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Jerry Cotton Sonder-Edition 78 (eBook)

Sechs Mörder und fünf Masken

(Autor)

eBook Download: EPUB
2018 | 1. Aufl. 2018
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-6404-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Jerry Cotton Sonder-Edition 78 - Jerry Cotton
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Jahrelang hatten sie auf die Gelegenheit zu dem großen Coup gewartet. Als es losging, waren sie bis an die Zähne bewaffnet und bis ins Kleinste vorbereitet. Auch der spätere Rückzug war tadellos gesichert. Sie waren sechs Mörder. Aber sie hatten nur fünf Masken ...

1

Auftakt:

Bankhaus »Davidson Bros.«

Die beiden Männer trugen schwarze Anzüge und schwarze Krawatten. Jeder schob eine niedrige, zweirädrige Karre vor sich her. Die kleinen chromblitzenden Räder waren mit Vollgummi bereift. Sie verursachten nicht das leiseste Geräusch. Dafür rumpelte der Lift in dem alten Haus umso hörbarer.

In der vierten Etage drückten sie ihre kleinen Karren aus der Fahrstuhlkabine hinaus. Einer der beiden Schwarzgekleideten blieb stehen und brachte einen Zollstock aus seinem Jackett zum Vorschein. Er maß die Tiefe der Fahrstuhlkabine aus, schließlich ihre Diagonale.

»Es wird knapp werden«, sagte er.

Der andere runzelte die Stirn. Er hatte ein rundes, volles Gesicht mit einer breiten Knollennase. Auf dem linken Nasenflügel saß eine bräunliche Warze. Seine seeblauen Augen standen eng beieinander, sodass es manchmal schien, als schielte er.

»Irgendwie muss es gehen«, erwiderte er.

Sie gingen mit ihren Karren an der Reihe der dunkelbraunen Wohnungstüren entlang, bis sie das Schild mit der Aufschrift Joseph David Parker gefunden hatten. Der Erste zupfte seine weißen Handschuhe zurecht. Er war hagerer als sein Begleiter, aber breit in den Schultern und kräftig. Er klingelte.

Es dauerte lange, bevor die Tür geöffnet wurde. Eine üppige Vierzigerin in einem schwarzen Spitzenkleid sah die beiden Männer stumm an. Sie tupfte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. Hinter ihr hörte man das leise Weinen von anderen Frauen.

»Guten Morgen, Ma’am«, sagten die beiden Männer, und der Hagere fügte mit einem verbindlichen Neigen des Kopfes hinzu: »Dürfen wir Ihnen noch einmal unser Beileid ausdrücken zu dem schweren Verlust, der Ihre Familie getroffen hat?«

»Danke«, erwiderte die Frau und unterdrückte ein Schluchzen. »Kommen Sie herein, bitte.«

Es war ein großes Wohnzimmer, das unmittelbar hinter der Flurtür begann. Die drei großen Fenster zur Straßenseite hin waren von Vorhängen verdeckt. An der Decke brannte das Licht in einem sechsarmigen Kronleuchter. Die Möbel waren alt, abgenutzt und zu den Wänden hin verschoben, damit Platz war für den Sarg, in dem Joseph David Parker die letzte Nacht in seiner Wohnung zugebracht hatte. Zwei Brüder des Toten, weißhaarige Greise, standen ein wenig verloren im Hintergrund. Einer spielte nervös an seiner dicken Uhrkette.

Neben dem Sarg knieten drei schwarz gekleidete Frauen. Sie sahen den beiden Männern entgegen, begriffen, dass der Tote weggebracht werden sollte, und weinten laut auf.

»Es … es kommt so plötzlich«, sagte die Üppige leise.

»Aber die Zeit war vereinbart«, erwiderte der mit der Knollennase.

»Ja. Natürlich. Trotzdem kommt es irgendwie … ach, ich weiß auch nicht. Haben Sie nicht noch ein paar Minuten Zeit? Vielleicht möchten Sie in der Küche eine Tasse Kaffee trinken?«

Die beiden Männer tauschten einen schnellen Blick.

