander Osang, geboren 1962 in Berlin, studierte in Leipzig und arbeitete nach der Wende als Chefreporter der Berliner Zeitung. Seit 1999 berichtet er als Reporter für den Spiegel, acht Jahre lang aus New York, und bis 2020 aus Tel Aviv. Für seine Reportagen erhielt er mehrfach den Egon-Erwin-Kisch-Preis und den Theodor-Wolff-Preis. Er lebt heute mit seiner Familie in Berlin.

Sein Roman 'Fast hell' (Aufbau Verlag, 2021), stand mehrere Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Sein Erzählungsband 'Winterschwimmer' ist als Aufbau Taschenbuch lieferbar. Seit 30 Jahren erscheint sein essayistisches Werk im Ch. Links Verlag.  Zuletzt erschien dort 'Das letzte Einhorn. Menschen eines Jahrzehnts'.

Jahrgang 1962; Studium der Journalistik in Leipzig; Wirtschaftsredakteur, später Chefreporter der Berliner Zeitung; seit 1999 Reporter für den Spiegel, u.a. in New York und Tel Aviv; 1993, 1999, 2001 Egon-Erwin-Kisch-Preis, 1995 Theodor-Wolff-Preis, 2009 Auszeichnung als "Reporter des Jahres" durch das Medium Magazin; er veröffentlichte zahlreiche Bücher mit Reportagen und Porträts, Erzählungen und Romanen.

Wieso beschäftigen Sie solche Leute?


Ein Vorwort über die Scharfrichter der Journalisten


Cordt Schnibben, ein ziemlich berühmter Kollege, ruft in einem seiner Beiträge verzweifelt: »Wo kommt eine Zeitung hin, wenn sie auf die Leser hört, die ihr Briefe schreiben!« Die Frage scheint auf den ersten Blick arrogant zu sein. Sie ist es, auch auf den zweiten. Noch vor zwei Jahren hätte ich den Mann für diesen Ausruf verurteilt. Doch inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher. Die Leserbriefschreiber von heute sind längst nicht mehr die, die ich einmal gekannt habe. Etwa in der Zeit, in der die Porträts entstanden, die in diesem Buch stehen, haben sie sich verändert. Entweder sind es andere Leute, die mir heute schreiben, oder es sind dieselben, die nun plötzlich andere Briefe schicken. Wie auch immer. Die Leserbriefschreiber haben vor allem meine Prominentenporträts treu begleitet. Deswegen haben sie sich diesen Platz am Anfang des Buches redlich verdient.

Früher, als meine Zeitung noch eine wesentlich größere Auflage hatte, dafür aber viel dünner war, bekamen wir kaum Leserbriefe. Dabei war die Zeitung schlecht, uninformativ, unlesbar, wutmachend, und die Leute hätten tausend Gründe mehr gehabt, Leserbriefe zu schreiben, als heute. Vielleicht dachten sie, es hat sowieso keinen Zweck. Sie hätten recht gehabt. Daß die Stasi ihre Hände im Spiel hatte, glaube ich nicht. Denn ab und zu lag ja doch einmal ein Brief oder eine Karte auf dem Schreibtisch.

Wahrscheinlich war es 1988, als mir Erna Paslowski (*) schrieb. Ich hatte einen Beitrag zur Eröffnung des rekonstruierten Heizkraftwerkes Rummelsburg verfaßt, in dem ich behauptete, daß eine neuartige Rauchgas-Reinigungsanlage 99 Prozent des Staubes aus dem Rauch des Werkes filtere und der Berliner Luft vorenthalte. Erstens hatte man mir das so gesagt, und zweitens glaubte ich es. Nun schrieb mir Frau Paslowski, daß sie in umittelbarer Nähe des Werkes wohne, und lud mich auf ihren Balkon ein, um die Wäsche zu inspizieren, die sie nach dem Lesen meines Artikels dort aufgehängt habe. Sie sei schwarz vom Dreck, weil nachts nämlich immer heimlich die Filter abgeschaltet würden. Ich freute mich erst einmal, daß es offenbar normale Leute gab, die die Wirtschaftsseite, die wohl schrecklichste Seite einer schrecklichen Zeitung, überhaupt lasen, und rief dann bei dem Betriebsdirektor an, der mir mitteilte, daß sich die Frau irren müsse. Er jedenfalls wisse nichts davon, daß die Filter nachts abgeschaltet würden, und schließlich sei er der Direktor. Obwohl mir zu diesem Zeitpunkt leise Zweifel kamen (warum sollte mich Frau Paslowski anschwindeln), antwortete ich der Frau mit der Direktorenaussage. Ein gutes Gefühl hatte ich dabei nicht. Ich stellte mir vor, wie Frau Paslowski ihrem Mann den Brief zeigt und ruft: »Nu kiek dir dit an. Eener spinnt hier, und ick bin it nich.«

Um so erstaunter fand ich eine Woche später den zweiten Kartengruß von Erna Paslowki auf meinem Schreibtisch, in dem sie ihre Einladung zur Wäschebeschau wiederholte, aber immerhin mitteilte, daß sie nicht mit einer Antwort gerechnet hätte. Sie bedankte sich. Unglaublich!

