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Das Buch der vergessenen Artisten (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2018
685 Seiten
Limes Verlag
978-3-641-20165-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Das Buch der vergessenen Artisten - Vera Buck
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Die wundersame Welt des Jahrmarkts, dramatische Zeiten und eine Liebe, die auch die größte Dunkelheit erhellt …

Ein Plädoyer wider das Vergessen und ein schillerndes, packendes Panorama der deutschen Geschichte – von den Jahrmärkten und Showbühnen Anfang des 20. Jahrhunderts bis hin zu den Kabaretts und geheimen Künstlertreffs im Berlin der Nazi-Zeit.

Deutschland, 1902. Mathis ist der dreizehnte Sohn eines Bohnenbauern, sein Leben zwischen Äckern und Feldern scheint vorherbestimmt. Erst als der Jahrmarkt im Dorf Einzug hält, bekommt Mathis eine Ahnung von der großen, weiten Welt jenseits der Hügel, die den Ort umgeben. Zusammen mit den Schaustellern begibt er sich auf eine außergewöhnliche Reise.
Berlin, 1935. Der Röntgenkünstler Mathis und seine Partnerin, die Kraftfrau Meta, leben in einer Wohnwagensiedlung am Rande der Stadt. Es sind düstere Zeiten für die Artisten: Auftrittsverbote werden verhängt, Bühnen dichtgemacht. Doch in geheimen Clubs lebt die Vergangenheit weiter. Genau wie in dem Buch, an dem Mathis schreibt – einem gefährlichen Buch, das unter keinen Umständen in die falschen Hände geraten darf …

Vera Buck, geboren 1986, studierte Journalistik in Hannover und Scriptwriting auf Hawaii. Während des Studiums verfasste sie Texte für Radio, Fernsehen und Zeitschriften, später Kurzgeschichten für Anthologien und Literaturzeitschriften. Nach Stationen an Universitäten in Frankreich, Spanien und Italien lebt und arbeitet Vera Buck heute in Zürich. Ihr Debütroman »Runa« (im Taschenbuch »Runas Schweigen«) wurde für den renommierten Glauser-Preis nominiert und, wie auch der Nachfolger »Das Buch der vergessenen Artisten«, von Lesern und der Presse hoch gelobt.

ERSTES KAPITEL

Langweiler, 1902

Die Landschaft war gebrannter Zucker. Braun kandierte Felder, so weit das Auge reichte, ein gelbgoldener Wald und darüber die alles röstende Sonne. Die hatte sich ihre Strahlen für diesen Moment aufgespart. Den ganzen Sommer über hatte es geregnet, bis die Bohnen auf dem Feld ertranken. Heute aber schien sie, was das Zeug hielt.

Der fünfzehnjährige Mathis platschte durch das ausgeweidete Stoppelfeld. Seine Schuhe waren durchnässt. An seinem Hosensaum klebte Matsch, selbst oben am Knie, selbst am Hemd. Er war ein von Matsch besprenkelter Mensch, wie er da so über die Wiese lief und dem Geruch der gebrannten Mandeln folgte. Klebrig und warm und unglaublich süß hing der Duft in der Luft, so greifbar, als hätte der Wind die Kupferpfannen gleich mit den Hügel hinaufgetragen. Statt über den Zaun zu springen, hielt Mathis inne, verschnaufte und kletterte dann umständlich darüber. Ein Bein blieb fast hängen. Es war das rechte, natürlich.

Mathis wollte sich einreden, dass es nichts machte, wenn Lucas und Hans ihn zurückließen. Dass das an einem Tag wie diesem schon mal passieren konnte. Natürlich war der Jahrmarkt eine ganz spezielle Situation, und natürlich wollte niemand auch nur eine Minute verpassen, da konnten sie noch so gut befreundet sein. Alle wussten ja, dass die Gegend zurück in ihren öden Dornröschenschlaf fallen würde, wenn das Wochenende erst mal vorbei war, zurück in die Abwesenheit von jeder Landkarte.

Wie die Wagen überhaupt den Weg hierhergefunden hatten, war allen Bewohnern ein Rätsel. Ausgerechnet in dieses Dorf, in das doch sonst nichts gelangte: keine Neuerungen, keine Erfindungen, keine neuen Menschen, nichts. Alles, was die Bevölkerung produzierte und gebar, blieb, wo es hingehörte. Der Name des Dorfs war Langweiler, und man wusste schon, wieso. Aber jetzt waren da diese Wagen. Und sie hatten Dinge mitgebracht, von denen die meisten Dorfbewohner bislang nie etwas gehört hatten.

