»Etwas hoffen muss das Herz« (eBook)
272 Seiten
Wallstein Verlag
978-3-8353-4217-0 (ISBN)
Gerdien Jonker, geb. 1951, Religionshistorikerin am Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa der Universität Erlangen-Nürnberg.
Gerdien Jonker, geb. 1951, Religionshistorikerin am Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa der Universität Erlangen-Nürnberg.
Einleitung
Als Louis Oettinger 1866 seine Heimatstadt Marienwerder in Westpreußen verließ, empfing er vom Polizeimagistrat ein kurzes mit Stempeln versehenes Schreiben. Es bestätigte ihm, dass er am 10. August 1839 als Sohn des Kaufmanns Isidor Oettinger und seiner Ehefrau Bertha, geb. Lewinsohn, geboren wurde und dass diese Geburt in der jüdischen Gemeinde registriert worden war. Obwohl es kein offizielles Passdokument war, handelte es sich offensichtlich doch um eines, das für Louis große Bedeutung besaß. Jedenfalls bewahrte er es zeit seines Lebens auf. Nach seinem Tod ging es in den Besitz seiner Ehefrau Johanna über, die es ihrerseits, zusammen mit der Heiratsurkunde, dem einzigen Sohn Friedrich hinterließ. Zweifellos wusste Friedrich um die Bedeutung, die diese Dokumente für seine Eltern gehabt hatten. Nicht nur behielt er sie, er fügte auch jene hinzu, die seinem eigenen Leben eine entscheidende Wendung gegeben hatten, nämlich die Tauf- und Konfirmationsscheine, den Austrittsnachweis aus der jüdischen Gemeinde sowie den Brief des Arztes, der vom Tod seiner Mutter berichtete. Als Friedrich dann selber starb, fiel alles an seine Frau Emilia. Das war 1934 in Berlin.
Emilia war christlicher Herkunft und eine entschiedene Lebensreformerin. Ihre Liebe zur deutschen Romantik – sie war eine ausgebildete Schubert-Sängerin – war der Ausgangspunkt ihres Bestrebens, den Alltag zu kultivieren und mit Bedeutung aufzuladen. Ihrer Sehnsucht nach Schönheit und einem einfachen Leben begegneten Friedrich und Emilia zunächst mit Wanderlust, Nacktbadekultur und einer Faszination für östliche Philosophien. 1928 wandte sich Emilia dann der Ahmadiyya-Moschee in Berlin zu und half dort, die Deutsch-Moslemische Gesellschaft zu gründen. Ihre beiden Töchter Lisa und Susanna wurden Teil der Moscheegemeinde und machten Erfahrungen mit indischen Männern und einer Form des Islams, die viele Affinitäten zur Lebensreform hatte. Indes sorgte die rassistische Politik der Nationalsozialisten dafür, dass sie ihre jüdische Herkunft nicht hinter sich lassen konnten. Die Familiendokumente, die das belegten, waren ihnen zwar nicht geheuer, ihre Mutter warf sie trotzdem nicht weg.
Später, als in Berlin die Bomben fielen und schließlich das eigene Haus in Flammen aufging, fuhr Emilia mit der Enkelin, die aus einer Liebschaft mit einem Inder hervorgegangen war, nach Sachsen, um dort bis zum Kriegsende auszuharren. Die Dokumente hatte sie in einem Ledermäppchen immer in der Handtasche dabei. So auch 1947, als die Familie auf dem Weg nach Indien in England strandete. Als sie wenig später in einem Londoner Altersheim verstarb, ging die Mappe in den Besitz ihrer Tochter Susanna über.
Wir können davon ausgehen, dass Susanna noch um die emotionale Bedeutung der Dokumente wusste. Vielleicht versinnbildlichten diese für sie auch nur ihren Vater, dessen Lieblingskind sie gewesen war. Denn obwohl sie sich in England wieder der Ahmadiyya-Moscheegemeinde anschloss und der Krieg, ihre jüdische Herkunft und die Nazi-Verfolgung in weite Ferne gerückt schienen, bewahrte sie sie weiter auf. Ihr Arbeitsbuch mit dem Adler des Deutschen Reiches, das ihre Zwangsarbeit in einer Berliner Munitionsfabrik belegt, fügte sie noch hinzu. 1975, als sie den Kontakt zur jüdischen Gemeinde suchte, ließ sie von allen Dokumenten beglaubigte Abschriften machen.
Susanna blieb unverheiratet. Als sie 2005 starb, fand ihre Tochter die Mappe beim Ausräumen der Wohnung wieder. Anisah, Spross aus der indischen Liebschaft, war noch als Kind dem Islam beigetreten. Sie hatte ein islamisches Leben geführt und muslimische Kinder großgezogen und sich im fortgeschrittenen Alter schließlich zum Christentum bekannt. Das Wissen um die Bedeutung, welche die Dokumente einst für ihre jüdischen Vorfahren gehabt hatten, war ihr abhandengekommen. Die Mutter hatte nach dem Krieg nie mehr davon gesprochen. Susannas Nazi-Arbeitsbuch mit den vielen Daten und Stempeln hielt sie schlicht für einen abgelaufenen Pass. Und so kam es, dass sie mir, als wir uns 2013 begegneten, dieses Erbe mit den Worten zuschob, ihre eigenen Kinder hätten daran kein Interesse mehr. Damit endete eine Familientradition von fast 150 Jahren. Es war zugleich die Geburtsstunde dieses Buches.
I.
Dieses Buch handelt von der Geschichte einer preußisch-jüdischen Familie mit einem ausgeprägten Sinn für Reformen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts führte ihr Weg stetig westwärts: von Westpreußen in die Hauptstadt und von Berlin nach England. Die letzte Etappe, Britisch-Indien, erreichten sie zwar nicht mehr, unterwegs wurden aus preußischen Juden zunächst deutsche Patrioten, die ihre Treue zum Deutschen Reich durch die Taufe ihrer Kinder unter Beweis stellten. Aus Patrioten wurden alsbald überzeugte Lebensreformer, die danach strebten, ihren Alltag zu verschönern und mit neuer Bedeutung aufzuladen. Es waren die Frauen der Familie, die sich anschließend einer muslimischen Avantgarde anschlossen, mit dem Ziel, Bürgerinnen einer globalen Weltkultur zu werden, Kosmopoliten, wie man damals sagte. Als dieses Ziel in der Nachkriegszeit aber ins Leere lief und die Kinder der beiden Schwestern auf den Trümmern hehrer Weltanschauungen aufwuchsen, wurde noch einmal das grenzüberschreitende Potential religiöser Konversion zu Hilfe genommen, um aus der Enge herauszufinden. Heute sind die Oettingers britische Staatsbürger, und es finden sich Methodisten, Pfingstler, Atheisten und ein Muslim in ihren Reihen. Ihre Herkunft verstehen sie als »äußerst gemischt«.
In der Familie Oettinger wurden Juden zu Muslimen. Dennoch scheint dies nicht der rote Faden zu sein, der ihre Geschichte zusammenhält. Die deutsche Lebensreform, mit ihren vielen – mitunter auch jüdischen – Zubringern aus dem 19. Jahrhundert und ihrer Bedeutung für die Nazi-Bewegung, bietet die Drehscheibe, auf der ihre Familiengeschichte eine gänzlich neue Richtung erhielt. In der Zwischenkriegszeit waren viele Europäer unterwegs, um sich von ihrer Herkunftsreligion zu befreien. Missionare aus aller Welt – Buddhisten, Hindus, Bahai und eben auch Muslime – gründeten in Europa Missionsstationen, die als Vertreter »östlicher Weisheit« das gebildete Publikum wie ein Magnet anzogen. Die Lebensreform stellte den Rahmen und ermöglichte, dass außer mit dem Körper, dem Essen, der Ästhetik und der Erotik auch mit der Religion experimentiert und das religiöse Feld in Europa neu sortiert wurde. Die zahlreichen Konversionen, die sich in der Familie Oettinger vollzogen, standen nicht nur für sich.
Die Konversionsgeschichte der Oettingers ist Teil einer europäischen Religionsgeschichte, die weit über sie hinausgeht und außer Juden auch Lutheraner, Calvinisten und Katholiken umfasst hat. Dazu gibt es noch kaum Forschung. Wichtig ist, hier bereits festzuhalten, dass jede religiöse Gruppe ihre eigenen Merkmale mit sich brachte. Die Oettingers zum Beispiel gehörten als deutsche Juden zu einer religiösen und ethnischen Minderheit. Dadurch hatten sie mit anderen deutschen Juden, die in dieser Zeit ihre Religion wechselten, bestimmte Merkmale gemeinsam, darunter die Assimilation an das christliche Milieu sowie den erklärten Willen, als Deutsche akzeptiert zu werden. Wären sie lutherisch oder katholisch gewesen, so hätten sich andere Muster ergeben.
Das Engagement der Oettingers in den Reformbewegungen ihrer Zeit brachte keine großen Namen oder prägenden Texte hervor. Die Familienväter waren sicherlich umtriebige Geschäftsmänner, aber sie waren weder außergewöhnlich reich noch besonders intellektuell. Auch wenn ihre Frauen musisch begabt waren, Gedichte schrieben und romantische Lieder sangen, die Generationen brachten keinen großen Künstler hervor. Dafür vererbten sie ihren Kindern einen ausgesprochenen Hunger nach Veränderung, den sie weniger im politischen Bereich als in der »Arbeit am Selbst« sahen und mit den Mitteln der religiösen Konversion zu realisieren versuchten.
Für das Verstehen dieser Familiengeschichte war es unabdingbar, mit den Nachkommen ständig Kontakt zu halten. Unsere Begegnung signalisierte nicht nur den Beginn einer intensiven historischen Recherche. Auch bereicherten die Nachkommen diese mit einem nicht abreißen wollenden Strom an Fundstücken und Familienerinnerungen. So arbeiteten sie ihre Vergangenheit auf. Suhail Ahmad, Lisas Sohn, und Christina Anisah Rani, Susannas Tochter, beide aus deutsch-indischen Liebesbeziehungen hervorgegangen, waren unermüdlich darin, Familiendokumente und Fotos zu sichten, auf Dachböden zu suchen und Kisten voller Gegenstände auszupacken, die dort 60 Jahre lang unangetastet gestanden hatten. Sie fingen an, Kindheitserinnerungen aufzuschreiben, und machten Skizzen von Häusern, die längst nicht mehr existierten. Nie wurden sie müde, meine Fragen nach den Gerüchen und Geschmäcken ihrer Kindheit zu beantworten, auch wenn sie sich zuweilen im Wurzelgeflecht traumatischer Erinnerungen verloren. Suhail suchte zudem nach Freunden, die noch Eindrücke von seiner Mutter vermitteln konnten. Anisah bat ihre vier Kinder hinzu, die mir über ihre Großmutter berichteten. Irgendwann blitzte das Bild der beiden Schwestern Lisa und Susanna, die sich in der Vorkriegszeit zum Islam bekannten, in tausend kleinen Facetten auf. Diese oft flüchtigen Erinnerungsbilder sind in die hier vorliegende Erzählung eingegangen, auch wenn sie sich manchmal quer zum systematischen Abtasten der Zeit stellten, welches der historischen Disziplin innewohnt.
II.
Familienerinnerungen und...
| Erscheint lt. Verlag | 12.3.2018 |
|---|---|
| Verlagsort | Göttingen |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 20. Jahrhundert • Christentum • Deutschland • Dokumente • England • Erinnerung • Erinnerungsstücke • Europa • Familie • Familiengeschichte • Fotos • Gedächtnis • Generation • Geschichte • Gespräch • Islam • Judentum • Nachkriegszeit • Nachlass • Nationalsozialismus • Philosophie • Preußen • Religion • Religionsgeschichte • Zeitzeugen |
| ISBN-10 | 3-8353-4217-7 / 3835342177 |
| ISBN-13 | 978-3-8353-4217-0 / 9783835342170 |
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