Hiobs Spiel 4: Weltmeister (eBook)
416 Seiten
GOLKONDA VERLAG
978-3-946503-25-5 (ISBN)
Tobias O. Meißner, geboren 1967, studierte Kommunikations- und Theaterwissenschaften und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Seine Romane werden von der Kritik hoch gelobt. Meißner wurde von der Zeitschrift 'Bücher' als einer der '10 wichtigsten Autoren von morgen' ausgezeichnet. Neben Veröffentlichungen bei Piper, wie dem Fantasy-Zyklus IM ZEICHEN DES MAMMUTS und Romanen wie 'Barbarendämmerung', hat er sich als Comicautor und Szenarist mit Reinhard Kleist die BERLIN NOIR-Reihe verwirklicht.
Tobias O. Meißner, geboren 1967, studierte Kommunikations- und Theaterwissenschaften und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Seine Romane werden von der Kritik hoch gelobt. Meißner wurde von der Zeitschrift "Bücher" als einer der "10 wichtigsten Autoren von morgen" ausgezeichnet. Neben Veröffentlichungen bei Piper, wie dem Fantasy-Zyklus IM ZEICHEN DES MAMMUTS und Romanen wie "Barbarendämmerung", hat er sich als Comicautor und Szenarist mit Reinhard Kleist die BERLIN NOIR-Reihe verwirklicht.
1. ohne Navi
Im Laufe der Zeit kratzten sie alle ab.
Zuerst Hiobs Großvater, Terach Montag, in seinem Frohnauer Seniorenheim.
Das war keine große Sache für Hiob, er war nicht anwesend, als sein Opa das Zeitliche segnete. Er konnte sich nicht einmal erinnern, wie viele Monate es her war, dass er ihn das letzte Mal besucht hatte. Ihr Verhältnis war nie besonders herzlich gewesen. Von Hiobs Seite aus eher höflich/dem Ahnen das gesellschaftlich zugebilligte Mindestmaß an Respekt erweisend. Von Terachs Seite aus durchtränkt vom steten Vorwurf, das Spiel vor dem Erreichen irgendeiner Art von auch nur mittlerer Reife begonnen zu haben.
Man informierte Hiob schriftlich, dass sein Großvater verstorben sei, vielleicht, weil man ihn telefonisch nicht hatte erreichen können. Eine Beerdigung wurde organisiert, alles lief automatisch ab, das Seniorenheim kümmerte sich um alles. Hiob ging nicht hin zur Beerdigung. Er wusste nicht, wen er dort treffen würde. Vielleicht andere Altmagier, die ihn missbilligen würden aufgrund seiner Art und Weise, das Spiel zu spielen. Hiob war jetzt – gemeinsam mit einem lange verstorbenen chinesischen Mädchen – Weltrekordler, aber das schien keinen von diesen astralkonservativen Säcken auch nur im Mindesten beeindrucken zu können. Er wollte nicht hingehen. Vielleicht hatte er sogar die mildere Unterform eines schlechten Gewissens.
Dann, nur wenige Monate später, so, als hätte es eine unsichtbare Lebensliniennabelschnur zwischen den beiden gegeben, starb Moritz Wagsal, der Antiquitätenhändler, seines Großvaters alter Weggefährte. Erneut ging Hiob nicht hin. Er erwartete auf der Beerdigung dieselben gesichtslosen Esoterikverschwörer, denen er auch schon bei der Grablegung seines Opas aus dem Weg gegangen war. In Gedanken und auch halb laut führte er Streitgespräche mit ihnen. »Ich WEISS, was ich tue. Ich habe mehr Punkte als mit nur einer einzigen Ausnahme JEMALS ein Spieler vor mir, oder etwa nicht, ihr Hosenscheißer? Wie viele Punkte habt IHR denn? Was tut ihr eigentlich den ganzen Tag lang, außer zu KLUGSCHEISSERN?«
Seltsamerweise starb nur ein halbes Jahr später auch Backspace Blunt, wohl der Jüngste in Hiobs äußerst übersichtlichem Freundeskreis. Backspace, übergewichtiger Computernerd, hatte irgendwas am Herzen und sackte eines Tages über einem extrem schnellen Online-Game mit immer noch offenen Augen und halboffenem Mund tot in sich zusammen. Nur knapp wurde aus seinem Ableben keine neue Kampagne gegen gefährliche Videospiele gezimmert. Aber immerhin war er nicht nur aufgrund seines Verwesungsgestanks aufgefunden worden. In den letzten zwei Jahren seines Lebens hatte Blunty nämlich eine Freundin gehabt. Ja, tatsächlich. Im Internet kennengelernt, wie man das heute halt so machte.