Mathis humpelte schneller, wütend über das Bein, das ihn mal wieder von allem abhalten sollte. Jeder Fünfjährige hätte ihn überholen können, doch für Mathis war dieses Tempo ein Sprint. Er bewegte sich sonst nur langsam oder gar nicht. So etwas tat er bloß für den Jahrmarkt. Auf den letzten Schritten den Hügel hinab ging ihm vollends die Puste aus. Er strauchelte und fiel und lag japsend auf dem Rücken, über ihm ein paar weiße Wattewolken und der Duft der gebrannten Mandeln. Mathis wartete darauf, dass Herz und Lunge wieder ihre normale Tätigkeit aufnehmen würden. Dann schob sich ein Kopf in sein Blickfeld.

»Alles klar bei dir, Junge?« Der Mann, der zu dem Kopf gehörte, hatte türkisfarbene Augen, war etwa zwanzig, unrasiert und trug lediglich ein Unterhemd. Die Bänder der Hose baumelten offen um seinen Schritt. Er hatte gerade gepinkelt, als er Mathis kippen sah.

»Ich bin Vincent. Komm, ich helf dir hoch.«

Mathis ergriff die feuchte Hand aus Mangel an Alternativen. Vincent riss ein wenig zu heftig an seinem Arm, als er ihm aufhalf. Mathis’ Größe nach zu urteilen, hätte er eigentlich viel schwerer sein müssen. Doch durch das abgetragene Hemd sah man nicht, dass es den Rippen an Fleisch fehlte. Mathis flog ein Stück durch die Luft und fast an Vincent vorbei, der ihn im letzten Moment an der Schulter festhielt.

»Hoppla«, sagte Vincent.

»Alles in Ordnung.« Mathis klopfte sich verlegen die Hosenbeine ab. Bunte Schaubuden, Zelte, Karren und Waggons drängten sich dort aneinander, wo sonst nur grüne Eintönigkeit herrschte. In der Mitte des Platzes standen ein hölzernes Karussell und dahinter ein Festzelt. Irgendwo schrie ein Tier, das wie ein verletzter Vogel klang. Dann klingelte hinter ihnen eine Glocke, und jemand brüllte etwas in einer fremden Sprache. Vincent zog Mathis zur Seite, damit sie einem krummen kleinen Mann und seinem Kamel Platz machten. Das Tier schaukelte so nah an Mathis vorbei, dass er nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um das sandgelbe Fell zu berühren. Ein Kamel! Normalerweise bekam Mathis nichts als Hunde, Katzen, Ziegen und Kühe zu Gesicht. Ein Kamel kannte er nur aus dem Schulbuch. Es kam ihm vor, als wäre er in eine fremde Welt gestolpert. Als hätte ihn Vincent mit seiner feuchten Hand in eine andere Realität gezogen.

»Danke«, sagt er heiser, doch sein Retter war bereits verschwunden. Er hatte sich die Bänder der Hose zugebunden und war mit der Menschenmenge verschmolzen, die sich auf dem Platz gebildet hatte. Mathis blickte sich um.

Links hatte ein Hundedresseur eine Bühne aufgebaut. Es gab eine Bude mit der Aufschrift: »Illusionstheater. Nur hier zu sehen: die Frau ohne Unterleib!« Direkt daneben drehten Kinder an einem hölzernen Glücksrad. Und rechts kletterte ein Mann auf das Podest einer Schaubude und breitete die Arme aus, als wollte er die ganze Dorfwiese umarmen.

»Meine Damen, meine Herren! Betrachten Sie Marianna, das Gorillamädchen, und Rosa Violetta, die lebende Schaufensterbüste! Sie ist eine erwachsene Frau, aber nur fünfzig Zentimeter groß! Ohne Arme und ohne Beine schreibt, malt und näht sie mit dem Mund. Sie ist reizend! Entzückend! Sie und Ihre Kinder werden sie lieben! Wir haben das Kleinste vom Kleinsten und das Größte vom Größten! Die niedlichste Weltdame Prinzessin Fou Fou, genannt die lebende Teepuppe. Und Pièche, den größten Indianerriesen der heutigen Zeit. Komplett misst er zwei Meter fünfundfünfzig, meine Damen, stellen Sie sich das nur mal vor! Der Clou der Gegenwart!«

Die Menschen auf dem Platz traten neugierig näher, und Mathis ließ sich fasziniert mitschwemmen. Er tastete nach den Münzen in seiner Hosentasche. Den Indianerriesen wollte er gern sehen, und diese Rosa Violetta interessierte ihn auch. Er konnte sich nicht vorstellen, wie so jemand aussah, ohne Arme und Beine. Und er hatte gedacht, das Schicksal hätte ihn hart getroffen.

»Mathis!«

Mathis drehte sich um. Hans bahnte sich einen Weg zu ihm. Er hatte Lucas im Schlepptau und der eine Ziege, die erschrocken meckerte, als sie mitten durch das Chaos an Hosenbeinen und Damenröcken gezogen wurde. Das Tier war dürr und krumm. Dreckklumpen hingen in seinem Fell.

