Falsche Juwelen zum Afternoon Tea (eBook)
425 Seiten
beTHRILLED (Verlag)
978-3-7325-5405-8 (ISBN)
Ein delikates Verbrechen im Himalaja
Darjeeling, die berühmteste Teestadt im Himalaja: Die beiden Freundinnen Charlotte und Doris verbringen ihren Urlaub in einem luxuriösen Kolonialhotel in Indien. Doch sie erwarten nicht nur exquisiter Tee, gutes Essen und Erholung. Kurz nach ihrer Ankunft geschehen merkwürdige Dinge: Eine Mitreisende behauptet, dass ihr wertvoller Saphirring durch eine Fälschung ausgetauscht worden sei, und einer anderen Dame wird Schmuck entwendet. Charlotte ist alarmiert. Als die Gruppe dann auch noch in den Bergen eingeschneit wird, steht fest: Der Dieb muss unter ihnen sein ...
Ein Roman für Krimifans, Gourmets und Globetrotter: Miss Marple ist wieder da - charmanter, durchtriebener, gewitzter denn je!
eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.
Kapitel 1
Eine Kuh steht vor Doris Gutlieb, als sie aus dem gelben Ambassador-Taxi steigt und spürt, wie klebrige Mittagshitze sich auf ihre Poren legt: weißes Fell mit unregelmäßigen karamellbraunen Flecken, ein nach links hängender Buckel, lackierte Hörner, das rechte hellblau, das linke rot wie Blut. Es scheint ein friedliches, zahmes Tier zu sein, denkt Doris erleichtert nach dem ersten Schreck, kein Grund, nervös zu werden – oder doch? Wer kennt die Gedanken eines frei herumlaufenden Rinds? Das Tier starrt sie aus feuchten, glänzend braunen Augen an und kaut unaufgeregt Luzerne, deren Halme ihm zu beiden Seiten aus dem Maul hängen. Einige Schritte weiter, unter einer leeren Autorikscha, dösen zwei Straßenhunde mit ausgestreckten Beinen im Straßenstaub, die Augen geschlossen, das kurze Fell im Ton des bleichen, fast farblosen Sands, auf dem sie liegen, sodass sie kaum auffallen; daneben ein Karren mit grünen Kokosnüssen, von denen einige auf den Boden gekollert sind, und ein Junge, vielleicht sieben oder acht, mit schmutzigen Fingern und Füßen und wachsamen Augen: der Verkäufer. Eine Krähe mit einem Schnabel von der Größe und Form eines gekrümmten Fingers sitzt auf einer verfallenen Mauer, putzt sich mit schrappendem Geräusch und schaut zwischendurch intelligent zu Doris, den Schnabel weit geöffnet, um die Hitze des Körpers abzuleiten wie ein hechelnder Hund. Eine neugierige, glücklich aussehende Ziege mit Glöckchen um den Hals und schaukelnden Zitzen kommt angetrottet, als Doris versucht, den Kofferraum des Taxis zu öffnen, was ihr nicht gelingt, weil die verzogene Haube irgendwo klemmt. Auf der anderen Straßenseite kauert ein Barbier auf den Platten des Gehwegs, barfuß in weißem Lungi, vor ihm in der Hocke sein Kunde, den Kopf entspannt zurückgelehnt, Kiefer und Wangen weiß eingeschäumt, und rasiert mit höchster Konzentration. Doris meint das feine Raspeln der Barthaare zu hören. Ein süßlicher Geruch von Kuh steigt ihr in die Nase, der Gestank von heißem Gummi, von Urin, Benzin, fauligem Obst, Abgasen. Die Sonne steht hoch, kaum zu erkennen hinter einem trüben Vorhang aus Dunst, Smog und Hitze: Kolkata.
