Der Fall Strasshof (eBook)
Morawa Lesezirkel (Verlag)
978-3-99070-518-6 (ISBN)
Jahrgang 1963, Wien Autor, Redakteur, Verfasser von Liedtexten und diversen Kurzgeschichten (erschienen im Grafit Verlag)
II
Die Männer tauschten ihre Handynummern. Richie stieg aus dem Mercedes. Waldner hatte es, nach ein paar kurzen geografischen Hinweisen, erstaunlich eilig, von dem Gelände wieder wegzukommen.
Richie tippte auf die im Handy eingespeicherte Nummer Patricks. Dessen Trommelfell wird ganz schön vibrieren, wenn er erfährt, welch lukratives Projekt Richie hier an Land gezogen hatte.
Patrick war weit mehr als ein Freund. Er war quasi sein Retter, sein Personal Jesus. Aufgetaucht als Pfleger in jener Privatklinik, in der sein Vater ihn nach seinem selbsterwählten Abgang seinerzeit untergebracht hatte.
Selbst nur ein Jahr älter als Richie, stand der dreiste Kerl an seinem Krankenbett, gaffte ihn verächtlich an und meinte dann lakonisch: „Wie erbärmlich muss ein Leben sein, dass man es wegschmeißen will.“
Keine Idee warum, aber in diesem Moment war es Richie erstmals nicht egal, für einen versnobten, drogenabhängigen und gesellschaftlich entbehrlichen Schnösel, aus wohlhabendem Hause gehalten zu werden. Und vertraute sich ihm an. Der Beginn einer tiefen Lebensfreundschaft. Es war letztlich Patricks Vorschlag, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus in Richtung Fernost abzuhauen und sich auf die Suche zu machen. Auf die Suche nach „Richie Richard“. „Entweder Du findest dort einen Weg, mit Deinen Begabungen in unserer Gesellschaft zurechtzukommen, oder Du bleibst dort, wo Dir niemand weh tut. In Klöstern oder Ashrams.“
Patrick checkte – ja, bezahlte sogar – den Flug nach Bombay.
„Und geh’ mir ja nicht verloren. Du schuldest mir ein Ticket“, hieß es von seiner Seite zum Abschied. Er war damals überzeugt, dass die hiesigen Heroindealer diesen Kunden auf ewig verloren hätten, ohne dass er abgekratzt war.
Heute hatte Patrick Lechner seinen Master in Pädagogik und war Leiter eines Kinderheims in einem Wiener Außenbezirk. Nebenbei jobbte er als Streetworker, war überzeugter Misanthrop und obendrein Präsident des von ihm gegründeten Vereins „Kinderklappe“.
„Und, Fall gelöst?“, kam es scherzhaft vom anderen Ende der Leitung.
„Na, für Hunderttausend werde ich mich wohl ein paar Tage hier herumtreiben dürfen.“
„Hallo!“ kam der Aufschrei von Patrick. „Du bist jetzt nicht etwa beim Schilling stecken geblieben?“
„Nein…“ genoss Richie den gelungenen Überraschungseffekt.
„Du hast denen Hunderttausend Euro abgezockt?“
„Es ist das, was sie bereit sind, zu löhnen. Also warum sollte ich es für weniger machen? Hab ich von Dir gelernt. Hab ich? Oder haben wir keine Verwendung dafür?“
„Allerdings. Hunderttausend Euro“, wiederholte Patrick und ließ sich die Summe auf der Zunge zergehen.
„Da blockieren vermutlich ein paar harmlose Geister ein Riesen-Bauprojekt. Das sind Peanuts für die.“
Richie erzählte Patrick in kurzen Zügen, was Sache war. Und wie ihn der Bürgermeister zuerst mit Zehntausend abspeisen wollte.
„Richie, Richie, alter Scharlatan. Hast dem Schlitzohr hinter seine Löffel gespürt, was? Hut ab, mein Freund.“ Eigentlich war Patrick ein bisschen auf sich selber stolz. Denn es war echt harte Überzeugungsarbeit, seinen großherzigen Freund davon zu überzeugen, für seine Dienste die Hand aufzuhalten: „Was du als Gefälligkeit siehst, ist für andere eine erbrachte Leistung.“ Aber erst das Argument, „Unsere Kinder brauchen…“, brachte Resultate in Form von dankend angenommenen Geldspenden.
„Als Chefe sage ich, nimm Dir frei, solange Du brauchst, und knack denen die Nuss. Als Dein Freund sage ich, pass auf, auf Dich.“
Richie schaltete sein Mobiles auf Lautlos. Keine Ablenkung. Durch nichts und niemanden. Fühler offen ging er die Dammstraße entlang Richtung Osten. Auf der rechten Seite erhob sich der Bahndamm. Dahinter schien sich die Trasse der Nordbahn zu befinden. Ein vorbeifahrender Güterzug bestätigte seine Vermutung.
Linkerhand standen die besagten, längst verlassenen Häuser. Der Architektur nach zu schließen aus der Zwischenkriegszeit. Allerdings ziemlich abgefuckt. Bröckeliger Verputz, desolate Dächer und teilweise kaputte Fensterscheiben ließen auf eine extrem unbehagliche Bewohnbarkeit schließen. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Kein Auto. Lässt man das alte Wrack, in einem der verwilderten Vorgärten der Häuser, außer Betracht. Dieses Modell war Richie gänzlich unbekannt. Dürfte also weit vor den Siebzigern aus dem Verkehr gezogen worden sein.
