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Die Gedichte (eBook)

Neue kommentierte Gesamtausgabe

(Autor)

Barbara Wiedemann (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2018 | 1. Auflage
1257 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-75693-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Gedichte -  Paul Celan
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Paul Celans vielfältige Lektüren von Büchern, Zeitschriften und Tagespresse waren ihm ebenso Ausgangspunkt für Gedichte wie persönliche Begegnungen und politische Ereignisse. Als 2003 erstmals eine kommentierte Gesamtausgabe seiner Gedichte erschien, stand die Erschließung solcher Quellen noch am Anfang. Im Zuge der Publikation der bedeutendsten Briefwechsel und der kritischen Werkausgaben sowie der Erforschung von Celans Nachlassbibliothek mit seinen Lesespuren, Anstreichungen und Notaten konnten gegenüber der Ausgabe von 2003 nicht nur knapp 60 Gedichte ergänzt und alle Texte einer sorgfältigen Prüfung unterzogen werden. Der Kommentar ist ebenfalls neu gestaltet und erheblich erweitert, gerade auch durch intensive Recherchen im Bereich von Celans Presselektüren.

Mit der neuen Ausgabe wird dem Leser eine Fülle belegbarer Informationen für das Verständnis von Celans Lyrik an die Hand gegeben: Erst dadurch wird dieser immer noch als ?hermetisch? betrachtete Autor in der ganzen Konkretheit und Radikalität seiner Realitätserfahrung erkennbar.



<p>Paul Celan wurde am 23. November 1920 als Paul Antschel als einziger Sohn deutschsprachiger, jüdischer Eltern im damals rumänischen Czernowitz geboren. Nach dem Abitur 1938 begann er ein Medizinstudium in Tours/Frankreich, kehrte jedoch ein Jahr später nach Rumänien, zurück, um dort Romanistik zu studieren. 1942 wurden Celans Eltern deportiert. Im Herbst desselben Jahres starb sein Vater in einem Lager an Typhus, seine Mutter wurde erschossen. Von 1942 bis 1944 musste Celan in verschiedenen rumänischen Arbeitslagern Zwangsarbeit leisten. Von 1945 bis 1947 arbeitete er als Lektor und Übersetzer in Bukarest, erste Gedichte wurden publiziert. Im Juli 1948 zog er nach Paris, wo er bis zuseinem Tod lebte. Im selben Jahr begegnete Celan Ingeborg Bachmann. Dass Ingeborg Bachmann und Paul Celan Ende der vierziger Jahre und Anfang der fünfziger Jahre ein Liebesverhältnis verband, das im Oktober 1957 bis Mai 1958 wieder aufgenommen wurde, wird durch den posthum veröffentlichten Briefwechsel <em>Herzzeit </em>zwischen den beiden bestätigt. Im November 1951 lernte Celan in Paris die Künstlerin Gisèle de Lestrange kennen, die er ein Jahr später heiratete. 1955 kam ihr gemeinsamer Sohn Eric zur Welt. Im Frühjahr 1970 nahm sich Celan in der Seine das Leben.</p>

Paul Celan wurde am 23. November 1920 als Paul Antschel als einziger Sohn deutschsprachiger, jüdischer Eltern im damals rumänischen Czernowitz geboren. Nach dem Abitur 1938 begann er ein Medizinstudium in Tours/Frankreich, kehrte jedoch ein Jahr später nach Rumänien, zurück, um dort Romanistik zu studieren. 1942 wurden Celans Eltern deportiert. Im Herbst desselben Jahres starb sein Vater in einem Lager an Typhus, seine Mutter wurde erschossen. Von 1942 bis 1944 musste Celan in verschiedenen rumänischen Arbeitslagern Zwangsarbeit leisten. Von 1945 bis 1947 arbeitete er als Lektor und Übersetzer in Bukarest, erste Gedichte wurden publiziert. Im Juli 1948 zog er nach Paris, wo er bis zum seinem Tod lebte. Im selben Jahr begegnete Celan Ingeborg Bachmann. Dass Ingeborg Bachmann und Paul Celan Ende der vierziger Jahre und Anfang der fünfziger Jahre ein Liebesverhältnis verband, das im Oktober 1957 bis Mai 1958 wieder aufgenommen wurde, wird durch den posthum veröffentlichten Briefwechsel Herzzeit zwischen den beiden bestätigt. Im November 1951 lernte Celan in Paris die Künstlerin Gisèle de Lestrange kennen, die er ein Jahr später heiratete. 1955 kam ihr gemeinsamer Sohn Eric zur Welt. Im Frühjahr 1970 nahm sich Celan in der Seine das Leben. Barbara Wiedemann, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Lehrtätigkeit an der Universität Tübingen, Herausgeberin von Werken und Briefen Paul Celans. Bertrand Badiou ist Leiter der Celan-Arbeitsstelle an der École normale supérieure (Paris). Er ist Herausgeber von Werken und Briefen Paul Celans in Deutschland und in Frankreich und betreut zusammen mit Eric Celan den Nachlass des Dichters.