Die Wendezeit produzierte weniger wohlmeinende Leserbriefe. Sie weckte den Denunzianten im Schreiber. Säckeweise mutmaßten Bürger über die Quelle des Reichtums ihrer Nachbarn. Wer hohe Hecken vorm Haus hatte, war zwangsläufig bei der Stasi. Ein halbes Jahr lang denunzierte jeder jeden. War die Wortwahl zum Anfang noch zaghaft und beschränkte sich darauf, die Funktion der Verdächtigten durch Anführungszeichen zu entlarven. (Solche »Genossen«, und so was nennt sich »Volksvertreter« …), kam man im Laufe der Zeit zur Sache. So notierte Uwe Heinrich im März 1991: »Als Geschäftsführer sind in der Regel eingefleischte Stalinisten und Mitglieder der kriminellen SED tätig. Diese Subjekte …«. Wobei sich der Schreiber der Unterstützung »mehrerer Bekannter« (»So denke nicht nur ich.«) sicher war. Wer für sich allein schrieb, griff dann sicherheitshalber auch mal zum Pseudonym. Wie »Hans Monitor«, der sich als Intimkenner der Unterhaltungskunst-Szene zu erkennen gab, indem er meinen Beitrag zum Duo Hauff-Henkler um wichtige Details ergänzte. (»Das Paar war mit einem Straßenkreuzer westlichen Fabrikats unterwegs.«)

Die interessantesten Briefe dieser Phase waren jene, die kleine Abenteuergeschichten erzählten. Eines Tages erschien ein etwas abgerissenes Männchen in der Redaktion und gab wortlos einen völlig wirren, jegliche Orthographie- und Grammatikregeln ignorierenden Brief ab, in dem er mitteilte, daß sich jeden Abend mehrere Stasimänner bei ihm einfänden und ihn an elektrische Geräte anschlössen.

Bis zum heutigen Tag schaut in meinem Zimmer gelegentlich ein ehemaliger Westberliner Architekt vorbei, um in umfangreichen Schreib- und Zeichenarbeiten zu belegen, wie er vor einigen Jahren mehrere U-Bahnstationen lang von einem BND-Agenten verfolgt worden sei. Seine Schreiben sind bunt illustriert und ähneln frappierend einem riesigen Mensch-Ärgre-Dich-Nicht-Spiel. Beigefügt sind psychiatrische Gutachten, die beweisen sollen, daß er nicht irre ist. Leider kommt der Mann immer in Augenblicken, wenn etwas zu tun ist. Und er redet ebenso ausdauernd, wie er schreibt.

Es folgte ein kurzes Zwischenspiel der Verwirrung unter den Leserbriefschreibern. Nennen wir es die naive Phase. Sie war vor allem dadurch gekennzeichnet, daß sich zahlreiche Leser darüber beschwerten, daß die Zeitung so dick werde. »Das schaffen wir gar nicht mehr«, beklagte man und »Was sollen die ganzen Anzeigen?« Nun, man hätte antworten können, daß Zeitungen nicht gemacht werden, um dem Leser Freude zu bereiten, sondern vielmehr, um Geld zu verdienen. Das ging nicht, aber es wäre ehrlich gewesen. So aber wartete man geduldig auf das Ende der naiven Phase.

Charakteristisch für diese schöne Zeit war meine Korrespondenz mit Ilse Weber. Eine richtige Korrespondenz war es eigentlich nicht, da Ilse Weber, dem Schriftbild nach eine rüstige Rentnerin, zwar über mich, aber nicht an mich schrieb. Zunächst adressierte sie ihre dicken Briefe an die Leiterin unserer Leserbriefredaktion, von der sie wußte, daß sie immer zurückschreibt. Als dies nicht half, schrieb sie an den Chefredakteur. Ich erhielt jeweils Kopien ihrer Wutausbrüche.

