Alfred Bekker Western - Die Geier vom Lincoln County (eBook)
160 Seiten
Uksak E-Books (Verlag)
978-3-7389-1998-1 (ISBN)
Wenig später preschten sie beide die Brücke entlang, die über den Rio Bonito führte.
Dahinter begann die eigentliche Stadt Lincoln. Eine Main Street, daran aufgereiht wie Perlen an einer Schnur die Häuser.
Derry Payne blieb immer ein paar Meter hinter Jim Donovan zurück, auch wenn sich der Deputy redlich Mühe gab, sein Pferd ebenso anzutreiben, wie es der Town Marshal tat.
Der Abstand vergrößerte sich zusehends.
Payne zeterte herum, aber Donovan achtete nicht darauf.
Er jagte am Dolan Store vorbei, dem größten Gebäude der Stadt, und die Leute auf der Main Street sahen ihm verwundert nach.
Vor dem DEAD APACHE Saloon machte er halt.
Er sprang aus dem Sattel, machte das Pferd fest und passierte dann die Schwingtüren.
Mit einer wuchtigen Bewegung stieß er sie zur Seite. Die Rechte blieb reflexartig in der Nähe des Revolvergriffs, der aus dem tiefgeschnallten Holster herausragte.
Auf dem Boden lag ein Toter in seinem Blut.
Jim kannte ihn.
Es war Saul Jackson, ein Cowboy aus der Umgebung. Jim hatte ihn mal für ein paar Tage wegen einer wüsten Schlägerei ins Jail bringen müssen, aber abgesehen davon war Jackson ein netter Kerl gewesen.
Ein finster wirkendes Quartett stand am Schanktisch. Der einäugige Roscoe und seine Meute blickten den Marshal abschätzig an.
Genüsslich tranken sie ihre Gläser leer.
Einer der Kerle verlangte, dass man ihm nachschenkte.
Slim Carpenter kam jetzt hinter dem Schanktisch hervor.
Der Saloonbesitzer hatte bisher keine Gelegenheit ausgelassen, um Jim Donovan das Leben schwer zu machen. Zu gerne hätte der Besitzer des Saloons DEAD APACHE auch die Big-P Ranch besessen. Und, dass deren Besitzer gleichzeitig auch der Town Marshal war, wurmte ihn zusätzlich.
Allerdings konnte er da wenig machen.
Da Jim seinen Job gut im Griff hatte und das Gesindel der Umgebung gehörigen Respekt vor ihm zeigte, war er bei den Bürgern von Lincoln unumstritten.
Aber irgendwann würde sich auch das ändern! Jedenfalls hatte Slim Carpenter sich das geschworen.
Systematisch arbeitete er daran, dass Jim Donovan irgendwann zu Fall kam und nie wieder aufstand.
Dass man dabei Geduld haben musste, war Carpenter klar. Schließlich war Jim Donovan seinerseits ein zäher Bursche, der sich nicht so einfach aus dem Weg räumen ließ...
Im DEAD APACHE Saloon herrschte jetzt vollkommene Stille.
Slim Carpenter nahm die Zigarre aus dem Mund, auf der er bis dahin herumgekaut hatte. Ein Muskel etwas unterhalb seiner hässlichen Gesichtsnarbe zuckte unruhig.
Aus den Augenwinkeln heraus sah Jim Donovan, wie eines der Saloongirls hastig sein Mieder wieder zuschnürte, das ein fingerfertiger Gast in mühsamer Kleinarbeit endlich hatte öffnen können.
Aber er sah auch noch etwas anders.
Einen Mann mit schulterlangen blonden Haaren und einem beinahe bis zu den Stiefelschäften reichenden Raincoat. Er stand oben an der Balustrade, stieß das heiße, halb ausgezogene Saloongirl, für das er sich vor wenigen Augenblicken noch heftig interessiert hatte, brüsk zur Seite und fingerte an dem 45er herum, den er an der Seite trug.
Jim hatte ihn schon ein paar Mal gesehen.
Immer in Gesellschaft von Slim Carpenter oder einem seiner Vertrauten.
Auf den werde ich aufpassen müssen!, dachte Jim.
Er hatte einen sechsten Sinn dafür.
Andernfalls wäre er längst auf dem Boothill von Lincoln beerdigt worden.
"Erstaunlich, wie schnell das Auge des Gesetzes im DEAD APACHE ist!", stellte der Saloonbesitzer süffisant fest.
"Nachrichten verbreiten sich schnell in Lincoln!", erwiderte Jim Donovan.
"Sie sagen es."
"Sonst sind Sie doch schneller damit, die Toten aus Ihrem Saloon zu räumen, Carpenter!"
"Ich wollte Ihnen die Aufklärung des Verbrechens erleichtern, Marshal."
"Das ich nicht lache!"
"Der tote Gentleman hier hat falsch gespielt, wollte mit dem Geld davon und hat die Waffe gezogen, als seine Mitspieler damit nicht einverstanden waren..."
Jim wandte sich an das finstere Quartett um den Einäugigen.
Er hatte diese Männer aus der Postkutsche steigen sehen und es war ihm von der Sekunde an klar gewesen, mit wem er es zu tun hatte. Mit Leuten, die auf Ärger aus waren.
"Wer hat ihn erschossen?", fragte Jim.
"Ich!", erklärte der Einäugige. "Mein Name ist John Roscoe. Und alle hier im Raum können bezeugen, dass dieser Bastard da auf dem Boden zuerst gezogen hat..."
Jim drehte sich herum.
Die Rechte blieb immer in der Nähe des Revolvergriffs. Den Kerl hinter der Balustrade behielt er auch im Auge.
