Kommissar Platow, Band 13: Zahltag auf der Zeil (eBook)
126 Seiten
mainebook Verlag
978-3-947612-14-7 (ISBN)
Martin Olden ist das Pseudonym des Journalisten und Kinderbuchautors Marc Rybicki. Er wurde 1975 in Frankfurt am Main geboren und studierte Philosophie und Amerikanistik an der Goethe-Universität. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Rybicki als Filmkritiker für das Feuilleton der 'Frankfurter Neuen Presse'. Ebenso ist er als Werbe- und Hörbuchsprecher tätig. Bei mainbook erscheint auch Martin Oldens Krimi-Reihe mit Kommissar Steiner: 1. Band: 'Gekreuzigt'. 2. Band 'Der 7. Patient'. 3.Band 'Wo bist du?'. 4. Band 'Böses Netz'. 5. Band 'Mord am Mikro'. 6. Band 'Die Rückkehr des Rippers'. 7. Band 'Vergiftetes Land'. Im Jahr 2013 veröffentlichte er zudem seinen ersten Thriller 'Frankfurt Ripper'. Weitere Titel von Marc Rybicki sind die Kinderbücher 'Mach mich ganz', 'Wer hat den Wald gebaut?', 'Wo ist der Tannenbaum?' und 'Graue Pfote, Schwarze Feder'
Martin Olden ist das Pseudonym des Journalisten und Kinderbuchautors Marc Rybicki. Er wurde 1975 in Frankfurt am Main geboren und studierte Philosophie und Amerikanistik an der Goethe-Universität. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Rybicki als Filmkritiker für das Feuilleton der "Frankfurter Neuen Presse". Ebenso ist er als Werbe- und Hörbuchsprecher tätig. Bei mainbook erscheint auch Martin Oldens Krimi-Reihe mit Kommissar Steiner: 1. Band: "Gekreuzigt". 2. Band "Der 7. Patient". 3.Band "Wo bist du?". 4. Band "Böses Netz". 5. Band "Mord am Mikro". 6. Band "Die Rückkehr des Rippers". 7. Band "Vergiftetes Land". Im Jahr 2013 veröffentlichte er zudem seinen ersten Thriller "Frankfurt Ripper". Weitere Titel von Marc Rybicki sind die Kinderbücher "Mach mich ganz", "Wer hat den Wald gebaut?", "Wo ist der Tannenbaum?" und "Graue Pfote, Schwarze Feder"
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Freitag, 28. Oktober 1977
Mein Finger krümmte sich um den Abzug. Die Kugel schoss aus dem Lauf der Walther. Ihr Flug endete auf der anderen Seite des Raumes und durchschlug mein Gegenüber. Zum Glück war der Kamerad aus Pappe. Ich erfüllte meine Pflicht auf dem Schießstand der Frankfurter Polizei. Sechsmal pro Jahr musste jeder Beamte mit der Waffe üben. Formell war das Training streng geregelt, doch ob man die geforderten Leistungen tatsächlich erbrachte, kümmerte niemanden. Hauptsache, die Anwesenheit auf dem Schießplatz wurde urkundlich bestätigt. Neben mir notierte ein Protokollant die Abgabe des Schusses, mein fünfter an diesem Morgen. Noch einen und ich würde das Magazin geleert, das Soll erfüllt haben. Der Kollege, der die Aufsicht am Stand führte, zeigte mir an, dass ich soeben einen Volltreffer in den Kopf der Zielfigur gelandet hatte. Er hob den Daumen und freute sich. Ich knirschte mit den Zähnen über meinen Fehlschuss. Im Fall eines Feuergefechts, das Gott verhüten mochte, wollte ich den Schützen kampfunfähig machen – nicht ins Jenseits befördern. Ich war Kriminalkommissar, kein Scharfrichter. Unser Staat schien anderer Ansicht zu sein. Im Laufe des kommenden Jahres sollten wir eine neue Dienstwaffe erhalten. Die Walther PPK, Kaliber 7,65 Millimeter, hatte ausgedient. Nach Meinung der Experten war sie zu klein, zu harmlos. Als Zukunftsmodell galt ein Ballermann der Firma SIG Sauer, der Neun-Millimeter-Geschosse abfeuern konnte. Mit mannstoppender Wirkung, wie es hieß. Dadurch könne man schwerbewaffneten Terroristen und Gangstern Paroli bieten. Die Losung klang für mich nach Wildem Westen. Sie passte zu der bleiernen Zeit, in der wir lebten. Nach dem Mord an Hanns-Martin Schleyer hatte die Regierung zur Jagd auf die Rote Armee Fraktion und deren Sympathisanten geblasen. Getrieben von Aktionismus, Hysterie und Vergeltungssucht waren Jugendzentren, alternative Kneipen und Verlage gestürmt worden. Vorige Woche hatte es den Kommunistischen Bund Westdeutschland in der Mainzer Landstraße erwischt. Dreißig Kripo-Kollegen waren an der Durchsuchung beteiligt gewesen, darunter mein Freund Jürgen Hechler. Abgesehen von ein paar Schmähplakaten hatten sie nichts gefunden. Mich erinnerten die blindwütigen Razzien an das Vorgehen der Gestapo. Für derartige Vergleiche hatte unser Bundeskanzler nichts übrig. Er sei es leid, hatte Schmidt gesagt, dass jedes Mal, wenn ein Terrorist ums Leben käme, sofort auf die deutsche Nazi-Vergangenheit verwiesen werde. Ich fand, man konnte die Geschichte gar nicht oft genug zitieren. Schließlich war es der verlogene Umgang mit den Verbrechen des Dritten Reichs gewesen, der den Nährboden für anarchistische Gruppen wie Baader-Meinhof gelegt hatte. Die aggressive Reaktion der Entscheider in Bonn würde den Terror befeuern, anstatt ihm durch Reformen und Aufklärung die Grundlage zu entziehen.
Der Kontrolleur auf dem Schießstand hatte die Pappe ausgewechselt und signalisierte, dass ich meinen finalen Schuss für heute abgeben konnte.
Vor meinem geistigen Auge tauchten Bilder auf, die gestern über den Fernsehschirm geflimmert waren. Ein Trauerzug durch den nebligen Herbstwald. Sprechchöre aus jugendlichen Kehlen: Mörder, Mörder! Ringsum Polizei. Der Stuttgarter Dornhaldenfriedhof. Drei Staatsfeinde in Särgen. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe. Reporter wie Aasgeier an den Gräbern. Macht die Deckel auf! Zeigt uns die Leichen! Kein Respekt vor Angehörigen. Großaufnahmen bestürzter Eltern und Geschwister. Aufdringlicher Fotograf. Ohrfeige von Anneliese Baader, der Mutter. Gut so!
Bei dem Gedanken an das unwürdige Verhalten der Journaille packte mich die Wut. Bereits vor der Beisetzung hatte Springers Hetz-Presse die Proteste in der Bevölkerung geschürt. Die RAF-Gründer dürften nicht neben anständigen Bürgern ruhen. Verdammt, wo denn sonst?!? Hätte man sie auf den Müll schmeißen sollen?!?
Ich atmete tief durch und entsicherte die Pistole.
Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel hatte es treffend formuliert. Im Tod muss alle Feindschaft enden. Die Hoffnung, mich noch zu Lebzeiten mit jener Frau zu versöhnen, die ich aus tiefstem Herzen geliebt hatte, war spätestens im blutigen Herbst `77 gestorben. Petra Helm. Gesucht wegen gemeinschaftlich verübten Mordes an Andreas von Mirbach, Heinz Hillegaart, Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns-Martin Schleyer. Verantwortlich für die Entführung der Landshut nach Mogadischu und die Qualen, die meine Eltern an Bord des Flugzeugs erdulden mussten. Voller Bitterkeit dachte ich an Petras Verbrechen. Bisher hatte meine Ex-Verlobte alles getan, um ihrer gerechten Strafe zu entgehen. Mehrfach war sie mir entwischt.
Ich brachte die Walther in Anschlag und stellte mir vor, Petra gegenüber zu stehen. Sie lächelte grimmig. Ihre Beretta war auf meinen Kopf gerichtet. Mike Notto, mein bester Freund und Partner, hätte nicht gezögert, einen tödlichen Schuss auf sie abzugeben. Ich wusste, dass ich dazu nie in der Lage wäre. Ungeachtet des Leids, das Petra über die Menschen gebracht hatte, konnte ich sie nicht hassen. Ich wollte sie hinter Gittern wissen, nicht an ihrem Grab stehen. Meine Augen fixierten das Ziel. Langsam drückte ich ab. In der Realität wäre der Schuss in Petras Bein gelandet. Schlimm genug. Gedämpft durch den Gehörschutz vernahm ich die Stimme des Aufsichtsbeamten. „Daneben!“
„Irrtum!“, rief ich. „Mitten ins Schwarze!“
Jemand tippte mir von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um und legte die Ohrenschoner ab. Mein Chef war gekommen. Hauptkommissar Hans Söhnlein. Eine imposante Erscheinung. Breite Schultern, kerniges Gesicht. In seinem Zweireiher wirkte er wie ein Flottenadmiral. Aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten und der Namensgleichheit mit einer bekannten Sektkellerei hatten wir ihn Mister Brillant getauft.
„Hab Sie beobachtet, Joe.“ Er bedachte mich mit einem väterlichen Blick. „Wenn Sie im Ernstfall so lange zielen, sind Sie mausetot, mein Lieber.“
„Im Ernstfall hätte ich Abba bei mir und bräuchte keinen Schießprügel.“
„Ihre Schutzhündin in allen Ehren, sie kann nicht jede Gefahr abwenden.“
„Bis jetzt hat`s immer funktioniert“, schmunzelte ich.