Ilse Weber war die personifizierte naive Phase. Sie nahm jedes Wort für bare Münze. In ihrem ersten Schreiben ging es um Gunther Emmerlich. »Dieser Herr Osang will uns noch das Letzte nehmen, was wir haben«, verteidigte sie die vermeintliche DDR-Errungenschaft Emmerlich. Ilse Weber, gewöhnt an wohlwollende Betrachtungen über den Entertainer, genügten zwei drei spöttische Bemerkungen, um eine Schimpfkanonade anzustimmen, die in der Aufforderung gipfelte: »Lassen Sie den Mann nur noch über Sport schreiben!« Durch die besänftigende Antwort der Leserpostredakteurin angestachelt, verfaßte sie einen zweiten dicken Brief, an dessen Ende sie ihre ursprüngliche Forderung zurücknahm und durch den Befehl: »Schicken Sie ihn ein Jahr zum Arbeiten auf die Insel Hiddensee!« ersetzte. In diesem Schreiben tauchten auch erstmals Beschwerden zu einem Beitrag auf, den ich nie geschrieben hatte. »Wie er unseren Professor Ardenne in den Dreck zieht«, schrieb Frau Weber, »ist gelinde gesagt, eine Schande.« Der Ardenne-Vorwurf (über den Wissenschaftler hatte ich wirklich nie eine Zeile geschrieben) zog sich auch durch die folgenden Schreiben. Das Ende setzte Ilse Weber mit einem resignierenden Brief an den Chefredakteur, in dem sie noch einmal alle Schandtaten auflistete, allerdings auch einen recht versöhnlichen Schluß fand. Sie strich ihren gesamten Strafkatalog und seufzte nur noch: »Wahrscheinlich ist er ja jung und lernt noch dazu.« Ilse Weber hatte aufgegeben, die naive Phase war vorbei.

Die Spreu der Leserbriefschreiber begann sich vom Weizen zu trennen. Es kommen immer noch aufgewühlte Briefe von Menschen, die völlig verunsichert durch diese Zeiten gehen. Doch sie sind nicht mehr naiv. Sie sind bitter-kämpferisch. Wirklich tragische Geschichten sind dort zu lesen. Die Briefe berichten über die tägliche Korruption, über alte und neue Seilschaften, seelenlose Beamte, hirnlose Vergangenheitsbewältiger, ohne zu denunzieren, sie wundern sich über Journalisten, die gestern noch felsenfest das Gegenteil von dem behaupteten, was sie heute schreiben, sie suchen nach Wärme, nach Verständnis. Es sind Briefe, die beantwortet werden müssen.

Andererseits gibt es den selbstbewußten, aufstrebenden Leserbriefschreiber. Wahrscheinlich trägt er fliederfarbene Knitterjacketts, lila Seidenhemden und buntbedruckte Krawatten mit Nadel. Jedenfalls benutzt er moderne Schreibmaschinen und schreibt grundsätzlich an Chefredakteur oder Herausgeber. Der selbstbewußte Leserbriefschreiber ist kleinlich und verlangt am Ende seiner langen und streng gegliederten Ausführungen den »vollständigen Abdruck«. Er verlangt keine Entschuldigung oder Erklärung, er fragt nicht oder grübelt, er verlangt, »dieses Schreiben ungekürzt und an herausragender Stelle abzudrucken«.

Michael Peters wurde durch meinen Artikel über Manfred Stolpe offenbar mitten ins Herz getroffen. Er gab ein regelrechtes Rundschreiben heraus. Durchschläge an den Herausgeber, den Chefredakteur und den für mich zuständigen Redakteur. Nur mir schrieb er nicht. Sein Schreiben glich einem 13punktigen Forderungskatalaog. Hier nur Auszüge:

»1. Wie kann es sein, daß solche Machwerke Platz in einer Tageszeitung finden,...

Erscheint lt. Verlag 31.5.2018
Reihe/Serie Literarische Publizistik
Illustrationen Wulf Olm
Zusatzinfo 18 s/w-Abbildungen
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Essays / Feuilleton
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Bärbel Bohley • Boris Becker • Frank Pfütze • Gunther Emmerlich • Hannelore Kohl • Henry Maske • Horst Sindermann • Ingrid Köppe • Karl-Eduard von Schnitzler • Katrin Krabbe • Klaus-Dieter Henkler • Manfred Stolpe • Michael Schiewack • Monika Hauff • Rainer Simon • Sergej Schilkin • Tamara Danz • Tino Schwierzina • Udo Lindenberg • Walter Momper
ISBN-10 3-86284-417-X / 386284417X
ISBN-13 978-3-86284-417-3 / 9783862844173
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