Insel der Vergänglichkeit (eBook)
100 Seiten
epubli (Verlag)
978-3-7450-9649-1 (ISBN)
Vita George Tenner *1939 1964 wurde er wegen des Versuches, aus der DDR zu fliehen, inhaftiert. 1966 floh er über die Ostsee zum Feuerschiff Gedser. 1982 veröffentlichte er seinen ersten Roman über den Geheimdienst der DDR in Verbindung mit dem Sechstagekrieg in Israel. Seit 2002 arbeitet er als freischaffender Schriftsteller.
2. Kapitel
Montag, 12. Mai 2008
Oberkommissar Feltin schaute auf das Fernschreiben, das gerade eingegangen war. Es handelte sich um eine Vermisstenanzeige aus Berlin mit der Bitte um Amtshilfe. Er ging einige Türen weiter.
Beim KDD war schon zu früher Stunde reichlich Betrieb. Das Stimmengewirr war beträchtlich. Es galt, die Fälle vom Vortage aufzuarbeiten. Zwei Einbrüche, in denen die Ermittlungsarbeiten am Vortag angelaufen waren. Die sexuelle Belästigung einer älteren Frau von mehreren Männern. Mehrere Einsätze wegen Schlägereien, die aus Trunkenheit und Angebereien entstanden waren. Beziehungsstreits, die über das normale Maß verbaler Beschimpfungen hinausgingen. Ein Verkehrsunfall mit Todesfolge allerdings forderte den Einsatz des Teams, weil bei der Festnahme und anschließender Durchsuchung des Fahrzeuges Drogen gefunden wurden. Der Fahrer saß nun in Gewahrsam, und Einsatzleiter Harald Verstappen war bei der Formulierung der Unterlage für den Richter, der eine U-Haft anordnen müsste.
»Eine Vermisstenanzeige, Harald«, sagte Feltin.
Verstappen schaute kurz auf die Nachricht aus Berlin.
»Sie vermissen eine Frau, die in der Heilgeiststraße 5 wohnen soll. Das ist das das Haus, in dem ehemals die Stralsunder Spar- und Darlehnskasse ihren Geschäften nachging, Ecke Mühlenstraße.«
»Schick einen Streifenwagen zum Abklären hin«, beschied Verstappen kurz.
Feltin ging zurück zu seinem Büro, in dem die Vermisstenfälle bearbeitet wurden. Meist hatten sie abgängige Jugendliche, die sie dann irgendwo wieder auffanden, oftmals zugekifft, oder die weggelaufen waren, weil sie mit den Zuständen, die sie umgeben hatten, nicht zurechtkamen.
»Verstappen meint, der Streifendienst soll einen Wagen hinschicken.«
»Ein typischer Montag«, stellte Mira Ludwig lakonisch und ohne sichtliche Regung fest.
Feltin nickte. Sein Gesicht drückte Widerwillen gegen die Entscheidung Verstappens aus. Zu gerne wäre er die Aufgabe losgeworden. Er ließ sich mit der Einsatzleitung der Landespolizei im Hause verbinden und trug seine Bitte vor. Man sagte ihm, dass man einen Funkwagen zur Heilgeiststraße schicken würde.
»Bin gespannt, wann die melden, was dort los ist. Wahrscheinlich gar nichts, wie so oft. Die Frau öffnet die Tür und fragt völlig erstaunt, ob die Polizei sich verklingelt habe.« Er schaute erwartungsvoll zu seiner Kollegin Mira Ludwig. Was denkt die sich nur, mir nicht sofort zu antworten, dachte er. Naja, die Weiber ...
»Ich hole mir einen Kaffee«, sagte sie. »Solle ich einen für dich mitbringen?«
Feltin nickte. »Gerne, Mira.«
Mira verließ das Zimmer in Richtung Teeküche.
*
Polizeihauptmeister Leo Funke leerte den letzten Tropfen Kaffee aus seinen Becher, als ihr Wagen von der Leitstelle gerufen wurde.
»Strela vier … Strela vier, bitte kommen.«
Funke nickte seinem jungen Kollegen Jörn Schulz zu.
