Märchen vom Stadtschreiber, der aufs Land flog (eBook)
162 Seiten
e-artnow (Verlag)
978-80-268-8424-8 (ISBN)
II. Kapitel
Ein stattlicher Mann in der Tat, und auch korpulent.
Shakespeare, König Heinrich IV.
Eine saubere junge Magd wies ihn aus der Küche über eine mit roten Steinen ausgelegte Diele in ein fast enges Gemach, wo an einem prasselnden Ofenfeuer ein großer, rundleibiger, blondbärtiger Mann mit feurigem Gesicht, seine Pfeife rauchend, saß, und neben sich ein Glas mit lieblich riechendem Punsch und einen Teller mit rotbäckigen Äpfeln stehen hatte. Nun er vor dem fremden Manne stand, der sein Vatersbruder sein sollte, wurde dem jungen Schreiber recht beklommen zu Mute, und so krampfhaft er auch nachsann, sein Kopf vermochte auch nicht einen Satz zu erdenken, der mit einigem Anstande über die Zunge zu bringen gewesen wäre.
Doch der Onkel nahm ihm die Anrede ab. Aufstehend und die Pfeife aus der Hand legend, trat er dem Neffen liebreich entgegen, bot ihm die Hand und sprach: »Da bist Du ja doch noch, Guntram, hatten wir Dich schon beinahe nicht mehr erwartet. Nun, die Wege sind im Novembermonat, ehe sie der Frost wieder mit einer festen Decke überzieht, oft grundlos, und es mag ein mühseliges Gehen von der Stadt bis zum Spatzenhofe gewesen sein.« Er lachte. »Jetzt aber setze Dich dort in den Winkel des alten Ledersofas. Dort hat Dein lieber Vater auch immer gerne gesessen. ›Habe ich doch die Wärme vom Ofen, nicht die Hitze‹, sagte er dann. Und jetzt will ich sehen, ob die Mädchen noch etwas von diesem ermunternden und wärmenden Getränk haben – ganz durchkältet und ermattet mußt Du ja sein, Guntram.« Damit nickte der Onkel dem Sprachlosen noch einmal freundlich zu und ging aus der Stube.
Ganz verwirrt saß der junge Schreiber Spatt in seinem Winkel. Zu absonderlich hatte sich an einem einzigen Tage sein Schicksal gewandelt. Die liebreiche Erwähnung des verstorbenen Vaters, von dem er fast nichts wußte, die Anrede mit seinem Taufnamen Guntram, die, – ach so viele Jahre schon! – niemand gebraucht, der wohlhabende Hof, die angenehm nach Fichtenkien und Punsch duftende Stube – all' dies bewegte sein Herz so, daß er am liebsten vor gerührter Schwäche geweint hätte. Ganz schlecht aber und recht hinterlistig kam er sich vor, daß er den guten Oheim im Glauben gelassen, er sei auf einem mühseligen Wege hierher gepilgert. Völlig notwendig schien es ihm, dem Onkel sofort von all den argen Ränken und Schlichen zu berichten, die, er fühlte es gut, nicht nur um die eigene Person, sondern um Hof, Oheim, Verwandtschaft gespensterten. Aber dann war es doch, als erhebe sich eine warnende Stimme in seinem Innern: ›Nicht zu früh pfeife Dein Lied, kleiner Spatz!‹ klang es – und würde denn der Oheim diesen ganzen wüsten Wust aus Aberwitz, Verwandlung, Zauberei, Mordplänen glauben können?! Müßte er doch des Ohms eigene Tochter in schlimmsten Verdacht ziehen! Nein, besser war es schon, still zuzuwarten, und, vielleicht ganz ohne den Oheim zu betrüben, die Arglist der Bösen zunichte zu machen. Ein unbändiges Kraftgefühl, ein festes Vertrauen auf seinen guten Stern beseelten ihn; leicht schien es dem dankbaren Jungen, die gefährlichen Wolken zu vertreiben!
Hinter dem zurückkommenden Oheim betrat ein schlankes, dunkles Mädchen, mit beiden Händen eine dampfende Terrine und ein Glas mit klirrendem Löffel auf dem Tablett tragend, die Stube. Staunend, ungläubig, sah der junge Schreiber die strenge Schöne an.
»Nun gebt Euch beide die Hände!« rief, wohlgelaunt nach der geliebten Pfeife greifend, der Onkel. »Dies ist Deine Base Monika, meistens Mönchen genannt, aber auch, wenn sie einmal lacht, was sie aber meistens im Verborgenen tut –«
»Oh Vater –!«
»... Weil es gar so hell und fröhlich klingt, die Harmonika genannt. – Und dies, Mönchen, ist Dein Vetter Guntram, der vor jetzt zwanzig Jahren Dein eifriger Kavalier gewesen – so emsig hat der damals Fünfjährige Deine Wiege getreten! Nun, staunt Euch nicht weiter an, gebt Euch endlich die Hände, und wenn Ihr wollt, auch einen Begrüßungsschmatz, aber nur dies eine Mal und nur unter meinen Augen ...«
Blutübergossen starrten die beiden jungen Leute einander an. ›Sie ist es‹, tönte es in Spattens Brust. ›Oh, in welch schönes Kleid wirft sich doch bei den Frauen Lüge und Verrat!‹
»Oho, junger Freund!« rief laut lachend der Oheim. »In Deinen Jahren hätte mir keiner solche Aufforderung zweimal sagen müssen! Frisch zu, Guntram, die Rose gepflückt –!«
»Der Vater meint es nicht so«, flüsterte das schöne Mädchen, und doch war es beinahe, als wölbten sich die Lippen ihm schon entgegen, als senke sich der schwarze Wimpervorhang der Augen, um die Preisgabe der Herrin nicht ansehen zu müssen. Schon fühlte der junge Guntram sein Blut heiß und seine Kniee schwach werden. –
Da fing vom Schritt des Vaters der Löffel im Glase silbern zu klirren an, ›Küssemund, Küssemund – Küssemund ist ungesund!‹ klirrte er, an der Stubentür raschelte es, und herein schob sich eine stattliche, weißhaarige Frau, mühsam an einem Stocke gehend, mit häßlich hängender Lippe, aber noch mit allen Farben der Jugend im Gesicht, und einem lebhaften, leuchtenden Auge. »Ei, ei, Vetter«, rief sie schalkhaft auf die bestürzt Auseinanderfahrenden deutend, »hier störe ich wohl. Jetzt, da nun neues junges Blut im Hause ist, wird man wohl an jeder Tür erst artig auf französische Art pochen und geduldig auf das Herein warten müssen –?! Mönchen – Mönchen –!«
»Da fing der Löffel im Glase silbern zu klirren an ...«
»Wie die Frau Tante auch reden mag!« sprach die Base und warf stolz den dunklen Kopf zurück. »Wenn mein Vater dabei steht, wird wohl nichts gegen Sitte und Anstand geschehen –!«
Ein seltsam widriges Gefühl kämpfte in dem jungen Schreiber: alles, was die Base tat und sprach, trug den Anschein äußerster Wahrhaftigkeit, und doch vermochte er ihr nicht zu glauben. ›Alles Lüge und Verstellung‹, klang es in ihm. War es nicht ein abgekartet Spiel, das sie mit der häßlichen Alten trieb? Zwinkerten sie nicht einander zu? Lächelten sie jetzt nicht in geheimem Einverständnis?
»Dafür möchte ich mich nicht so verbürgen!« rief die Muhme jetzt mit einem falschen Lachen. »Du hättest Deinen Vater nur in seinen Sausejahren sehen sollen! Da war er ein rechter Kirschendieb.«
»Die Frau Muhme«, sprach der Oheim verdrossen, »hat heute ihren schlechten Tag. Sie scherzt nur, und morgen wird sie in besserer Laune widerrufen, was sie heute gesagt.«
»Sei nicht so sicher, mein Freund«, rief die Alte rasch. »Die Nachrichten, die mich soeben aus der Stadt über unseren Großneffen und Neffen dort erreichen, werden noch manchen Tag meine Galle erregen. – Ist denn das die neumodische feine Art«, wandte sie sich eifernd an den jungen Mann, »daß man ohne jeden Abschied von solch gütigem Brotherrn fortläuft, daß der gar meint, es sei dem ihm Anvertrauten ein Unglück zugestoßen und stundenlang alle Straßen und Plätze der großen Stadt durchsucht –?«
Jede Sekunde die Farbe wechselnd, verlegen mit dem Fuße scharrend, stand der Schreiber vor der zornigen Anklägerin. Unmutig sahen die Augen des Onkels auf den neugewonnenen Neffen, voller Zorn und Arglist die der Tante, aber voll tiefen Mitleids, schien es ihm, war der Blick der schönen Base. Plötzlich ganz gesammelt setzte er zu einer Verteidigungsrede an: »Aber ich versichere Euch, Frau Großmuhme, die Umstände meiner Abreise waren wohl sonderbar.«..
»Ach, wischiwaschi Großmuhme!« rief ärgerlich die Tante. »Denn, was das Schlimmste ist, seit der überstürzten Abreise von diesem da vermißt der Herr Ratsherr seine schöne, goldgefaßte Schwanenfeder, die ihm so lieb war, daß er sie nur zu den feierlichsten Namenszügen benutzte. – Aber was sehe ich da –? Was schaut da aus Eurer Jacke –?! Frischweg und nicht gezaudert, Jüngelchen, macht Euern Spenzer auf und zeigt, was da so weiß und gülden unter seinem Rand vorschimmert.«
Ganz bestürzt, zitternd ob der ungerechten Anklage, starrte der Jüngling in die Runde. Richtete dann den Blick auf sein Jäcklein und – siehe da! – aus der Tasche, in die er vorhin vielleicht etwas eilig das Zauberhaar gesteckt, lugte jetzt die ihm wohlbekannte, kostbare Schwanenfeder des Ratsherrn –!
Verzweifelnd hob er die Hände zum Gesicht.
»Er gesteht den Diebstahl!« frohlockte die Alte. Finster schauten des Oheims Augen – da berührte eine zarte Hand leise die seine, »Du mußt mir nur vertrauen!« hauchte es an seinem Ohr, und »Was Ihr nur alle seht!« rief die Base Monika. »Wo schimmert es denn weiß und gülden?!« Und indem sie mit leichten Fingern die Knöpfe der Jacke löste, wies sie die Tasche, die leer schien. »Ach!« rief sie, »da haben wir ja des Rätsels Lösung. Ein Haar, zwar nicht weiß, aber spatzengrau, vielleicht hat es im Lampenschein gülden geschimmert. Da, Vetter«, sprach sie mit Bedeutung und gab es ihm zurück in die Hand, »da hast Du es wieder, und verwahre es ein andermal besser, daß es Dich nicht wieder in arge Verlegenheit bringt.«
»Hoho, hoho! Ein Haar«, lachte der Onkel. »Und die Frau Muhme sieht es für des Herrn Rat Schwanenfeder an! Und weiß der Deixel, einen Augenblick war es mir doch selbst, als sähe ich sie unter der Rockkante hervorlugen.«
»Freilich, freilich!« schalt die Alte. »Was die Augen sehen, ist schon da! Wer aber freilich solche Bundesgenossen hat –!«
»Genug jetzt der Beschuldigungen!« unterbrach die eifernde Alte mit ungewohntem Ernst der Bauer. »Auch in Euerm Interesse will es mich bedünken, Frau Muhme, den Fall nicht weiter zu untersuchen....
| Erscheint lt. Verlag | 28.2.2018 |
|---|---|
| Verlagsort | Prague |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Märchen / Sagen | |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Armut • Charaktere • Das Haus aus Licht • Das weiße Blut der Erde • Der Löwe von Dark Rose • Der Totengräbersohn • Die Sanduhr • Flimmerlicht • Gesellschaftskritik • Harry Potter • Izara • Kritischer Blick • Künstler • Märchen • Neue Sachlichkeit • Realistische Darstellung • Soziale Probleme • The Gender Game • Weimarer Republik • Zeitenliebe |
| ISBN-10 | 80-268-8424-8 / 8026884248 |
| ISBN-13 | 978-80-268-8424-8 / 9788026884248 |
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