Mister Brillant seufzte. Er wusste, dass ich die Walther im Handschuhfach meines Volvos zu deponieren pflegte. „Dafür, dass Sie Ihre Waffe am liebsten spazieren fahren, sind Sie ein ordentlicher Schütze.“
„Glückssache! Ein Sportschütze hat mir gesagt, dass monatlich mindestens 100 Schuss nötig sind, um mit der Pistole fit zu bleiben. Die Polizei trainiert viel zu wenig. Da muss es zu Fehlern kommen, die Menschenleben kosten.“
„Über Fehler will ich mit Ihnen reden. Kommen Sie!“
Seite an Seite verließen wir den Schießstand. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie glauben, Ihr spezieller Freund Seewald sei an einem Komplott beteiligt gewesen, das zum Tod der Häftlinge in Stammheim geführt hat“, sagte Mister Brillant.
„Ferner haben Sie Hauptkommissar Harmsen vom BKA gebeten, diskrete Ermittlungen gegen seinen Kollegen zu führen. Warum haben Sie nicht zuerst mit mir darüber gesprochen?“
Verlegen rieb ich mir die grauen Schläfen. „Verzeihen Sie, war keine böse Absicht, Chef. Ich hatte vor, Sie zu einem späteren Zeitpunkt einzuweihen, sobald konkrete Beweise vorliegen. Dreimal darf ich raten, von wem Sie`s wissen. Mike hat wieder seine große Klappe aufgerissen.“
„Bin Ihrem Partner sehr dankbar, denn dadurch kann ich Sie vielleicht vor einer Riesendummheit bewahren.“ Seine Hand legte sich auf meine Schulter. „Ich beschwöre Sie, lassen Sie die Finger von der Sache!“
„Warum?“ Ich sah ihm fest in die Augen. „Baader, Raspe und Ensslin haben sich nicht umgebracht. Es ist Mord gewesen. Eine Geheimdienst-Aktion, bei der Seewald die Fäden gezogen hat, der alte SS-Mann. Die Indizien sprechen für sich. Wie hätten Pistolen in die Zellen kommen sollen? Die Anwälte können sie unmöglich hineingeschmuggelt haben. Schon der Versuch wäre der helle Wahnsinn gewesen! Jede Aktentasche, jeder Ordner ist vor dem Besuch gefilzt worden. Auf den Waffen, mit denen sich Baader und Raspe angeblich erschossen haben, waren keine Fingerabdrücke zu finden. Das Elektrokabel, in dem Gudrun Ensslins Kopf hing, ist so morsch gewesen, dass es durchgebrochen ist, als man sie aus der Schlinge gezogen hat. Und dieses Ding soll einen Körper gehalten haben, der sich in Todeskrämpfen gewunden hat? Lächerlich!“ Ich redete mich in Rage. „Die Papiere in Ensslins Zelle, die im Todesfall an ihren Anwalt gehen sollten – spurlos verschwunden! Die Überwachungskameras im Flur des siebten Stocks – ausgefallen! Technischer Defekt. Ausgerechnet in dieser Nacht? Welch Zufall! Der perfideste Teil des Plans war jedoch, eine Zeugin am Leben zu lassen. Irmgard Möller. Wer wird ihr glauben, wenn sie aussagt, im Schlaf überfallen und mit einem Messer traktiert worden zu sein? Niemand! Man wird behaupten, dass die verrückte Terroristin ihre Genossen als Märtyrer hinstellt, um neue Anhänger zu gewinnen. RAF-Propaganda. Die Wahrheit hat allein die Staatsmacht gepachtet!“
Mister Brillant lächelte gutmütig. „Fertig?“ Er fischte eine Atika aus der Packung und ließ sein Feuerzeug aufschnappen. „Ob Sie recht haben oder nicht, ich bitte Sie nochmals inständig, sich nicht weiter zu engagieren. Sie setzen Ihre Karriere aufs Spiel, sofern Ihre Theorie an die Öffentlichkeit kommt, und laufen obendrein Gefahr, etwas weitaus Wertvolleres zu zerstören – nämlich die Beziehung zu Fräulein Shimada.“
Ich stutzte. „Wieso? Fujiko liebt mich. Sie ist auf meiner...
| Erscheint lt. Verlag | 31.5.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Kommissar Platow | Kommissar Platow |
| Verlagsort | Frankfurt am Main |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | 70er • 70er Jahre • Andreas Baader • Deutscher Herbst • Die Baader-Meinhof-Bande • Frankfurt • Frankfurt-Krimi • Gudrun Ensslin • Krimi • RAF • Siebziger • Ulrike Meinhof |
| ISBN-10 | 3-947612-14-1 / 3947612141 |
| ISBN-13 | 978-3-947612-14-7 / 9783947612147 |
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