MH370 - Tagebuch der Apokalypse (eBook)
Morawa Lesezirkel (Verlag)
978-3-99070-583-4 (ISBN)
Wolfgang Grin, geboren 1966 in Wien, hat an der Universität Wien Humanmedizin studiert und ist Facharzt für Frauenheilkunde. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen fand er frühzeitig den Zugang zum Sachbuchgenre und im späteren Alter zur Belletristik. Vor allem ethisch-soziologische Probleme und die oft damit in Zusammenhang stehenden gesellschaftlichen Widersprüche faszinieren ihn und stellen die Basis seiner literarischen Überlegungen dar. Gerade simple Zusammenhänge in einem komplexen, globalen Kontext stellen für ihn eine Attraktivität in der Themenwahl dar, wie auch im vorliegenden Fall das Schicksal des Fluges MH370.
Islamabad, Pakistan
4. Oktober 2013 / 8:00 a.m. PKT
Kaum war das Flugzeug auf dem Vorfeld ausgerollt und die Türe geöffnet, war er wieder da. Der Gestank nach Armut und Elend. Eine Ausdünstung, die sich tief bis in die hintersten Hirnwindungen von Joes Gedächtnis gebrannt hatte. Die Passagiere der Businessclass rappelten sich langsam auf mit einer Mischung aus Argwohn und Unbehagen gegenüber der heißen Luft, die durch die offene Kabinentür einströmte. Waren es nur die Spuren des nächtlichen Langstreckenfluges, die einen den Schweiß auf der Stirn aufsteigen ließen oder doch die Hitze, die sich erbarmungslos in Windeseile breit machte. Es war knapp nach acht Uhr morgens und die gleißende Luft auf dem Vorfeld des Islamabad International Airport betrug mit Garantie schon mehr als achtunddreißig Grad Celsius. Joe schnappte sich seine Lederjacke aus dem Gepäcksfach über seinem Sitz und versuchte, sich im Mittelgang der Maschine aufzurichten. Auch das noch, dachte er, als er merkte, dass das Hauptgebäude weit von der Maschine entfernt war. Also runter die Gangway und zu Fuß über das Flugfeld, resignierte Joe beim Anblick des grauen Asphalts durch das ovale Kabinenfenster.
Langsam pressten sich die Passagiere durch die Flugzeugkabine wie durch einen Schlauch zum Ausgang. Die meisten waren Franzosen und Briten, die es geschäftlich in diesen Hinterhof der Welt verschlagen hat. Freilich waren auch Pakistani darunter, aber diese stellten eindeutig die Ausnahme dar. So wie Joe, dem es in diesem Moment bewusst wurde, dass er eigentlich einer von ihnen ist. Nein - gewesen war.
Seinerzeit.
Fünf Jahre ist es her, als Joe das Land verlassen hatte, um die Zukunft im Westen zu suchen. Eine Zeit, die für einen Pakistani ganz und gar nicht einfach gewesen war. Die Narben von 9/11 machten ihm ein Leben in den USA fast unmöglich. Da halfen ihm die Empfehlungen der Economic School of Islamabad, wo er seinen Abschluss gemacht hatte, überhaupt nichts. Ein Moslem, der für eine Green-Card in den USA ansuchte, war fast eine Amtsbeleidigung. Aussichtslos war sein Wunsch, ins Mekka der Wirtschaft zu pilgern, wären da nicht sie gewesen, die sich aus unbegreiflichen Gründen für ihn einsetzten.
Sie hatten den Einfluss und die Verbindungen zu den entscheidenden Stellen in Washington, um seinen Aufenthalt zu arrangieren. Sie standen eines Tages auf der Universität und sprachen ihn an: „Yusuf, du bist mit großem Geschick in der Kunst des Handels von Allah beschenkt worden. Dieses Geschenk verpflichtet dich, große Aufgaben für unser Volk zu bewältigen. Wir würden uns wünschen, wenn du dafür unsere Hilfe annehmen könntest. Lass uns dir deinen Weg ebnen“. Während Joe die Treppen der Gangway aus der Boeing 747 steigt, kommt ihm die Begegnung von damals wie eine Geschichte aus einem arabischen Märchen vor. Er war damals so perplex und so sehr von dem sich öffnenden Lebensweg geblendet, dass er keinesfalls auf die Idee kam, das ihm angebotene Stipendium zu hinterfragen. Ja, Yusuf war wahrscheinlich wirklich der Beste, er war von Allah beschenkt und deshalb musste ihn sein Weg an die Leonard Stern School of Business der Universität New York führen. Das war ihm damals völlig klar und eigentlich fing Joe erst vor wenigen Wochen an, die Begebenheit von damals zu hinterfragen. Während Joe dem Menschentross über das Flugfeld in die Ankunftshalle folgte, erinnerte er sich, wie er damals genau hier von seinen Gönnern verabschiedet wurde. „Yusuf, vergiss dein Volk und deinen Glauben nicht, auch wenn du in der Fremde leben wirst“, gaben sie ihm auf den Weg. Plötzlich war die Einreise in die Vereinigten Staaten und die Aufenthaltsberechtigung kein Problem. Zumindest für zwei Semester an der Universität. Aber das Ausmaß der Fremde erkannte er erst nach einiger Zeit. Ein Moslem, ein Pakistani, war in der Zeit nach 9/11 ein Aussätziger in New York. Leichter wäre es für einen Leprakranken gewesen, unerkannt in der Modelszene zu reüssieren. Die Anfeindungen am Campus waren unerträglich. War es sein Englisch, war es seine Kleidung, war es sein Aussehen, das es ihm unmöglich machte, einen Aushilfsjob anzunehmen.
