Das Haus der verlorenen Kinder & Solange die Hoffnung uns gehört (eBook)
983 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-1571-0 (ISBN)
Zwei große Romane der Bestseller-Autorin in einem E-Book.
Das Haus der verlorenen Kinder.
Nimmt man einer Mutter ihr Kind ... Norwegen im Jahr 1941 - In dem kriegsgebeutelten Land verlieben sich Lisbet und ihre Freundin Oda in die falschen Männer - in deutsche Soldaten. Ihre verbotene Liebe fordert einen hohen Preis, und die beiden jungen Frauen verlieren alles, was ihnen lieb ist. Ausgerechnet bei den deutschen Besatzern scheinen sie Hilfe zu finden, doch dann wird Lisbet von ihrer kleinen Tochter getrennt. Erst lange Zeit später findet sich ihre Spur - in Deutschland ...
Eine dramatische Geschichte um zwei junge Frauen in Norwegen im Zweiten Weltkrieg, deren Schicksal bis in die Gegenwart reicht.
Solange die Hoffnung uns gehört.
Bis wir einander wiederfinden - Frankfurt, 1938 - Als Sängerin darf die Jüdin Anni nicht mehr auftreten. Nur mit Mühe kann sie für sich und ihre kleine Tochter Ruth sorgen. Die Angst vor dem NS-Regime wird immer größer, aber all ihre Bemühungen, gemeinsam auszureisen, scheitern. Schließlich ringt sich Anni zu der wohl schwersten Entscheidung für eine Mutter durch: Um wenigstens ihre Tochter in Sicherheit zu wissen, schickt sie Ruth mit einem der Kindertransporte nach England. So bald wie möglich will Anni ihr folgen. Doch dann bricht der Krieg aus, und sie kann das Land nicht mehr verlassen ...
Die berührende Geschichte einer jungen Mutter, die ihr Kind zu retten versucht, indem sie es auf eine Reise ins Ungewisse schickt.
Hinter LINDA WINTERBERG verbirgt sich Nicole Steyer, eine erfolgreiche Autorin historischer Romane. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern im Taunus.
Im Aufbau Taschenbuch liegen von ihr zahlreiche Romane vor, darunter die Berliner Hebammen-Saga mit den Titeln 'Jahre der Veränderung', 'Aufbruch in ein neues Leben', 'Schicksalhafte Zeiten' und 'Ein neuer Anfang'. Nach dem großen Erfolg dieser Reihe widmet sich die Autorin nun ihrem Herzensprojekt: eine Hebammengeschichte aus ihrer eigenen Heimat zu erzählen.
Eins
Wiesbaden, Deutschland, Oktober 2005
Marie schritt am Spielfeldrand des Schachbrettes entlang und fixierte nachdenklich die lebensgroßen Figuren. Sie ahnte, dass sie verloren hatte. Sie holte tief Luft, dann schaute sie zu ihrer Gegnerin, die auf der Parkbank gegenüber saß. »Hat es überhaupt noch Sinn weiterzumachen?«
Betty schüttelte den Kopf. »Du kannst nur noch mit dem Turm ziehen, was dir aber nichts bringen wird, denn mit meinem nächsten Zug bist du schachmatt.«
»Und wenn ich den Bauern dorthin setze?« Marie trat auf das Spielfeld und rückte die Figur voran.
Bettys Blick war Antwort genug.
»Ich gebe auf.« Marie nahm die Hände in die Höhe. »Du hast schon wieder gewonnen.«
Betty erhob sich von der Parkbank, trat aufs Spielfeld, schob ihre Dame zwei Felder nach rechts und rief triumphierend: »Schachmatt!« Ein Grinsen um die Lippen, drehte sie sich zu Marie um. »Muss schließlich alles seine Richtigkeit haben.«
Marie, die nicht gern verlor, zwang sich zu einem Lächeln und seufzte: »Das ist kein freiwilliges soziales Jahr, das ist Folter. Wenn ich gewusst hätte, dass alte Leute so anstrengend sind, ich hätte mir eine andere Beschäftigung gesucht.«
»Alte Leute?« Betty sah um sich. »Wo sind hier alte Leute?«
Marie grinste. Betty war vierundachtzig, was sie nicht daran hinderte, ihre ganz eigene Art der Eitelkeit zu pflegen. Sie hatte sich damit abgefunden, ästhetisch zweifelhafte orthopädische Schuhe tragen zu müssen, doch ihre restliche Kleidung war modern und von ausgesuchter Qualität. Altbackene Strickwesten und formlose Pullover suchte man bei ihr vergebens. Am liebsten trug sie Blusen, enggeschnittene Rollis und schwarze Leggings aus diesem neumodischen Zeugs, das sie Elasthan nannten. Hätte es früher schon geben müssen, hatte sie einmal zu Marie gesagt, dann hätten die Röcke nicht ständig gekniffen. Ihr Haar war silbergrau – Färben wäre ihr nicht in den Sinn gekommen. Dafür umgab sie ein leichter Hauch von Chanel Nº5, was Marie wie ein Klischee vorkam. Sie selbst benutzte nur praktisches, nach Vanille duftendes Deo aus der Drogerie. Betty hielt nichts von praktischen Deos, genauso wie sie nichts von orthopädischen Schuhen, dem Altersheim oder ihrem Zimmernachbarn Karl-Theodor hielt.