»Strela vier hört«, sagte Schulz.
»Wo seid ihr gerade, Leo?«
Leo Funke ließ sich von seinem Kollegen das Mikrofon geben und sagte: »In der Jacobiturmstraße, kurz vor der neuapostolischen Kirche, Iris.«
»Ich hab einen Auftrag für euch. Ihr fahrt in die Heilgeiststraße 5 und überprüft bei dem Bewohner namens Remy Günner, ob bei ihm eine Frau namens Suzanne Makowski anwesend ist. Es liegt eine Vermisstenanzeige vor.«
»Wohnung Remy Günner«, wederholte Funke. »Heilgeiststraße 5. Wir sind unterwegs. Na da wollen wir mal«, sagte er und startete den Wagen.
Wegen der vielen Einbahnstraßen, die teilweise durch Fußgängerstraßen verbunden waren, mussten sie den kleinen Außenring über die Seestraße und die Mühlenstraße nehmen. Nach einigen Minuten kamen sie vor der Heilgeiststraße 5 an.
»Günner«, sagte Schulz und zeigt auf das Namensschild. Er drückte die Klingel. Als sich nichts rührte, wiederholte er den Druck etwas länger. Der Türsummer schnarrte, und die beiden Männer gingen hinein. Sie gingen die halbe Treppe hinauf bis zum Hochparterre. Rechts hatte sich die Tür einen kleinen Spalt geöffnet. In dem Spalt erschien das Gesicht eines Mannes mit schwarzgraumeliertem Haar.
»Sind Sie Günner, Remy Günner?«
Der Mann nickte.
»Ich kann nichts hören«, sagte Jürgen Schulz bestimmend.
»Ja.«
»Wohnt Frau Suzanne Makowski bei Ihnen?«, fragte Funke.
»Ja.«
»Wir möchten mit ihr sprechen.«
Als der Mann sich nicht bewegte, setzte Funke nach: »Wir möchten mit ihr sprechen, jetzt.«
Sie hörten, wie der Mann die Kette, die die Eingangstür sicherte, löste. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt. Im Flur war es dunkel, Günner hatte kein Licht gemacht. Sie versuchten, in den Flur hineinzuschauen. Doch es blieb dunkel. Vor ihnen stand ein Mann im Unterhemd und einer grauen Jogginghose. Sein Haar hing ihm wirr im Gesicht.
»Rufen Sie Frau Makowski«, sagte Polizeimeister Jörn Schulz. »Und machen Sie endlich Licht.«
Günner regte sich nicht.
»Holen Sie Frau Makowski«, drängte Schulz wieder.
Funke hatte gleich das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte. Der Mann benahm sich einfach sonderbar.
Günner hatte Licht gemacht. Die beiden Polizisten betraten die Wohnung und schlossen die Eingangstür hinter sich.
»Ich kann Suzanne nicht holen.«
»Wieso denn nicht?«, fragte Funke ungeduldig. »Wo ist sie denn?«
Günner deutete auf einen großen Koffer, der vor dem Spiegel im Flur stand. »Im Koffer.«
»Hören Sie mit solchem Mist auf«, sagte Schulz unwirsch, »uns ist nicht zum Spaßen zumute.«
»Ich habe sie getötet, und jetzt ist sie im Koffer.«
Günner ging die wenigen Schritte zu dem Koffer und öffnete ihn.
Die Männer starrten auf die Leiche, die sicher nicht ganz einfach in diesen Koffer hineingepasst hatte. Aber irgendwie war sie hineingekommen, und sie fragten sich, wie. Gleichzeitig machte sich ein aufdringlicher Verwesungsgeruch breit.
Polizeimeister Schulz hatte seine Dienstwaffe in der Hand.
»Sie werden die Waffe nicht brauchen, ich habe Sie schon lange erwartet. Und ich bin froh, dass ich jetzt nicht mehr mit ihr allein sein muss.«
Funke nahm sein Handy und rief die Zentrale an.
Es meldete sich jemand, es war nicht die Stimme von Iris.