Der Hagere schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, Ma’am«, gab er gedämpft zurück. »Aber wir müssen in einer Stunde schon den nächsten … Hm, Sie verstehen?«

Die Frau nickte ein paarmal, während ihr große Tränen über die Wangen liefen. Sie rang die Hände, raffte sich zu einem Entschluss auf und beugte sich über die mittlere der drei Frauen, die vor dem Sarg knieten.

»Ella«, sagte sie schluchzend, »Ella, du musst jetzt Abschied nehmen … Komm … Sei tapfer, Ella …«

Die Frauen weinten lauter. Die beiden Männer wandten sich diskret zu den Vorhängen vor den Fenstern. Zwei, drei Minuten verstrichen, in denen man nur das Weinen der Frauen hörte. Schließlich drehte sich der Hagere um. Die Frauen neben dem Sarg waren aufgestanden. Der Hagere stieß seinen Begleiter an.

Sie schlossen den Sarg und schoben an beiden Enden ihre Karren darunter. Mit einer stummen Verbeugung gegen die Leidtragenden rollten sie den Sarg mit gemessenen Schritten hinaus. Eine Frau wollte ihnen nachlaufen, aber sie hörten, wie die Üppige sie zurückhielt. Die Wohnungstür schloss sich hinter ihnen. Die Fahrstuhlkabine erwies sich als ein Problem. Sie nahm die Länge des Sarges nicht auf.

»Verdammt«, knurrte der Hagere leise. »Pack an.«

Sie schoben den Sarg schräg hinein, aber sie mussten ihn am Kopfende noch anheben, bevor sich die Fahrstuhltür schließen ließ. Im Erdgeschoss wandten sie sich nach links zum Hofausgang. Ächzend trugen sie die Last vier ausgetretene Stufen hinunter. Der schwarze Buick nahm den Sarg auf. Sie schlugen die Türen zu und streiften ihre weißen Handschuhe ab. Der Hagere setzte sich ans Steuer. Er blickte auf die Uhr an seinem Handgelenk.

Es war 9:12 Uhr am Vormittag des 25. April.

***

Hoffentlich kommen sie pünktlich, dachte Bankdirektor Frank R. Sheridan und ging nervös in seinem großen Arbeitszimmer hin und her. Die Zeit spielte eine entscheidende Rolle. Eine sehr entscheidende. Mit fahriger Geste fuhr er sich über das Doppelkinn. Die Aufregung tat ihm nicht gut. Er spürte wieder einmal sein Magengeschwür.

Durch das große vergitterte Fenster blickte er hinauf zu dem wolkenverhangenen, grauen Aprilhimmel. Es sah nach Regen aus. Fielen nicht schon die ersten Tropfen auf das flache Dach im Nebenhof? Sheridan schaute hinüber zu der Reihe der vier Garagen. Die Türen standen offen, die Boxen waren leer. Natürlich. Die Wagenbesitzer gingen ihrer Arbeit nach. Zum letzten Mal in dieser Woche. Es war ja Freitag. Sheridan schob seine Brille mit den dicken Gläsern höher. Stand da nicht vor den Garagen? Tatsächlich, ein schwarzer, großer Buick. Ein Leichenwagen.

Dann war der gute, alte Parker nebenan wohl doch von seinem Krebsleiden erlöst. Sheridan seufzte. Sein Magengeschwür, das Wetter, der Anblick des Leichenwagens, sie brachten ihn in eine melancholische Stimmung. Wofür rackerte man sich eigentlich ab? Am Ende stand unerbittlich der große, schwarze Buick mit den goldenen Palmenzweigen auf den Seiten.

Er drehte sich um und kehrte an seinen Schreibtisch zurück. Die Arbeit musste getan werden, auch wenn man wieder einmal seine trübsinnigen Gedanken hatte. In letzter Zeit hatte er sie viel zu oft. Waren es die Vorboten des Alters, die unbarmherzig auf ihn zukamen? Er drückte die Taste an seiner Vorzimmer-Gegensprechanlage.

»Ist Miss Longdale da?«, fragte er.

»Ja, Sir«, tönte es aus dem grauen Kunststoffgehäuse.