»Spielen wir noch eine Runde?«, fragte die alte Dame.
Marie blickte auf die Uhr. »Ich fürchte, wir müssen zurück.«
»Nicht doch, jetzt schon?« Betty verzog enttäuscht das Gesicht.
»Bald wird es dunkel, und um sechs gibt es Abendbrot«, sagte Marie. Betty antwortete nicht. Sie setzte sich wieder auf ihre Parkbank, verschränkte die Arme vor der Brust und hielt ihre Nase in die herbstliche Abendsonne. Marie ließ sie gewähren. Sie kannte Bettys Launen. Trotzdem hatte sie die alte Dame ins Herz geschlossen. Sie war anders als die anderen Bewohner des Heimes, die sich die Zeit mit Tratschen, Fernsehen und Brettspielen vertrieben. Ihre gemeinsame Leidenschaft fürs Schachspielen hatten sie nur durch Zufall entdeckt. Marie hatte Else Bauer im Aufenthaltsraum einen Tipp gegeben, durch den die alte Dame ihren Gegner, den alten Heinz-Ulrich, geschlagen hatte. Seitdem hatte sich Betty hartnäckig an ihre Fersen geheftet, denn es gab nur wenige gute Schachspieler im Heim; glaubte sie Bettys Worten, gar keine.
Im Frühjahr hatte Marie ihre Stelle im Haus Sonnenschein angetreten. Kurz davor war sie von Berlin nach Wiesbaden gezogen. Die Idee mit dem freiwilligen sozialen Jahr war ihr eher zufällig gekommen. Das BWL-Studium war nichts für sie gewesen, genauso wenig wie die Ausbildung zur Bankkauffrau. Mit ihrer Launenhaftigkeit bei der Arbeitssuche hatte sie ihren Betreuer beim Jugendamt, Herrn Paul, zur Weißglut getrieben. Einen aalglatten Burschen, der mit seinen braunen Cordanzügen und der schwarzen Hornbrille wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit wirkte, ebenso wie das rote Backsteingebäude, in dem das Jugendamt untergebracht war. Zuletzt hatte sie dieses Gebäude kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag betreten. Herr Paul hatte ihr an diesem Tag persönliche Dinge ihrer Eltern übergeben, die bisher im Jugendamt aufbewahrt worden waren. Darunter eine alte Tasche ihrer Mutter, die mit allerlei Krimskrams gefüllt war. Erst vor einer Weile hatte sie in dieser Tasche zufällig die Fotografie eines alten Hauses in einer Seitentasche entdeckt, die ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Haus Sonnenschein, 1945 war auf der Rückseite zu lesen. Sie stellte Nachforschungen im Internet an und fand das Haus. Es stand in Wiesbaden und war ein Altersheim. Weshalb ihre Mutter diese Fotografie aufbewahrt hatte, erschloss sich Marie nicht. Zufällig wurden in dem Heim junge Menschen für ein freiwilliges soziales Jahr gesucht, und sie hatte sich spontan beworben und war angenommen worden. Vielleicht war die Fotografie ein Wink des Schicksals oder einfach nur Zufall, wer wusste das schon. Es hatte sich gut angefühlt, Berlin hinter sich zu lassen, eine Stadt, die ihr stets fremd geblieben war.
In Wiesbaden angekommen, hatte sie sich schnell eingelebt. Die Stadt am Rhein war gemütlich, dabei mondän und überschaubar. Sie bewohnte ein kleines Zimmer in einer WG, die in einem der für diese Gegend typischen Stadthäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert lag. Ihre beiden Mitbewohnerinnen waren grundverschieden. Die blonde Julia war eher eine Nachteule – vor neun Uhr morgens nicht ansprechbar, unordentlich und hektisch. Kerstin hingegen war ruhig und besonnen. Mit ihrem kurzgeschnittenen braunen Haar wirkte sie unscheinbar. Sie studierte Germanistik und Philosophie, und in ihrem Zimmer gab es unendlich viele Bücher. In den Tagen nach ihrer Ankunft hatte Kerstin ihr die Stadt gezeigt. Die prachtvolle Wilhelmstraße, den Neroberg mit seiner kleinen Bergbahn, das Biebricher Schloss, das direkt am Rheinufer lag. Ganz besonders beeindruckte Marie das im Stil der Neorenaissance erbaute Staatstheater, das inmitten altehrwürdiger Villen und Parkanlagen die vergangenen Zeiten Wiesbadens aufleben ließ. Hier hatte sie auch das Freiluftschachspiel entdeckt, im sogenannten Warmen Damm, wie die Wiesbadener den nahe dem Theater liegenden Park nannten.