Hiob hatte die beiden ganz rührend gefunden. Zwei hässliche Menschen, die sich gegen die Unwägbarkeiten der Welt zusammenschlossen und zusammen symbiontische Marotten entwickeln. Aber besuchen gegangen war er die beiden nicht mehr gerne. Die symbiontischen Marotten waren für Außenstehende schwer zu ertragen.
Hiob ging auch zu Backspaces Beerdigung nicht hin, aber das hatte einen anderen Grund als bei seinem Großvater oder bei Wagsal.
Er wollte die flennende Freundin nicht trösten müssen, die in ihrer luziden Unansehnlichkeit nun wieder der gesamten Welt allein begegnen musste.
Außerdem fühlte Hiob sich für diese Beerdigung deutlich zu jung.
Gern hätte er geglaubt, all die Todesfälle in seinem Umfeld seien das Resultat einer neuen wiedenfließischen Verschwörung, seien auf die inzwischen auch schon nicht mehr taufrische Kopfgeldjägerin Cezanne zurückzuführen. Aber nichts da. Es war einfach nur der Zahn der Zeit, die trostloseste, undynamischste und kümmerlichste aller denkbaren Versagensformen.
Die Zeit verflog, und Hiob vertrieb sie sich noch zusätzlich.
Mit Widder, zumeist.
Er wollte seinen Erfolg feiern, wollte saufen und huren, aber das Huren war ihm verboten, also blieb ihm nur das Saufen. Er schluckte mehr Sprit als ein Kleinflugzeug.
Er kaufte sich oder klaute sich Hochglanz-Modemagazine und wies Widder an, die hübschesten und eigenwilligsten der Models nachzugestalten. Er vögelte sie alle in sämtlichen denkbaren Positionen und arbeitete sich an der Attraktivität der Gegenwart ab, aber sie vermochte ihn nicht zu sättigen.
Danach kaprizierte er sich wieder mehr auf Stummfilmdarstellerinnen. Widder wurde selbst zur Schauspielerin, gestaltete diese langverstorbenen Frauen nach, bis hin zu den Nuancen der Ausdünstungen ihrer Achselhöhlen beim Orgasmus eines Mannes in ihnen. Aber auch wenn er Louise Brooks aus Respekt weiterhin ausklammerte, auch wenn sie in Farbe kamen und vor Wonne schrien – diese Frauen blieben unerklärlich fern, als begattete er sie durch etwas Stabileres als Latex hindurch, durch Milchglas oder eine Milchstraße.
Hiob arbeitete sich in der Filmgeschichte ruckweise aufwärts und verliebte sich in zwei Frauen, die in den 20ern und 30ern für Tod Browning gedreht hatten: Carroll Borland, die ihm minderjährig erschien, aber deren 60er-Jahre-Frisur und Vorwegnahme sämtlicher Gothic-Chic-Klischees ihm schon in seinen Teenagerjahren schlaflose Nächte bereitet hatten, und Edna Tichenor, die nicht minder auratisch war. Mit diesen beiden blieb er jeweils mehrere Monate zusammen, Widder musste sie pausenlos verkörpern, nicht nur während des Liebesspiels, sondern auch im Alltag, beim Staubsaugen, Abwaschen und auf dem Klo. Widder riss das alles sehr routiniert herunter, aber Hiob wurde das Gefühl nicht los, dass sie tief unter ihrer lüstern-sukkubischen Fassade meistenteils melancholisch war. Was wiederum sehr gut mit Carroll und Edna harmonierte.
»Wat’n los?«, fragte er sie ab und an, so einfühlsam, wie es ihm eben möglich war.
»Nüscht«, antwortete sie berlinerisch, sie war jetzt lange genug in der Stadt, um sich Idiome draufzuschaffen.
Hiob hatte keine Lust mehr auf das Spiel.
Remmert war zwar abgehakt, aber dennoch: zu aufwendig, zu mühsam das Ganze. All die Plackerei. Wofür? Er hatte schon genügend Schwierigkeiten damit, sich seinen Lebensunterhalt durch magisch unterstützte Trickbetrügereien zusammenzustückeln.