»Gut«, sagte er »Sie wissen ja, auf wen ich warte. Unterbrechen Sie sofort, wenn die Gentlemen kommen. Inzwischen schicken Sie Miss Longdale herein.«

Er sah zur Tür. Vor fast vierzig Jahren hatte es bei ihm auch einmal so begonnen. Wie die Zeit verflogen war. Er sah sich noch als aufgeregter Junge im Vorzimmer. Irgendwie war das ganze Theater lächerlich gewesen. Lieber Gott, was geschah denn schon? Man hatte die Schule hinter sich gebracht und trat eine Lehre in einer Bank an. Etwas ganz Alltägliches. Warum mussten dabei nur so große Worte gemacht werden? Er beschloss, es anders zu machen und auf keinen Fall pathetisch zu werden.

Als die Tür aufging, weiteten sich seine Augen hinter den dicken Brillengläsern. Er vergaß immer wieder, dass die Jugend heutzutage schneller reifte, als er es aus seinen Kindertagen in Erinnerung hatte. Das blonde, stupsnasige Mädchen, das hereingekommen war, konnte nicht viel älter als sechzehn Jahre sein. Auf Sheridan wirkte sie wie eine Zwanzigjährige.

Sie trug einen lindgrünen Minirock, der ihre schlanken Beine freizügig sehen ließ. Der blütenweiße, flauschige Pullover umhüllte jugendlich straffe Formen. Die großen grünen Augen blickten ihm unbefangen entgegen.

»Guten Morgen, Sir«, sagte die Kleine und hielt ihm die schlanke Mädchenhand hin. »Da bin ich also.«

»Ja … äh«, erwiderte Sheridan und suchte nach Worten. Er sah die Sommersprossen auf der kecken Stupsnase, er entdeckte einen dezent aufgetragenen Lippenstift, und er ertappte sich bei dem Gedanken, dass die jungen Mädchen heute weitaus hübscher wirkten als zu seiner Zeit. »Nehmen Sie bitte Platz, Miss Longdale. Ich möchte keine großen Worte machen. Als ich seinerzeit meine Lehre antrat, wurde mir eine lange Rede gehalten. Zum Schluss, glaube ich, habe ich gar nicht mehr zugehört.«

»Das geht mir auch immer so«, meinte Cherry Longdale in entwaffnender Ehrlichkeit. »Oh, ich hasse diese salbungsvollen Reden! Sie hätten hören sollen, was da bei unserer Schulentlassungsfeier zusammengeredet worden ist. Mir tat der Po weh vom langen Sitzen. Können Sie sich das vorstellen?«

Sheridan hielt eine Sekunde die Luft an. Unwillkürlich streifte sein Blick über die wohlgerundeten Hüften des Mädchens, das schon so viel reife Weiblichkeit ausstrahlte.

Er räusperte sich. »Hm. Ja. Also. Was ich sagen wollte. Sie haben sich entschlossen, das Bankhandwerk, wenn ich mal so sagen darf, zu erlernen. Sie haben sich für einen schönen und verantwortungsvollen Beruf entschieden, Miss Longdale.« Er machte eine Pause, weil ihm eingefallen war, dass er doch nicht pathetisch werden wollte. »Aber selbstverständlich ist es nur ein Beruf wie tausend andere auch«, fügte er, gegen seine Überzeugung, hinzu.

Sie lächelte ihn an.

»Ich denke, dass unsere verdiente Miss McDouglas Sie an den ersten Tagen am besten einführen kann. Miss McDouglas ist eine unserer treuesten Mitarbeiterinnen. Sie ist schon über zwanzig Jahre bei uns. Ich hoffe, Miss Longdale, dass Sie gut mit ihr auskommen werden. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie sich bei uns wohlfühlen und Ihnen der Beruf, den Sie nun erlernen...

Erscheint lt. Verlag 8.5.2018
Reihe/Serie Jerry Cotton Sonder-Edition
Jerry Cotton Sonder-Edition
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 2017 • 2018 • Abenteuer • alfred-bekker • Bastei • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • erste-fälle • gman • G-Man • Hamburg • Horst-Bosetzky • international • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Krimis • krimis&thriller • letzte fälle • martin-barkawitz • nick-carter • Polizeiroman • Reihe • Roman-Heft • schwerste fälle • schwerste-fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • Spannungsroman • stefan-wollschläger • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • uksak • Wegner
ISBN-10 3-7325-6404-5 / 3732564045
ISBN-13 978-3-7325-6404-0 / 9783732564040
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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