Betty war ganz verzückt gewesen, als Marie es ihr zum ersten Mal gezeigt hatte, und inzwischen war es zu einer schönen Gewohnheit geworden, dass sie einmal in der Woche hierherkamen.
Marie wusste, dass Betty nicht gern ins Heim zurückging, das sie abfällig als »die Bude« bezeichnete. Viele Freunde hatte die alte, oft eigenwillige Dame dort nicht. Die meiste Zeit verbrachte sie in ihrem Zimmer. Nur Karl-Theodor besuchte sie ab und an. Der alte Herr mit den buschigen grauen Augenbrauen und dem freundlichen Lächeln war eine hartnäckige Frohnatur und ließ sich nicht so schnell vertreiben, was Marie gefiel. Betty konnte durchaus Gesellschaft vertragen, auch wenn sie selbst das anders sah.
Marie räumte die Schachfiguren zurück in die Kisten, setzte sich neben die alte Dame auf die Bank und blickte zu dem großen Weiher in der Mitte des Parks. Die Äste einer Trauerweide trieben im Wasser, auf dem Enten, einige Blesshühner und zwei Schwäne schwammen. Der Herbst hatte die Blätter der Bäume bunt gefärbt, durch die sanfte Sonnenstrahlen ihre Muster auf die Wege zeichneten. Der Duft von trockenem Laub hing in der milden Luft. Auf der nahen Wiese lag eine Gruppe junger Mädchen, die sich kichernd unterhielten. Ein Jogger lief an ihnen vorüber und grüßte knapp. Fahrradfahrer fuhren über die bekiesten Wege. Ein kleines Mädchen, kaum zwei Jahre alt, lief quietschend zum Wasser, verfolgt von seiner Mutter. Kurz vorm Ufer erwischte sie die Kleine, nahm sie lachend in den Arm und wirbelte sie durch die Luft. Marie beobachtete die beiden wehmütig. Als ihre Welt zusammenbrach, war sie nicht viel älter als die Kleine gewesen. Es passierte an einem milden Herbsttag wie heute. Sie hatte auf dem Rücksitz des Wagens gesessen, in dem ihre Eltern den Tod gefunden hatten. Ob ihre Mutter sie jemals so durch die Luft gewirbelt hatte, oder ihr Vater? Sie wusste es nicht. Ihre Gesichter kannte sie nur von Fotos, und ihre Gegenwart war eine vage Erinnerung aus einer unerreichbaren, Geborgenheit versprechenden Welt.
»Wie hieß noch gleich dieses nette Café, in dem wir letztens waren?«, riss Betty sie aus ihren Gedanken. »Da könnten wir noch auf einen Sprung vorbeischauen. Die backen leckere Torten.«
»Maldaner, das Café heißt Maldaner«, erwiderte Marie abwesend. Die Frau und das Mädchen hatten begonnen die Enten zu füttern.
»Richtig, das war der Name. Lass uns dorthin gehen. Das Abendbrot im Heim ist immer derselbe Einheitsbrei – Käse, Wurst, ein wenig Brot, an guten Tagen eine Tomate oder Gurke. Phantasie ist für diese Küche ein Fremdwort.« Die alte Dame stand entschlossen auf.
»Torte ist allerdings auch kein besonders gutes Abendessen«, wandte Marie ein.
»Ja, aber sie macht glücklich. Und ein bisschen Glück ist gut für die Seele.« Betty zwinkerte Marie aufmunternd zu. »Ist nicht immer leicht im Leben. Es hat keinen Sinn, die dunklen Wolken zuzulassen, besonders nicht, wenn die Sonne so schön scheint.«
Marie lächelte. Die alte Dame mochte stur sein, manchmal vielleicht auch wunderlich, doch sie hatte feine Antennen für die Menschen um sie herum. Oftmals kam es Marie so vor, als wüsste Betty alles über sie, obwohl sie ihr nie viel von sich erzählt hatte.
»Also gut. Wenn Torte glücklich macht, ist das natürlich etwas anderes«, lenkte Marie ein.
Die beiden schlenderten Richtung Wilhelmstraße, vorbei an dem altehrwürdigen Nassauer Hof, in dem schon Kaiser Wilhelm II.,...
| Erscheint lt. Verlag | 2.7.2018 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2. Weltkrieg • Besatzung • Bundle • Drittes Reich • E-Book Bundle • England • Familiengeheimnis • Flucht • Frauenschicksal • Judenfeindlichkeit • Judenverfolgung • Kinder • Kindertransporte • Kindsraub • Kriegskinder • Liebe • Mütter • Nationalsozialimus • Norwegen • Rettung • Roman • Soldaten • Tabu • Verlust • Wiesbaden • Zweiter Weltkrieg |
| ISBN-10 | 3-8412-1571-8 / 3841215718 |
| ISBN-13 | 978-3-8412-1571-0 / 9783841215710 |
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