"Ist es wahr, was der Mann hier sagt?", rief der Marshal. "Hat Mr. Roscoe in Notwehr gehandelt?"
Nacheinander bestätigten einige der Gäste dies. Auch die Saloon-Girls wollten genau gesehen haben, wie Jackson als Erster seine Waffe gezogen hatte.
Ein grimmiger Zug erschien in Jims Gesicht.
"Ich frage mich, ob mancher hier im Raum nicht ein bisschen zu beschäftigt gewesen ist, um das wirklich so genau mitgekriegt zu haben!"
Jims Blick blieb für einen kurzen Moment bei einem dicken Mann hängen, auf dessen Schoß eine Rothaarige mit endlos langen Beinen saß.
Jetzt schaltete sich Slim Carpenter ein.
"Sie gehen entschieden zu weit, Marshal!“ rief er. "Oder wollen Sie wirklich allen ernstes die Ehrenhaftigkeit meiner Gäste anzweifeln?"
Jim gab dem narbengesichtigen Saloonbesitzer darauf keine Antwort.
Er ging zu dem Toten, beugte sich nieder.
"Zwei Einschüsse", stellte er fest. "Ein bisschen viel für reine Notwehr", stellte er fest.
"Sie werden schwer das Gegenteil beweisen können, Marshal!", meldete sich der einäugige John Roscoe zu Wort. "Aber wenn Sie unbedingt wollen, dann nehmen Sie uns fest und machen sich zum Gespött des Gerichts!"
Innerlich kochte Jim.
Aber nichts davon ließ er nach außen dringen.
Er blieb vollkommen beherrscht.
Das Schlimme war, dass Roscoe sogar recht hatte.
Angesichts der Zeugenaussagen konnte dem einäugigen Gunslinger nichts passieren.
Würde mich nicht wundern, wenn Slim Carpenter dich und deine Meute angeheuert hat, um hier Ärger zu machen!, ging es dem Town-Marshal durch den Kopf.
In diesem Augenblick betrat Deputy Derry Payne den Raum.
Er hielt die Schrotflinte unter dem Arm. Der Deputy-Stern prangte an seiner Brust. Den übergroßen Stetson trug er in den Nacken geschoben.
"Alles klar, Jim?", fragte er.
Jim nickte und erhob sich dabei.
"Alles klar."
Paynes Blick wandte sich für ein paar Augenblicke dem toten Saul Jackson zu.
Der Deputy runzelte die Stirn dabei.
Slim Carpenter ging auf den Deputy zu.
"Wie wäre es, wenn Sie Ihr Schießeisen in eine andere Richtung zeigen ließen", schlug er vor. "Sie würden damit die Verletzungsgefahr für uns alle erheblich verringern - Sie eingeschlossen!"
Carpenters Tonfall troff nur so vor ätzender Ironie.
Einige der Männer grinsten, ein barbusiges Girl kicherte schrill.
Derry Payne lief rot an.
"Ich habe das Gefühl, dass ich hier nicht so richtig ernst genommen werde!", stellte er fest. Er tickte gegen den Blechstern an seiner Weste. "Das ist Missachtung der Justiz, würde ich sagen!"
Carpenters Augen blitzten.
"Was Sie nicht sagen, alter Mann!"
Jim kümmerte sich nicht weiter um Carpenter.
Er ging auf das finstere Quartett um den Einäugigen zu. Roscoe lachte zynisch.
Aber als Jim Donovans eisiger Blick ihn traf, verstummte er augenblicklich.
"Ich kann Ihnen diesmal nichts nachweisen, aber ich möchte, dass Sie eins wissen: Ich beobachte Sie! Wie lange wollen Sie in der Stadt bleiben?"
"Wir haben uns noch nicht so recht entschieden. Aber da es hier zumindest einen annehmbaren Saloon mit hübschen Girls gibt, bleiben wir vielleicht länger", meinte John Roscoe. Er schob sich den Hut in den Nacken. Seine Hand berührte den Griff des Revolvers an seiner Seite. "Hübsche Girls soll es hier in der Gegend übrigens noch anderswo geben... Auf einer Ranch, die sich Big-P Ranch nennt, drüben auf der anderen Seite des Rio Bonito..." Er blickte sich zu seinen Begleitern um, in deren Gesichtern sich ein dreckiges Grinsen breitmachte.
"Vielleicht sehen wir uns dort ja auch mal um!", lachte einer von ihnen.
"Verlassen Sie besser die Stadt!", riet Jim. "Sonst wird es Ihnen Leid tun."
"Wollen Sie mir drohen?", zischte Roscoe.
"Fassen Sie es auf, wie Sie wollen, Roscoe!" Jim wandte sich an Carpenter. "Das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen!"
"Hunde, die bellen beißen nicht, Donovan. Das wissen Sie doch!", versetzte der Saloonbesitzer.
"Beziehen Sie das besser nicht auf mich, Carpenter!"
Carpenter atmete tief durch. Seine Nasenflügel bebten. Aber er schwieg.
Jim Donovan drehte sich herum, ging in Richtung Tür.
In diesem Moment zog der Blonde oben hinter der Balustrade seinen Revolver.
Es war ein langer Army-Colt.
Jim hatte die Bewegung aus den Augenwinkeln heraus gesehen. Er ließ sich zur Seite fallen, während die erste Bleibohne haarscharf an seinem Oberkörper...
| Erscheint lt. Verlag | 31.5.2018 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-7389-1998-8 / 3738919988 |
| ISBN-13 | 978-3-7389-1998-1 / 9783738919981 |
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