Doris faltet nervös-trotzig ihre Arme und wartet, während ihre Freundin Charlotte Trinkwasser auf der Rückbank im Taxi zweimal das Geld für den Fahrer abzählt, ungewohnte Rupien-Scheine, schmuddelig grau, die Zahlen kaum zu entziffern, als wären die Banknoten versehentlich gewaschen oder in Schweiß getränkt worden. »Du, jetzt steig endlich mal aus, Charlotte«, ruft Doris schließlich, eine Spur Unsicherheit in der Stimme, weil die beiden Straßenhunde ihre Augen geöffnet und die Köpfe gehoben haben, auf sie aufmerksam geworden. »Hier ist was los bei denen. Eine Kuh mit Hörnern steht hier vor mir. Groß wie dein Klavier. Tut aber wohl nichts, die guckt nur, glaube ich. Weiß nicht. Famous last words vielleicht. Eine Ziege. Zwei Köter – was mache ich denn jetzt, Charlotte? Davon stand nichts im Buch. Das ist hier wie Unsere kleine Farm.«
»Danke«, sagt Charlotte zum Fahrer, einem schmächtigen Bengalen mit dichtem, an den Enden aus der Form gelaufenem Schnurrbart und Büscheln von schwarzem Haar in den Ohren. »Das passt so, ja? That’s okay, thank you.« Der Fahrer nickt zufrieden und steigt aus, um sich um das Gepäck zu kümmern: zwei Schalenkoffer, jeweils ziemlich genau zwanzig Kilo schwer, wie das Wiegen beim Einchecken am Münchener Flughafen am Vortag ergeben hat. Er hat sie auf dem Dachgepäckträger des Ambassadors mit einer dicken grünen Nylonschnur festgezurrt und Doris’ lederne Extra-Reisetasche von Chi Chi Fan, ein teures Stück, gleichgültig in den Kofferraum geworfen, in dem leere schmierige Öldosen von Castrol herumrollen.
»Kühe tun nichts«, sagt Charlotte, als sie aussteigt und ihre klebrige, zerknitterte Kleidung zurechtzupft. »Das ist hier sicher nicht anders als im Allgäu. Wo ist sie denn? Ach da, ja, nicht zu übersehen. Ruhig, Doris. Die steht da nur und frisst ihr Zeugs. Wir sind in Indien, da leben Millionen Kühe, weißt du doch. Das ist unser Hotel hier, oder nicht? Dieses Gebäude?«
»Ich glaube schon. Greendale heißt es, sagtest du. Eine Hausnummer steht nicht dran.«
»Genau. Wie grünes Tal.« Charlotte blickt auf das Gebäude, das hinter einer maroden Mauer etwa zwanzig Schritt zurückgesetzt in einem Garten steht, mit einer tiefen Holzveranda, die im Erdgeschoss einmal um das Haus zu laufen scheint. »Es ist wirklich grün. Grün gestrichen. Das wird es sein.«
»Netter Farbton«, sagt Doris. »Schau, da vorn steht es auch: ›Greendale‹. Auf dem verstaubten Schild an der Mauer.«
»Yes, yes, Greendale, Ma’am«, sagt der Taxifahrer, der sich einen der Rollkoffer auf die Schulter gehoben hat, anstatt ihn durch den sandigen Boden zu ziehen. »You want Greendale, no? Your hotel? Ballygunge area? Hindustan Park?«
»Ja, ja, alles richtig – wir sind mit Sicherheit richtig hier.«
»Schau mal, Charlotte«, sagt Doris, »was für ein riesiger Baum da rechts im Hof, wo die Tische und Stühle stehen. Unglaublich – was ist das für einer? Wenn nur diese Hitze nicht wäre. Es fühlt sich an wie fünfunddreißig Grad.« Doris, die eine Kalikohose und ein blaues Leinenhemd trägt, nimmt ihren extra für die Reise angeschafften Panamahut vom Kopf und fächelt sich Luft ins Gesicht. »Puh. Ich muss sofort ins Kühle. Bin ich froh, dass wir ein Zimmer mit Klimaanlage haben.«
»Wollen wir hoffen, dass sie funktioniert«, sagt Charlotte trocken. »Weiß man ja nicht. So wahnsinnig modern sieht es nicht aus. Aber vielleicht täuscht der erste Eindruck.«
»Das ist ein Regenbaum«, sagt eine Jungenstimme neben ihr auf Deutsch. »Der große da. Ein rain tree. So nennt man die. Aber die kommen überhaupt nicht aus Indien, die wachsen nur hier, weil man die hergebracht hat. Die sind aus Brasilien, sagt mein Vater.«
Charlotte dreht sich zu dem Jungen um: schlank, um die elf, gesunde, von der Sonne gebräunte Haut, blaue Augen, kurze mattblonde Struwelhaare auf dem Kopf. Er trägt ein zu großes Kapuzensweatshirt mit breiten Querstreifen in Grün und Blau, auf dem die Nummer 98 in Rot aufgestickt ist. DOWNTOWN MIAMI steht darüber in weißen Lettern auf der Brust. »Und wer bist du?«, fragt sie.
»Tony. Und du?« Charlotte ist für einen Moment überrascht, dass sie der Junge, dem Akzent nach vermutlich Schweizer, kurzerhand duzt – einfach so, als würden sie sich seit Jahren kennen. Aber er macht einen netten, freundlichen, wohlerzogenen Eindruck. Vermutlich redet er mit allen Erwachsenen so.