An den Toren


DRÜBEN


Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.

 

Von dort kommt nachts ein Wind im Wolkenwagen

und irgendwer steht auf dahier …

Den will er über die Kastanien tragen:

»Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir!

Erst jenseits der Kastanien ist die Welt …«

 

Dann zirp ich leise, wie es Heimchen tun,

dann halt ich ihn, dann muß er sich verwehren:

ihm legt mein Ruf sich ums Gelenk!

Den Wind hör ich in vielen Nächten wiederkehren:

»Bei mir flammt Ferne, bei dir ist es eng …«

Dann zirp ich leise, wie es Heimchen tun.

 

Doch wenn die Nacht auch heut sich nicht erhellt

und wiederkommt der Wind im Wolkenwagen:

»Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir!«

Und will ihn über die Kastanien tragen –

dann halt, dann halt ich ihn nicht hier …

 

Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.

TRAUMBESITZ


So leg das Laub zusammen mit den Seelen.

Schwing leicht den Hammer und verhüll das Angesicht.

Krön mit den Schlägen, die dem Herzen fehlen,

den Ritter, der mit fernen Mühlen ficht.

 

Es sind nur Wolken, die er nicht ertrug.

Doch klirrt sein Herz von einem Engelsschritte.

Ich kränze leise, was er nicht zerschlug:

die rote Schranke und die schwarze Mitte.

SCHLAFLIED


Über die Ferne der finsteren Fluren

hebt mich mein Stern in dein schwärmendes Blut.

Nicht mehr am Weh, das wir beide erfuhren,

rätselt, der leicht in der Dämmerung ruht.

 

Wie soll er, Süße, dich betten und wiegen,

daß seine Seele das Schlummerlied krönt?

Nirgends, wo Traum ist und Liebende liegen,

hat je ein Schweigen so seltsam getönt.

 

Nun, wenn nur Wimpern die Stunden begrenzen,

tut sich das Leben der Dunkelheit kund.

Schließe, Geliebte, die Augen, die glänzen.

Nichts mehr sei Welt als dein schimmernder Mund.

AM BRUNNEN


Wie heb ich, sag, auf brüchigen Gelenken

den Krug voll Nacht und Übermaß?

Versonnen ist dein Aug von Angedenken;

von meinem Schritt versengt das hohe Gras.

 

Wie dir das Blut, wenn Sterne es befielen,

ward mir die Schulter einsam, weil sie trug.

Blühst du der Art von wechselnden Gespielen,

lebt sie der Stille aus dem großen Krug.

 

Wenn sich die Wasser dir und mir verfinstern,

sehn wir uns an – doch was verwandeln sie?

Dein Herz besinnt sich seltsam vor den Ginstern.

Der Schierling streift mir träumerisch die Knie.

REGENFLIEDER


Es regnet, Schwester: die Erinnerungen

des Himmels läutern ihre Bitterkeit.

Der Flieder, einsam vor dem Duft der Zeit,

sucht triefend nach den beiden, die umschlungen

vom offnen Fenster in den Garten sahn.

 

Nun facht mein Ruf die Regenlichter an.

 

Mein Schatten wuchert höher als das Gitter

und meine Seele ist der Wasserstrahl.

Gereut es dich, du Dunkle, im Gewitter,

daß ich dir einst den fremden Flieder stahl?

EIN KRIEGER


Hörst du: ich rede zu dir, wenn schwül sie das Sterben vermehren.

Schweigsam entwerf ich mir Tod, leise begegn ich den Speeren.

 

Wahr ist der endlose Ritt. Gerecht ist der Huf.

 

Fühlst du, daß nichts sich begibt als ein Wehn in den Rauten?

Blutend gehör ich getreu der Fremden und rätselhaft Trauten.

 

Ich steh. Ich bekenne. Ich ruf.

MOHN


Die Nacht mit fremden Feuern zu versehen,

die unterwerfen, was in Sternen schlug,

darf meine Sehnsucht als ein Brand bestehen,

der neunmal weht aus deinem runden Krug.

 

Du mußt der Pracht des heißen Mohns vertrauen,

der stolz verschwendet, was der Sommer bot,

und lebt, daß er am Bogen deiner Brauen

errät, ob deine Seele träumt im Rot.

 

Er fürchtet nur, wenn seine Flammen fallen,

weil ihn der Hauch der Gärten seltsam schreckt,

daß er dem Aug der süßesten von allen

sein Herz, das schwarz von Schwermut ist, entdeckt.

BERGFRÜHLING


In den Körben blau den Rauch der Fernen,

Gold der Tiefen unterm Tuch, dem härnen,

kommst du wieder mit gelösten Haaren

von den Bergen, wo wir Feinde waren.

 

Deinen Brauen, deinen heißen Wangen,

deinen Schultern mit Gewölk behangen,

bieten meine herbstlichen Gemächer

große Spiegel und verschwiegne Fächer.

 

Aber oben bei den Wasserschnellen,

über Primeln, du, und Soldanellen,

ist wie hier dein Kleid mit goldnen Schnallen

weiß ein Schnee, ein schmerzlicher, gefallen.

DER ÖLBAUM


Die Hörner der Hölle, im Ölbaum verklungen:

stießen sie Luft durch sein Herz, daß es leer ward und schrie?

Schlief er nicht süß über uns und wir waren umschlungen?

Segnest du ihn und verlöschen wir sie?

 

Einst, als wir Finsternis festlich begingen,

kam er zu uns in den Abgrund und sang.

Nun, da ihn frierende Hörner umfingen,

ließ er uns schlummern und zittert am Hang.

 

Dürfen wir, licht, wenn die Brände beginnen,

wandernder Ölbaum, hinauf zu dir gehn?

Daß deine Zweige, süß und von Sinnen,

mit uns im Feuer, im riesigen, stehn?

NÄHE DER GRÄBER


Kennt noch das Wasser des südlichen Bug,

Mutter, die Welle, die Wunden dir schlug?

 

Weiß noch das Feld mit den Mühlen inmitten,

wie leise dein Herz deine Engel gelitten?

 

Kann keine der Espen mehr, keine der Weiden,

den Kummer dir nehmen, den Trost dir bereiten?

 

Und steigt nicht der Gott mit dem knospenden Stab

den Hügel hinan und den Hügel hinab?

 

Und duldest du, Mutter, wie einst, ach, daheim,

den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim?

DER PFEIL DER ARTEMIS


Für Alfred Margul-Sperber

Die Zeit tritt ehern in ihr letztes Alter.

Nur du allein bist silbern hier.

Und klagst im Abend um den Purpurfalter.

Und haderst um die Wolke mit dem Tier.

 

Nicht, daß dein Herz nie Untergang erfuhr

und Finsternis nie deinem Aug befahl …

Doch trägt vom Mond noch deine Hand die Spur.

Und in den Wassern sträubt sich noch ein Strahl.

 

Wie soll, der über himmelblauen Kies

sich mit den Nymphen drehte, leicht,

nicht denken, daß ein Pfeil der Artemis

im Wald noch irrt und ihn zuletzt erreicht?

SEPTEMBERKRONE


Es trommelt der Specht an den Ast die barmherzige Zeit:

so gieß ich das Öl über Esche und Buche und Linde.

Und winke der Wolke. Und schmücke mein lumpiges Kleid.

Und schwinge die silberne Axt vor dem Sternlein im Winde.

 

Beschwert sind die östlichen Himmel mit Seidengewebe:

dein lieblicher Name, des Herbstes Runengespinst.

Ach, band ich mit irdischem Bast mein Herz an die himmlische Rebe

und wein, wenn der Wind sich nun hebt, daß du klaglos zu singen beginnst?

 

Herunter zu mir kommt der sonnige Kürbis gerollt:

erschallt ist die heilende Zeit auf den holprigen Wegen.

So ist auch das letzte nicht mein, doch ein freundliches Gold.

So lüftet sich dir noch wie mir jener Schleier aus Regen.

FLÜGELRAUSCHEN


Die Taube aber säumt in Avalun.

So muß ein Vogel über deine Hüften finstern,

der halb ein Herz und halb ein Harnisch ist.

Ihm ist es um dein nasses Auge nicht zu tun.

Zwar kennt er Schmerz und holt ihn bei den Ginstern,

doch seine Schwinge ist nicht hier und unsichtbar gehißt.

 

Die Taube aber säumt in Avalun.

 

Der Ölzweig ward geraubt von Adlerschnäbeln

und wo dein Lager blaut im schwarzen Zelt zerpflückt.

Rings aber bot ich auf ein Heer auf Sammetschuhn

und laß es schweigsam um den Kranz des Himmels säbeln.

Bis du dich schlummernd nach der Lache Bluts gebückt.

 

Das ist: ich hob, als sie gewaltig fochten,

den Scherben über sie, ließ alle Rosen fallen

und rief, als mancher sie ins Haar geflochten,

den Vogel an, ein Werk des Trosts zu tun.

Er malt dir in das Aug die Schattenkrallen.

 

Ich aber seh die Taube kommen, weiß, aus Avalun.

DER...


Erscheint lt. Verlag 9.7.2018
Co-Autor Bertrand Badiou
Illustrationen Gisèle Celan-Lestrange
Mitarbeit Kommentare: Barbara Wiedemann
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Lyrik / Dramatik Lyrik / Gedichte
Schlagworte Dichtung • Erstdrucke • Gedichtband • Gedichte • Klassiker • Kommentar • Lektüre • Lesespuren • Literatur • Literaturwissenschaft • Lyrik • Lyrisch • Lyrisches Werk • Nachlass • Poesie • poetisch • Recherche • ST 5105 • ST5105 • suhrkamp taschenbuch 5105
ISBN-10 3-518-75693-1 / 3518756931
ISBN-13 978-3-518-75693-5 / 9783518756935
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