Ein ganzes Jahr hungerte er sich mit gelegentlichen Vierzig-Dollar-Jobs bei Merrill Lynch durch, indem er Ölförderberichte aus Kuwait ins Englische übersetzte.
Und dann die eigentliche Wende.
Mark, ein Investmentbroker aus der East-Asia Investment Abteilung, sprach ihn an, um ihn für die Kundenbetreuung der arabischen Klienten zu gewinnen. Yusuf änderte seinen Namen auf Joseph um, um in einer arabischkritischen Kultur wieder Fuß in der Gesellschaft fassen zu können. Das Blatt wendete sich tatsächlich und Joe assimilierte sich allmählich in die oberflächliche New Yorker Yuppie Szene. Auch änderte sich sein Alltag zunehmend. Statt die Uni zu besuchen, ließ er sich nun von seinen regelmäßigen Einkommen bestechen und frequentierte häufig die Studentencafés um den Washington Square herum. Freilich, große Sprünge konnte er sich nicht leisten und obwohl Joe versuchte, sich in die typische amerikanische Studentenszene einzufügen, unterschied ihn doch einiges sehr nachhaltig. Während die meisten seiner Kommilitonen in Wohngemeinschaften in der Bronx oder in New Jersey wohnten und jeden Tag mit der Fähre oder der Subway nach Manhattan kamen, wohnte er in Manhattan selbst. Die Adresse 46E verschleierte allerdings gewaltig, um welches Kellerloch es sich in Wahrheit handelte. Dieses Einzimmerapartment im Souterrains eines baufälligen Wohnblockes in der 46. Straße in der Nähe des East Rivers war mehr oder weniger ein Zufallsfund am Schwarzen Brett der Uni. Der Vorteil für Joe: er konnte sogar zu Fuß auf die Uni laufen und das Geld für die Sub sparen. Dienstag und Donnerstag übersetzte er in einem Büro von Merrill Lynch, welches nur zehn Minuten von der Uni entfernt war. Der Job fiel Joe leicht, nicht nur wegen seiner Arabischkenntnisse, sondern auch wegen der typisch immer wiederkehrenden Formulierungen, wenn es um Erklärungen über Förderprobleme ging. Die wenigen Fälle, in denen die Formulierung deutlich vom gewohnten Stil abwich, kommentierte Joe in Klammer mit seinen eigenen Worten. Das muss man etwa so verstehen: „Schlechte Wetterbedingungen verzögern zur Zeit die vorgesehene Pipelineverlegung von X nach Y.“ Eine typische Passage in zahlreichen Berichten, die manchmal jedoch so formuliert wurde: „Die Unvorhersehbarkeit der Wüste verzögert zur Zeit die Pipelineverlegung von X nach Y“. Der feine Unterschied im Arabischen deutete dem Kundigen ganz andere Probleme als etwa einen Wüstensturm an.
Streitereien und Probleme mit Beduinen, lokale territoriale Ansprüche von Nomaden oder einfach nur Geschäftemacherei entlang der Pipelineroute, die für gewöhnlich für den Unternehmer immer mit Kosten verbunden sind. Die persönlichen Anmerkungen von Joe zu seinen Übersetzungen waren – wenn man sie richtig zu deuten wusste – Gold wert. Man konnte vorzeitig erhebliche und kostspielige Probleme herauslesen und gegebenenfalls von dem einen oder dem anderen Projekt die Finger lassen. Zu dieser Zeit war sich Joe dem Wert seiner Kommentare überhaupt nicht bewusst. Auch noch nicht, als ihn eines Tages ein Ruben Rubinowitz in der Mittagspause in Battery Park ansprach. „Mr. Burian, Mr. Joseph Burian“, sprach ihn Rubinowitz damals mit einer Vertrautheit an, als würde er ihn seit Kindheit kennen. „Sie arbeiten doch bei Merrill Lynch. Möchten sie nicht zu uns wechseln?“, fragte er ihn unvermittelt und hielt ihm seine Visitenkarte unter die Nase. Ruben Rubinowitz – Investmentbanking – Salomon Bros. Joe musste wohl wie ein Kamel auf einem Flughafen ausgesehen haben, denn Rubinowitz sah ihm die Verblüffung an und setzte deshalb fort: „Freunde haben mir erzählt, dass sie für uns gute Dienste erbringen könnten. Wir von Salomon Bros. wissen außergewöhnliche Fähigkeiten und Engagement zu schätzen. Sind Sie mit zweiundvierzigtausend einverstanden?“
Ein rüder Stoß von einem Aktenkoffer in Joes linke Niere weckte ihn aus seinen Gedanken. Die Menschenmenge, die schnellen Schrittes über das von erbarmungsloser Hitze heimgesuchte Flugfeld eilte, drängte ihn nun in die gerade mal zwei Meter breite Glastür, die die Verbindung zum Inneren des Flughafengebäudes herstellte. Die Karawane von Passagieren kam abrupt zum Stillstand, da unmittelbar hinter der Glastür die Passkontrolle begann. Trotzdem drängte der hintere Teil der Menschentraube fortwährend weiter, um in den klimatisierten Bauch des Gebäudes zu kommen. Joe suchte seinen Pass aus der linken Jackentasche und überblätterte die ersten beiden Seiten, so dass er gleich die Identifizierungsseite vorzeigen konnte. Wenig Ähnlichkeit hatte auf dem Foto dieser Mann mit Bart, der sich Yusuf Mashi Burian nannte, mit Joe und doch waren beide ein und dieselbe Person. Der Unterschied...
| Erscheint lt. Verlag | 22.3.2018 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| ISBN-10 | 3-99070-583-0 / 3990705830 |
| ISBN-13 | 978-3-99070-583-4 / 9783990705834 |
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