Die Häuser - zwölf an der Zahl - waren in Vierergruppen im Reihenhauscharakter aufgestellt. Dazwischen befanden sich Trampelpfade, einst betoniert. Heute, brüchig und verwachsen. Die Natur holt sich eben alles unerbittlich zurück. In den letzten der Wege bog Richie ein, entlang der eingezäunten Gärten. Vor ihm das besagte Gelände, das er nun etwas gründlicher unter seine sensorische Lupe nehmen wollte. Hinter den Häusern querte ein Feldweg, der östlich in einem Birkenwald verschwand. Laut kürzlich eingeprägtem Plan dürfte dahinter die Siedlung Silberwald sein.
Da lag es. Von hier konnte er die Dimension des betreffenden Gebietes erkennen. Eingezäunt mit einem locker zwei Meter hohen Maschendrahtzaun. Die Höhe war wertlos, weil der Zaun sowas von verrostet war, dass er kein wirkliches Hindernis bedeutete. Da nutzten auch die mit neuwertigerem grünem Maschendraht geflickten Stellen nichts.
Richie entdeckte das Tor am westlichen Ende des Areals. Obwohl ihm der Bürgermeister den Schlüssel fürs Vorhängeschloss gegeben hatte, ersparte er sich den Weg dorthin. Er zwängte sich durch eine Öffnung im Gitter. Drinnen war er. Aber nichts war hier. Er spürte nichts Totes. Und schon gar nichts Lebendiges. Er spürte Verlassenes. Seelenlose Energie. Richie graute vor dem Gedanken, sich auf diesem unwirklichem Gebiet Stunden oder gar Tage herumtreiben zu müssen. Denn eines war es spürbar nicht: ein idyllisches, abgelegenes Plätzchen. Dieses Fleckchen Erde hatte Geschichte. Eine finstere. Aber da war dieses exorbitante Honorar, das natürlich einen gewissen Einsatz rechtfertigte. Hätte Richie in diesem Moment nur erahnt, welch Entsetzen und Horror ihn hier erwartete, bestünde von seiner Seite kein Zweifel. Sein Engagement war jeden Cent wert.
Richie ging über ein altes Fundament, das vermutlich mal der Boden einer riesigen Halle gewesen sein musste. Zerbeulte Metallregale lagen herum. Rosteten still und leise dahin. Auf dem Betonboden befanden sich Geleise, die wenige Meter nach der ehemaligen Halle ins Leere verliefen. Im Gestrüpp rundum lagen Mauerreste, Fensterrahmen, jede Menge Glasscherben. Ob gesprengt oder niedergerissen konnte Richie nicht beurteilen. Aber definitiv nicht von der Natur plattgemacht. Er stapfte weiter durch das Gebiet, Richtung Hochstand. Dieser erhob sich im hinteren Teil, wo das komplette Areal von einem Mischwald begrenzt war. Der Regen der letzten Tage hatte den Boden aufgeweicht. Das gesamte Feld glich einer Müllhalde. Unsere Zivilisation lässt grüßen. Plastikflaschen, Getränkedosen, verrostete Karosserieteile, prall gefüllte Müllsäcke. Jede Menge Gerümpel lag verstreut herum. Lagerfeuerstellen verrieten, nicht alle Menschen hatten Angst vor Geistern. Tonnenschwere, riesige Betontrümmer, aus denen dicke Eisenstäbe ragten, waren Zeitzeugen der ehemaligen Bunker. Mannstiefe Sprengkrater und vom Wind der Jahrzehnte abgerundete Erdhügel wechselten in Unregelmäßigkeit. Alte vermorschte Baumstümpfe und auch solche, die erst unlängst geschnitten wurden, ragten aus dem Boden. „Aus Sicherheitsgründen regelmäßig gerodet“, wie Waldner betonte.
Entgegen den Warnungen des Bürgermeisters kletterte Richie auf den Hochstand. Weil von oben hatte man sicher einen besseren Überblick. Dachte er. Mehr vorsichtig als geschickt erreichte er das Plateau, dessen Holzbretter gefährlich unter seinem Gewicht knarzten. Eine daumenbreit gefüllte Schnapsflasche hinterließ den Eindruck, dass der letzte Besucher es offenbar recht eilig hatte, hier runter zu kommen.
Augenblicklich fühlte sich Richie beobachtet. In aller Gelassenheit ließ er seinen Blick über die Landschaft schweifen. Auf der westlichen Breitseite des Geländes führte ein schmaler Feldweg von der Dammstraße in Richtung Wald. Ein rotweißer Schranken verhinderte die Durchfahrt. Am Beginn des Feldweges, Ecke Dammstraße, befand sich ein Vorplatz zum Gelände, wo Waldner ihn hatte aussteigen lassen. Dort war auch das versperrte Gittertor, sichtlich der einzige befahrbare Zugang.
Der Platz, in der Größe, dass man locker noch mit einen LKW umdrehen konnte, war umrandet mit Holzschwellern, Baumschnitt, aufgehäuftem vertrocknetem Gestrüpp, zwei Maschendrahtrollen und einem mit Metallbändern...
| Erscheint lt. Verlag | 16.3.2018 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| ISBN-10 | 3-99070-518-0 / 3990705180 |
| ISBN-13 | 978-3-99070-518-6 / 9783990705186 |
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