»Ich bin Charlotte. Das ist meine Freundin Doris. Wohnst du hier im Hotel?«
Tony nickt. »Mit meinen Eltern. Und Céleste. Die ist meine Schwester. Ich mag es überhaupt nicht hier.«
»Ach? Warum denn nicht – ist es nicht schön in diesem Hotel? Sieht doch nett aus.«
Leise: »Das stinkt.«
»Ah … so. Bist du denn schon lange hier?«, fragt Doris.
Kopfschütteln. »Zwei Nächte. Wir waren davor in Varanasi. Da liegen Leichen auf der Straße. Die verbrennen die da und werfen die in den Fluss.«
»Oh. Das ist ja schrecklich. Und im Hotel stinkt es, sagst du?«
»Nach Pipi und Scheiße. Und nach anderen Sachen.«
»Aha. Ja. Nein. Das ist nicht gut.«
Tony schüttelt energisch den Kopf. Doris schließt sich an.
»Wie heißt du denn mit vollständigem Namen?«, fragt Charlotte.
»Tony Lorenz. Antony eigentlich. Wir kommen aus Biel. Kennt ihr das?«
»Gehört habe ich davon«, sagt Doris »In der Schweiz. Da gibt es einen See, oder?«
Tony nickt.
»Und was ist so schrecklich an dem Hotel hier, dem Greendale – jetzt mal abgesehen von dem Geruch? Ich hatte bisher eigentlich viel Gutes gehört, weißt du? Ich habe gelesen, dass es ein schönes Haus ist. Gut, ein bisschen in die Jahre gekommen, ein bisschen rumpelig. Aber es soll ein charmantes, behagliches Kolonialhotel sein.«
Tony schaut sich nervös um, als hätte er Angst, belauscht zu werden. »Weiß ich nicht. Was ist kolonial?«
»Mit viel Geschichte«, sagt Doris. »Vereinfacht gesagt.«
»Die essen hier komische Sachen«, sagt Tony schließlich nach einer respektvollen Pause.
»Was denn für Sachen?«
»So – das ist alles so scharf, man muss immer husten. Und dann isst man ganz schnell Joghurt und so eine grüne Soße mit Pfefferminze, damit man nicht stirbt wegen des Brennens im Hals. Wegen der Chilis ist das, sagt mein Vater. Die machen das so scharf, damit man sich keine Krankheit holt, sagt er. Aber Céleste hat trotzdem gespuckt. Das schmeckt gar nicht.«
»Hm, ich bin gespannt«, sagt Charlotte. Sie wirft dem Fahrer einen Blick zu, der neben ihnen wartet und offenbar nicht weiß, was er mit dem schweren Gepäck tun soll. »Sag mal, Tony, wo geht es hier zur Rezeption? Hier geradeaus den Steinweg entlang – auf die Veranda? Ich sehe kein Schild.«
Tony schüttelt den Kopf einmal energisch rechts-links. »Hinten rum, den Weg mit den Steinplatten. Wo die komischen Blumen sind. Die stinken, wenn man denen die Köpfe abbricht.« Der Junge zeigt mit dem Finger auf die hintere Veranda mit zahllosen Tagetes- und Dahlienkübeln, vor langer Zeit mit grüner Farbe gestrichen, die im Laufe der Jahre abgeblättert ist und dem Äußeren des Greendale eine Patina des Altehrwürdigen und zugleich etwas Verwahrlosten verleiht.
»Dann wollen wir mal«, sagt Charlotte. »Wir sehen uns nachher bestimmt wieder, Tony, dann stellst du uns vielleicht deinen Eltern vor, in Ordnung? Und deiner Schwester.«
»Okay.« Ein vorsichtiges Lächeln.
Doris, sichtlich angeschlagen, fächelt...
| Erscheint lt. Verlag | 13.6.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Kulinarische Krimis |
| Kulinarische Krimis | Kulinarische Krimis |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | 20. - 21. Jahrhundert • Cay Radermacher • cherringham • Cosy Crime • Cozy Crime • Delikatessen • Ellen Barksdale • Essen • Gourmet • Himalaya • Indien • Jean-Luc Bannalec • Juwelen • Krimi • Krimi ohne Blut • Krimis • Lokalkrimi • Martin Walker • Mary L. Longworth • matthew costello • M. C. Beaton • Miss Marple • Mördersuche • Mystery Bücher • Mystery Romane • Nancy Atherton • neil richards • rätselhaft • Regionaler Krimi • Regionalkrimi • Schmuck • Serienkrimi (Serienermittler) • Sophie Bonnet • Spannung • Tante Dimity • Tea • Tee • Tee? Kaffee? Mord! • Teesalon • Urlaub • weibliche Ermittlerin |
| ISBN-10 | 3-7325-5405-8 / 3732554058 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-5405-8 / 9783732554058 |
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