Am liebsten hätte er sich auf einer Fernsehcouch festgeschwitzt wie Homer Simpson, als der sich freies Cable-TV ergaunert hatte.
Er versuchte, einfach mal gar nichts zu tun.
War konsumbereit.
Aber das deutsche Mittelmaß brachte ihn gegen sich auf.
Es gab hierzulande keinen einzigen wirklich hochbegabten Film- oder Fernsehregisseur. Keinen einzigen wirklich tollen Musiker. Mehrere Schauspieler, die gar nicht schlecht waren, aber unter diesen keinen einzigen, dem man wirklich gebannt von Film zu Film folgen wollte. Ein paar Schriftsteller, die sich ertragen ließen oder einem das eine oder andere trockene Auflachen entlockten. Aber niemanden, der einen wirklich vom Hocker haute. Dem man gebannt von Buch zu Buch folgen wollte.
Alles war so eigenartig folgenlos, redundant, monoton, repetitiv.
Dabei tobten draußen immer mehr handgemachte Kriege und bewaffnete Konflikte. Deutschland marschierte schon wieder, mit maroder Ausrüstung zwar und unter der Flagge der Nächstenliebe, die womöglich die verlogenste von allen war, aber es marschierte. Die Völker im Hindukusch würden wahrscheinlich nie begreifen, warum Deutschlands Freiheit oder Sicherheit oder was auch immer dort verteidigt werden musste. Hiob begriff es ebenfalls nicht. Er hätte Deutschland lieber auf Hawaii verteidigt, am Strand, unbewaffnet, vielleicht mit einer Tischtenniskelle in der Hand – aber auch dafür fehlten ihm die Geldmittel.
Die Zeit verging.
Manchmal hatte Hiob das Gefühl, abends zu Bett zu gehen, und wenn er am nächsten Morgen die Augen öffnete, war draußen ein ganzes Jahr vergangen.
Ein Vorteil dieser rasch vergehenden Außenzeit schien zu sein, dass Hiob auch von dem Polizeikommissar, der es auf ihn abgesehen gehabt hatte, Seelot, nie wieder etwas hörte. Vielleicht war Seelot ebenfalls verstorben oder bereits in Pension gegangen. Oder er hatte die Lust am Fall Montag einfach verloren. Wenn einer abends zu Bett ging und morgens, wenn er die Augen aufschlug, war ein Jahr vergangen, dann war er in diesem Jahr nicht strafauffällig geworden. Ergo verjährte irgendwann das Interesse von Staatsanwaltschaft und Polizeiapparat.
Ein Nachteil der rasch vergehenden Außenzeit schien allerdings zu sein, dass Hiob langsam fett wurde.
Gegen den peinlichen Haarausfall seiner Generationsgenossen war er gefeit, weil er nicht alterte. Das bequeme Leben jedoch setzte ihm zu, indem er zulegte. Außer beim Rammeln bewegte er sich kaum, fraß viele Kartoffelchips, so eine Lappalie wie Acrylamid konnte ihm doch egal sein.
Er wurde weichlich, geradezu schwabbelig. Ja, auch weinerlich. Nörgelte und greinte, konnte sich zu nichts mehr aufraffen.
Draußen marodierten Tsunamis, Erdbeben, isländische Vulkane. Im Internet fanden sich unglaubliche Bilder von ganzen japanischen Dörfern, die innerhalb von zehn unbewegten Minuten von einer unerbittlichen Flut hinweggeschwemmt wurden.
Einmal regte sich in Hiob noch etwas, das sich ähnlich anfühlte wie Hoffnung.
Einmal ging er zu einer Occupy-Veranstaltung. Occupy, dachte er, das sind junge Leute, die sich zusammenschließen, um etwas zu bewegen. Lauter Hiob Montags. Dachte er. Gibt sogar einige hübsche Frauen dort. Das macht immer gleich alles annehmbarer.
...| Erscheint lt. Verlag | 16.3.2018 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Hiobs Spiel , Nr. 4 | Hiobs Spiel , Nr. 4 |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Berlin • Fantasy • Hiobs Spiel • Horror • Moabit • Neukölln • Prognosticon • Weltmeister |
| ISBN-10 | 3-946503-25-X / 394650325X |
| ISBN-13 | 978-3-946503-25-5 / 9783946503255 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich