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Die schwarze Frau (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2019
Goldmann Verlag
978-3-641-23435-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die schwarze Frau - Simone St. James
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Vermont 1950. Idlewild Hall ist ein Ort für Mädchen, die keinen anderen Platz in der Gesellschaft haben. Abends erzählen sich die Schülerinnen Schauergeschichten von der »schwarzen Mary«. Doch als eines Nachts eine von ihnen unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, wird der Schrecken real. 2014 ist das Internat eine Ruine, aber die Journalistin Fiona Sheridan kann nicht von Idlewild Hall lassen: Hier wurde vor 20 Jahren ihre Schwester ermordet. Als man bei Renovierungsarbeiten eine weitere Mädchenleiche findet, beginnt Fiona zu recherchieren. Dabei rührt sie an dunkle Geheimnisse, die besser für immer verborgen geblieben wären …

Simone St. James schrieb schon in der Highschool ihre erste Geistergeschichte. Später war sie 20 Jahre in der Filmbranche tätig, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Spannungsromanen widmete. Mit ihrem Mann und ihrer verwöhnten Katze lebt sie in der Nähe von Toronto, Kanada.

Kapitel 1

Barrons, Vermont

November 2014

Das Klingeln ihres Handys riss Fiona aus dem Schlaf. Sie fuhr hoch und umklammerte das Lenkrad ihres Autos, starrte durch die Windschutzscheibe in die Dunkelheit.

Blinzelnd versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen. Hatte sie etwa geschlafen? Sie hatte auf dem gekiesten Randstreifen der Old Barrons Road angehalten, daran erinnerte sie sich noch, um in Ruhe dasitzen und nachdenken zu können. Dabei musste sie eingenickt sein.

Das Mobiltelefon klingelte erneut. Sie hatte es auf den Beifahrersitz geworfen. Schnell warf sie einen Blick darauf. Das Display leuchtete in der Dunkelheit. Jamies Name und die Uhrzeit: drei Uhr morgens. Heute war der Tag, an dem Debbie vierzig geworden wäre, wenn sie noch leben würde.

Sie griff nach dem Telefon und nahm den Anruf an. »Jamie«, sagte sie.

Seine Stimme am anderen Ende der Leitung war nur ein leises Murmeln, verschlafen und vorwurfsvoll. »Ich bin aufgewacht, und du warst weg.«

»Ich konnte nicht schlafen.«

»Und deshalb bist du gegangen? Um Himmels willen, Fee, wo bist du?«

Sie öffnete die Wagentür und schwang die Beine hinaus in die kühle Luft. Er würde wütend sein, aber sie konnte es nicht ändern. »Ich bin an der Old Barrons Road. Unten am Hügel. Ich habe auf dem Seitenstreifen geparkt.«

Jamie schwieg einen Augenblick, und sie wusste, dass er überlegte, welches Datum heute war. Debs Geburtstag. »Fee.«

»Ich wollte gerade nach Hause fahren. Wirklich.« Sie stieg aus dem Auto, richtete sich auf und spürte, wie ihre steifen Beine protestierten. Die kalte Luft machte sie schlagartig hellwach, und der Wind fuhr ihr in die Haare. Sie ging zum Straßenrand und blickte nach links und rechts, während sie die freie Hand in die Tasche ihrer Windjacke steckte. In der Richtung, aus der sie gekommen war, sah sie ein Straßenschild – dreißig Meilen bis nach Burlington – und die verschwommenen Lichter der Nachttankstelle oben auf dem Hügel. Dahinter, und nicht mehr in Sichtweite, kreuzte sich die Straße mit der North Road, wo sich jede Menge Fastfood-Restaurants, noch mehr Tankstellen und ein paar Geschäfte befanden. In der anderen Richtung, hinter der Motorhaube ihres Wagens, war nur noch Dunkelheit – als würde die Barrons Road ins Nichts führen.

»Du musst nicht nach Hause fahren«, sagte Jamie gerade.

»Ich weiß«, antwortete Fiona. »Aber ich war unruhig, und ich wollte dich nicht wecken. Deshalb bin ich losgefahren, und dann habe ich angefangen nachzudenken.«

Er seufzte. Sie konnte ihn vor sich sehen, wie er in einem alten T-Shirt und Boxershorts dasaß, an die Kissen gelehnt, und sich die Augen rieb. Seine Schicht begann um halb sieben; sie hatte sich wirklich Mühe gegeben, ihn nicht zu wecken. »Über was nachzudenken?«

»Ich habe mich gefragt, wie viel Verkehr mitten in der Nacht auf der Old Barrons Road herrscht. Wie lange es dauern würde, bis jemand vorbeifährt und ein Auto bemerkt, das hier geparkt ist. Die Cops haben immer gesagt, es sei nicht möglich, dass Tim Christopher sein Auto so lange hier stehen gelassen hat, ohne dass es jemandem aufgefallen ist. Aber sie haben es auch nie überprüft, oder?«

Und da war sie wieder: diese hässliche Sache, die wie ein Dämon an die Oberfläche kam, sobald man darüber sprach. Das, was sie inzwischen so gut verdrängen konnte. In den letzten Tagen, während Debs Geburtstag näher gerückt war, hatte dieser Gedanke die ganze Zeit an ihr genagt. Sie hatte versucht, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, aber heute Nacht, schlaflos in ihrem Bett, war sie nicht mehr dagegen angekommen. »Das tut dir nicht gut«, sagte Jamie. »Das weißt du. Ich weiß, dass du viel an deine Schwester denkst. Ich weiß, dass du um sie trauerst. Aber einfach nach Idlewild zu fahren … das ist etwas vollkommen anderes, Fee.«

»Ich weiß«, sagte Fiona. »Ich weiß, dass wir das schon hinter uns haben. Ich weiß, was mein Therapeut immer gesagt hat. Ich weiß, dass es zwanzig Jahre her ist. Und ich habe wirklich versucht, mich nicht hineinzusteigern, das schwöre ich.« Sie versuchte, das Flehen in ihrer Stimme zu unterdrücken, aber vergeblich. »Hör mir einfach nur zu, ja

»Okay«, antwortete er. »Schieß los.«

Sie schluckte. »Ich bin hier angekommen und habe auf dem Seitenstreifen geparkt. Das war vor« – sie sah auf die Uhr – »dreißig Minuten. Dreißig Minuten, Jamie. Nicht ein einziges Auto ist vorbeigekommen. Kein einziges.« Nach ihrer Rechnung war sie sogar seit fünfundvierzig Minuten hier, aber eine Viertelstunde hatte sie geschlafen, also zählte die nicht. »Er könnte hier geparkt und es getan haben. Das Feld vor Idlewild Hall ist nur zehn Minuten entfernt, wenn man durch den Wald geht. Er hätte jede Menge Zeit gehabt.«

Am anderen Ende der Leitung hörte sie Jamies Atemzüge. Sie waren jetzt seit einem Jahr zusammen – eine Tatsache, die sie immer noch manchmal überraschte –, und er hütete sich, die üblichen leeren Phrasen zu dreschen. Das bringt doch nichts. Du kannst sie nicht zurückholen. Er sitzt im Gefängnis. Es ist zwanzig Jahre her. Das Leben muss weitergehen. Stattdessen sagte er: »1994 war die Old Barrons Road anders. Das Autokino auf der Ostseite hatte noch geöffnet. Da war in den Neunzigern zwar nicht viel los, aber die Jugendlichen haben dort immer Party gemacht, vor allem in der Zeit um Halloween.«

Fiona schluckte den Protest hinunter, der ihr auf der Zunge lag. Jamie hatte Recht. Sie drehte sich um und blickte in der Dunkelheit die Straße entlang, dorthin, wo das alte Autokino einmal gewesen war, jetzt ein verlassenes Gelände. Der schmierige Popcornstand war fort, und hinter den Bäumen war nur noch eine mit Unkraut überwucherte Lichtung. Sie erinnerte sich daran, wie sie und Debbie als Kinder ihre Eltern angebettelt hatten, zum Autokino zu fahren, in der kindlichen Überzeugung, dass das eine aufregende Erfahrung wäre, ein Wunder für die Sinne. Bald hatte sie gemerkt, dass es keinen Zweck hatte. Ihre intellektuellen Eltern würden eher einen Ausflug zum Mond unternehmen, als mit ihnen zum Autokino zu fahren, um Beverly Hills Cop II zu sehen. Deb, drei Jahre älter und klüger, hatte nur den Kopf geschüttelt und angesichts von Fionas Enttäuschung die Achseln gezuckt. Was hast du erwartet? »An einem Donnerstag im November waren sicher nicht viele Jugendliche im Autokino«, sagte sie.