»Strela vier, Polizeihauptmeister Funke. Geben Sie mir bitte Iris Sellin.«
Kurz darauf meldete sie sich. »Leo, habt ihr die Frau?«
»Ja, in einem Koffer. Verständige den KDD.«
»Was?«
»Frau Makowski ist seit mehreren Tagen tot. Der KDD soll übernehmen.«
Nachdem er das Gespräch beendet hatte, sagte Funke: »Sie setzen sich jetzt auf den Stuhl an den Tisch. Ich möchte, dass Sie die Hände auf den Tisch legen und sie dort liegen lassen.«
Jörn Schulz hatte seine SIG Sauer P225 wieder ins Halfter gesteckt. Er ließ Günner jedoch keine Sekunde aus den Augen.
Der Mann hatte seinen Kopf zwischen die Unterarme auf den Tisch gelegt, so wie er es nach dem Säubern des Tisches gemacht hatte. Manchmal aber hatte er den Kopf gehoben, mit offenen Augen stundenlang in dieser Position verharrt. Sein Blick war dabei auf eine gerahmte Fotografie an der Wand fokussiert gewesen, die ihn und Suzanne in glücklichen Tagen am Strand auf der Insel Rügen zeigte. Längst hatte er keine Tränen mehr gehabt, sondern nur noch Angst. Angst, dass man ihm nicht glauben würde und er für eine Sache büßen müsste, die er nicht begangen hatte. Vor allem aber vor der Schande, wenn man ihn abführte. Und ein ohnmächtiges Gefühl des Verlustes traf ihn an der empfindlichsten Stelle seiner Seele. Er hatte Suzanne geliebt, wenngleich auf seine Weise.
»Sie haben gesagt, Sie hätten schon lange auf uns gewartet. Warum in Gottes Namen haben Sie uns nicht gleich angerufen?«
»Ich habe es mehrfach versucht«, sagte Günner leise.
»Und? Es ist bei dem Versuch geblieben?«, fragte Jörn Schulz.
»Nein, ich hatte einmal sogar den Notruf dran. Habe dann aber aufgelegt, weil ich Angst hatte, man würde mich einsperren.«
Polizeihauptmeister Funke mischte sich ein. »Was haben Sie eigentlich erwartet?«
Günner hob den Kopf. »Ich habe sie nicht umgebracht. Wir hatten wohl einen Streit, dennoch habe ich sie nicht umgebracht. Ich habe sie sehr geliebt.«
»Eben haben Sie etwas anderes gesagt«, sagte Jörn Schulz.
»Ich bin durcheinander, habe einen starken Schock.«
»Einen Streit? Worum ging es in dem Streit?«, fragte Funke.
»Suzannes Schwester ist einige Jahre zuvor um diese Zeit verstorben. Immer dann wird sie schwermütig.«
»Schwermütig?«
»Ja, schwermütig aber auch streitsüchtig.«
Funke schaute aus dem Fenster. Offensichtlich hatten sich schon einige Zuschauer eingefunden, die von dem ungewöhnlich geparkten Polizeifahrzeug angezogen wurden. Als wüssten sie, dass es in den nächsten Minuten hier etwas zu sehen gäbe, warteten sie wie die Aasgeier, die über einem sterbenden Rind kreisten.
»Woran ist die Schwester von Frau Makowski verstorben?«, fragte Funke übergangslos.
Schulz sah ihn verständnislos an, sagte aber nichts.
»Sie hatte wohl Hepatitis.«
»Aha«, sagte Schulz nur.
Es klingelte an der Tür. Funke sah aus dem Fenster und den Einsatzwagen der Kriminaltechnik. Es klapperte an der Tür, jemand schien durch den Briefschlitz zu schauen. Funke ging in den Flur und öffnete.
»Hallo Kollegen. Willkommen in der Hölle.« Er zeigte auf den offenen Koffer mit der Leiche.
»Die Frau muss aber schon...
| Erscheint lt. Verlag | 10.2.2018 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Beziehungsdrama • Mord • Ostsee • Polizeiarbeit • Realität • Rotlicht • Stralsund • Usedom |
| ISBN-10 | 3-7450-9649-5 / 3745096495 |
| ISBN-13 | 978-3-7450-9649-1 / 9783745096491 |
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