»Hat er eben gewonnen«, erklärte Hans, als er Mathis’ Blick sah. Lucas hielt das Ende des Stricks hoch. Er zog die störrische Ziege ein Stück weiter zu sich heran, als die ersten Jahrmarktsbesucher ins Stolpern gerieten. Die Schlinge um den Hals rutschte ihr fast über den Kopf, aber sie stemmte die astdünnen Beine in den Boden und leistete Gegenwehr.

»Glückwunsch.« Mathis schaffte es nicht, völlig überzeugend zu klingen.

»Danke«, sagte Lucas ebenso wenig enthusiastisch. »Der Hauptpreis war ein Pferd, aber das habe ich nicht bekommen.«

»Offensichtlich nicht.«

Zu dritt blickten sie auf das Tier hinunter. Die Ziege meckerte. Sie machte auch kein glücklicheres Gesicht als ihr neuer Besitzer.

»He! Ihr da!« Der Kassierer des Kuriositätenzelts wedelte verärgert mit der Hand. »Platz da, ihr steht im Weg!«

Offenbar hielt er die Jungen für herumlungernde Bauernbengel, die, statt zu zahlen, durch die Zeltnähte blinzeln wollten. Und fast hätte er damit auch recht gehabt. Aber Mathis, Lucas und Hans hatten in Vorbereitung auf den Jahrmarkt Maulwürfe im Garten des Bürgermeisters von Langweiler gejagt und für jedes tote Tier fünfzehn Pfennige erhalten. Das machte sie zu ehrbaren Kunden.

»Wir können zahlen«, rief Mathis dem Mann zu, der gleich ein wenig freundlicher blickte. Doch als Mathis eine Münze aus seiner Tasche zog und in die Höhe hielt, riss Hans seinen Arm herunter.

»Bist du närrisch? Willst du das hart verdiente Geld etwa hier ausgeben?«

»Sie haben einen Indianerriesen und eine …«, begann Mathis, doch Hans hatte ihn bereits am Handgelenk gepackt und zog ihn aus der Menge.

»Lass uns lieber was Spannendes machen, Mathis!«

»Was soll das heißen? Laufen bei euch die Indianerriesen auf dem Kartoffelacker rum, oder wie?«

»Wir haben was entdeckt, da werden dir die Augen ausfallen. Eine elektrische Berg-und-Tal-Bahn!« Hans leckte sich über die trockenen Lippen, an denen Mathis jetzt Spuren von etwas Rosafarbenem entdeckte. Auch oben an seinem Hemdkragen klebte ein Rest.

»Was hast du da?« Er deutete auf Hans’ Lippen, der sich erschrocken mit dem Ärmel darüberfuhr.

»Ach das«, sagte er.

»Habt ihr etwa ohne mich …?« Mathis entzog sich Hans’ Griff und blieb stehen. Der Freund war verlegen.

»Tut mir echt leid, Mathis, aber du warst auf einmal nicht mehr hinter uns.«

»Ich war die ganze Zeit hinter euch. Ihr habt nur nicht darauf geachtet, wie weit!«

»Ja, vielleicht auch das. Aber es war wirklich nur eine ganz kleine Zuckerwatte. Stimmt doch, Luk?«

Lucas hatte sie eingeholt. Die widerspenstige Ziege sah mittlerweile so aus, als wollte sie ihm die Hörner in die Kniekehle rammen.

»Was stimmt?«

»Ich habe Mathis gerade von der Zuckerwatte erzählt.«

»Oh ja, Mensch, die Zuckerwatte! Die war vielleicht lecker!« Lucas’ Augen begannen zu leuchten. Den wütenden Blick, den Hans ihm zuwarf, bemerkte er gar nicht.

»Ist schon in Ordnung«, sagte Mathis, und es stimmte. Wenn er gekonnt hätte, wäre er auch schneller gelaufen, um Glücksräder zu drehen, Lose zu kaufen und die erste Zuckerwatte seines Lebens zu verdrücken.

»Wusste, du würdest es verstehen.« Hans klopfte ein wenig zu fest auf Mathis’ Schulter, an der die Muskeln nicht wachsen wollten.

»Und jetzt?«, fragte Lucas, und die Freude...

Erscheint lt. Verlag 10.9.2018
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Babylon Berlin • Berlin • Boheme • Carl Gabriel • Charles Chaplin • Claire Waldoff • Coco Chanel • Drittes Reich • eBooks • Entartete Kunst • Frankreich • Glauser-Preis-Nominierung • Historische Romane • historisches Panorama • Jahrmarkt • Kabarett • Mauricia de Thiers • Olympische Spiele • Olympische Spiele 1936 • Österreich • Panoptikum • Panorama • Paris • Roman • Romane • Runa • Schausteller • Schicksalsgemeinschaft • Schweiz • Verfolgte Künstler • "Wasser für die Elefanten" • Wasser für die Elefanten • Weihnachtsgeschenk • Wien • Zirkus • Zürich
ISBN-10 3-641-20165-9 / 3641201659
ISBN-13 978-3-641-20165-4 / 9783641201654
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