»Aber es waren welche da«, sagte Jamie mit der einfachen Logik von jemandem, dessen Leben nicht aus den Fugen geraten war. »Keiner von ihnen konnte sich daran erinnern, Christophers Auto gesehen zu haben. Das hat man bei den Ermittlungen alles überprüft.«

Fiona verspürte einen Anflug von Erschöpfung, im Widerstreit mit einem plötzlichen Ansturm von Energie, die sie unruhig machte. Sie drehte sich um und ging zügig in die andere Richtung, weg von dem Hügel und den Lichtern der Tankstelle, an ihrem Auto vorbei auf die dunkle Seite der Old Barrons Road. »Natürlich glaubst du, dass sie bei den Ermittlungen alles überprüft haben«, sagte sie zu Jamie, und ihr Ton war schärfer als beabsichtigt. »Du bist schließlich Polizist. Du musst das glauben. In deiner Welt kommen bei so einer Tat die schlausten Köpfe von Vermont zusammen, um den Fall zu lösen und die bösen Jungs einzusperren.« Der Kies am Straßenrand knirschte unter ihren Stiefeln, und der Wind drang durch den Stoff ihrer Jeans. Ein eisiger Schauer durchlief sie, und sie zog den Kragen ihrer Windjacke etwas weiter hoch.

Jamie ging nicht darauf ein, was eins der Dinge war, die sie an ihm wahnsinnig machten. »Fiona, ich weiß, dass sie alles überprüft haben, weil ich die Akten durchgesehen habe. Mehr als einmal. Genau wie du, entgegen allen Regeln und Vorschriften in meinem Job. Es steht alles in der Mordakte. Schwarz auf weiß.«

»Sie war nicht deine Schwester«, sagte Fiona.

Er schwieg einen Augenblick, wie um diese Tatsache anzuerkennen. »Tim Christopher ist verurteilt worden«, sagte er schließlich. »Er wurde des Mordes an Debbie beschuldigt und dafür verurteilt. Er hat die letzten zwanzig Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis verbracht. Und du, Fee, bist immer noch da draußen auf der Old Barrons Road, um drei Uhr morgens.«

Je weiter sie ging, desto dunkler wurde es. Hier war es noch kälter, wie in einer merkwürdigen Wolke eisiger Luft, und sie zog den Kopf ein. Ihre Nasenspitze fühlte sich langsam taub an. »Ich muss wissen, wie er es getan hat«, sagte sie. Ihre Schwester, damals zwanzig Jahre alt, war 1994 erwürgt und mitten auf dem ehemaligen Sportplatz des verlassenen Grundstücks von Idlewild Hall zurückgelassen worden. Sie hatte mit angewinkelten Knien auf der Seite gelegen, die Augen geöffnet, T-Shirt und BH zerfetzt, Stoff und Gummiband mittendurch gerissen. Ihr Freund, Tim Christopher, saß für dieses Verbrechen seit zwanzig Jahren im Gefängnis. Er hatte damals behauptet, er sei unschuldig, und das tat er immer noch.

Fiona war siebzehn gewesen. Sie dachte nicht gern darüber nach, wie der Mord ihre Familie auseinandergerissen hatte, welchen Einfluss er auf ihr Leben gehabt hatte. Es war einfacher, hier am Straßenrand zu stehen und krampfhaft an der Frage festzuhalten, wie Christopher die Leiche ihrer Schwester dort hingebracht hatte. Eine Frage, die nie richtig beantwortet worden war, weil man weder auf dem Feld noch im Wald irgendwelche Fußspuren gefunden hatte und auch keine Reifenspuren am Straßenrand. Ein Zaun umgab das Grundstück von Idlewild Hall, aber der war jahrzehntealt und an vielen Stellen baufällig; Christopher konnte die Leiche ganz einfach durch...

Erscheint lt. Verlag 18.2.2019
Übersetzer Anne Fröhlich
Verlagsort München
Sprache deutsch
Original-Titel The Broken Girls
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte eBooks • Geheimnis der Vergangenheit • Internat • Journalistin • Krimi • Kriminalromane • Krimis • Schauergeschichte • Tote Mädchen
ISBN-10 3-641-23435-2 / 3641234352
ISBN-13 978-3-641-23435-5 / 9783641234355
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